GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
22. September 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>



Alt und gut: Mike Batt lieferte mit Schizophonia ein Album ab, das bahnbrechend war und auch im Orient ankam. Vor allem in Marokko
[647]
schizophonia_big.gif

"For Mohammed and Morocco"

1977 eroberte der britische Musiker und Komponist Mike Batt mit dem Album Schizophonia die Charts der Welt. Darauf befindet sich auch ein Lied, wie es sich heute im Hinblick auf seinen Text kaum jemand zu schreiben traute

Von Uwe Goerlitz (2010-02-17)

Mike Batt begann seine Musikerkarriere im Alter von 18 Jahren und hatte ab 1970, da war er knapp 21, vor allem Erfolge mit seinen Portrait-Alben (zu den Rolling Stones, Simon & Garfunkel, Elton John, Cat Stevens, George Harrison, Bob Dylan). Es waren vornehmlich Cover-Versionen der Genannten, die er mit seinem Mike Batt Orchestra einspielte. Sie waren interessant und sind auch heute noch hörenswert.

Batt begann früh für andere zu komponieren und zu schreiben. So für Art Garfunkel das Lied Bright Eyes, das ein Welthit wurde, oder für Roger Chapman das Stück Run Like The Wind, das ebenfalls eine Zeitlang aus den Äthern der Welt dudelte. Doch erst 1977 rückte der virtuose Komponist und Lyriker international auch als Musiker ins helle Licht der Öffentlichkeit.

Mit dem London Symphony Orchestra nahm er das Album Schizophonia auf, das gleich drei Hits enthält. Neben dem von Bennie Benjamin, Sol Marcus und Gloria Caldwell geschriebenen Don't Let Me Be Misunderstood, das im Laufe der Zeit etwa von Nina Simone, Joe Cocker, Cat Stevens (heute: Yusuf Islam), Eric Burdon, Elvis Costello, Gary Moore und - mit großem Erfolg - Santa Esmeralda gecovert wurde, auch das Schmusestück The Walls Of The World und The Ride To Agadir.

Letzteres Lied flog im Raketentempo um den Globus und in die Tanzschuppen. Vor allem, weil es auf den Kopf stellte, was bis dahin als Popmusik galt. Man musste kein Englisch können, um darauf zu tanzen, enthält es doch einen so einfach wie genialen Rhythmus, zu dem jeder irgendwie seine Extremitäten bewegen kann. Der wird auch beibehalten, wenn - für damalige Zeiten - experimentelle Einflüsse durch beispielsweise Peter Knights Fiedel hereingebracht werden.

Für den Rhythmus sorgten Clem Cattini (Drums), Ray Cooper (Percussion), Chris Karan (Tablas), Les Hurdle (Bass) und die Gitarren von Chris Spedding, Roger McKew und Alan Parker. Ungeduldige Deejays blendeten meist das Violinensolo von Richard Studt aus, das gegen Ende des Stücks einsetzt, und überblendeten zu einem anderen tanzbaren Lied.

Manche Deejays begannen das Stück erst nach der zweiten Strophe, weil die ersten beiden á capella im Chor vorgetragen werden und vom Sechseinhalbminutenstück etwa 70 Sekunden beanspruchen. 70 Sekunden auf der Tanzfläche, ohne zu tanzen, sind eine unheimlich lange - und zuweilen spannende - Zeit.

Doch es gab auch coole Deejays, die das nicht interessierte. Im legendären Düsseldorfer Schuppen DIN-A-Null, einem der damals maßgeblichen Konkurrenten des Ratinger Hof, legte in den frühen 1980er Jahren einer mal gegen vier Uhr morgens das Stück auf, das zu jener Zeit nicht mehr zu den angesagten Songs gehörte, zumal nicht in einem Laden, der vor Eklektizismus, Neurotik und herausragendem Rock, Punk, Blues, Wave und handverlesenem Hardbeat geradezu platzte.

 Das für alles aufnahmebereite Publikum, das um diese Uhrzeit auch schon mal mit Carl Orffs Carmina Burana gequält wurde, während der Plattenaufleger sich genüsslich ein Altbier einverleibte, eine Zigarette rauchte und irgendwie auch noch Zeit fand, sich von einem Deejay-Groupie knutschen und befummeln zu lassen, vibrierte beim langen á-capella-Intro von The Ride To Agadir und ward beim Einsetzen der Musik kaum noch zu halten. Kaum jemand wird da noch auf den Text geachtet haben. Nicht auszuschließen, dass viele ihn ohnehin kannten.

Er handelt von einer patriotischen marokkanischen Truppe, die Agadir von den "ungläubigen Franzosen" ('infidels of France') befreien will und sich "für Mohammed und Marokko" vom Norden des Landes - "We rode in the morning, Casablanca to the west"- nach dem im Süden besetzten Agadir aufmacht. Es sind Berber- und reguläre Truppen, die den von den Franzosen 1953 nach Madagaskar verbannten zuvorigen Herrscher Sultan Mohammed V., der sich mit den Franzmännern angelegt hatte, wiederhaben wollen.

Es ist ein Lied, das die Unabhängigkeitsbestrebungen Marokkos vor allem von Frankreich in prägnanter Weise thematisiert und in Marokko und anderen arabischen Ländern noch heute unvergessen ist. Auch, weil des Englischen kundige Marokkaner es zeitig auf Marrokanisch/Arabisch übersetzten und dortige Musiker es coverten.

Eine Fulminanz, wie sie Mike Batt mit den Londoner Synphonikern erreichte, gelang den Nachsängern allerdings nicht. Was nicht weiter wichtig ist, denn Batts Lyrics, die die Seele des Unabhängigkeitsbestrebens der Marokkaner erreichten, waren auch so in aller marokkanischer Munde.

Es ist kaum vorstellbar, dass heutzutage ein westlicher Künstler mit einem derartigen Stück, wie es The Ride To Agadir ist, Partei für einen muslimischen Herrscher ergriffe. Ebenso wenig ist vorstellbar, dass das Lied dann auch noch ein geradezu bahnbrechender Welthit würde. 

Der Mut der frühen Jahre westlicher Künstler ist in Zeiten von Nach-9/11 zur kollektiven Furcht geschrumpft. Wagte sich nun noch ein Künstler, zumal ein aus dem Westen stammender, an eine rationale Betrachtungsweise etwa des 'War on Terror', würde er ruckzuck vom kriegslüsternen Mainstream kaputtgeschrieben. Mike Batts The Ride To Agadir ist daher nicht nur ein grandios sinnstiftendes Lied in Bezug auf die nach Unabhängigkeit - vom Westen - strebenden Völker und Nationen. Es ist eine Hymne.

Daher kann sich der Brite, der mit Schizophonia den Grundstein seiner bis heute anhaltenden Weltkarriere als Musiker und Komponist gelegt hat, immer noch jederzeit in der arabischen Welt blicken lassen. Ein Privileg, das den meisten seines Genres verwehrt ist.

Übrigens: Sultan Mohammed V. konnte nach Marokko zurückkehren, nachdem die Berber und einheimischen Truppen die Franzosen erfolgreich aus dem Land vertrieben hatten. Lediglich Spanien sperrt sich bis heute und hält an seinen Exklaven Ceuta und Melilla fest. 1957 wurde Mohammed V. zum König von Marokko gekürt. Er verstarb 1961.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2010-02-17)

Links

Webseite Mike Batt >>

Video zu The Ride To Agadir >>

Anzeige