GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
19. Oktober 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>



Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Bastian Sicks Werk als Cashcow

"Cashcow mit drei Eutern"

Bastian Sick, SPIEGEL-Redakteur und Autor des 2004 erschienenen Buches Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, gilt in Sachen Grammatik inzwischen als heiterer Oberlehrer der Nation. Was hat er bewirkt?

Von Anette von Bartholdy (2007-06-18)

Anfangs war es noch ulkig, wenn Bastian Sick so manche falsch geschriebene, falsch verstandene und manchmal auch verballhornte Redewendung zum Besten gab. Fürwahr. Der Mann, der damit bekannt wurde, ein flammendes Plädoyer auf den Genitiv zu halten, dessen Tod der Dativ sei, weil der Dativ als Genitiv-Ersatz in manch deutscher Region und von nicht wenigen Deutschen insgesamt immer noch einfacher zu formulieren ist als ein korrekter Genitiv, ist längst ein Showstar.

Sich des Genitivs korrekt zu bedienen, passt nicht zu jedem. Beliebt unter manchen Deutschlehrern ist längst die - nicht von Sick stammende - Phrase: 'Wir lernen heute den Dativ. Beim Akkusativ, der ab morgen Thema ist, gilt es genauso aufzupassen.' Klar, der Akkusativ ist ebenso wichtig wie das Dativobjekt, doch bei allem darf man den Nominativ natürlich nicht vernachlässigen, der in diesem Satz als Satzglied im Akkusativ steht. Normalerweise und irgendwie steht er aber nie oder nur selten im Dativ oder Akkusativ, es sei denn, man konstruiert einen Passivsatz, aber dann bitte aufpassen: Aus dem Subjekt im Aktivsatz wird im Passivsatz ein Dativobjekt und aus dem Akkusativobjekt im Aktivsatz ein Subjekt im Passivsatz.

 Exkurs gefällig? Aktiv: 'Peter (Subjekt) liest ein Buch (Akkusativ)'. Passiv: 'Ein Buch (Nominativ) wird von Peter (Dativ) gelesen'. Und wie sieht es aus, wenn folgender Aktiv- in einen Passivsatz umgewandelt werden soll?: In Dortmund (Dativ) trinkt man (Subjekt) Bier (Akkusativ). Klar: Bier (Subjekt) wird in Dortmund (Dativ) getrunken. Hört sich schräg an. Ist es auch. Kaum jemand spricht so. Instinktiv belassen die meisten Muttersprachler die Ortsangabe (Dativ) auch im Passivsatz am Satzbeginn und sagten: In Dortmund wird Bier getrunken. Zum Wohl!

Simple Sachen für viele, verschlossene Grammatik-Türen für mehr als man anzunehmen wagt. Für die offiziell rund vier Millionen deutschen Analphabeten (inoffiziell und Schätzungen zufolge etwa acht Millionen) sind allein schon derartige einfache Aufgaben strukturell nicht greifbar, mithin Bücher mit mindestens sieben Siegeln.

Eigentlich hätte das Thema Grammatik nach der Veröffentlichung von Sicks Buch erledigt sein können, rangen doch deutsche Kultusminister, Journalisten, Verlage und Deutschlehrer noch damit, die Rechtschreibreform in die Praxis zu überführen. Sick aber, der die Kolumne 'Zwiebelfisch' auf Spiegel Online bedient bzw. von eifrigen Einsendern kurioser Grammatik-Fundstücke bedienen lässt, widerfuhr etwas, womit weder er noch sein Verleger gerechnet hatten: Sick wurde als humorvoller Oberlehrer der Nation in Sachen Deutsch betrachtet und - wie der Buchreport 2005 schrieb - zur "Cashcow mit drei Eutern".

Der Schnellsprecher tourt seit dem Erfolg seines Büchleins (Folge 1) durch Deutschlands Säle, Hallen, Talk- und Radioshows. Sein auf seiner Webseite veröffentlichter Terminkalender weist Auftritte bis Mitte März 2008 auf. Flöht man seine Webseite, bestätigt sich die alte, vor allem von Frauen vorgebrachte Weisheit, dass Männer wie Kinder seien, wenn man sie nur lasse (oder: nicht lektoriere). Unter der Rubrik 'Persönliches' plaudert Sick geradezu ehrfurchtsvoll über seine Begegnungen mit Prominenten.

Zitat: "Und noch eine Talkshow: Am 19.05.2006 war ich bei "Herman & Tietjen" zu Gast. Dort hatte ich das Vergnügen, Christina Plate zu begegnen, die ich natürlich schon seit vielen Jahren vom Bildschirm kannte. Immerhin hatte ich alle 107 Folgen von "Praxis Bülowbogen" gesehen!".

Das klingt arg nach Poesiealbum und passt so gar nicht zum Grammatik-Papst. Stolz wie Oskar schwärmt Sick auch von Hugo Egon Balders Fernsehsendung 'Genial daneben'. "Ich liebe seine Sendung (...). Die ist einfach genial." Oops! Wie war das noch mit der Redundanz? Zumindest auf seiner Webseite drischt Sick manche Phrase und entpuppt sich als Relativist, was mit seinem einst losgetretenen Anliegen doch schwer divergiert. Soll noch mal jemand behaupten, deutsche Intellektuelle hätten nichts fürs Triviale übrig.

 Zuhauf pressen sich Sicks Fans in die Sitze, um ihm beim unterhaltsamen Legasthenie-Bashing zuzuhören. Aktive und pensionierte Pädagogen, Oberschüler, Journalisten und quer durch das Bildungsbürgertum gehende Eintrittskartenkäufer belustigen sich an dessen Anekdoten und Platitüden zur deutschen Grammatik und Syntax. Jene Klientel, über die der "Comedian der Linguistik" (wie ihn Jörn Lauterbach in einem Welt-am-Sonntag-Interview unwidersprochen nannte) referiert und sich gemeinsam mit seinem Publikum amüsiert, ist in den Sälen oder Hallen allerdings meist in Unterzahl vertreten.

Offenbar macht es vielen, die des Deutschen nicht ausreichend mächtig sind, keinen Spaβ, sich als nur den Jargon oder die jeweils regionale Idiomatik beherrschende, grammatikalische oder orthographische Nulpe zwischen lauter Leute zu setzen, die sich daran delektieren, dass man ja irgendwie doof sei, wenn man seine Muttersprache nicht beherrsche. Insofern verkommen Sicks Bühnenauftritte zur Show. Der Meister verteilt das Manna in Form gesammelten grammatischen Unsinns, und des Meisters Jünger haben etwas zu lachen.

Und wie sie lachen! Nicht nur über den gekrümmten Genitiv, dem hilfsweise mit dem Dativ bezukommen versucht wird. Auch falsch gebeugte Verben, individuelles Partizip 1 bei unregelmäβigen Verben und falscher Zeit (etwa: "ein erhabendes Gefühl") tragen zur Erheiterung bei. Nur: wem nützt dies? Muss man Sick nicht zwingend verdächtigen, sich auf Kosten jener zu belustigen, über deren mangelhafte Kenntnisse zu deutscher Grammatik und vorherrschender Umgangssprache er referiert, und dass seine Shows, Audio- und Taschenbücher lediglich hinsichtlich des Umsatzes messbare Ergebnisse bringen, kaum aber irgendeinen Fortschritt in Sachen Deutsch?

Womöglich ja. Nach wie vor machen sich Neu-Unternehmer und Freiberufler wenig Gedanken darüber, ob ihre Firmenwerbung oder das Praxisschild ohne unbeabsichtigte, belustigende Assoziationen gelesen werden. Der falsche deutsche - aber im Angelsächsischen richtige - Genitiv mit Apostroph findet sich stets erneut (Jutta's Schnellimbiss; Frank's 19. Geburtstag), genauso wie der falsche Apostroph mit Akkusativergäzung (Wir lernen für's Leben).

Woran aber liegt es, dass vor allem Jugendliche oft nur Straβendeutsch beherrschen und so schreiben wie sie die Sprache zu sprechen gewohnt sind oder sie in ihr Ohr gelangt? Sind es lediglich die Milieus und Elternhäuser, die Schuld tragen? Oder müssen sich die Deutschlehrer - in Sicks Publikum häufig vertreten - fragen lassen, ob sie inhaltlich und didaktisch richtig vorgehen? Fehlt es gar allen an Muttifazion ('Motivation')? Vielleicht. Mitschuld an der Misere tragen hingegen auch die Konzepte allzu toleranter und experimentierfreudiger Pädagogen, die Rechtsschreibung und Grammatik nach dem Schreib-wie-du-sprichst-Prinzip unterrichten. Derartig blödsinnige Unterrichtskonzepte gab es nicht mal in den Hippie-Zeiten der 1960er und 1970er Jahre.

Lehren bedeutet, anderen etwas in strukturierter Form nachvollziehbar beizubringen. Wenn es aber inzwischen so weit gekommen ist, dass Deutschlehrer an ihrer kardinalen Aufgabe - für die sie bezahlt werden - subsumiert scheitern, was sich an mangelnden Kenntnissen korrekt gesprochener und Schriftsprache von Jugendlichen zeigt, dann erscheint es geradezu illusionär, den Schwarzen Peter etwa Schülern zuzuschieben. Die größte A....-Karte liegt definitiv bei den Deutschlehrern.

Jenen Pädagogen, die sich auf den sich im diffusen Licht und nunmehr mit Prominenten schmückenden Genitivverfechter Bastian Sick einlassen und am folgenden Schultag dennoch ihr gewohntes Programm abspulen, kann kaum beigekommen werden. Sie werden weiterhin das Gelsenkirchener Idiom 'Komm ma nach hierhin', das Berliner 'Mann-ej, ick hab lange im Bette jelegen unt konnt ma hintahear nich ma im Spiejel akennen' oder so manch verklausuliertes, oft verrohtes Jugendsprech durchgehen lassen, etwa: 'Boah Alter, ej, gestern cool runnings. Erst voll den Flash, weil meine Alte, weiβte, rausgeschmissen und so, dann ging's ab, Mann. Hey, absoluter U-Turn. Kommt mit ihre Schwesta wieder, machen mich klar, gedrillt bis der Arzt kam. Habse danach rausgeschmissen'.

 Engagierter Deutschunterricht ist wohl ebenso notwendig wie strikter. Spätestens seit der ersten PISA-Studie ist das theoritscher Konsens. Doch zu selten noch werden jungen Menschen die negativen Konsequenzen mangelhaften Schriftdeutsches und mündlichen Ausdrucks aufgezeigt. Tausende von Deutschkursen müssten danach etwa unter dem Titel 'Deutsch für Deutsche' angeboten werden, so wie 'Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache (DaF/DaZ)' vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) und dem Europäischen Sozialfond (ESF) finanziert werden.

Doch die Regionalen Einkaufszentren der Bundesagentur für Arbeit (REZ) schreiben hinsichtlich dieses eines Industrielandes im 21. Jahrhunderts nicht würdigen, hingegen evidenten Mangels und Makels kaum Maβnahmen aus. 'Deutsch für Deutsche' steht nicht an vorderster Stelle förderungswürdiger Maβnahmen. Wäre ja auch ein Novum, wenn auf einmal volkswirtschaftliche Belange in die Ausschreibungshoheit der Arbeitsagentur einflössen. Was bei muttersprachlichen jungen Erwachsenen Sinn machte, erscheint den kanalisiert auf Integration ausländischer Mitbürger setzenden Konzept- und Maßnahmeentwicklern offenbar vernachlässigenswert.

So haben Studenten und Mittelschichtskinder im Vergleich zu Kindern einkommensschwacher Eltern immer noch deutlich bessere Chancen aus ihrem Berufsleben etwas zu machen, wie eine jüngst erschienene Studie des Deutschen Studentenwerks belegt. Was die Politik freuen mag. Doch so manchem Hochschullehrer schieβen bei der Durchsicht von Erstsemester-Hausarbeiten Tränen in die Augen, wenn vor lauter Orthographie- und Grammatikfehlern die inhaltliche Aussage kaum noch erkennbar ist.

Ausländische Studienbewerber haben es da schwerer, wenn Sie die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang - DSH - bewerkstelligen wollen. Oft sprechen die erfolgreichen Kandidaten besseres Deutsch als manch ihnen begegnender muttersprachlicher Kommilitone.

Sick schreibt alldieweil Tagebuch und erfreut sich neuer Kontakte, wenn auch nicht stets grammatisch sattelfest. Zitat: "Eine durch und durch lauchte Begegnung hatte ich am 1.04.2007: Fürstin Gloria von Thurn und Taxis empfing mich auf Schloss Emmeram in Regensburg." Immerhin.

Aber: Sicks penetranter lingualer Expressionismus in Konnektion mit kohortativem Anliegen zu general oder definit betriebenem Showbiz und dabei mitunter zu Tage tretendem Infantilismus - auch auf dessen Webseite - korreliert mitnichten nachvollziehbar zu dessen Ausgangsanspruch. Anders gesagt: Der Mann plaudert, und sonnt sich im artifiziellen Schein des Lichts. Durch Sicks Werke werden bestenfalls jene noch mal ihre Ausdrucksweise überprüfen, die ohnehin schon des Deutschen mächtig sind.

Was kommt als Nächstes von Sick, oder von Nachahmern? Vielleicht 'Die Qual des Journalisten mit dem Konjunktiv'? 'Der diskrete Charme der Schnelligkeit beim Temporalsatz'? 'Kausal oder Ural'? Oder, als fatalistischer Thriller: 'Die letzte Präposition'?

© Anette von Bartholdy

© GeoWis (2007-06-18)

Anzeige