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Portrait: Godley & Creme, Teil 2 - L, Freeze Frame und Ismism.
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Relax, Relax

Nach ihrem Opus Consequences war sich die britische Musikkritik darüber einig, dass Godley & Creme ihr Pulver verschossen hätten. Sie sollten sich gewaltig irren.

Von Uwe Goerlitz (2011-04-29)

Paul Gambaccini, der Chronist zur Entstehung von Consequences, erlebte das zweite, 1978 erschienene Album von Godley & Creme - L - erneut hautnah mit. Diesesmal entspannter, zumal das Duo nicht mehr vorwiegend auf das Gizmo setzte, sondern neben den von ihm gespielten 'richtigen' Instrumenten wie Drums, Snare Drums, Xylophon, Bongos, Kongas, 12-String-Akustikgitarre, Bass, Orgel und Piano auch gestandene Kollegen als Gastmusiker engagierte. So Jonathan Handelsman und Andy Mackay (Alto-, Bariton-, Tenor- und Sopran-Saxophon). 

 Hatten sich Godley & Creme mit Consequences einen Platz im Olymp avantgardister Opulenz gesetzt, gingen sie bei L etwas allgemeinverständlicher vor, ohne jedoch dem damals in Britannien vorherrschenden Punk- und Pop-Mainstream Rechnung tragen zu wollen. Das Gegenteil war der Fall. Das Duo setzte mit L auf Kontrast, der fulminanter nicht hätte ausfallen können und in dieser Form lediglich vom Amerikaner Frank Zappa bekannt war.

Hits im engeren Sinn? Fehlanzeige. Underground-Hits? Unbedingt. Den Fitness-Wahn der frühen Jahre nahmen sich die begnadeten Musiker auf siebeneinhalb Minuten im Stück The Sporting Life geradezu elogisch, in jedem Fall aber genüsslich vor; laxes Studentenleben und Ignoranz besingen sie in Art School Canteen, einem ruhigen Stück, in dem sie bedeutungsakrobatisch in einer Zeile Frank Zappa erwähnen ("Does getting into Zappa, mean getting out of Zen"); das neo-liberale Wirtschaftsgebaren des damaligen britischen Premiers Edward Heath entlarven sie in grotesk-frecher Weise im Song Business Is Business.

Die semantische und kompositorische Virtuosität von Lol Creme und Kevin Godley gehört zu den herausragenden Erscheinungen moderner, vor allem komplexer Musik. Auf L ist davon reichlich zu finden. So im Stück Sandwiches Of You ("I'd like to know you better, and maybe take you home; I'd like to know your father, but really not tonight ..."). Und auch in einem der wohl am meisten unterschätzten Songs dieses Albums, Group Life. Keine großen, aber doch interessanten Lyrics, mit denen das Duo darin aufwartet ("Don't have no penpal to write to, don't have no Pentel to write with, don't have no pencil to bite through ...").

Hits in ökonomischem Sinne befinden sich auf L nicht. Dazu bedurfte es erst eines weiteren, 1979 erschienenen Albums, das unter dem Titel Freeze Frame auf den Markt kam. An Englishman In New York heißt der Hit, den sogar der einschlägige mediale Mainstream zur Kenntnis und wohlwollenden Kritik nahm, der aber aus Sicht eingefleischter Godley & Creme-Anhänger zu den schwächsten Stücken dieses Albums zählt.

Random Brainwave, I Pity Inanimate Objects, Clues, Mugshots und das Titelstück sind weitaus brillanter. Aber gut, die Plattenfirma wollte einen Hit und das Duo hat ihn mit An Englishmen In New York prompt geliefert. Eine kleine Konzession, die es Godley & Creme aber ermöglichte, an den restlichen sieben Stücken des Albums ihren kreativen Spaß zu genießen.

So zeichnet sich das Stück I Pity Inanimate Objects durch einzigartige Stimmenüberlagerungen aus, die auf zuvor in unterschiedlichen Tonlagen aufgenommene und dann übereinander gemischte Stimmensequenzen zurückzuführen sind. Für Freeze Frame lud man Paul McCartney ein, der Backing Vocals beisteuerte, und Phil Manzanera, Gitarrist von Roxy Music. Erstmals bedienten Godley & Creme sich auch den Cover-Gestaltern von Hipgnosis, die man noch aus 10cc-Tagen kannte. Für L hatte man noch auf die Künste von Hothouse und der Fotografin Sally Fear gesetzt.

 Inzwischen weitete das Duo seine Kreativität aus und begann mit der Gestaltung und Produktion - vorangetrieben von Kevin Godley - von Musikvideos, wobei sie gleich eines für ihren Hit An Englishman in New York vorstellten. Zwar existierte der Musikvideosender MTV noch nicht - der ging erst zwei Jahre später an den Start -, doch gab es genügend andere Abspielstationen im englischsprachigen Raum.

Polydor, bei der Godley & Creme unter Vertrag waren, wollte Hits und eine kommerziellere Ausrichtung, allerdings wollte das Duo zumindest Letzteres nicht. Und Hits hatten sie mit 10cc genügend geschrieben. Die britischen Zappas, wie die beiden gelegentlich genannt wurden, ließen sich folgerichtig für ihr viertes Album zwei Jahre Zeit und brachten es im Oktober 1981 in Europa unter dem Titel Ismism, in den USA unter Snack Attack auf den Markt. Während das US-Cover mit aggressiv heranfliegenden Burgern illustriert ist (Cover: Lou Beach), erschien das Album in Europa a) mit weißem, und b) mit schwarzem Fond (Cover: Ben Kelly).

Das Album fegte wie ein Tornado durch die von Punk, New Wave und Neuer Deutscher Welle geprägte europäische Popmusikwelt und sorgte auf dem nordamerikanischen Kontinent auch auf Grund seines despektierlichen Flying-Burgers-Cover für Aufsehen. Hatte Kevin Godley im Interview mit dem Uncut Magazine Consequences als "Meisterwork" bezeichnet, das man häufig bekifft angegangen war ("We smoked a hell of a lot of dope") und die Welt draußen nicht mehr wahrnahm, gibt es bislang keine Äußerungen darüber, auf welchem Trip sie bei Ismism gewesen waren.

Auf jeden Fall muss es guter Stoff gewesen sein, vielleicht sogar körpereigene Endorphine oder was auch immer, denn anders ist kaum zu erklären, wie sie zu ihren Lyrics und der komplexen musikalischen Abfolge gelangt sind. Das Album beginnt mit dem Siebenminutenstück Snack Attack, das satte, an einen Fretless-Bass erinnernde Töne und ein Tenorsaxophon als Kernrhythmus aufweist. Es geht ums übermäßige Essen, ums Abhängen vor dem Fernseher, um Fressanfälle, und um eine Menge Gerichte, die von Spaghetti, Bohnen und Chips über Milkshakes, Fondue, Speck, Bagels und Tandoon Prawns bis Cottage Cheese und Waffeln mit Sirup reichen.

In Referenz oder ironischer Anspielung dachten sich die Klangkünstler dazu einen Refrain aus, der auf die 70er-Jahre-Krimiserie Kojak abhob, Zitat: "I feel like Kojak sittin' in a Cadillac, I gotta eat, I gotta eat a Flapjack, a stack, a rack, a six-pack Jack, just call me Jack Kerouac (...)." Snack Attack wurde ein veritabler Hit in den USA, Britannien, Japan und Deutschland, wenngleich das Feuilleton und auch die Käufer der Single-Auskopplung mehr auf das Stück Under Your Thumb abfuhren, das auf Platz drei der UK-Charts geriet.

Ob es daran lag, dass die Rolling Stones seinerzeit mit Under My Thumb einen Song mit ähnlichem Titel auf dem Markt hatten, weiß niemand. Eher wird wohl der verständliche Text, in dem es um eine Bahnfahrt geht und sich eine Frau vor den Zug wirft, die Aufmerksamkeit erregt haben. Naja. Gewohnt intellektuell und geht es im Song Joey's Camel zu. Jemand hängt in der ägyptischen Wüste auf einem Kamel ab und schreibt seiner Mutter einen Brief über seine Erlebnisse, Visionen und Träume. Getragen wird der Song vor allem von flotten Percussions, Bassrhythmen und orgelähnlichen Tönen. 

 Geradezu einen Angriff auf das Hör- und Verarbeitungsverständnis eines ganz normalen Musikkonsumenten - mit inhaltlich kaum Nachvollziehbarem - leisteten sich Godley & Creme mit dem Stück The Problem, das jedem Mathematiker auch heute noch vor Schmunzeln oder Irritation Tränen in die Augen treiben muss.

Die gigantische Textaufgabe verlangt jedem, der sie ernst nimmt, enorme Rechenkünste ab. Vom System her könnte man sie folgendermaßen zusammenfassen: Wenn ein Mann mit einem bestimmten Gewicht morgens um halb neun mit seinem Auto, das soundsoviel Liter pro Meile verbraucht, durchschnittlich 40 Meilen pro Stunde fährt, unterwegs einen Tramper mitnimmt, der ein politischer Aktivist ist, und so weiter - wie lange dauert es dann, bis eine Badewanne mit Wasser gefüllt ist?

Auf The Problem folgt das recht kurze und textarme, indes schnelle, von Bass und Saxophon (alle Saxophone: Bimbo Acock) dominierte Stück (The Room Is) Ready For Ralph, das musikalisch eine Weiterführung des Ausklangs von The Problem ist. Alles klar? Die zweite Seite des Albums beginnt mit Wedding Bells und einer Geschichte, die auch heute noch täglich von Hunderttausenden erlebt wird. Er will lediglich Spaß haben, sie will heiraten. Keine große Story, aber ein musikalischer Ohrwurm - und das einzig hingeluderte Stück auf Ismism.

Besser gelungen ist dem Duo Lonnie, das die Geschichte des 42-jährigen Texaners Lonnie Garamont erzählt, der eines Morgens in einem Motel in den Spiegel blickt, sich scheiße findet und ein Loser ist. Es ist nicht überliefert, ob Lonnie Garamont jemals existierte, aber es ist eine nette kleine Geschichte, eingebettet in einen für Godley & Creme eher untypischen Song und wie Wedding Bells ein Ohrwurm.

Seite zwei dieses Album kann als Konzession an den Mainstream verstanden werden, zumal mit Sale Of The Century ein weiterer Ohrwurm präsentiert wird. Gleichermaßen kann das Stück als Fausthieb gegen die Plattenfirma Polydor gedeutet werden, denn der Refrain von Sale Of The Century, vorgetragen im synchronen Duett, ist Schunkel- und Mitsingmusik pur.

Die "beste Kunst" reflektiere das, was in der realen Welt geschehe, statt jene, die "nur aus dem Kopf" komme, sagte Kevin Godley im Interview mit dem Uncut Magazine 1997, in dem er sich - anders als Lol Creme - einigermaßen vom "Meisterwork" Consequences distanzierte. Es gibt Menschen, die das entschieden anders sehen. Kevin Godley, frustriert und aufgefressen von der mehr als fünfzehn Jahre währenden Zusammenarbeit mit Creme, befasste sich 1981 schon mit Abwanderungsgedanken von Creme. Verträge und Freundschaft hielten das Duo zusammen.

Nichtsdestotrotz lieferten Godley & Creme mit The Party, dem Schlussstück auf Ismism, den ersten Rap der Musikgeschichte ab, als Rap als Genre noch gar nicht definiert war. Das Achtminutenstück ist neben Snack Attack der Bummer und erinnert an das Stück Neighbours von Quantum Jump, wenngleich es um Längen rhythmischer, schneller und textintensiver ist. 

Ismism war ein kommerzieller Erfolg und sicherte dem Duo die nächste Produktion. Zwar verstanden die Marketing-Leute von Polydor noch immer nicht, was für eine Musik sie da verkauften und fanden keine Schublade, in die sie sie stecken konnten, aber sie verkauften Ismism gut.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2011-04-29)

Kleines Titelbild: Ausschnitt aus dem Frontcover von Freeze Frame.

Links zu Videos finden Sie in Teil 3.

Teil 1 >> 

Teil 3 >>

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