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GeoWis-Serie Politischer Film (2): Papillon
[320]

"Frankreich hat euch abgeschrieben"

Papillon galt lange als Sträflingsfilm und Meilenstein des Genres. In Retrospektive kann er heute als politischer Film verstanden werden. Ein Meilenstein ist er nach wie vor.

Von Hubertus Molln und Uwe Goerlitz (2008-03-28)

Als kurz vor Weihnachten 1973 in den USA und der Bundesrepublik Deutschland Franklin J. Schaffners Sträflingsdrama Papillon in die Kinos kam, mochte es einigen Kinogängern die Freude aufs bevorstehende Fest verdorben haben.

 Der Film, der auf dem gleichnamigen, 1969 erschienenen, autobiographischen Roman von Henri Charrière beruht, rief Kopfschütteln und Abscheu hervor, zeigte er doch die unmenschlichen Zustände in Frankreichs Strafkolonie Saint Laurent du Maroni im Französisch-Guayana der 1930er Jahre.

Das am Maroni-Fluß an der Grenze zu Surinam gelegene Bagno, wie der Tropenknast von Charrière im Buch genannt wird, konnte man als langjährig Verurteilter kaum überleben. Neben allen denkbaren Tropen- und Infektionskrankheiten wie Malaria, Gelbfieber, Cholera, Typhus lauerten Mithäftlinge, brutale Aufseher und - besonders in der Isolationshaft - die Gefahr, verrückt zu werden.

Papillon, so der Name Charrières wegen seines auf die Brust tätowierten Schmetterlings, will sich mit dieser Aussicht nicht anfreunden und trägt sich schon während der Überführung von Frankreich nach Französisch-Guayana mit Fluchtgedanken. Zwölfmal wird er in den folgenden Jahren Fluchtversuche unternehmen. Der dreizehnte bringt ihm schließlich die dauerhafte Freiheit in Venezuela bis zu seinem Tod.

13 eng beschriebene Schulhefte habe Charrière binnen zwei Monaten vorgelegt, so der französische Schriftsteller und Historiker Jean-Pierre Castelnau im Vorwort des Romans. Vorausgegangen war dieser schriftstellerischen Leistung Castelnau zufolge eine besondere Begebenheit.

 Charrière nämlich sei im Juli 1967 in die französische Buchhandlung von Caracas gegangen und habe dort das autobiographische Buch L'Astragale (Der Astragal) der wenige Tage zuvor im Alter von 29 Jahren verstorbenen Französin Albertine Sarrazin gekauft, die den größeren Teil ihres Lebens in Heimen und Gefängnissen verbrachte.

In L'Astragale schildert Sarrazin dieses Leben und auch die Fluchten aus den Gefängnissen. Das Buch war eine Sensation und ein Verkaufserfolg.

Castelnau zufolge habe Charrière sich gesagt: "Sehr schön. Aber wenn diese gehetzte Göre da (...) hundertdreiundzwanzigtausend Bücher verkauft hat, dann werd' ich mit dem, was ich alles in dreißig Jahren erlebt habe, dreimal mehr an den Mann bringen."

Es sind dann noch viel mehr verkauft worden und der US-Regisseur und Weltkrieg-II-Veteran Franklin J. Schaffner wurde auf das Buch aufmerksam.

Schaffner, der sich bereits mit The Caine Mutiny Court Martial (basierend auf dem Buch The Caine Mutiny/Die Caine war ihr Schicksal) am New Yorker Broadway einen Namen als Theaterregisseur, mit 12 Angry Men/Die zwölf Geschworenen als Fernseh-, und mit Planet of the Apes (Planet der Affen), Nicholas and Alexandra als Filmregisseur gemacht hatte und für Patton einen Oskar bekam, scheute zur Verfilmung des Romans keine Mühe.

 Er galt als epischer Regisseur, wie David Lean (Reise nach Indien) und Richard Attenborough (Jurassic Park). Ihre Nachfolger heißen heute etwa Michael Cimino und Martin Scorcese. Schaffner gewann Henri Charrière und Dalton Trumbo als Drehbuchautoren.

Zudem schaffte er es, Charrière dazu zu bewegen, ins inzwischen verlassene, vor sich hinrottende Bagno zurückzukehren, wie sich dem Begleitmaterial der DVD aus dem Jahr 2005 entnehmen läßt.

Was bis dahin nur wenige Regisseure gewagt hatten - zum Beispiel John Boorman (Deliverance) -, unternahm Schaffner nun auch. Er begab sich mit seinem Team in den Dschungel, um halsbrecherische und lebensgefährliche Drehs zu machen. Für alle Beteiligten war es eine der anstrengensten Produktionen überhaupt.

Schaffner ging es um Authentizität. Und so sieht man seinen beiden Stars - Steve McQueen als Papillon, Dustin Hoffman als Dega - die Strapazen auch an. Beide waren bereits wer. McQueen hatte in zahlreichen Blockbustern brilliert (The Magnificent Seven/Die glorreichen Sieben; The Great Escape/Gesprengte Ketten; Cincinnati Kid; The Thomas Crown Affair/Die Thomas Crown Affaire; Bullit; Le Mans; Getaway).

 Hoffman, sieben Jahre jünger als McQueen, war seit The Graduate (Die Reifeprüfung), Midnight Cowboy (Asphalt-Cowboy), Little Big Man und Straw Dogs (Wer Gewalt sät) eine schauspielerische Größe in den USA. Keiner von beiden hatte je zuvor unter derartigen Bedingungen gedreht, wie sie Schaffner für Papillon schuf.

Für Hoffman begann nach seiner Leistung in Papillon eine internationale Karriere. Er ist bis heute einer der erfolgreichsten Schauspieler des Globus.

Steve McQueen, der ein passionierter und erfolgreicher Automobilrennfahrer war, machte nach Papillon noch eine Reihe von Filmen, doch mit The Hunter (Jeder Kopf hat seinen Preis) nur einen bedeutsamen.

Im November 1980 verstarb der oft als 'coolster' und männlichster Schauspieler seiner Zeit apostrophierte Kerl - ein 'Womanizer par excellence' - nach einer durch einen Herzinfarkt notwendig gewordenen Operation. McQueens Stärke war zweifelsohne seine kraftvolle Darstellung ohne ausschweifende Dia- oder Monologe.

 Für Charrière, der zeitlebens seine Unschuld beteuerte und sich zu Unrecht verurteilt sah, war die Produktion eine schmerzliche, aber auch rationale Reise in die Vergangenheit.

Er wurde mit seiner ehemaligen Strafkolonie konfrontiert und führte Filmteam wie Interviewer doch einigermaßen gelassen durch die Gefängnisanlage.

Betrachtet man die Bilder, hält er sich wacker und macht nicht den Eindruck, als sei er ein zu Recht Verurteilter gewesen. Ein halbes Jahr bevor der Film in die amerikanischen und westdeutschen Kinos kam, verstarb er im Alter von 69 Jahren in Madrid an Kehlkopfkrebs.

Bald drei Jahrzehnte lang galt das Meisterwerk, das in der Kategorie Filmmusik für einen Oscar nominiert war und Steve McQueen eine Nominierung für den Golden Globe einbrachte, in Deutschland zwei Goldene Leinwands gewann (1974 und 1984), als Gefängnis- oder Sträflingsdrama der außergewöhnlichen Sorte.

Inzwischen kann man es auch als politischen Film verstehen, dessen herausragende politische Botschaft der inkaufgenommene potentielle Tod und die körperliche wie geistige Versehrtheit von Häftlingen ist. Bestes Beispiel des bisherigen 21. Jahrhunderts: Guantanamo auf Kuba.

 Das dortige Internierungslager, gesichert mit modernster Technik, ausgestattet mit hochgerüsteten Wächtern und Bewachern, unterscheidet sich strukturell nur marginal vom Bagno am Maroni-Fluß. Nicht so moderne, allerdings ähnlich unmenschliche Knäste existieren im 21. Jahrundert noch massenhaft. So in China, in der Türkei, in den meisten Staaten Afrikas, in Mittel- und Südamerika, im Nahen und Mittleren Osten.

Frankreich, das sich seinerzeit schon für eine zivilisierte Nation hielt, der Heros der neuzeitlichen Revolutionen war, auf seine Intellektualität setzte und den Habitus einer aufgeklärten, sozialistisch-demokratischen Nation pflegte, die Crux - unter den Nationen - an sich, hatte sich mit dem Bagno schon vor Charrières Überführung dorthin Schande gemacht. Das Bagno bestand seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Schaffner versuchte den Roman Papillon so gut als möglich wiederzugeben. Es gibt Mängel. Manche sind marginal, andere fallen nur dem Cineasten auf, der zuvor das Buch gelesen hat. Papillon ist ungeachtet aller politischer Interpretationen ein Film, der noch eine andere Botschaft bereithält: Die des unbedingten Willens zum Überleben. Frankreich, so das Statement des Chefaufsehers der Strafkolonie, habe die übersandten Sträflinge abgeschrieben. Charrière/Papillon hatte sich diesem Gedanken nie unterworfen.

Im Nachwort zum Roman stellt der Franzose Jean-François Revel eine recht gespreizte, durchaus überhebliche und geradezu supra-intellektuelle, somit grundsätzlich diskussionswürdige Sichtweise zum Roman bereit, indem er unter anderem konstatiert: "Die Fragestellungen sind viel radikaler als in den Poetiken von gestern. Man gibt sich nicht mehr wie einst damit zufrieden, die Berechtigung (...) des einen oder des anderen Inhalts eines Literaturwerks abzuschätzen, die Angemessenheit dieser oder jener Form. Schon seit langem billigt man sämtliche Inhalte." Revel meinte es offenbar gut.

McQueen und Hoffman hätten darauf wohl nur Verächtliches zu erwidern gehabt, günstigenfalls einen Furz gelassen. Weshalb Lektor und Verleger von Charrières Papillon den Literaturwissenschaftler und -kritiker Revel rekrutierten, muß einstweilen unbeantwortet bleiben. Die Herren sind längst verstorben.

Schaffner hat nicht versucht, Vor- wie Nachwort des Buches in Szene zu setzen. Er hat nicht mal das Buch vollständig verfilmt, sondern sich auf das Wesentliche, die verfilmbaren und finanzierbaren Essenzen konzentriert. Herausgekommen ist ein Film, der heute aktueller denn je ist.

© Hubertus Molln, Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-03-28)

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