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Portrait: Eilen Jewell - Starke Stimme aus New England
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"Musik, die mir gefällt"

In den USA ist Eilen Jewell binnen kurzer Zeit zu einer vielbeachteten Künstlerin geworden. Zu Recht. Doch der Weg dorthin war etwas steinig. 

Von Uwe Goerlitz (2009-05-21)

Sie stammt aus Boise, der 200.000-Einwohner-Hauptstadt des US-Bundesstaats Idaho, und erscheint auf der Bühne meist in einem dunklen Kleid, manchmal mit Jeansjacke darüber, und immer in Cowgirlstiefeln. Beethoven-Sonaten, die sie im Auto ihres Vaters gehört hat, brachten ihr den Zugang zur Musik und zum Pianospiel.

 Als Teenager entdeckte sie die Plattensammlung ihrer Eltern, hörte sie durch und kaufte sich eine Gitarre. Seitdem zählt Eilen Jewell Bob Dylan, Howlin' Wolf, Billie Holyday und Bessie Smith zu den Künstlern, die sie geprägt haben. Sie wollte Musikerin werden. Bereits während ihrer College-Zeit, mit 19, bekam sie erste Auftritte in Santa Fe, New Mexiko, bis es sie dann nach Kalifornien zog.

Mit Straßenmusik habe es begonnen, sagt Eilen Jewell im Interview mit GeoWis. Als sie in Venice Beach, Los Angeles, gelebt habe, sei sie einen Sommer lang in ihrem "alten Volvo Kombi täglich zum Strand gefahren", habe ihre "Gitarre ausgepackt und stundenlang gespielt".

Die ruhig wirkende zierliche 28jährige, deren Lieblingsbuch Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce ist, betrachtet diese Zeit rückblickend als eine "der schönsten meines Lebens". Reich habe sie sich gefühlt, aber im Westen sei sie nicht mehr weitergekommen.

Im Januar 2003 packte sie ihre Gitarre neben einigen anderen Dingen wieder in den Kofferraum, und erst mehrere Tage später wieder aus, nachdem sie mit ihrem Volvo quer durchs Land gefahren und in den Hügeln von Massachusetts angekommen war.

In der dortigen Abgeschiedenheit habe sie sich von Kalifornien erholt, stellte ein Demo zusammen, das sie One Of Those Days nannte, und sei dann ins nahe liegende Boston gegangen, dem "musikalischen Mekka der Ostküste", wie sie sagt.

In der dortigen Folk-, Root- und Rhythm & Blues-Szene fasste das ambitionierte Country-Küken schnell Fuß, nahm "jeden Ratschlag an, den ich kriegen konnte". Jewell bekam Solo-Auftritte, während denen sie neben ihren eigenen Kompositionen auch Traditionals und Songs ihrer musikalischen Vorbilder vortrug. Robert Elliott und Fergal O'Toole gaben ihr ein festes Engagement in deren Irish pub Tir na nOg in Somerville, Massachusetts, wo sie bis heute regelmäßig samstagabends spielt.

Sie lernte PJ Eastman, Paul Strothers, Daniel Kellar und Jason Beek kennen, mit denen sie auftrat und ein kleines Live-Demo - Nowhere in No Time - aufnahm, nachdem bereits fertiggestelltes Material bei einem Brand im Studio verloren ging. Drummer Beek brachte sie dann mit Gitarrist Jerry Miller und Kontrabassist Johnny Sciascia zusammen.

 Gemeinsam mit dem Violinisten Daniel Kellar spielte man das auf eigene Kosten produzierte Album Boundary Country ein, das die Szene aufhorchen ließ und beste Kritiken erhielt.

Es ist eine gelungene Komposition von ruhigen, tragenden Folk-Country-Balladen, Rhythm & Blues-Stücken und Rockabilly mit Cajunanklängen, in denen Jewell von Verzweiflung, Tragik und Abschied singt. 

Die Band blieb zusammen, Jason Beek übernahm das Management. Es folgte eine Tournee und das zweite Album, Letters from Sinners & Strangers, das von Signature Sounds produziert wurde und ebenfalls, diesmal landesweit, viel Zuspruch erhielt. Einladungen zu Auftritten und Interviews bei Radiosendern folgten, wodurch Jewells Bekanntheitsgrad weiter wuchs.

Der Tourneeplan der Band füllte sich. 2007 umfasste ihre Tour noch 68 Konzerte, sieben davon in England und Holland. 2008 waren es bereits doppelt so viel, wobei sie 30 Auftritte in Westeuropa hatte. Im laufenden Jahr hat sie bisher 45 gehabt, nochmal so viele stehen bis Oktober an. Was ihr nichts ausmacht, zumindest Eilen Jewell nicht. "Es fühlt sich großartig an, so viel zu touren."

Obwohl sie auch die große Bühne kennt, als Vorgruppe etwa für Loretta Lynn oder Geoff Muldaur, und auf Festivals ihr Bestes gibt, bevorzugt sie die kleineren Bühnen, wo es athmosphärisch vertrauter, überschaubarer und ungekünstelt zugeht. Manchmal erfüllt sie ihren Anhängern dann auf Zuruf den Wunsch nach einem Lied. Ihre Verbundenheit mit ihnen ist offensichtlich, genauso wie ihre Zufriedenheit. Eilen Jewell genießt die Musik, die sie und ihre Band machen.

Der Grund dafür ist einfach, wie GeoWis von ihr erfuhr: "Ich mache nur Musik, die mir gefällt und bin dadurch nicht an eine Richtung gebunden", sagt sie unprätentiös selbstbewusst und erläutert heiter: "Mein musikalisches Spektrum reflektiert die Verschiedenheit der Musik, die ich mag."

 Unumwunden gerne zollt sie berühmten KünstlerkollegInnen wie der Grand Dame des Country - Loretta Lynn -, Charlie Rich, Bob Dylan oder Eric Anderson Respekt, indem sie Songs von ihnen interpretiert und auf ihre Alben nimmt.

"Manche Leute glauben, dass ein neuer Künstler dies nicht zu sehr tun sollte, daß ich jedem erzählen sollte, ich sei völlig originell, aber ich denke nicht, daß es so etwas wie pure Originalität gibt."

Künstler bauten auf dem auf, was vor ihnen gekommen sei, ist ihr Credo. Niemand arbeite im Vakuum, ob man das nun wahrhaben wolle oder nicht.

Die Größen der Szene haben Jewell, die neben ihrer Webseite auch auf My Space präsent ist und zu ihren bevorzugten Musikern auch die australischen Klangkünstler C. W. Stoneking and his Primitive Horn Orchestra (The Love Me Or Die) zählt, längst als eine der ihren anerkannt, zumal ihre eigenen Songs formvollendet und herausragend sind.

Vor wenigen Wochen hat das "lonely rambler girl", wie Jewell sich selbst bezeichnet, mit Sea of Tears ihr drittes Album veröffentlicht, das sie seit ihrer im Januar begonnenen Konzertreise durch die USA live vorstellt. "Für dieses Album hatte ich klare Vorstellungen zum Sound, den ich hören wollte", sagt sie, "und irgendwie gelang es mir, dies der Band zu vermitteln. Das ist ungewöhnlich für mich. Normalerweise lasse ich einen Song einfach so kommen, doch diese Songs bin ich anders angegangen."

Sie sind bewusst etwas schlanker, unvermittelter und gewagter komponiert. Jewell verzichtete auf Violine und Harmonika, was mehr Raum für Genreübergreifendes bot. "Ich hatte einen Traum zu dem Titelstück, und als ich aufwachte, erinnerte ich mich noch daran und schrieb das Lied. Ich wünschte, ich hätte mehr Träume wie diesen."

 Ihr Traum hat sie nun dort ankommen lassen, wohin sie schon immer wollte, wenngleich sie es sich früher anders, glamouröser vorgestellt hatte.

"Ich dachte, wenn du ein Album hättest, bedeutete es, du wärst berühmt und würdest zu jeder Show gehen und jedesmal einen dieser Spiegel (in der Umkleide) mit Lichtern drum haben und alles", gesteht sie Brendan McKennedy im November 2007 in einem Interview. "Doch am nächsten komme ich dem Spiegel, der auf der Sonnenblende zum Beifahrersitz unseres Transporters angebracht ist."

Damit dürfte es nun überwiegend vorbei sein, wenngleich sie sich "mit den drei Kerlen im Van äußerst wohl fühle" und auch im tiefsten Winter zu Konzerten fährt.

Mit Sea of Tears hat sie ein Album vorgelegt, das binnen vier Wochen unter die ersten zehn der in den USA überaus wichtigen Americana Charts vordrang und sich vor J. J. Cales neues Album schob. Hitverdächtig sind vor allem Everywhere I Go und das Titelstrück, aber auch das lange vorhandene Nowhere in No Time und das Them-Stück I'm Gonna Dress in Black haben das Zeug dazu.

Jewell macht, anders als die neuerdings offenbar von Teenagern in manch deutschen Medien hochgeschriebene Pop-Country-Suse Taylor Swift, Musik für Musikliebhaber und Erwachsene, und braucht sich damit weder hinter erfolgreichen KünstlerInnen ihrer Generation - etwa Norah Jones, Katie Melua oder den Cowboy Junkies -, noch hinter ihren Vorbildern zu verstecken.

An stilistische Konventionen hält sie sich wenig, macht Folk mit elektrischer Gitarre (Jerry Miller), jammed, rockt, und fließt mit leicht rauchiger, virtuoser Stimmlage dahin. "Ich war niemals in einer richtigen Rockband, aber ich dachte, ich wäre in einer, als ich sieben Jahre alt war. Wir hatten Pappinstrumente."

Ganz gleich, wo sie in den vergangenen Jahren aufgetreten war, ob in Europa - Madrid, Barcelona, Amsterdam, Den Haag -, wo "der Kaffee um Längen besser" sei, oder Klein- und Großstädten ihres Heimatlandes, überall wurde ihre Musik gelobt. Sogar die Washington Post widmete ihr jüngst einen Beitrag. Eilen Jewell aber ist natürlich, bodenständig geblieben und freut sich.

Wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte, was angesichts ihrer drei vorliegenden Alben im Rückblick schwer nachvollziehbar ist, wäre sie einer anderen Neigung nachgegangen. "Ich könnte mir vorstellen, eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester zu machen", sagte sie vor anderthalb Jahren." Da wusste sie wohl noch nicht, was sie musikalisch wirklich drauf hat.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-05-21)

Interview mit Eilen Jewell (Deutsch) >>

Interview with Eilen Jewell (English) >>

Webseite >>

Tourdaten 2009 in Deutschland (ohne Gewähr)

Essen: 21.09. (EGOBAR); Marburg: 23.09. (AUFLAUF-SZENARIO)

Hören & Sehen:

Sea of Tears >>

Dusty Boxcar Wall >>

Too Hot To Sleep >>

Where They Never Say Your Name >>

 

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