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Marie-Monique Robin: Monsanto, mit Gift und Genen
[402]

"Wir würden Monsanto nie vertrauen"

Vertrauen in Nahrungsmittel ist eine der Basisvoraussetzungen für ein unbeschwertes Leben. Marie-Monique Robins Film Monsanto, mit Gift und Genen, ist geeignet, dieses Vertrauen nachhaltig zu erschüttern.

Von Jonas Littfers (2009-01-13)

Laut FAO, der in Rom angesiedelten Welternährungsorganisation der UNO, wurden im Jahr 2007 weltweit knapp 217 Millionen Tonnen Sojabohnen geerntet. Dies entspricht einem theoretischen Verbrauch von 33 Kilogramm pro Kopf. Zu den größten Produzenten gehörten 2007 die USA (70,7 Mio t), Brasilien (58,2 Mio t), Argentinien (45,5 Mio t), China (15,6 Mio t) und Indien (9,4 Mio t).

 Zweifelsohne gehört die Sojabohne zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Hülsenfrüchten, zumal sie beinahe universell verwendbar ist. Weit mehr als 100 direkte Nahrungsmittel lassen sich aus ihr fertigen, etwa Milch, Speiseöl, Suppen, Tofu; in unzähligen Nahrungsmitteln kommen Sojabohnenextrakte-, derivate und -proteine vor.

Ebenso erfolgreich wird die Bohne in der Industrie eingesetzt. So als Zusatz von Schmier- und Reinigungsmitteln im maschinellen Bereich oder als Zusatzstoff für Kosmetika.

Besonders stark vertreten und beliebt ist die Hülsenfrucht in der globalen Viehwirtschaft, der sie als Futtermittel dient. Allein in den USA wurden im Jahr 2006 vom für Futtermittel gedachten Sojabohnenertrag 54 Prozent an Geflügel, 26 Prozent an Schweine und 10 Prozent an Rinder verfüttert.

Auch als Biodiesel wird die Pflanze - neben Raps - inzwischen gefragt. Rund anderthalb Millarden Liter Sprit gewannen die Raffinerien der USA im Jahr 2006 aus Sojabohnen. Das erspare dem Globus eine Menge an Kohlendioxidausstoß und helfe somit dem Klima, so Monsanto auf seinen Websaeiten, einer der Weltmarktführer in den Segmenten Saatgut, Unkrautvernichtungsmittel und Biotechnologie. Auf Kosten der Gesundheit von nahezu allen, die auf dieser Welt Zugang zu industriell gefertigten Nahrungsmitteln haben.

 In Marie-Monique Robins Film, der im Frühjahr 2008 bereits auf dem Kultur- und Politiksender ARTE ausgestrahlt wurde, geht es nicht nur darum. Kern ihres Films ist die Rolle Monsantos im Agro- und Nahrungsmittel-Business.

Speziell jener Part, für den Monsanto seit Jahrzehnten in der Kritik steht - so der Vergiftung von Menschen, Tieren, agrarischen Nutzflächen, Gewässern, und ihren biotechnologischen Eingriffen ins vegetarische wie humane Genom. Konzern entwickelt neben Herbiziden auch Rinderhormonpräparate (Posilac) und - vor allem - gentechnisch verändertes Saatgut.

Es ist ein Doku-Thriller, den die 48-jährige Französin abliefert. Nicht ihr erster. Bereits 1995 brachte sie eine Doku über Organdiebstahl und -handel (Augendiebe/Voleurs d'Yeux). Robin pinkelte zudem den französischen Geheimdiensten deutlich ans Bein, indem sie deren Machenschaften und Beiträge zum Algerienkrieg (1953-62) und - später - deren Kollaboration mit argentinischen Diensten, etwa in der Operation Condor, publik machte.

Der Film beginnt harmlos. Zwei Franzosen, Vater und Sohn, benutzen in ihrem Garten das von Monsanto vor 35 Jahren erfundene und seitdem global vertriebene Unkrautvernichtungsmittel Roundup Ready und lästern darüber. Das Lästern hat es - gut übersetzt und untertitelt - in sich und zeigt die Dialektik zwischen Abneigung und Anwendung getreu des Mottos 'Töte das Unkraut, aber verschone mich mit dem Gift'.

 Dann ein Sojabohnenfeld - prächtig in Szene gesetzt -, in dem der Farmer John Hoffman steht und die Vorzüge, speziell die ökonomischen, von Roundup Ready vorstellt. Der Mann ist Sojabohnen- und Roundup-Ready-Lobbyist an exponierter Position, wie sich später herausstellen soll.

So ruhig und beinahe gelassen, wie sich Hoffman darstellen darf, führt Robin den Betrachter durch den Monsanto-Doku-Thriller, der durchaus dramatische Elemente aufweist. Ob mittels Telefon- oder im Direktinterview - sie stellt ihre Gesprächspartner aus Befürwortern und Gegnern Monsantos, nötigt ihnen auf unnachahmliche Weise ab, Rede und Antwort zu stehen.

Gerade jene (US-) Akteure im Nahrungsmittel-Biotech-Sektor, die Verantwortung tragen oder trugen, kommen dabei in Erklärungsnot oder äußern sich irrsinnig. So James Maryanski, ehemals Leiter (1985-2006) des Bereichs Biotechnologie bei der US-amerikanischen Food & Drug Administration (FDA), der nationalen Zulassungsbehörde für Nahrungs- und Arzneimittel.

Monsanto, ein in Nahrungsmittel und Nahrungsmittelgrundstoffe ähnlich tief eingreifender Konzern wie beispielsweise der schweizer Multi Nestlé, der deutsche Bayer-Konzern oder die Novartis-Gruppe, wird auf bislang filmisch nicht gekannte Weise vorgeführt.

 Der Konzern aus St. Louis, Alabama, gehört zu den führenden Herstellern von Herbiziden. Jenen Substanzen, die während der vergangenen 50 Jahre viel artifiziell induzierte Krankheiten und Tod gebracht haben.

Was sich in der Werbung etwa zum Pflanzenschutzmittel bzw. Unkrautvernichter Roundup, Monsantos Parade-Produkt, nicht niederschlägt. Das Gift zum Sprühen wird - so die Doku - weltweit immer noch so angepriesen und eingesetzt als handele es sich um göttliches Manna.

Sichtlich um Haltung bemüht aufgrund der Fragestellungen, windet sich Maryanski, versucht Schuld von sich zu weisen, kommt aber nicht umhin, kleinlaut zuzugeben, daß unter seiner Leitung in Bezug auf Monsanto nicht alles sauber gelaufen sei. Dabei hat er - auch er - es zu verantworten, daß in den USA gentechnisch behandelte Soja großflächig angebaut werden darf.

Robin läßt hierzu beispielsweise den Monsanto-Kritiker Jeffrey Smith zu Wort kommen, der die FDA massiv angeht. "Es gibt heute deshalb genmanipuliertes Saatgut, weil in der FDA eine Täuschung vorgenommen wurde."

Selbst der ehemalige US-Landwirtschaftsminister während der zweiten Amtszeit von Bill Clinton, Dan Glickman (1995-2000), zählt zu den Kritikern des Konzerns. Allerdings nur verhalten. Er habe sich gegenüber den eigenen Parteifreunden nicht gegen eine umstrittene Gesetzesänderung zugunsten Monsantos nicht durchsetzen können, konstatiert er.Heute gehört Glickman zum Monsanto-Netzwerk, wie sich unschwer im Internet ermitteln läßt.

 Dieses Gesetz begünstigte die Aussaat und den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen, die in die Nahrungskette gelangten. So wurde gentechnisch verändertes Soja ausgesät, das resistent gegen Monsantos Roundup Ready-Unkrautvernichter war. Bis auf die Sojapflanze wurde jedes auf den Äckern wachsende Kraut vernichtet.

Der Multi aus St. Louis hatte sich auf diese Weise das perfekte Einsatzgebiet für sein Herbizid sozusagen selbst konstruiert. Zehn Jahre nach Einführung der Gen-Soja seien bereits 90 Prozent der US-amerikanischen Sojaproduktion Roundup-Ready-Soja, so Robin.

Um seine biotechnologischen Entwicklungen in den Markt zu bringen, hat Monsanto keine Mühen gescheut und scheut sie noch immer nicht, wie der Film verdeutlicht.

So begann die Firmenleitung bereits unter der zweiten Amtszeit des inzwischen verstorbenen US-Präsidenten Reagan, Druck auf die US-Regierung auszuüben, indem sie Reagans Vize und späteren Präsidenten George Bush I zu einem Firmenbesuch (1987) einlud und ihm klarmachte, daß man auf die Gentechnologie nicht verzichten könne und entsprechende Zulassungsvoraussetzungen brauche.

Daß Monsanto derart forsch vorgehen konnte, läßt sich auch seiner Rolle entnehmen, die es für das US-Verteidigungsministerium während des Vietnamkriegs spielte. Seinerzeit gehörte es zu den wesentlichen Produzenten des dioxinhaltigen chemischen Kampfstoffes Agent Orange.

 Diese Erkenntnis ist nicht neu, das weiß auch Robin, dennoch gehört sie im Film schon aus Gründen der Vollständigkeit genannt. Ebenso notwendig erscheinen hierzu historische Aufnahmen aus dieser Zeit, etwa die von Agent-Orange-Bombern, und Bilder von dem, was der Kampfstoff angerichtet hat.

So die von in Formalin aufbewahrten Föten und Mißgeburten, die im Tu Du-Krankenhaus von Ho-Chi-Minh-Stadt gelagert werden. Es sind auch Monsanto-Resultate, wie auch noch heute zur Welt kommende vietnamesische Kinder mit starken Mißbildungen.

Die werden auch in den USA besichtigt. So in der Stadt Anniston im Bundesstaat Alabama. Sie gehöre zu den PCB-verseuchtesten Städten der USA, sagt David Baker, dessen Bruder 1971 mit 16 Jahren an Krebs gestorben sei. PCB - polychlorierte Biphenyle - gehört zum 'dreckigen Dutzend' jener organischen Giftsubstanzen, die 2001 von der Stockholmer Konvention verboten wurden.

"Die ganze Welt" sei mit PCB kontaminiert, gibt Professor David Carpenter von der Universität Albany zu Protokoll. 

Ganz ungestraft kam Monsanto bisher nicht davon. 20.000 Einwohner Annistons hatten 2001 gegen das Unternehmen geklagt und 700 Millionen Dollar Entschädigung zugesprochen bekommen. Dazu mußte Monsanto eine Spezial-Klinik bauen und einrichten, sowie die verseuchten Flächen dekontaminieren. Aufhalten konnte dies die Giftmischer nicht.

Die Macht des Konzerns bekamen seriöse Wissenschaftler und Forschungsinstitute ebenso zu spüren wie ausländische Regierungen. Nicht nur im Hinblick auf Soja. Auch die Viehwirtschaft ist ein Multimilliardenmarkt. In Monsantos Giftküche wurde ein Rinderhormonpräparat entwickelt, das "die Eierstöcke der Kühe rechtzeitig größer" werden ließ und die Milchproduktion steigerte.

Wer sich dem Unternehmen - etwa von der FDA - in den Weg zu stellen versuchte, wurde kaltgestellt, wie beispielsweise Richard Burroughs, der von 1979-89 als Wissenschaftler bei der Behörde arbeitete. Die "Behörden stellten sich auf die Seite Monsantos", wie Ken Cook, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Umwelt, im Interview feststellt. 

 Er habe den Glauben an die Unabhängigkeit der Wissenschaft verloren, sagt der Histologe Stanley Ewen von der Universität Aberdeen, Schottland, in ruhigem, britische Gelassenheit ausstrahlendem Ton.

Ewens Freund, der von 1968-98 am schottischen Rowett Research Institute arbeitende Wissenschaftler Arpad Pusztai, war mit Untersuchungen an Monsanto-genveränderten Kartoffen beschäftigt.

Nachdem Pusztai in diesem Zusammenhang in einem BBC-Fernsehinterview mißbilligte, daß "Menschen als Versuchskaninchen" benutzt würden, erhielt er tags darauf die Kündigung. Sein Forscherteam wurde aufgelöst.

Man sitzt beim Essen in Pusztais Haus. Ewen gibt zu Protokoll: "Downing Street rief bei Rowett an. Auf Tony Blairs Regierung wurde Druck ausgeübt, diese Arbeit zu stoppen, weil die Amerikaner fanden, daß sie ihrer Industrie, der Biotechnologie, schadete."

Daß Monsantos Macht und Einfluß derartige Dimensionen aufweist, liegt - wie der Film eindrucksvoll vermittelt - auch am Prinzip der 'Revolving Doors', des Drehtürmechanismus. Mitarbeiter von Monsanto wechseln zu Regierungs- und Aufsichtsbehörden, erledigen ihren Job dort und wechseln zurück zu Monsanto. Gleichfalls wechseln Regierungsangestellte zu diesem Multi.

 Etwa Marcia Hale, ehemals Bill Clintons Assistentin und Direktorin für 'intergovernmental Affairs'. Sie bekam einen Job als Direktorin für 'Intenational Government Affairs' bei Monsanto. Die Liste von Lobbyisten und Überläufern ist lang, wie Robin aufzeigt. Und dabei handelt es sich in ihrer Doku nur um ein Unternehmen.

Zu den emsigsten Job-Wechslern gehört der Jurist Michael Taylor, der Robin per Telefon einige bemerkenswerte Auskünfte erteilt. Er war bei der Kanzlei King & Spalding beschäftigt und vertrat Monanto. Der Saatgutmulti schuf später eigens eine Position für Taylor.

Dann wurde Taylor stellvertretender Chef der FDA - unter Maryanski -, um nach getanem Tagwerk wieder zu Monsanto zu gehen. Heute ist er Leiter der Stiftung Ressourcen für die Zukunft, die von nahezu allem, was Rang und Namen in der US-Wirtschaft, aber auch in der globalen - darunter BAYER, gleichwohl ein Saatgutmulti - unterstützt wird. 

Marie-Monique Robin fördert mit 'Monsanto' etwas zutage, was es im sogenannten deutschen Investigativ-Journalismus zunehmend seltener gibt, etwas, das irgendwann um den Zeitraum der Wiedervereinigung und des danach aufkommenden Internets vielfach verlorenging: das Investigative.

Die Dokumentation ist einerseits geeignet, den Ruf Monsantos nachhaltig zu beschädigen, wird doch nachgewiesen, daß das Unternehmen Daten und Studien manipuliert und friesiert hat, Behörden täuschte, Bestechung von Bundesbehördenmitarbeitern versuchte (in Kanada), Wissenschaftler schikaniert und Forschungsinstitute unter Druck setzt, Tote und chronisch Krankgewordene auf dem Gewissen hat; andererseits sollte sie Verbraucher, Landwirte, Betreiber von Agrobetrieben und die großen Einkäufer von Lebensmitteln wachrütteln. 

 In mehr als 60 Ländern unterhält Monsanto Niederlassungen, Produktionsstätten und Aussaatgebiete. Meist war der Multi als Investor und Arbeitsplatzbeschaffer willkommen. Da wurde nicht nachgefragt, was er im Gepäck hatte.

In vielen dieser Länder gleich mehrere, so in Mexiko (16), Brasilien (26), China 15), Argentinien (11). In Deutschland, Zentrale in Düsseldorf, unterhält das Unternehmen unter anderen die Zuchtstationen Künzing und Borken. 

Laut Angaben des Unternehmens unterhält es zudem 28 Versuchsgebiete für gentechnisch veränderten Mais der Sorte Mon810 in Bayern, Baden-Württemberg, Meck-Pomm, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen.

Offenbar haben die deutschen Zulassungsbehörden Vertrauen zu dem Multi. Viele US-Amerikaner sehen das anders: "Wir würden Monsanto nie vertrauen", gibt Monsanto-Kritiker Ken Cook zu Protokoll.

Zu Recht. Geht es Monsanto doch nicht nur um den Verkauf seines Saatguts für eine Reihe von Nutzpflanzen und Getreidesorten und den Verkauf entsprechender Herbizide, sondern um ein viel größeres Ziel, wie der Film uns zeigt und John Hoffman, der Roundup-Ready-Lobbyist, unumwunden zugibt. "Biotechnologische Sorten sind durch das US-Patentrecht geschützt."

Im Klartext bedeutet dies, daß Landwirte, die gentechnisch verändertes Saatgut einsetzen, nicht mehr das tun können, was ein jeder Bauer seit Jahrtausenden tat: für die nächste Aussaat Saatgut aus der vorherigen Ernte zurückbehalten.

 Damit dies unterbunden wird, verpflichte Monsanto seine Saatgutabnehmer dazu, einen "Technologienutzungsvertrag zu unterschreiben", wie der Film deutlich macht, und schickt zudem noch seine Kontrolleure - die sogenannte Gen-Polizei - auf die Felder, oft auch unerlaubt und heimlich.

Diese tauchen nicht nur unvermittelt bei den Farmern auf, wie Betroffene im Film aussagen, sondern verhalten sich auch kriminell, ziehen stiekum Proben.

Sobald sie eine Urheberrechtsverletzung vermuten, verklagt das Unternehmen die Landwirte. Auf diese Weise wurden bereits unzählige Bauern in den Ruin oder zu einem Vergleich getrieben.

So auch Troy Roush. Er baut nur noch mit konventionellem, gentechnisch nicht manipuliertem Saatgut an, nachdem er sich mit Monsanto verglichen hat, obwohl er dies nicht hätte tun müssen, da er laut eigener Aussage keinen Vertragsverstoß begangen habe.

Monsanto strebe eine Weltherrschaft im Lebensmittelbereich an, so ein US-Farmer im Film. Tatsächlich habe der Multi in den letzten Jahren weltweit mehr als fünfzig Saatgutfirmen aufgekauft, darunter nationale Marktführer, etwa in Indien.

Nun drangsaliert der Konzern mit Hilfe örtlicher und regionaler Kontrolleure und Polizeien die dortigen Kleinbauern, vor allem jene, die Baumwolle - Indiens Exportschlager - mit Monsanto-Saatgut anbauen. Ermöglicht hatte ihm dies die indische Regierung, die zwei Jahre nachdem Monsanto den indischen Saatgutmarktführer übernommen hatte, entsprechende Gesetze erließ. Mittlerweile kontrolliere Monsanto den indischen Markt transgenen Saatgutes für Baumwolle, so Robin. Das Saatgut sei viermal so teuer wie konventionelles.

Binnen zehn Jahren, so der Film, habe Monsanto - und mit ihm auch andere in diesem Business Engagierte - es geschafft, auf mehr als 100 Millionen Hektar Agrarfläche gentechnisch verändertes Saatgut unterzubringen.

Der Giftmischer aus St. Louis besteht auf sein Urheberrecht besteht, solange es ihm möglich ist. Es kann ihm und auf diesem Feld ebenfalls Milliarden verdienenden Konzernen - BAYER, Nestlé - nur ermöglicht werden, wenn Regierungen genverändertes Saatgut als urheberrechtlich schützenswertes Gut und/oder geistiges Eigentum würdigen und entsprechend mit einem Gesetz absichern.

 Marie-Monique Robin, die nach eigener Aussage drei Jahre lang das Internet nach Monsanto durchforstet und die Fundstücke dann für ihre Dokumentation zusammengesetzt habe, sagt im Interview mit dieGesellschafter:

"Den Einfluß, den ein multinationales Unternehmen auf demokratische Staaten und ausübt, finde ich schockierend. Während meiner Nachforschungen über Monsanto ist mir bewußt geworden, wie wenig wir einer solchen Macht entgegenzusetzen haben."

Robin ist um die Welt gereist, viel in den USA, aber wesentlich auch in Entwicklungsländern unterwegs gewesen, um mit Akteuren und Betroffenen zu sprechen und sie vor die Kamera zu holen.

Gerade Entwicklungsländer machen seit zehn Jahren Bekanntschaft mit den Methoden Monsantos. Viel Phantasie ist dabei nicht mehr notwendig, um zu verstehen, weshalb mancherorts Menschen auf die Barrikaden gehen.

Angesichts dessen, daß sie von ihren Regierungen in kardinalen Lebensbereichen an Konzerne wie Monsanto verkauft werden, verschaffen sich selbst die der indischen Kaste der Unberührbaren Angehörenden Luft und Aufmerksamkeit, indem sie sich organisieren und schlimmstenfalls gewaltsam auflehnen.

 Oder Selbstmord begehen, wie etwa in Indien. Dort hätten sich im Bundesstaat Maharaschta binnen sechs Monaten 680 Bauern das Leben genommen, weil sie nach schlechter Bt-Baumwollernte ihre "zu Wucherzinsen" fürs Monsantosaatgut aufgenommenen Kredite nicht mehr hätten zurückzahlen können und "in Konkurs" gegangen seien.

Manch Verzweifelter nimmt sich das Leben mit einem anderen Monsanto-Produkt, beispielsweise dessen Unkrautvernichter Roundup Ready, indem er einen Liter davon schluckt. Monsanto teste zurzeit in Indien über 20 Sorten und lasse "nichts unangetastet", so die indische Physikerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, "Senf, Okra, Auberginen, Blumenkohl."

Die engagierte Monsanto-Gegnerin, die bereits die in den 1960er Jahren "die erste grüne Revolution" kritisch begleitet hatte, die "vom Staat" ausgegangen und in der es unter anderem darum gegangen sei, mittels agrarischer Industrialisierung "die Bevölkerung zu ernähren", hält von der "zweiten grünen Revolution", der durch genttechnisch verändertes Saatgut (GMO-Genetic Modified Organisms), rein gar nichts und nennt den Unterschied zur ersten.

Monsanto habe "mit der Lebensmittelversorgung nichts zu tun", dem Unternehmen gehe es einzig darum, seinen "Profit zu steigern", so Shiva, und führt aus: "Sie haben immer gesagt, die Gentechnik sei der Weg zur Patentierung, aber das eigentliche Ziel sind die Patente." Eindringlich weist sie auf die potentielle Abhängigkeit von Monsanto hinsichtlich des Saatguts für Nutzpflanzen hin, sobald der Multi hierauf Patente und Eigentumsrechte geltend machen könne.

 "Kontrollieren sie das Saatgut, kontrollieren sie auch die Lebensmittel. Das ist ihre Strategie." Allein diese Aussage, die in sanfter, neutraler Stimmlage von Susanne von Medvey übersetzt wird, bringt das Unternehmensziel des Konzerns aus St. Louis auf den Punkt und birgt politischen Zündstoff.

Die Kontrolle über Saatgut und Lebensmittel verschaffe "mehr Macht als Bomben", sei "mächtiger als Gewehre" - das sei "das wirkungsvollste Mittel, um die Völker der Erde zu beherrschen", konstatiert Shiva, und während sie solch klare Sätze sagt, wird einem klar, weshalb sie den Alternativen Nobelpreis erhielt.

Knapp fünf Millionen Einträge werden aufgelistet, wenn man das Stichwort 'Monsanto' beispielsweise in der Maske des gleichnamigen Weltmarktführers im Bereich Suchmaschinen - Google - eingibt. Die überwiegende Mehrzahl der hinter diesen Einträgen stehenden Beiträge sind für Monsanto alles andere als ruhmreich.

Im demnächst bevölkerungsreichsten Land der Erde, Indien, könnte Monsanto sogar zur Destabilisierung des Staates beitragen. Bekanntlich lassen sich die Inder nicht alles gefallen, erst recht dann nicht, wenn es ums Überleben geht. Erst klagen sie, dann murren sie, und dann wehren sie sich.

Daß daran kaum Zweifel bestehen, läßt sich dem Film ebenfalls entnehmen. Drei Tage, nachdem die Dreharbeiten im indischen Maharaschta abgeschlossen worden waren, seien Unruhen ausgebrochen. Mitnichten von Terroristen initiiert, wie es schnell hieß. Es waren Bauern, die auf die Barrikaden gingen. 

 Daß es dem Saatgutveränderer Monsanto um nichts weniger als die von Shiva konstatierte Weltherrschaft im Saatgut- und Lebensmittebereich zu gehen scheint, stellt Monsanto auch unter Beweis, indem das Unternehmen nicht nur in den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde - China, Indien, Indonesien oder Brasilien - aktiv ist, sondern auch weniger bevölkerungsreiche mit seinen Produkten und Methoden zu überziehen versucht.

Vor allem dort, wo kaum demokratische Verhältnisse existieren und die Agrarflächen in den Händen weniger Großgrundbesitzer und Großinvestoren sind, wo die von Ackerbau und Viehzucht lebende, vermeintlich ungebildete Bevölkerung wenig Macht hat, sucht Monsanto sein ökonomisches Heil.

So auch in Paraguay. Kleinbauern, die konventionelles Saatgut einsetzen und meist Subsistenzwirtschaft betreiben, sind von den Anbauflächen der großen und mittelgroßen Agrarbetriebe umzingelt, und damit ebenso von den per Traktor oder Flugzeug flächig versprühten Herbiziden wie auch vom transgenen Saatgut, das auf ihre kleinen Anbauflächen gelangt.

Vor allem die Herbizide verursachen bei den Kindern der Kleinbauern Krankheiten, die auch auf der Haut sichtbar sind, wie Robin zeigt. Verätzungen und Aknen etwa. Andere Symptome für Krankheiten der Anrainer von herbizidverseuchten Flächen sind - besonders bei Kindern - Appetitlosigkeit und Depressivität. Auch das zeigt der Film.

 Unkrautvernichter, ob von Monsanto oder anderen Herstellern produziert und verbreitet, sind in Paraguay nicht generell verboten, gentechnisch verändertes Saatgut war es lange Zeit. So blühte der Schmuggel, wie in Robins Film erzählt wird.

Der daraus resultierende vermehrte Einsatz des vermaledeiten Saatguts veranlaßte Paraguays Regierung im Jahr 2005, es zuzulassen, da das Landwirtschaftsministerium "vor vollendete Tatsachen gestellt" wurde und "um seine Soja-Exporte vor allem nach Europa zu retten, wo die Kennzeichnung von GVOs (Gentechnisch veränderte Organismen) vorgeschrieben ist."

Auf "geheimnissvolle Weise" hätten sich die GVOs seit der Einführung und Zulassung in Argentinien in "die Nachbarländer ausgebreitet", läßt Robin die Erzählerin mitteilen. Roberto Franco, Paraguays stellvertretender Landwirtschaftsminister, spricht von "weißen Säcken". 

Der Minister wirkt wenig aufgeregt, recht eloquent - wie es alle offiziellen Vertreter sind, die Monsanto in ihr jeweiliges Land gelassen haben. Franco aber wirkt auch noch extrem unglaubwürdig, zumal in seinem Büro ein Großfoto von - ausgerechnet - prächtig im Saft stehender Pflanzen ins Auge fällt. Franco erläutert, daß von der praguayischen Regierung bzw. des paraguayischen Landwirtschaftsministeriums nicht zertifiziertes Saatgut als "weiße Säcke" bezeichnet wird.

Auf Nachfrage von Robin, ob Monsanto bei den weißen Säcken, dem heimlichen Schmuggel, seine Hand im Spiel hatte, weicht Franco politisch-rhetorisch aus. "Wer weiß - vielleicht haben die Unternehmen auf diese Weise ihre Sorten gefördert." Seine Windungen sind ein einziges menschliches Trauerspiel. Sie unterstreichen, daß der politische Anstand inzwischen vollends auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sein muß.

 Anders als Paraguay, Argentinien, Indien oder Brasilien verfährt Mexiko mit Monsanto, soweit es die Recherchen Robins im Film zeigen. Transgenes Saatgut ist verboten. Lediglich im Zuge des Nordamerikanischen Freihandelsabommens (NAFTA) dürfen gen- und biotechnisch veränderte Nahrungsmittel eingeführt werden.

Umso verwunderlicher, daß trotz dieser Restriktionen Mexikos Kleinbauern mit gentechnisch verändertem Saatgut aus der Monsanto-Küche befaßt sind. Robin hat sich auf den Weg in den südwestlich gelegenen, vorwiegend von indigener Bevölkerung und Landwirtschaft geprägten Bundesstaat Oaxaca aufgemacht und die Leute befragt.

Dort stieß sie auf die gleiche Ablehnung zu Monsanto-Produkten wie zuvor in Indien, Paraguay oder den USA. Niemand will diese - außer vielleicht großindustriell bewirtschaftete Agromultis und deren Investoren und Anlager.

Wie im Film deutlich wird, scheint Monsanto das Zufallsprinzip strategisch zu verfolgen. Vorbeifahrende Lastwagen verlieren angeblich gentechnisch veränderte Maiskolben oder die Samen von anderen Nutzpflanzen. Hokuspokus. In den meist in der Sierra gelegenen Dörfern sind inzwischen sachkundige, den Bauern zugeneigte Fachleute unterwegs  - früher war daran kaum zu denken -, die die Betroffenen aufklären.

 Mit Erfolg. Was in Indien geschieht, wo sich die von Monsanto und anderen betroffene und in Abhängigkeiten getriebene Bevölkerung zur Wehr setzt, kann Mexiko schon lange. Das Land kennt sich mit Wehrhaftigkeit aus. Und, wie der Film zeigt, dennoch gilt es, sich stets aufs Neue zu wappnen.

Es sei "eine neue Konquista", wenn ein Unternehmen wie Monsanto mit seinem Saatgut und seinem Unkrautvernichter Roundup Ready ankomme, so die Stimmen der Kleinbauern aus der Sierra Juárez.

Längst sind auch in Mexiko die Stimmen aus der Provinz bis in die Hauptstadt gelangt. Ob sich etwas an Monsantos Macht in dem inzwischen mehr als 100 Millionen großen Volk etwas ändert, kann Robins Film nicht klären.

Was bleibt, ist ein eindrucksvolles Dokument der Zeitgeschichte, das insbesondere die Regierungen der EU, darunter auch Deutschland, auf den Plan rufen sollte und müßte, und sämtlichen mit Saatgut und Gentechnik befaßten Unternehmen - nicht nur BAYER, Monsanto, Nestlé oder Novartis, sondern auch kleinen und mittleren Betriebe und Labors - rigoros und ohne Wenn und Aber Grenzen setzen sollte. 

Unternehmen wie Monsanto zündeln auf ungehörige, gar kriminelle Weise. Das wird in diesem Film - auch - zum Ausdruck gebracht. Marie-Monique Robins Dokumentation klagt zwar nur eine Firma an - und stellt gleichwohl jegliches einer Regierung hinsichtlich Biotechnologie und Gentechnik entgegengebrachte Vertrauen mehr als deutlich in Frage -, doch auf der Anklagebank sitzt die ganze Branche.

© Jonas Littfers

© GeoWis (2009-01-13)

Sämtliche Fotos sind Screenshot mit freundlicher Genehmigung von dieGesellschafter.de. 

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