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Portrait: Steve Young - A Long Time Rider
[359]

"Lebender amerikanischer Schatz"

Der US-amerikanische Komponist, Songwriter und Sänger Steve Young gehört zu den Großen des 'Outlaw Country'-Stils.

Von Uwe Goerlitz (2008-07-14)

Steve Young war bereits 27, als er 1969 mit dem Album Rock Salt & Nails reüssierte. Insbesondere die etablierte US-amerikanische Folk- und Country-Musikszene horchte auf, denn neuartige Töne und eine melancholisch anmutende Stimme waren diesem Album zu entnehmen. 

 Schnell wurde seine Musik zum Outlaw Country gezählt, eine Richtung, deren Wurzeln bei Elvis Presleys frühen Coverversionen einiger Country-Klassiker zu finden sind. Berühmte Vertreter dieser Richtung, die sich gegen das Country-Musik-Monopol aus Nashville, Tennessee, stellten, waren der frühe Johnny Cash (1932-2003; Album z. B. Live at San Quentin), Willie Nelson (*1933; Album z. B. And Then I Wrote), Waylon Jennings (1937-2002; Ex-Bassist von Buddy Holly; Album z. B. Leavin' Town, 1966) oder Lee Clayton (Album z. B. Naked Child, 1978).

Outlaw Country (dt.: Land des Gesetzlosen) hatte vielschichtige Country- und Folkmusiker hervorgebracht, und ebensoviele Songs. Vielleicht kann als ihr ursprünglichster Vertreter Woody Guthrie gelten. Doch die Vertreter dieser Richtung waren alle früher oder später in Nashville gelandet, dem Mekka der Country-Musik, ihrer Agenten, Produzenten, Studios und Labels.

Young hat sich nie so recht wohlgefühlt, wenn er mit seiner Musik in Schubladen abgelegt wurde. Vielmehr sei er seiner "eigenen musikalischen und spirituellen Suche" gefolgt, wie seiner Biographie zu entnehmen ist. Doch wie etwa Woody Guthrie ließ er einen gehörigen Batzen seiner Südstaaten-Wurzeln in seine Musik miteinfließen.

Der konsequente Loner, geboren in Newnan, Georgia, dort und in den Bundesstaaten Alabama und Texas aufgewachsen, weil seine Eltern seinerzeit Job-Nomaden gewesen seien, stets auf der Suche nach Arbeit, hatte nie das, was man kommerziell als einen Hit betrachtet, gab aber Impulse für andere, die dann Hits plazierten.

 So die US-Band The Eagles, die mit Youngs früher Komposition Seven Bridges Road von dessen Album Rock Salt & Nails einen landeten, nachdem sie eine Coverversion des Songs auf ihrem Live-Album aus dem Jahr 1980 gebracht hatten (2001 brachte die Wonderbra-Country-Röhre Dolly Parton (Hit: Joline) ihrerseits eine Version von Seven Bridges Road).

Gerade dieses Lied scheint ihm sehr am Herzen zu liegen. So äußerte er sich einst - und gibt es in seiner Kurzbiographie wieder: "Ich lebte in den frühen 60ern in Montgomery, Alabama, und hatte einige Freunde dort, die mir diese Straße zeigten.

Sie führte hinaus aus der Stadt. Nachdem du sieben Brücken überquert hattest, fandest du dich auf einer unbefestigten Landstraße wieder. Spanischres Moos hing von den Bäumen, und da waren alte Bauernhöfe mit alten Zäunen, Friedhöfe und Kirchen und Bäche (...)."

Eigener Aussage zufolge hätte Young "im Traum nicht daran gedacht", daß "irgendjemand" das Lied möge oder verstünde. Er habe es eines Abends in Montgomery gespielt und sei überrascht gewesen, wie positiv es angekommen sei, habe es aber zunächst auf sein lokales Standing zurückgeführt.

Es sei "wirklich kein kommerzielles Lied", so Young. Er wisse nicht, weshalb "die Leute es so mögen." Als er damals die Landstraße mit den sieben Brücken entlang gefahren sei, schien es ihm wie "eine Disney-Phantasie zu sein. "Die Leute fuhren dorthin, um zu parken, zu kiffen, oder einfach ihre Ruhe zu haben. Ich glaube, meine Freunde prägten den Namen Seven Bridges Road'.

Später habe Young herausgefunden, daß dieser Name "seit mehr als 100 Jahren" existierte und "die Leute von der Schönheit dieser Straße ergriffen" gewesen seien. "Wie auch immer, es sei nicht "der originale Name dieser Straße", sondern "ein umgangssprachlicher."

 Damals, als die Konkurrenz im Musikgeschäft in Bezug auf Qualität größer war, als man es sich heutzutage vielleicht nicht mal mehr vorstellen kann, wenn man um die 20 oder 30 ist, tourte Steve Young kreuz und quer durch die Klubs seines Landes und ging nur alle zwei- bis drei Jahre ins Studio, um ein Album einzuspielen. Um Hits kümmerte er sich nicht.

Steven Stills von Crosby, Stills, Nash & Young (letzterer: Neil Young) und Van Dyke Parks - beide traf er 1963 -, horchten ob Steve Youngs Kompositionen auf. 

Es kam zur Zusammenarbeit unter dem Namen The Gas Company und zu einigen Konzerten, eines davon als Vorgruppe von The Lovin' Spoonful. Doch Young, ein vergleichsweise sturer Verfechter des Eigenen, hatte sich nur auf eine vorübergehende Zusammenarbeit eingelassen. Dennoch riß die "kalifornische Verbindung" zu Stills und Parks nie ab. Sie blieben Freunde.

Während andere mit Kompositionen von Young Welthits landeten, machte er für sich weiter. Ihm war die künstlerische Kontrolle über seine Arbeit stets wichtiger als der kommerzielle Erfolg. Seven Bridges Road war nur ein fulminanter Anfang. Später sollte er noch eine Vielzahl höchst außergewöhnlicher Lieder schreiben, von denen so gut wie alle dem Outlaw Country gerecht wurden, keines aber ein Hit.

Auf das Genre 'Country' hat er sich bisher nicht reduzieren lassen, weshalb Vermarkter es schwer mit ihm haben. Das vorherrschende Gesetz in der schreibenden, bildenden, tanzenden oder musikalischen Kunst lautet: Schublade. Wer da nicht hineinpaßt, oder sich nicht hineinpassen läßt, wird vernachlässigt. 

 Künstler, die sich selbst verwirklichen wollen, sind eines jeden Agenten Horror. Selbst wenn sie erfolgreich sind. Selbstverwirklichung, sprich: Konsequenz, gilt unter Künstleragenten und Produzenten als nicht vermittelbar, als geradezu tödlich. Steve Young, der Konsequente, lebt noch, tourt noch, und verkauft noch Alben.

Vielleicht kommt seine geradlinige Haltung nicht von ungefähr. Väterlicherseits stammt er laut Biographie von den Cherokee ab. Früh schon trat er den Baptisten bei, einer Religionsgemeinschaft, die kaum weniger kanalisierte Weltsich an den Tag legt, als etwa die der Katholiken. Als Jugendlicher entdeckte er das fernöstliche Zen für sich. Er sei "ein spiritueller Nomade mit wahrhaftig globaler Ausrichtung", so etwa seine wohlwollenden Kritiker. 

Steve Young hat eine weltweite Fangemeinde und ist in den vergangenen 20 Jahren auch weltweit auf Tour gewesen. Darunter in Australien, Neuseeland und - ja - Mikronesien, China und der Mongolei, wo er als  "Botschafter amerikanischer Musik" und "Student der Kulturen" willkommen geheißen wurde.

Bei Young kann man davon ausgehen, daß er nicht aus rein kommerziellen Beweggründen in fernöstlichen und ozeanischen Gefilden unterwegs gewesen war, sondern auch aus kulturellen. Sturköpfe wie er ticken so, und es ist gut und von unschätzbarem Wert, daß es sie gibt, noch gibt, und hoffentlich immer geben wird. Sie passen in keine Schablone, sind aber Bereicherungen fürs kulturelle Leben.

 Während Steve Young in den USA seit Beginn seiner Musikerkarriere zumindest in Insiderkreisen ein Begriff war, erreichte er diesen Status in Deutschland erst Mitte der 1980er Jahre.

Einen leichten Schub hatte ihm dann der legendäre WDR-2-Radio-Deejay Alan Bangs gegeben, der im Herbst 1987 einen Großteil einer seiner Sendungen Youngs später als CD (1990) erscheinendem Tape Long Time Rider widmete.

Bangs hatte in respektvollem Ton etwas angekündigt, das als eines der aussagekräftigsten Alben von Young den Markt erblicken sollte. Der Musik-Journalist Thom Jurek befand knapp 20 Jahre später, daß Long Time Rider eine der "obskursten und am schwersten zugänglichsten Aufnahmen" sei, die Young gemacht hatte. Gleichwohl sei es eines der "lyrischsten, abenteuerlichsten, intimsten (...) Alben, das er jemals auf Band" gebracht habe.

Jurek attestierte Young, der damals 48 gewesen war, in diesem Album, sein Anliegen - die Vermittlung von Akzeptanz, Zuversicht, und Vergebung - aufs Beste interpretiert zu haben, was "für einen der wahren amerikanischen Musik-Outlaws ungewöhnlich" sei. Der renommierte Kritiker ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er Youngs Lieder insbesondere des Albums Long Time Rider eins nach dem anderen pries.´

Behold the Stars unterzog Jurek dabei fast noch routinemäßiger Betrachtung, wobei er schon zart auf die Lyrics einging. Doch bei dem Stück War of Ancient Days, einem kriegerisch-sentimentalen Liebeslied, einem sozusagen state-of-the-art-Scheidungssong, beginnt er zu schwärmen.

Es mag ein ungewollter Trick der Musikgeschichte gewesen sein, daß ausgerechnet Long Time Rider Steve Young in Europa einem für dieses Genre breitem Publikum bekannt gemacht hatte. Songs wie My Love, War of Ancient Days, Have A Laugh oder Behold The Stars avancierten zu Hymnen unter den Outlaw-Country-Fans.  

Tatsächlich hat sich der Mann, der sich zeit seines Lebens nicht in musikalische Schubladen hat schieben lassen wollen, mit über 20 Alben, darunter diverse Livemitschnitte, erfolgreich gegen den Mainstream wehren können und ist trotzdem nicht zum Sozialfall geworden.

Sein vorerst letztes Album Stories Round The Horseshoe Bend erschien 2007. Es bringt auf den Punkt und faßt zusammen, was Young-Fans schon lange wissen: der Maestro ist ein Erzähler, der die Gitarre beherrscht und mit seiner immer noch in hohe Töne vordringen könnenden Stimme alles dominiert.

 Er tourt nicht mehr so oft wie früher, aber wenn er tourt, unterscheidet es sich von jenen Tourneen, die andere seines Alters unternehmen. Nicht stets, indes häufig veranstaltet er während seiner Tourneen Workshops und ist - wie Kurt Beck es nennte - "nah bei de Leut'."

Seinen Auftrittsorten außerhalb der Vereinigten Staaten gewinnt er so auch Erkenntnisse ab, die sich nicht auf die Unterbringung beschränken. Das Kulturelle ist ihm wichtig. 2004 gab er Konzerte in Indien (Neu-Dehli und Jaipur).

Wie sehr er und seine Musik nicht nur dort geschätzt wurden, sondern auch unter den offiziellen Vertretern seines Heimatlandes dort, läßt sich schon daran ablesen, daß die Tournee vom Büro für kulturelle Angelegenheiten (Office of Cultural Affairs) der US-amerikanischen Botschaft in Neu-Dehli gesponsert wurde.

Youngs bescheidene und zurückhaltende Art sei bei den Indern gut angekommen, wie er auf seiner Webseite bekannt gibt. Er habe dort mit lokalen Künstlern gespielt und sich des Folk von Radschastan genähert. Die größten Zeitungen des Landes berichteten ebenso wie TV-Stationen.

In Europa gastierte er zuletzt im Jahr 2005, vornehmich in kleinen Sälen, traf langjährige Fans und gute Bekannte wieder und entdeckte ebenso junge Leute in seinen Konzerten. Manche der von seinem Sohn Jubal Lee Young, der ihn begleitete, aufgenommenen Fotos wirken wie Familienzusammenkünfte.

Wahrscheinlich hat man Youngs Musik und Texte am besten in Schottland nachvollziehen können, dem Land, aus dem das Traditional Should auld acquaintance be forgot, and never brought to mine? stammt, einem der ältesten und gefühlvollsten schottischen Folksongs. Doch auch in Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und in Deutschland waren Youngs Anhänger 2005 in dessen Tiefsinnigkeit einerseits, in die Leichtigkeit seiner Musik andererseits eingetaucht - kurzum: in die offene Seele dieser US-amerikanischen Folk-Country-Rock-Ikone.

1999 huldigte ihm sein langjähriger Kumpel Van Dyke Parks, indem er ihn als "einzigartig, kompromißlos und ungeschminkt" bezeichnete - und als "Lebenden amerikanischen Schatz (A Living American Treasure)".

Am 12. Juli ist Steve Young 66 Jahre alt geworden. Wer als Outlaw-Country'n-Folk-Musiker so weit gekommen ist, wird sich nicht mehr verbiegen. 

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-07-14)

Hörproben auf steveyoung.net  

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