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"Welcome to the Sixties": Neues Kult-Musical Hairspray?
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"Welcome to the Sixties"

Das im Juli in den USA angelaufene Musical 'Hairspray' erweist sich als Kassenschlager. Dabei spielen zwei weibliche Teenager die Stars an die Wand.

Von Mariam Backes (2007-09-27)

Seit der Premiere am 13. Juli in Los Angeles hat das bis vergangenen Sonntag in 31 Ländern auf dem Spielplan der Kinos stehende Musical Hairspray von Regisseur Adam Shankman rund 260 Millionen Dollar eingespielt. Damit lag der Umsatz bereits um geschätzte 185 Millionen über den Produktionskosten. Seit 6. September läuft der Film auch in deutschen Kinos. Heute lief er in Russland an, morgen folgt Italien, am 5. Oktober Finnland und als vorläufig letztes Land wird ihn die Türkei zeigen (18. Januar 2008).

 Wer sich den Film hierzulande ansehen möchte, sollte darauf gefasst sein, viel Musik zu hören, die ausgezeichnet auf Deutsch untertitelt ist. Die Logline ist: Tänzerisch begabte Wuchtbrumme trifft auf arrogantes Barbie und deren Mutter im Ostküsten-Amerika der beginnenden 1960er Jahre, als Schwarze von Weißen noch getrennt werden.

Während das Barbie Amber von Tussle (Brittany Snow) als protegiertes Top-Tanzgirl in der vom Regionalfernsehn Baltimores ausgestrahlten Cornie Collins Show dank ihrer Mutter Velma (Michelle Pfeiffer) dort schon wer ist, schaltet Wuchtbrumme Tracy Turnblad (Nicole Blonsky) täglich den Fernseher ein, um diese ihre Lieblingssendung zu sehen.

Immer dabei: Tracys beste Freundin Penny Pingleton (Amanda Bynes), für deren vom Heiland beseelte Mutter (Allison Janney) Tracys Mama Edna (John Travolta) bügelt und sich auch noch Ermahnungen gefallen lassen muss.

Shankman hat einen erstaunlichen Film abgeliefert. Sämtliche Hauptpersonen sind in der Lage zu singen, zu tanzen und - natürlich - perfekt zu schauspielern. Neben den - in diesem Film vermeintlichen - Stars Michelle Pfeiffer, John Travolta und Christopher Walken glänzen vor allem jede Menge Newcomer, allen voran die zuvor völlig unbekannte, aus vielen hundert Bewerberinnen für die Rolle der Tracy ausgewählte Nikki Blonsky.

Selten reüssierte eine Newcomerin in gleich drei künstlerischen Sparten so überzeugend. Blonsky hat Stimme, kann den Beat tanzen und das Schauspielern beherrscht sie ebenso. Ihre gesamte Darbietung ist oskarverdächtig.

Aber auch Amanda Bynes in der Rolle der Penny Pingleton überzeugt und sollte gute Chancen auf den Preis der Best Supporting Actor-Kategorie haben. Lollipop-lutschend schnappt sie sich politisch unkorrekt einen Schwarzen (Elijah Kelley) und knutscht ihn irgendwann und endlich genüsslich ab - ein Unding im prüden, von Rassentrennung beherrschten Amerika der damaligen Zeit. Ein Unding auch für Pennys Mutter, die lieber den Predigern im TV lauscht als den ihre Tochter betreffenden Tatsachen ins Auge zu schauen.

 Laut Angaben der Pressestelle von Warner Bros. Deutschland waren bis letzten Sonntag knapp 150.000 Besucher in Hairspray. Offenbar viele von ihnen mehrfach, und wer sich den Film nun erstmals ansähe, träfe wahrscheinlich auf etwas, das es wohl seit der Rocky Horror Picture Show zumindest in deutschen Kinos nicht mehr gegeben hat: Es wird mitgesungen.

Schon beim fulminanten Eingangssong Good Morning Baltimore, der von Tracy fast vier Minuten lang intoniert wird, singen Eingefleischte textsicher mit.

Kaum anders ist es, wenn Tracy nach einem Lob von ihrem Schwarm und Mitschüler Link Larkin (Zac Efron), der bei der Corny Collins Show tanzt und Tracy dazu einlädt, voll verknallt durch die Schulflure walzt und I Can Hear The Bells so schmachtend schmettert, dass es manchem Kinobesucher Feuchte in die Augen treibt.

Überhaupt sind die Songs, zusammengestellt von Marc Shaiman und Scott Wittman, genauso herausragend wie ihre Interpreten. Sie verlocken geradezu, sie mitzusingen. Etwa das von Queen Latifah vorgetragene Lied Big, Blonde And Beautiful, dessen Refrain schnell zum Ohrwurm avanciert.

Auch Welcome To The Sixties, das Tracy, Mr. Pinky (Jerry Stiller), das Frauen-Trio The Dynamites, die Hefty Hideaway Customers und Edna Turnblad mit enormem Drive vortragen, wobei vor allem John Travolta mitreißend ist, gehört in diese Kategorie.

 Die meisten der 20 Songs - es lohnt sich, bis zum Ende des Abspanns im Sessel oder Kinosaal zu bleiben - sind hitverdächtig. Überwiegend treiben sie - szenisch gut eingesetzt - die Story und damit den Film voran.

Eine besonders gelungene Sequenz ist jene mit dem Lied You're Timeless To Me, die von Willbur Turnblad und seiner Gattin Edna getragen wird.

Wann hat man Christopher Walken und John Travolta schon einmal als verliebtes Paar zwischen aufgehängter Bettwäsche im Hinterhof zusammen tanzen sehen?

Walken, ausgebildeter Tänzer mit unnachahmlicher Haltung und Schrittsetzung, wirkt, als würde er von Travolta - auch er beherrscht die Schritte - geführt. Doch wer genau hinschaut, sieht, dass der schmächtige Willbur seine massige Edna gekonnt führt.

Das Filmpaar ist glücklich, ganz bestimmt. Der Erfolg von Tochter Tracy trägt dazu bei. Auch die miese Anmache, der sich Willbur von Velma von Tussle ausgesetzt sieht, ohne sie als solche wahrzunehmen - Edna ist betrübt und verbannt Willbur aufs Furzkissen-Nachtlager - wird elegant und glaubhaft weggesungen. Willbur und Edna realisieren sich als einfache Leute und sind verdammt stolz darauf.

 Regisseur Shankman ist mindestens ein kleines Meisterwerk gelungen, auch an den Kinokassen. Beides war seitens Warner und New Line Cinema nicht unbedingt erwartet worden.

Viel zum Gelingen beigetragen hat auch der montegrinische Kameramann Bojan Bazelli, der zuvor eine Reihe von Musikvideos gedreht hatte, aber auch Mr. & Mrs. Smith und die vor allem als DVD erfolgreichen Mysterythriller The Ring.

Offenbar machte es diese Erfahrung aus, dass sowohl gut und schnell eingefangene Close-ups, prächtige Totalen und so manche ungewöhnliche Kamerafahrten - etwa die gut vierminütige Eingangssequenz - den Film aussehen lassen, als wäre er aus einem Guss. Ein wenig Trick ist natürlich auch dabei.

Am 3. Dezember 2007 geht es für die für den 24. Februar kommenden Jahres vorgesehenen Verleihungen der 80. Academy Awards - Oskars - in Klausur. Am 22. Januar 2008 sollen die Nominierungen offiziell bekannt gegeben werden. Nikki Blonsky und Amanda Bynes sollten darunter nicht fehlen. Und auch all die anderen nicht.

© Mariam Backes

© GeoWis (2007-09-27)

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