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Berlinale: Seltsame Eröffnungszeremonie
[299]

Wie ein aufgeregtes Kind

Die Eröffnung der 58. Filmfestspiele zu Berlin geriet an den Rand der Unprofessionalität.

Von Jonas Littfers (2008-02-08)

In der Pressemitteilung vom 6.02.2008 waren die Veranstalter noch davon ausgegangen, es gäbe eine "glanzvolle Eröffnungsgala" der 58. Berlinale. Die Hoffnung trog, wie sich am darauffolgenden Tag zeigen sollte.

 Filmfestspieledirektor Dieter Kosslick lieferte während der Eröffnungsgala einen seltsamen Auftritt ab, der zwischen Absurdität und Peinlichkeit schwankte.

Zunächst haspelte er seine Rede herunter, vorlor mehrfach für Momente den Faden, vergaloppierte sich und hatte das Glück, daß die Moderatorin Katrin Bauerfeind ihn - nicht immer rechtzeitig - unterbrach und ans Eigentliche erinnerte.

Was war los mit Kosslick? Hatte er einen über den Durst getrunken? Waren Wachmacher die Ursache, daß er wie der Kabarettist Piet Klocke - der das beruflich macht - Sätze begann, ohne sie konstruktiv und sinnhaft zuendezuführen?

Oder versetzten ihm die im Backstage-Bereich vor sich hinschwitzenden Rolling Stones, die Thema von Martin Scorseses Eröffnungsfilm Shine a Light waren, Adrenalinschübe, die er nicht mehr zu beherrschen in der Lage war?

Was immer es war: mit einer den Festspielen angemessenen, gar würdigen Eröffnungsrede hatte das überschwengliche, infantile Kosslick'sche Gestammel jedenfalls nichts zu tun. Zwischendurch vergriff er sich an der englischen Sprache, indem er ihr eine Worte entnahm und sie fragmentarisch in sein Deutsch einpflegte. Es war zum Weinen.

Aber nicht nur. Es war auch ungewollte Komik pur und ungeschickliches Verhalten, wie der Zebulon der 58. Berlinale - 'turnikuti, turnikota' - die diesjährige Jury vorstellte. Sein Englisch war holprig, zudem ungehobelt, als er die aus Taiwan stammende chinesische Schauspielerin Qi Shu, in ihrer Heimat ein Superstar, in Hollywood längst angekommen, vorstellte und ihr einen Glückskeks überreichte, nachdem er ihn mühevoll aus der Verpackung befreit hatte.

 Qi, der Kosslick nach Glückwünschen zum gerade begonnen Frühlingsfest (Jahr der Ratte) bedenklich nahe gekommen war und ihr ordentlich in den Ausschnitt geblickt hatte, mache gute Miene zum peinlichen Spiel, lächelte einfach und bedankte sich höflich für den Glückskeks.

Zu Wort war sie eigentlich nicht gekommen. Man wird es ihr später übersetzt haben, was der Festspielechef da auf Chenglish von sich gegeben hatte.

Küßchen rechts, Küßchen links von Kosslick mußte auch das deutsche Jurymitglied Diane Kruger (a.k.a. Diane Heidkrüger), die in den letzten zwei Jahren in den USA zum Shooting-star avancierte, über sich ergehen lassen. Sie eröffnete sodann die 58. Filmfestspiele zu Berlin offiziell.

Kruger und Qi waren neben der Moderatorin an diesem Abend die einzigen Lichtblicke. Regie- und Politfilm-Altmeister Konstantinos 'Costa' Gavras, Präsident der Jury, äußerte sich zu seinem Politthriller Z (1969) und gab der Veranstaltung wenigstens einen Hauch von Würde und Seriosität, die Kosslick zuvor vermissen ließ.

Costa-Gavras kam immerhin die Ehre zuteil, daß eine kurzer Szenenzusammenschnitt von Z eingespielt wurde. Die anderen Jurymitglieder - Uli Hanisch, Alexander Rodnyansky, Walter Murch - wurde schnell beim Namen benannt. Kein Wort wurde über die beiden entschuldigt fehlenden Jurymitglieder - die französische Schauspielerin Sandrine Bonnaire und die dänische Regisseurin Susanne Bier - verloren.

Daß Dieter Kosslick offenbar besoffen vor Glück war, kam zum Ausdruck, als die Rolling Stones und Martin Scorses endlich ihrem Backstage-Käfig entfliehen durften und auf die Bühne kamen. Wie ein aufgeregtes Kind holperte Kosslick ihnen entgegen. Was noch fehlte, war ein Zeichblock, auf den er sich Autogramme hätte schreiben lassen wollen.

 Recht professionell spulte Stones-Chef Mick Jagger seine Dankes- und Promorede ab, fühlte sich geehrt und so weiter, und schmeichelte Stones-Fan Kosslick. Der packte etwas linkisch nacheinander zwei Mini-Bären aus, Andenken sozusagen, schenkte einen Jagger und einen dem Stones-Gitarristen Keith Richards. Dem ältesten Stone, Trommler Charlie Watts, schenkte er rote Drumsticks.

Ron Wood ging irgendwie leer aus. Nach vier Minuten entschwanden die Stones samt Regisseur. Was für eine Würdigung!

Irgendwann war die wirre Kosslick-Darbietung zu Ende. Doch Dieter Kosslick war an diesem Abend nicht der einzige, der seltsam erschien. Auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit war nicht in Bestform. Seiner Laudatio wohnte ganz und gar die politische Rhetorik inne.

Offenbar in Ermangelung eines guten Redemanuskripts und der fehlenden Fähigkeit, einen griffigen Vortrag zu halten, bemühte sich der Berliner Regierende OB nach Kräften, über die Zeit zu kommen. Mehrfach sagte er in einigermaßen veränderter Satzkonstruktion das gleiche. Da wurde es auch manchem in der Audienz zuviel. Entsprechende mager war der Applaus.

Nicht zu vergessen: Dieter Kosslick hatte das geneigte Publikum ja bereits malträtiert, zwar nicht mit Redundanzen, aber mit abrupten Überleitungen. Als ihm das Wort stockte und der Faden riß, erinnerte er sich gerade noch, dann aber bestens, an den langjährigen Sponsor der Berlinale, den Kosmetiker und Haarwaschmittelhersteller L'Oreal.

Fast symptomatisch kam dem Berlinale-Prädator dann noch der Versprecher über die Lippen: "Leider müssen wir die Filme ja auch noch zeigen." Schnell berichtigte er sich noch. Aber Kosslick, soviel ist klar, geht mit diesem Lapsus in die Geschichte der Berlinale ein.

© Jonas Littfers

© GeoWis (2008-02-08; 17:59:46)

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