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Portrait: Adam Ezra Group
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A Geographer's Music

Sechs Alben hat die Adam Ezra Group unter Bandgründer Adam Ezra, Geograph, bis Ende 2009 veröffentlicht. Eins besser als das andere. Ihr nun erschienenes siebtes Album setzt noch einen drauf.

Von Liz Bremer (2010-01-30)

GeographInnen sind ein spezielles Völkchen. Wenn sie keine Karriere im Wissenschaftsbetrieb anstreben, landen sie häufig bei Verkehrsbetrieben, in den Planungsabteilungen von Stadt- oder Landesverwaltungen, bei Umweltinstituten, in irgendwelchen Public-Private-Partnership-Dingern (PPP) oder bei Immobiliengesellschaften. In der Regel sind es nicht gerade die spannendsten Tätigkeiten, die man dort ausführen muss.

 Ein Gutteil der GeographInnen aber zieht los, um etwas von der Welt zu sehen, sie zu entdecken, und findet sich flugs an Orten wieder, in die die meisten anderen nicht für Geld gehen würden. Diese Art von GeographInnen hat mehrere natürliche Feinde. Etwa Anzug und Krawatte, Abendkleid und Kostüm, Status-Utensilien, Luxus.

Meist sind diese GeographInnen Idealisten, die die Welt verbessern helfen möchten. Sie verachten im Kern den Kapitalismus, erklären sich solidarisch mit den Verdammten dieser Erde¹, geben der Ausbeutung durch kapitalistische Ideologie die Schuld an deren Lebensbedingungen und leiden am ungerechten Ist-Zustand der Verhältnisse. Dieses gar nicht so kleine Völkchen hat permanent eine Mischung aus Wut und Traurigkeit in der Seele.

So auch Adam Ezra Olshansky, der einen Abschluß als Umwelt-Geograph an der Colgate University, Boston, gemacht hat. Es zog ihn bereits während seiner Studienzeit zu Exkursionen erst durch den nordamerikanischen Kontinent, dann nach Venezuela und für Auslandssemester gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin nach Südafrika. Schließlich fand er sich für ein Entwicklungshilfeprojekt im Kosovo wieder.

2002 - aus der Lebensgefährtin ist eine Freundin geworden - kehrt er zurück nach Boston und gründet mit Jeff 'Turtle' Goulart (Percussions) und Robin Vincent Soper (Bass) die Adam Ezra Group (AEG), zu der sich kurze Zeit später Ezras Cousin Josh Gold (Keyboards) und Jimmy Saulnier (Drums) gesellen. Die Namensgebung der Band basiere auf seiner Egozentrik und Egomanie, wie er augenzwinkernd auf der Website der Band schreibt. So sind sie auch, die GeographInnen. Pflegen ihren Sarkasmus und mischen ihn mit Ironie.

Das erste Album von AEG, 2003 erschienen, trägt den Titel Adam Ezra. Nicht gerade kreativ, aber wohl des Geographen Eigensinnigkeit geschuldet. Es sind zehn hervorragende Songs darauf, die einen ersten Eindruck darüber vermitteln, wo die Band und ihr Leader musikalisch verwurzelt sind.

 Sie erinnern an den lyrikstarken Folk- und Akustik-Rock von Simon & Garfunkel, Cat Stevens und Steve Forbert, zuweilen auch an Gordon Lightfoots Arrangements. Es ist ein in sich geschlossenes Album, das - wie AEG sagt - zu "einem perfekten Sonntagnachmittagsspaziergang" passe.

Es ist vor allem ein gelungenes Debutalbum, deren Produktion die Band aus eigener Tasche bezahlt hat. Im amerikanischen Root-Music-Mekka Boston ist Derartiges nichts Besonderes. Die Metropole an der amerikanischen Ostküste beherbergt längst so viele musikalische Talente, dass Produzenten und Labels die Qual der Wahl haben.

Ihr zweites Album - Sessions - bringt die Band als MP3-Album heraus. Es besticht durch handwerklich und musikalisch gut arrangierte Folk- und Country-Balladen, enthält aber keine herausragenden Stücke. AEG tourt in der Region und wird zum Insider-Tipp.

Im September 2004 veröffentlicht die Gruppe Tumble Down Slow, auf dem sich nur grandiose Stücke befinden, etwa Burn Brightly, Western Man, Fit To Mine, Dynamite, Monster, Corn Song oder Small Town City. Die lokale und regionale Szene horcht erneut auf, zumal Ezra wie einst die britische Sängerin Sandie Shaw stets barfuß auf der Bühne steht, die deshalb mit Teppichen ausgelegt ist.

Neben den Kompositionen und seiner markanten, leicht rauchigen Stimme ist es das Songwriting, was auffällt. Ezra beherrscht es wie Paul Simon oder Leonard Cohen, wie Tom Petty, Gordon Lightfoot und andere. Aufgewachsen sei er mit der Musik von Pete Seeger, Joni Mitchell und Simon & Garfunkel, was daran liege, dass seine Mutter Folksängerin ist, sagte er in einem Interview mit Boston Beats.

 Ein Kritiker wird später schreiben, dass Adam Ezra es verstehe, zu beschreiben, ganz gleich, ob es sich um den Zustand der Welt an einem schönen Morgen in Boston handele, um eine politische Figur, politisches Geschehen, um eine vergeigte Nacht oder um eine verlorene Liebe. Man merke ihm an, dass er aus der Tiefe seines Herzen, seiner Seele singe und spiele.

Auf Tumbling Down Slow ist erstmals Abbie Barret zu hören. Bis 2008 wird sie bei AEG bleiben und auf den Alben Chain und Crawl (beide 2005) singen. Danach beginnt sie eine Solokarriere und legt mit dem Album Dying Day ein formidables Debut hin. Chain und Crawl knüpfen dort an, wo AEG mit Tumbling Down Slow aufgehört hat. Mit Eddie Whistles packt AEG auf Crawl ein veritables Rhythm & Blues-Stück hinzu, von dem es auf Youtube eine Siebenmintenversion gibt.

In der High school habe er sich für Klassiker wie Led Zeppelin, Bob Dylan, The Band, Greatful Dead, Robbie Robertson und Jimi Hendrix interessiert, wie er gegenüber Boston Beats bekennt. Auch die anderen AEG-Mitglieder haben große Vorbilder. So Drummer Jimmy Saulnier, der Jimmy Page (Led Zeppelin), King Crimson, Yes und Emerson, Lake & Palmer zu seinen zählt. Jeff Goulart gibt Thelonious Monk (1917-82) als seinen favorisierten Komponisten an.

Sie alle müssen ihren Vorbildern gut zugehört haben, denn auf allen AEG-Alben finden sich dafür Indizien. Folgerichtig bringt die Gruppe im November 2009 ein Album mit Cover-Versionen einiger ihrer Favoriten heraus, das sie schlicht Cover nennt. Allerdings fehlt auf Cover ein Stück, von dem AEG bisher die beste Cover-Version - nur auf Konzerten - bringt, und zwar so gut, daß das Original fast verblasst.

Die Rede ist von Angel From Montgomery, das John Prine 1971 komponierte und bis heute spielt. In den 1970ern kam die US-Sängerin Bonnie Raitt damit groß raus; John Denver war sich nicht zu schade, es zu covern, und auch die Dave Matthews Band nicht. Doch keine Version wird mit solcher Inbrunst vorgetragen, wie die von Adam Ezra. Bob Seger hätte es vielleicht noch so hinbekommen. Vielleicht.

 Am 23. Januar 2010 stellte Band ihr neues Album View From The Root in Bostons Paradise Rock Club (The Dise) vor und funktionierte die Veranstaltung gleichzeitig zu einer Charity-Party für Haiti um. Es ist das bisher vollkommenste Album von AEG und es ist schwer zu sagen, welcher der 17 Songs herausragt. Denn sie überzeugen alle.

Mit von der Partie sind die Drummer John 'Chappi' Chapman, Brian Geltner und Tom Arey, Gitarrist Adam Elk - früher bekannt als Adam Cohen (The Mommyheads) -, der auch Stimme beisteuert, John 'Scrapper' Sneider (Keyboards) und die Sängerin Abbie Barrett.

Der Musikagent Phil Simon wird nach dem Konzert völlig außer sich sagen: "Ich weiß nicht, wann ich jemals einen Raum so habe explodieren sehen." Die Lokalzeitung The Boston Phoenix lobt AEG als "Boston's new voice in acoustic rock."

View From The Root ist vielschichtig. Katie etwa ist ein rhythmisches Folk-Rockstück übers Verliebtsein, Verschmähung inbegriffen. Half A Hero - Ezra spricht es 'häf ä chiero' aus - erinnert ein wenig an das Only Ones-Stück Another Girl, Another Planet. Es ist kräftig rockig, flott und unglaublich intensiv. Ezra hat hierfür seine Akustikgitarre zur Seite gelegt und die elektrische in die Hand genommen. Er könnte die Welt retten, singt er.

Als wollte AEG es allen zeigen, folgt mit Have We Met ein Stück, das an die gute alte Zeit des Grunge-Rock andockt. Nur folkiger. Another Sunshine, Home Again Soon, Basement Song und Flyin wiederum sind Stücke, die an die Musik Tom Pettys heranreichen und ihr in Arrangement und Komposition in nichts nachstehen. Es ist darüber hinaus durchgehend spürbar, dass hier eine Band ihren eigenen Sound gefunden hat und ihn selbstbewusst präsentiert.

Möglicherweise ist View From The Root der Grund dafür, dass AEG zwischen 2005 und 2009 kein Album veröffentlicht hat. Um 17 durchweg gute Songs zu schreiben, braucht es Zeit. Wie es gelegentlich auch Zeit braucht, um loslassen zu können oder mit Trennung fertig zu werden. Zumindest wird dies bei Just A Girl (That I Knew) deutlich.

 Zu diesem Song - live - erklärt Ezra, was geschehen war, nachdem er mit seiner Liebsten aus Südafrika zurückkam. Sie geht nach Kalifornien, er nach Boston. Plötzlich sind sie nur noch Freunde.

Sein alter Kumpel Rhett, ebenfalls in Kalifornien, ruft ihn eines Abends an und erzählt ihm, dass er sie getroffen und sich in sie verliebt habe. Er fragt Ezra, ob der was dagegen hätte, wenn er mit ihr ausginge. Ezra, ganz Kumpel, sagt "Nein, Mann, das ist cool." Was natürlich Quatsch sei, wie Ezra im Intro sagt. Er habe daraufhin den Song geschrieben.

Ganz klar, Just A Girl gehört zu den intensivsten Songs auf diesem Album und gewiss ist Ezra immer noch ein wenig verhaftet in der Zeit, die er mit seinem Mädel - einem "heavenly angel in jeans" - in Südafrika hatte. Geographen der Kategorie Ezra sind Gefühlsmenschen und sie lassen sich offenbar nicht abbringen von dem, was sie infiziert hat: der Ruf und Drang nach einer besseren Welt. In ihrem Streben danach lassen sie sich von niemandem aufhalten und leiden daran.

Was damit zusammenhängen mag, dass sie - im Gegensatz zu Astronauten und anderen Überfliegern - die Welt von unten nach oben betrachten. View From The Root steht komplett zum Anhören auf AEGs Webseite. Es lohnt sich, reinzuhören.

¹ Die Verdammten dieser Erde (The Wretched of the Earth) ist ein im Dezember 1961 erstmals erschienenes Buch des 1925 auf Martinique geborenen und am 6. Dezember 1961 in den USA an Blutkrebs verstorbenen Arztes und Freiheitskämpfers Frantz Fanon. Sein Buch gilt seitdem als Bibel aller kolonisierten und unterdrückten Völker.

© Liz Bremer

© GeoWis (2010-01-30)

Webseite der Adam Ezra Group >>

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