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"Blair mag keine gewöhnlichen Menschen". New Model Army-Frontmann Justin Sullivan im Gespräch mit GeoWis, in dem es nicht nur um Musik geht
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"Alles was ich schreibe, hat Ambition"

Am 19. Dezember 2009 gastiert die britische Rock-Band New Model Army im Rahmen ihrer Today Is A Good Day-Europa-Tour im Kölner Palladium. Es ist das deutsche Weihnachtskonzert der Band, zu dem als Vorgruppe Laibach aufspielt. Im GeoWis-Interview spricht NMA-Kopf Justin Sullivan nicht nur über Musik.

GeoWis: Mr. Sullivan, 1984 haben New Model Army die Bergarbeiter in ihrem Streik gegen Margaret Thatchers neoliberale Politik unterstützt. Wie kam es dazu?

Justin Sullivan: Nun, ich denke, England war sehr gespalten über den Streik, aber die Musiker - und wahrscheinlich die Mehrheit der Musikszene - waren auf der Seite der Bergarbeiter. Auch wir.

GW: Wie haben Sie es damals geschafft, die Plattenfirma EMI davon zu überzeugen, eine Spende an den Bergarbeiter-Fond zu zahlen?

 JS: Im Frühjahr 1984 waren wir die Nummer eins der Independent Charts, weshalb uns alle großen Plattenfirmen unter Vertrag nehmen wollten. Wir wollten aber nicht nur über Geld verhandeln, sondern über einen Vertrag, der uns weitgehende Kontrolle über unsere Arbeit zusicherte. EMI ist uns hier sehr entgegengekommen und hat uns den besten Vertrag angeboten. Dann, etwa in der Mitte des Bergarbeiterstreiks, dachten wir, wir sollten hingehen und dafür sorgen, dass Geld in den Fond kommt. Also haben wir es zu einer Vertragsbedingung gemacht.

GW: Wie viel war es? Fünfstellig?

JS: Weiß ich nicht mehr genau. Wahrscheinlich so viel, dass es uns etwas bedeutete, aber nicht so viel, dass es für den Fond spürbar war.

GW: Zwei Jahre zuvor befand sich Großbritannien im Falkland-Krieg, oder - wie die Argentinier sagen - im Guerra de las Malvinas. Heute befindet sich Großbritannien genauso wie Deutschland im Krieg mit Afghanistan. Wie ist die Stimmung hierzu in Ihrem Land? Welche Haltung haben die Leute, sagen wir, unseres Alters, dazu?

JS: Es ist wirklich schwierig, das zu beantworten. Ich lebe in einer Stadt (Anm. d. Vf.: Bradford), in der ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung muslimisch, pakistanisch ist. Leute fragen mich etwa: "Was denkt die pakistanische Gemeinde?" Die Antwort ist: Nun, es sind ungefähr 80.000 Leute und sie haben 80.000 unterschiedliche Meinungen. In meiner Straße leben zum Beispiel pakistanische Familien in der zweiten und dritten Generation. Darunter sind Familien, die komplett Yorkshire sind. Und es gibt Familien, die sind vollständig ihrer pakistanischen Tradition und Heimat verbunden. Dazwischen gibt es alles. Daher, naja, mache ich mir grundsätzlich keine Gedanken darüber, was die Leute denken.

GW: Was ist mit politischen Strömungen?

JS: Es ist, wie ich finde, eine interessante Sache, was den Zusammenstoß der Kulturen betrifft. Zwischen Europa und den USA, zum Beispiel, bestehen große Unterschiede. Wir waren gerade für einen Monat in den USA, was herzzerreißend traurig war. Die zwei Kriege (Anm. d. Vf.: Irak und Afghanistan) und die acht Jahre ökonomischen Niedergangs in der Ära von George W. Bush sieht und spürt man überall. Von dem Optimismus und der Hoffnung, die eine Zeit lang vor und zu Beginn von Obamas Amtszeit herrschte, keine Spur mehr. In Europa aber sind wir offener, mit unterschiedlichen Kulturen umzugehen.

 GW: Gilt das auch für den Afghanistan-Krieg?

JS: In Europa, besonders in Großbritannien, ... Ach, es ist schrecklich. Bei uns ist die Haltung eher so, dass man das ja kenne, alles schon mal durchgemacht habe, dass man an Kriege gewöhnt sei und dass man sehr fähig sei, in den Krieg zu ziehen. Letztens habe ich zu meinem Nachbarn gesagt - mein Nachbar ist Dachdecker -: "Wie laufen die Geschäfte?" Er sagte: "Schlecht." Ich fragte ihn, ob er besorgt sei, und er sagte: "Nein. Wir kennen das schon."

GW: Ist es eine gesellschaftliche Angelegenheit?

JS: Ja ... und ... nein. Ich denke, es hat mit gewöhnlichen Leuten zu tun. Gewöhnliche Leute haben eine Art historisches Gedächtnis, wonach es gute und schlechte Ernten gibt, gute Jahre und schlechte. Sie wissen, dass trotz einer Reihe von guten Jahren die schlechten auf jeden Fall kommen müssen. So ist es nunmal. Und danach werden wieder gute kommen. Und ich glaube, gewöhnliche Leute akzepieren dies. Es sind lediglich die politische Klasse und die Finanzwichser ('financial tosspots'), die das anders sehen.

GW: Heißt?

JS: Soweit es den Afghanistan-Krieg angeht, der wirklich seltsam ist, haben gewöhnliche Leute viel mehr Gespür als die politische Klasse. Interessanterweise werden wir von Leuten regiert - aus welchem Grund auch immer -, die glauben, dass Geschichte nicht wichtig sei.

GW: Aber es ist die Arbeiterpartei (Anm. d. Vf.: Labour Party a.k.a New Labour) unter Gordon Brown, die Großbritannien regiert.

JS: Jaja, theoretisch ist es eine Arbeiterpartei. Sehen Sie, Tony Blair war Mrs. Thatchers natürlicher Erbe ('natural born heir'). Er ist kein Demokrat. Er mag gewöhnliche Leute nicht und er vertraut ihnen nicht.

GW: Auf dem Kontinent wurde Blair in den Medien völlig anders präsentiert.

JS: Wie meinen Sie das?

GW: Als Anführer von New Labour und als einer, der für die Arbeiter da sei.

JS: (grinst) Blair liebt Blair. Er hatte - und hat - etwas gegen gewöhnliche Leute, weil die nicht das taten, was er mochte. Die Arbeiterpartei, und das ist interessant, ist eine Partei - jetzt unter Gordon Brown, der sich von Blair nicht unterscheidet -, die gewöhnlichen Leuten nicht vertraut. Die Führung der Partei ist da ganz auf Linie.

GW: Von Ihrer politischen Haltung, die Sie bereits vor knapp 30 Jahren an den Tag legten, scheint nichts verloren gegangen zu sein.

JS: Nein.

GW: Lassen Sie uns über das neue New Model Army-Album Today Is A Good Day und die Tour sprechen. Weshalb haben Sie das Album nicht im Sawmills Studio aufgenommen, dem Ort, in dem Sie sich mal wohlgefühlt und etwa Thunder & Consolation aufgenommen haben.

JS: Das erste Album war Hex mit Joolz. Dann Thunder & Consolation, dann Impurity.

 GW: Was war der Grund dafür, dass Sie für Today Is A Good Day nicht wieder ins Sawmills gegangen sind? Wie Sie mal sagten, mögen Sie Cornwell sehr und das Sawmills sei ein gemütlicher Platz.

JS: Dafür gibt es einen einfachen Grund: Geld. Als wir damals dort gewesen sind, war es in gewisser Weise ein verrückter, projektorientierter Familienbetrieb. Die Familie lebte im Obergeschoss, unten war das Studio, das von John Cornfield gebaut wurde, der immer noch als Produzent dort ist. Die Unterkünfte waren spärlich mit einfachen Holzmöbeln eingerichtet. Robert tat es auf, sagte: "Ich habe einen wundervollen Platz gefunden, den ihr mögen werdet." Also machten wir uns mit unseren Instrumenten auf den Weg dorthin, kamen nachts mit dem Boot dort an. Und klar, wir mochten Sawmills. Wir schrieben Thunder & Consolation dort. Wir haben aber nicht viel aufgenommen. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir es beendet hatten. Später haben wir das meiste zu Impurity dort gemacht.

GW: Und?

JS: Die Familie, die oben wohnte, hatte drei wirklich hübsche Töchter im Teenager-Alter. Andauernd kamen Bands ins Studio, was die Mädels aufregend fanden, während die Eltern dachten, dass sei kein so guter Ort für ihre Töchter. Womit sie wahrscheinlich Recht hatten. Also zog die Familie aus. Dann kam jemand mit Geld und machte daraus eine Fünf-Sterne-Unterkunft. Alles ging nach und nach in diese Fünf-Sterne-Richtung und wurde deutlich teurer. John Leckie (Anm. d. Vf.: Produzent von Stone Roses, Radiohead, ...) entdeckte es und hat es häufig genutzt. Andere Bands erfuhren davon und es wurde immer teurer. Wir haben uns irgendwann entschieden, unser eigenes Studio zu bauen.

GW: The Mill.

JS: Ja. Sehr bequem, sehr gut eingerichtet. Klar, dass wir Today Is A Good Day dort eingespielt haben. Ich glaube, Michael (Anm. d. Vf.: Dean) hat sich, seit er Mitglied der Band ist, in den verschiedenen Studios nicht besonders wohlgefühlt. Diesmal ja.

GW: Seit wann gibt es The Mill?

JS: Hmh... Ich glaube, seit 1996 oder 1997.

GW: Tommy Tee, Ihr Manager, verstarb am 23. Dezember letzten Jahres. Dadurch verzögerte sich die geplante Veröffentlichung des neuen Albums fürs Frühjahr, und ...

JS: Es hätte im Mai herausgebracht werden sollen.

GW: Sie haben es ihm gewidmet, weil ...

JS: Ja.

GW: Meinem griechischen Kollegen sagten Sie, das gegenwärtige Line-up sei das beste seit zwanzig Jahren. Wie darf man das verstehen?

JS: Ich glaube, es ist eine Frage der Balance.

(pausiert kurz)

JS: Zum teil musikalisch, aber am meisten hat es mit den Persönlichkeiten der Mitglieder zu tun. Es herrscht große Ausgeglichenheit zwischen uns. 

GW: In der Band?

JS: Ja. Alle Bands fahren eine gewisse Politik. Es gibt Egoismen, unterschiedliche Ansichten, all das. Oft leidet darunter das Vertrauen zueinander. Bei uns nicht. Wir vertrauen uns gegenseitig. Marshall (Anm. d. Vf.: Gill), der vor ungefähr fünf Jahren dazukam, ist absolut integriert. Müsste ich gar nicht erwähnen. Vielen Superbands gelingt so etwas aber nicht. Wir vertrauen uns nicht nur musikalisch, sondern als Menschen. Die Atmosphäre zwischen uns ist geradezu gesund.

GW: Wenn Sie sagen, es sei das beste Line-up seit zwanzig Jahren, klingt das insofern etwas seltsam, als Mr. Nice - 'Nelson' - ja auch schon neunzehn Jahre dabei ist.

JS: Ja. Aber Marshall war das fehlende Glied.

GW: Das Stück Ocean Rising haben Sie bereits 2003 veröffentlicht. Weshalb haben Sie es in das neue Album aufgenommen?

JS: Wir haben es seitdem oft live gespielt und haben uns gefragt, ob es auf unser neues Album passen würde. Wir haben darüber diskutiert, hielten es für gut und differenziert genug, und ... nun, wir finden, es passt gut auf Today Is A Good Day, fügt sich gut ein.

 GW: Es passt vor allem zur Klimadebatte.

JS: Sicher. Aber natürlich ist es lediglich eine kleine Geschichte.

GW: Sind Sie eher Lyriker als Rocksänger? Ihre Texte eigneten sich ja strenggenommen seit Anbeginn mehr für Folk- als für Rockmusik, vergleicht man es mit anderen Rockbands, die sich diesbezüglich transformierten. 

JS: Ich vermute mal, dass alles was ich schreibe, ambitiös ist. Ich hasse Lyrics, die lediglich Gefühle und Kitsch bedienen. Das ist Bullshit und langweilig. Etwa, wenn Leute endlos ihre eigene Angst ('their own Angst') und ihr Inneres beschreiben. Ist uninteressant für mich. Machen wir nicht. Die meisten unserer Songs sind wie kleine Geschichten, die manchmal vielleicht einen politischen Bezug haben. In allererster Linie aber sind es Geschichten.

GW: Das neue Album weist - korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege - wenigstens drei hymnenartige Stücke auf: Autumn, La Push, Ocean Rising. Zuweilen ähneln sie sich. Sind sie eher walisisch, keltisch, oder wie würden sie die Stücke musikalisch-traditionell einordnen?

JS: Eine gewisse Tradion in diese Richtungen ist spürbar und verbindend, sicher. Das war auch schon bei Vagabonds und Impurity der Fall.

GW: Auf der anderen Seite bringen Sie Stücke wie States Radio und Mambo Queen of the Sandstone City, die das Lyrische, Hymnische unterbrechen, geradezu aufmischen.

JS: Klar.

GW: Letzte Frage: Was glauben Sie, wo die Welt in dreißig Jahren stehen wird?

JS: Uuh! Wohl in interessanten Zeiten. Veränderungen werden immer schneller auf uns zukommen, bis wir einen Punkt erreicht haben werden, ab dem die ganz große Veränderung kommt.

GW: Und in der Musik?

JS: Musik?

GW: Wird es noch Rock'n Roll geben?

JS: Ich habe einige Klänge für unser nächstes Album im Sinn, das etwas anders werden könnte. Aber ob es ankommen wird und wohin es künftig mit der Musik geht, weiß ich nicht.

Das Interview/Gespräch führte GeoWis-Chefredakteur Uwe Goerlitz am 23.11.2009 vor dem New Model Army-Konzert im Münsteraner Jovel. Die Fotos stammen von Eva Horstick-Schmitt.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-12-18)

Weitere Konzerttermine (2010) von New Model Army in Deutschland:

Saarbrücken, 16.02.; Frankfurt/Main, 17.02; Dresden, 18.02.; Augsburg, 6.03.; Freiburg i. Br., 8.03.; Leipzig, 9.03.; Hannover, 10.03.; Hamburg, 11.03.2010 

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