GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
18. Dezember 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>



Portrait: Godley & Creme, Teil 3 - Birds Of Prey, The History Mix Volume 1 und Goodbye Blue Sky
[828]
goodbye_blue_sky_big.gif

Sweet Memory

Godley & Cremes musikalische Schaffenskraft schien kein Ende zu kennen. Doch nach mehr als zwei Jahrzehnten Zusammenarbeit trennten sie sich.

Von Uwe Goerlitz (2011-05-06)

31 Musikvideos produzierten und regierten Godley & Creme zwischen 1981 und 1983, davon acht für eigene Songs. Unter den verbleibenden 23 befinden sich Clips für Welthits wie Girls On Film (Duran Duran), Fade To Grey (Visage), Heat Of The Moment (Asia), Every Breath You Take, Synchronicity und Wrapped Around Your Finger (The Police), Rockit (Herbie Hancock) oder Something 'Bout You Baby I Like (Status Quo). Eingefleischte Godley & Creme-Anhänger wissen das.

 Vor allem Kevin Godley war angetan vom Videodreh. In der angelsächsischen Popmusikszene galt das Duo nun auch in diesem Metier als einfallsreich, innovativ, pedantisch und erfolgreich, so dass gestandene Künstler und vielversprechende Newcomer ihnen die Tür einrannten. Dazwischen fanden Godley & Creme Zeit, neun Songs einzuspielen, die sie auf ihrem fünften Album - Birds Of Prey - 1983 herausbrachten.

Birds Of Prey (dt.: Beutevögel), dessen Cover-Gestaltung von Geoff Halpin das freizügige Denken und Verhalten der jungn Leute der frühen 1980er Jahre bedient, reicht nicht an das Vorgängeralbum Ismism heran, weist aber einige beachtenswerte Stücke auf. So Samson, ein schneller, rhythmischer und tanzbarer Song, in dem die Liebe und das Ende zwischen Delila und dem stolzen, alternden Rennpferd Samson thematisiert wird. Eine Geschichte, die zumindest bei Pferdeliebhabern großes Mitgefühl evozieren kann.

Ähnlich flott, hingegen mit ausschweifenderen Lyrics bedacht, ist Worm & Rattlesnake. Der Song hat nichts mit Klapperschlangen oder Würmern zu tun, sondern beschreibt leicht kryptisch-metaphorisch die unerfüllte Liebe eines jungen Mannes zu seiner Angebeteten. Mit Madame Guillotine knüpfen Godley & Creme überzeugend an das Stück Sandwiches Of You von ihrem Album L an, und Twisted Nerve erweist sich musikalisch als Reminiszenz an I Pity Inanimate Objects vom Album Freeze Frame.

Die weiteren Songs - My Body The Car, Cats Eyes, Save A Mountain For Me (auf dem die Trompete von Guy Barker erwähnenswert ist), Woodwork und Out In The Cold - gestalten sich als eher mäßig und es scheint, als seien sie lediglich Zierrat oder als Füllstoff verwendete Abfall- bzw. Zwischenprodukte von Sessions. Für jene Fans des Duos, die erst seit Ismism hinzugekommen waren und dem neuen Album entgegenfieberten, dürfte Birds Of Prey eine Enttäuschung gewesen sein.

 Für die Plattenfirma Polydor auch. Godley & Creme standen noch mit zwei abzuliefernden Alben im Soll und Polydor wollte endlich wieder einen Hit. Aber Kevin Godley war längst auf die Entwicklung, Produktion und Musikvideos fixiert und zog seinen Kumpel Lol mit. Er sei immer an der "rein künstlerischen Seite" interessiert gewesen, sagte Godley noch 2006 im Interview mit dem Online-Mag Get Ready To Rock! anlässlich einer von der Plattenfirma veröffentlichten Kompilation (10cc - Greatest Hits And More). 

Bevor die beiden Ausnahmekünstler 1985 ihr sechstes Album veröffentlichten, das sie zum Leidwesen von Polydor-Marketing-Leuten The History Mix Volume 1 betitelten, widmeten sie sich der Videoproduktion. Für die britischen Dancefloor-Popper Frankie Goes To Hollywood drehten sie Two Tribes und The Power Of Love. Beide Songs wurden nicht zuletzt durch die aufwändigen Videos zu Welthits.

Sie drehten die Clips für Paul Youngs Hit Everythig Must Change, Duran Durans James-Bond-Song A View To A Kill, Stings If You Love Somebody Set Them Free und viele weitere, darunter auch den für Sun City für die Künstlervereinigung Artists Against Apartheid, zu denen etwa Shriekback zählten. Für den Sun City-Clip engagierten sie den damals noch nicht so bekannten US-amerikanischen Regisseur Jonathan Demme, der später mit dem Film Stop Making Sense (Talking Heads) und Blockbustern wie Philadelphia, Das Schweigen der Lämmer oder The Manchurian Candidate Filmgreschichte schrieb. 

Zwei der während dieser Zeit entstandenen Musikvideos drehten sie für eigene Songs, die auf dem Album History Mix zu finden sind, und überraschten ihre Plattenfirma mit dem Stück Cry, das zunächst als Single herauskam. Für das Video erhielten sie Preise; für den Song eine Menge Geld, denn er wurde ein internationaler Hit. Das Album, auf dem eine mehr als doppelt so lange Neun-Minuten-Version von Cry verewigt ist, darf getrost als Ausdruck schleichender Lustlosigkeit an der Musik gewertet werden.

In Wet Rubber Soup, neuneinhalb Minuten lang, verwursten Godley & Creme die unter ihrer Mitwirkung entstandenen 10cc-Hits Rubber Bullets, Minestrone und I'm Not In Love in einem Medley mit dem damaligen Zeitgeist geschuldeten Elektrobässen. Auf der zweiten Seite wärmen sie An Englishman In New York und Save A Mountain For Me auf. Der weltweite Erfolg von Cry verschaffte ihnen gegenüber Polydor Luft und die genossen die beiden Pop-Nihilisten in eigener Sache, indem sie sich wieder den Videodrehs für andere Künstler widmeten, Pop natürlich.

 Der selbst inzwischen als Musikvideoproduzent auftretende Superstar und Ex-Genesis-Begründer Peter Gabriel beauftragte Godley & Creme mit dem Dreh für sein mit Kate Bush für das Album So eingesungene Stück Don't Give Up. Huey Lewis and the News durften sich für ihren Hit It's Hip To Be Sqaure über ein von Godley & Creme produziertes Video freuen; für Wang Chung zeichneten sie beim Dreh für Everybody Have Fun Tonight, für Patti LaBelle bei Oh, People, für Ultravox bei All Fall Down, für Lou Reed bei No Money Down, für The Police bei Don't Stand So Close To Me ('86), für George Harrison bei When We Was Fab verantwortlich. Nicht zu vergessen auch für Peter Gabriels Biko.

Kevin Godley und Lol Creme gehörten seinerzeit zweifelsohne zu den gefragtesten Musikvideoproduzenten und -regisseuren im angelsächsischen Raum. Ein Vertragsalbum aber hatten sie noch vor der Brust. Obwohl sie sich mittlerweile musikalisch wie in einer gealterten Ehe befanden, wie beide später verschiedenen Musikmagazinen zu Protokoll gaben, gelang ihnen ein letztes Album, das keine Schwierigkeiten hatte, das lustlos produzierte History Mix zu übertreffen, zumal sich darauf zwei Stücke befinden, die ebenfalls zu Hits avancierten.

Sie nannten es Goodbye Blue Sky und brachten es 1988 heraus. Cremes und Godleys Affinität zu Schnulzen- und Beebop-Rhythmen, wie sie sie über die Jahrzehnte immer wieder modern hatten anklingen lassen, besonders während ihrer frühen 10cc-Zeit, wird mit A Little Piece Of Heaven, dem euphorischen Golden Rings und dem larmoyant-sehnsüchtigen Sweet Memories gehuldigt. A Little Piece Of Heaven wurde wieder ein Hit, wenngleich nicht ein solcher Bestseller wie zuvor Cry.

Als Wertschätzung an die Fans der ersten Stunde kann das Stück Crime & Punishment eingeordnet werden. Es ist elogisch, höchst melodiös und markiert eine wunderbare Evolution und Transformation jener Stücke, die auf dem Opus magnum Consequences in die Ohren der Hörer gerieten. Dass Godley & Creme auch Rock'n Roll können, beweisen sie mit The Big Bang

 Recht zügig nach Erfüllung ihres Vertrags mit ihrer Plattenfirma trennte sich das innovative Duo. Lol Creme hätte nichts dagegen gehabt, weiterzumachen, aber Kevin Godley wollte sich auf die Kunst am Musikvideo noch tiefer einlassen und sich auch anderweitig künstlerisch betätigen. Beide waren Mitte vierzig. Sie hatten musikalisch grandiose Erfolge erlebt, setzten als Musikvideoproduzenten nachhaltige Akzente und sind als Erfinder des Gizmotrons in die Musikgeschichte eingegangen. Doch nun, ab 1988, war alles anders. 

Kevin Godley produzierte weiterhin Musikvideos, während Lol Creme sich für Jahre zurückzog. Finanziell hatten beide schon seit langem ausgesorgt, aber was heißt das für jemanden, der vor Kreativität zu platzen droht, wenn er sie nicht ausleben kann? Nichts. Es ist unwichtig. Godley konnte sich ausleben. Er hatte es früh genug in entsprechende Bahnen geführt.

Seit der Trennung hat er mindestens 77 Musikvideos gedreht. So für die Fine Young Cannibals (Don't Look Back), Band Aid (Do They Know It's Christmas), Wet Wet Wet (Sweet Surrender), Bryan Adams (Can't Stop This Thing We Started), Blur (Girls And Boys), Ex-Eurythmics-Kopf David Stewart (Heart Of Stone), Phil Collins (Dance Into The Night), Black Crowes (By Your Side), H.I.M. (Pretending), Katie Melua (Nine Million Bicycles), und so weiter. Kevin Godley ist nach wie vor dick im Geschäft.

Creme, der am liebsten komponierte, Musik machte, fiel nach der Trennung nicht wie ein verlassener Lebenspartner in ein Loch. Er zog nach Los Angeles, dreht dort Werbespots für PacBell und Chrysler, komponierte die Filmmusik füf Toys - zusammen mit Trevor Horn und Hans Zimmer - und erhielt für sein Schaffen Preise, unter anderem in Cannes.

 Aber erst zehn Jahre nach der Trennung stieg er wieder richtig ein, als sich das Musikprojekt Art Of Noise, das von 1983 bis 1990 wirkte und einige interessante Video-Animationen zu ihren damaligen Stücken hervorbrachte (Beatbox; Moments In Love), 1998 wieder zusammentat. Creme kannte Trevor Horn, Paul Morley und Anne Dudley aus früheren Tagen. Inzwischen gehören der Gruppe auch J.J. Jeczalik und Gary Langan an.

Im vergangenen Oktober ist Kevin Godley 65 geworden und seitdem in einem Alter, in dem man ohne Aufhebens in Rente gehen könnte. Doch er ist noch nicht so weit. Lol Creme wird diesen September 64. Seit einigen Jahren malt er mit Öl impressionistische Landschaftsbilder und Stillleben, die wesentlich von privaten Sammlern gekauft werden.

Einen etwaigen 'History Mix Volume 2' gibt es allerdings bis heute nicht. Niemand, außer vielleicht der Plattenfirma, hatte dies angesichts des Duos Konsequenz - zu machen, was es will - ernsthaft erwartet. Gut möglich, dass sich die beiden Klangartisten in den elf Jahren ihres Zusammenlebens als Godley & Creme musikalisch und kompositorisch letztlich verausgabt hatten. Dafür spricht, dass sie bis einschließlich Ismism vier fulminante Alben hingelegt hatten und es anschließend nur noch zu mäßigen reichte. Seltsamerweise produzierten sie ausgerechgnet zu diesen ihre Verkaufsschlager.

 Wer Godley & Creme in jungen Jahren erlebte und heute in jungen Jahren hört, zumal wenn er sich nicht ausschließlich oder auch nur teilweise das Gedudel der Charts anhört, der kommt sicherlich noch jetzt, im Jahr 2011, auf seine Kosten. Vor allem, wenn er sich dem Gesamtwerk dieser einzigartigen Artisten widmet. Ein Stück darf dabei nicht ungehört bleiben: Rubber Bullets.

Das wurde 1973 mit 10cc eingespielt und war seiner Zeit lyrisch-politisch voraus. Gummigeschosse, in Deutschland erst gegen Ende der 1970er Jahre eingeführt, werden laut des Songs auf friedlich abfeiernde Leute im lokalen Knast, zu dem auch Leute von außerhalb der Gitter kamen, abgefeuert. Letztlich rückt sogar die Nationalgarde an.

Kleines Titelbild: Ausschnitt des Frontcovers von Birds Of Prey (Artwork: Geoff Halpin).

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2011-05-06)

Teil 1 >>

Teil 2 >>

Videolinks (Youtube; Von Birds Of Prey sind im deutschen Sprachraum kaum Youtube-Einstellungen verfügbar):

5 o'Clock In The Morning >>

The Flood >>

Sailor (Extract from Consequences with Cool Cool Cool ending and proper Intro-dialogue and strong Continueing on high stereo) >>

Honolulu Lulu >> 

Sandwiches Of You >>

Art School Canteen >> 

Snack Attack >>

The Party >>

The Problem >>

Ready For Ralph >> 

Cry >>

Mit 10cc (Auswahl)

Rubber Bullets (Live) >>

I'm Not In Love (Live) >>

Anzeige