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Portrait: Godley & Creme, Teil 1 - Vor 35 Jahren verließen die britischen Pop-Zyniker Kevin Godley und Lol Creme die Mega-Band 10cc und bescherten der Musikwelt fortan lange Jahre Geniales
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Die Konsequenten

Kevin Godley und Lol Creme waren einige Jahre lang Mitglieder der intellektuell ausgerichteten Mega-Band 10cc. Vor 35 Jahren begannen sie, sich zu verwirklichen.

Von Uwe Goerlitz (2011-04-26)

Die Geschichte des Abschieds begann während eines vorläufigen Höhepunktes. Nachdem die britische Band 10cc im Januar 1976 ihr anspruchsvollstes Album How Dare You? veröffentlicht hatte, sahen sich Kevin Godley und Lol Creme an einem Scheideweg angekommen und leiteten ihre Trennung von der Band ein, mit der sie so zeitlose Hits wie I'm Not In Love und Waterfall (1975), Rubber Bullets, The Wall Street Shuffle und Donna (1972), Lullaby und Arts For Arts Sake (1976) kreiert hatten.

Zum Leidwesen ihrer kongenialen Bandmitglieder Eric Stewart (Gitarre, Vocals, Keyboards) und Graham Goldman (Bass, Vocals), die Paul Burgess (Drums), Rick Fenn (Gitarre, Vocals) und im Laufe der kommenden Jahre noch andere Musiker hinzuholten und so prächtige Songs wie Feel The Benefit, Good Morning Judge, Dreadlock Holiday, It Doesn't Matter At All, I Hate To Eat Alone oder Don't Send We Back produzierten.

 Gouldman, Stewart, Creme und Godley, die bereits seit Mitte der 1960er Jahre musikalisch miteinander verbunden waren, wenngleich nicht stets als Quartett, und beispielsweise mit Neanderthal Man (1970) in der Formation Hotlegs und mit dem Artrock-Musiker Ramases das Album Space Hymns (1971) aufnahmen, waren gut 15 Jahre lang vier gleichwertige Intellektuelle in Sachen Musik. Zu viel für eine Band in der damaligen Zeit.

Es war ja eine Zeit des musikalischen Entdeckertums abseits von Dogmen. Wer einen Computer (Synthesizer) einsetzen wollte, konnte das zwar schon - die deutschen Bands Kraftwerk, Neu, Tangerine Dream und Can hatten das trefflich bewiesen -, doch was man zusätzlich noch aus diesen Dingern herauszuholen vermochte und wie man dann noch Neues anfügen konnte, unterlag der Innovationskraft des Einzelnen. Im Falle von Godley & Creme waren es zwei Einzelne, die zu einem Ganzen verschmolzen.

Mit 10cc hatten Kevin Godley und Lol Creme einen musikalischen Zenit erreicht, ab dem es gemäß ihres Verständnisses von Weiterentwicklung kaum noch hätte weitergehen können. "Wir waren an einem Scheideweg angekommen", sagte Kevin Godley in einem Interview mit dem Uncut Magazine im März 1988. "Wir verstanden uns als kreative Leute und wollten uns die Chance geben, so kreativ wie möglich zu sein."

Sie hatten dank der Hits mit 10cc, von denen sie einige als Duo komponiert und geschrieben hatten - The Dean And I; Donna - und an vielen beteiligt waren - Rubber Bullets; I Wanna Rule The World -, eine Menge Geld verdient und konnten es sich somit nun leisten, ihrer beider Genialität zusammenzulegen und sich an ein Projekt zu wagen, wie es dies in der modernen Musik bis dahin noch nicht gegeben hatte.

In Filmen war das, was Godley & Creme vorhatten, längst thematisiert worden. Die 1970er Jahre standen abseits kriegerischer Konflikte vor allem unter dem Einfluss von Weltuntergangsszenarien, nicht zuletzt befördert durch den 1968 in Como gegründeten Club of Rome, ein Verbund extrem wohlhabender Leute, der sich um Überbevölkerung und damit einhergehender Problematiken wie Umweltverschmutzung, Klimawandel, Nahrungsmittelknappheit und überbordendem Ressourcenverbrauch beschäftigt und seit seiner Gründung weltweit entsprechende Studienerstellung in Auftrag gibt.

Der Intellektuellenfang ging an Godley & Creme nicht spurlos vorbei. Sie begannen, an einem Konzeptalbum zu arbeiten, das heute Kultstatus besitzt. Und sie sparten nicht damit, dieses Album textuell anzureichern. Als es unter dem Titel Consequences im Juni 1977 herauskam - als 3er-LP-Box und 3er-Kassetenbox mit Samtblister im LP-Format, ausgestattet mit einem 20-seitigen Booklet mit Goldprägung auf dem Cover -, rückte es alles an Pop-Musik-Alben bisher Dagewesene in den Hintergrund. Selbst Mike Oldfields Tubular Bells. Der Clou: Es war keine Pop-Musik, und ist es bis heute nicht. 

Godley & Creme erzählen in Consequences die Geschichte vom Kampf des Menschen gegen die Natur. Sie erzählen sie nicht nur gut, sondern beängstigend, untermalt mit einem musikalischen Opus, das - angereichert mit zappaesken Klang-Collagen und Orff'scher Harmonik - einerseits schaudern lässt, anderseits Unbekümmertheit wie auch Fatalismus auf geradezu ironisierende Weise herausstellt. Etwa mit dem Instrumentalstück Sleeping Earth und dem darauf folgenden, teils choralen Honolulu Lulu.

 The Flood, dem das Geräusch von Zähneputzen vorangestellt ist, aus dem ein sich verstärkendes Tropfen von Wasser entsteht, das sich zu einem starken Plätschern entwickelt und in einen fulminaten Showdown mündet, erinnert an Peter Weirs Film The Last Wave (Die letzte Flut; 1977). Allerdings: Der Film entstand zeitlich nach Godley & Cremes Vision. Sie zitieren Robert Green Ingersoll (1833-99): "In Nature, there are neither rewards nor punishments - there are Consequences."

Godley & Creme haben mit Consequences nicht lediglich ein Weltuntergangsszenario komponiert, sondern auch Protagonisten für einen zweiten Handlungsstrang eingebaut. Während draußen alles zerfällt, die Berliner Mauer durch ein Erdbeben gekippt wird, ein Hurricane Honolulu und ein Tornado Manhattan verwüsten, Schiffe vor Englands Küste sinken, sitzen vier Leute im Dachgeschoss eines sich im Umbau befindenden Hauses: Walter Stapleton, dessen französische Gattin Lulu, ihr Anwalt Mr. Pepperman und der völlig betrunkene Mr. Haig, Stapletons Anwalt. Es geht um die Scheidung von Lulu, gesprochen von der ehemaligen Schauspielerin Judy Huxtable. 

Unterhalb des Dachgeschosses, in dessen Boden ein Loch klafft, wohnt der Komponist Mr. Blint, gesprochen vom inzwischen verstorbenen britischen Humoristen Peter Cook, seinerzeit Huxtables Ehemann. Blint, der über geheimnisvolles Wissen verfügt, ist der Einzige, der die Welt vor dem Untergang bewahren kann - mit seinem Piano und einem dafür geschriebenen, fast synphonischen Stück in 17 Sätzen.

Immer wieder mischt er sich in die skurrilen Scheidungsverhandlungen ein und weist vergeblich darauf hin, was draußen los ist. Doch erst als Haigs Goldfisch namens Roland Selbstmord begeht, indem er aus seinem Glas springt, wird den Beteiligten klar, dass die Welt draußen nicht mehr in Ordnung ist und das Wetter verrückt spielt. Blint setzt eine Warnung ab: "It's not a good omen when goldfish commit suicide."

Zwar war die Welt in den 1970er Jahren ebenso wenig in Ordnung wie sie es heute ist, doch es gab eine weitaus aktivere Jugend, die sich auch daran orientierte, was ihr musikalisch an Inhalten zur globalen Unordnung dargereicht wurde. Allerdings war Consequences - trotz herausragender, mit viel Sarkasmus versehener Dialogsequenzen ("Rome wasn't burnt in a day") - kein durchschlagender kommerzieller Erfolg beschieden, obwohl darauf höchst melodiöse Songs wie Five o'Clock in the Morning, When Things Go Wrong und Blint's Tune verewigt sind. 

 Auch die - kurzen - Stücke Cool, Cool, Cool und Sailor bieten Hörgenuss. In Sailor kommt auch Godley & Cremes lyrische Kraft zum Ausdruck, etwa wenn es heißt: "Sailor I love you, but you only love the sea. (...) Sailor why don't you love me?" Und was sie bereits während ihrer Zeit bei 10cc abgeliefert hatten, nämlich enorme und virtuose Sangeskunst, stellen sie beim Stück Lost Weekend im Verbund mit der Sängerin Sarah Vaughan erneut unter Beweis.

Die Produktion des Albums war außergewöhnlich kompliziert und nervenaufreibend, wie aus dem Booklet und aus Godleys Interview mit dem Uncut Magazine hervorgeht. Im Oktober 1976 teilten Godley & Creme ihrer Plattenfirma Phonogram mit, ihnen schwebe ein Triple-Album vor, das Ende des Jahres fertiggestellt wäre und nur mit dem Gizmo, einem von ihnen bereits zu 10cc-Zeiten entwickelten - und mit dem Physiker John McConnell von der Uni Manchester perfektionierten - Zusatzgerät für Gitarre, eingespielt werden solle. Im Oktober aber hatten sie gerade drei Minuten der insgesamt 118 Minuten, die Consequences schließlich aufweist.

Den Phonogram-Leuten sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen, dass Godley & Creme bei 10cc ausstiegen und das Album-Projekt ihr Einstieg als Duo sei. Das habe Phonogram erst am 4. November 1976 erfahren, wie es Chronist Paul Gambaccino im Booklet schreibt. Nun aber war es klar. Gut einen Monat später hatten sie einige weitere Minuten in den Strawberry Studios von Manchester eingespielt, wobei sie hauptsächlich nachts arbeiteten, weil tagsüber andere Bands das Studio nutzten.

Vor allem arbeiteten sie mit ihren Gizmo-Gitarren, mit denen sie nahezu sämtliche real existierenden Instrumente simulieren konnten, und zwar in einer Weise, dass man als Hörer kaum in der Lage ist, dies zu bemerken. Genau das war Godley & Cremes Anspruch. Lediglich - hinsichtlich realer Instrumente - ein paar Drums-Einlagen und Mel Collins Saxophon auf When Things Go Wrong haben sie nicht mit dem Gizmo fabriziert.

Für manche Ton- und Geräuschsequenzen ließen sich die beiden Musiker, die sich an der Kunsthochschule von Manchester kennen gelernt hatten, viel einfallen. So rückten sie eines Nachts mit Wassereimern an einer Durchgangsstraße an eine Mauer heran, bauten ihre Mikrophone auf und kippten wuchtig das Wasser vor die Mauer. "Leider hatten wir nicht bedacht, dass die Motorengeräusche der gelegentlich vorbeifahrenden Autos unsere Aufnahmen überlagern konnten", erinnerte sich Lol Creme im Uncut Magazine. "Die Polizei regelte das für uns."

 Ihre Kunsthochschulausbildung kam dem Duo auch bei der visuellen Artwork zu Gute. So entwarfen sie eine aus Glas drapierte Welle mit großem Maul, bastelten ein Miniatursegelboot und applizierten es in das Maul. Im Ergebnis sieht es aus, als erhöbe sich ein raubtierhafts Wellenmonster, das das Bötchen im Begriff ist, zu verschlucken.

Als musikalisch wie finanzielles Monster muss Phonogram das Opus magnum Consequences betrachtet haben, ohne es zunächst zu verstehen. Im Februar 1977 trommelte Marketing Director Kenneth Maliphant seine Kollegen aus den wichtigsten ausländischen Phonogram-Dependancen zusammen, um sich gemeinsam mit ihnen die erste von sechs LP-Seiten in den Strawberry Studios anzuhören. "Sieh dir diese Typen an", habe einer der geladenen Musikjournalisten laut Gambaccino geflüstert. "Sie haben keine Ahnung, worum es geht."

Wie Beethoven oder Mozart hatten Godley & Creme den vollen inneren Überblick zu ihrem Werk. Womöglich hätten sie noch einige Monate mehr gebraucht, um auch den kleinsten mutmaßlich unbedeutenden Tonschnipsel in seine vorgesehene Position zu bringen, doch die Marketing-Leute drängten, so dass der Gedanke tondichterischer Entropie plötzlich dem Beschleunigungsgesetz unterlag.

Am 17. Juni 1977 veröffentlichten Godley & Creme Consequences. Es war ihr Meisterstück, dem noch eine Reihe weiterer, wenngleich nicht derartig opulente Meisterstücke folgen sollten.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2011-04-26)

Links zu Videos finden Sie in Teil 3.

Teil 2 >>

Teil 3 >>

 

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