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Portrait: Carlos Santana - Fusion-Master und Rhythm-Papst
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Genie aus Jalisco

Jüngst wurde Carlos Santana 65 Jahre alt. Er stand, wie meist, auf der Bühne. Diesmal im Rahmen seiner Shape Shifter East Coast Tour in Atlantic City, USA. Der Mann ist ein Phänomen und ein Glücksfall für alle, die von ihm profitieren.

Von Tom Geddis (2012-07-26)

Seit seinem ersten offiziellen Konzert am 13. Februar 1969 in San Franciscos Fillmore, gab es nur zwei Jahre, in denen Carlos Santana nicht bzw. fast nicht tourte. Das erste war 2001, als er lediglich eine Show im Fillmore Auditorium gab; das zweite war 2007, als er offiziell nirgendwo Konzerte spielte. Wenn das Jahr 2012 zu Ende gegangen ist und der Gitarrenvirtuose keine Show absagt, kann er auf insgesamt 2988 zurückblicken.

 Die meisten Konzerte wird er bis zum Ende der Shape Shifter East Coast Tour in den USA gegeben haben (1874), auf deutschem Boden die zweitmeisten (236, davon zwei in der DDR und 14 in Ostdeutschland nach der Wende), dann Japan (106) und Frankreich (105, davon vier in Monaco).

Die Rangliste seiner Shows ist nahezu identisch mit der der wichtigsten Absatzmärkte seiner Alben, DVDs und Merchandising-Produkte. In Ländern, in denen es an nötiger Kaufkraft mangelt oder in denen seine Alben vorwiegend als Raubkopien gekauft werden, tritt er hingegen nicht so häufig auf.

Seine Live-Auftritte sind legendär und versetzen weltweit das Publikum in Ekstase, vor allem in seinem Geburtsland Mexiko. So während seiner beiden Konzerte im Sportpalast zu Mexico City am 22. und 23. Mai 1993, die zur Sacred-Fire-Tour gehörten. Beim Stück Esperando (Waiting) flippten die Leute aus, wie auch bei Batuka, Black Magic Woman, Oye Como Va, Samba Pa Ti, Guajira, Open Invitation und Jin-Go-Lo-Ba.

Letzteres nutzte er, um während elf Minuten seine Bandmitglieder vorzustellen - darunter sein Bruder Jorge an der Gitarre - und alle, die auf der Bühne etwas zu suchen hatten. Auch Kinder. Entstanden ist eine der besten Versionen des auf seinem ersten Album (1969) vorgestellten Songs Jingo.

 Lateinamerika, besonders Mexiko, wo er erstmals 1973 auftrat, liebt seinen Carlito. Das Publikum spricht er natürlich auf auf Mexikanisch an, mit einem leichten Akzent aus dem Bundesstaat Jalisco, in dem er am 20. Juli 1947 in dem Städtchen Autlán de Navarro, das an der MEX 80 zwischen dem Pazifik und Guadalajara liegt, geboren wurde. Tagelang huldigten ihm jüngst mexikanische Tageszeitungen und Online-Medien im Hinblick auf seinen 65. Geburtstag. El Universal nannte ihn liebevoll den "ewigen Hippie".

Carlos Santana, der seinen Durchbruch als 22-Jähriger auf LSD während dem Woodstock-Festival hatte, brachte eine ganze Reihe hervorragender Alben auf den Markt, von denen einige Kultstatus erlangten.

So Abraxas (1970), auf dem die zu Welthits avancierten Songs Black Magic Woman (geschrieben von Ex-Fleetwood Mac-Mitgründer Peter Green), Oye Como Va (Tito Puente) und Samba Pa Ti erstmals vorgestellt wurden; Santana III (1971) mit den Hits Everything's Coming Our Way und Guajira (Rico Reyes, David Brown, José Areas); Amigos (1976) mit dem ruhigen Europa (Carlos Santana, Tom Coster); Moonflower (DLP, 1977) mit She's Not There (Rod Argent, The Zombies) und Flor d'Luna (Tom Coster).

Als einer der ersten stellte er mit Caravanserai (1972) Jazz-Fusion - damals noch Jazzrock genannt - mit Latin-Einflüssen einer globalen Hörerschaft vor, auf dem die vielbeachteten Stücke Song Of The Wind und Every Step Of The Way herausragen. Wenige Monate zuvor hatte er mit Ex-Jimi-Hendrix-Drummer Buddy Miles ein Live-Album eingespielt (1972). Er legte zwei weitere, teils musikalisch komplexe Alben in anverwandtem Stil zu Caravanserai nach: Welcome (1973) und Borboletta (1974).

 Für Welcome arbeitete er mit der Jazz-Kapazität John Coltrane (Saxophon), dem noch jungen Schlagzeuger und Perkussionisten Michael Shrieve, der wie zuvor bei Caravanserai als Co-Produzent wirkte und nun - wie Tom Coster - zur Band gehörte, und dem Chef des Mahavishnu Orchestra, John McLaughlin, zusammen. Den Gesang steuerte die Brasilianerin Flora Purim bei. Purim hatte zuvor bereits mit Stan Getz und Stanley Clarke zusammengearbeitet.

Borboletta bedeutete eine kaum für möglich gehaltene Steigerung von Welcome und Caravanserai. Was für die Band ebenso gilt, die 13 Mitglieder hatte, darunter Stanley Clarke (Bass), Flora Purim (Gesang), den damals 50-jährigen Armando Peraza (Congas) und die bereits erwähnten Tom Coster, Michael Shrieve, José 'Chepito' Areas), David Brown.

Das Stück Mirage (León Patillo) gilt vielen als das geläufigste dieses Albums. Es steht außerhalb des instrumentellen Jazz-Fusion und Funk. Caravanserai, Welcome und Borboletta begründen eine Schule. Diese drei Alben gelten heute noch als Meisterwerke ihres Genres.

Carlos Santana suchte ab etwa 1972, nachdem er John McLaughlin kennen gelernt hatte, spirituelle Horizonterweiterung bei dessen indischem Guru Sri Chinmoy (1931-2007) und erhielt den Titel Devadip, was so viel heißt wie Seher, Licht Gottes. Das offenbar gute Karma trug mit dazu bei, dass das Album Love Devotion Surrender (1973) entstand, für das - neben anderen - John McLaughlin und Billy Cobham mitwirkten und das von John Coltrane geschriebene, später vom britischen Popstar Robbie Williams zu einem Welthit gemachte Stück A Love Supreme verewigt ist.

Der Erleuchtungsphase zuzuschreiben sind im Weiteren die Alben Illuminations (1974), Oneness: Silver Dreams - Golden Reality (1979) und The Swing Of Delight (1989). Auf Illuminations, bei dem John Coltranes Frau Alice an den Keyboards mitwirkte, und The Swing Of Delight huldigt Santana seinem Guru Chinmoy. Oneness beendet diese Phase.

 In die Devadip-Zeit fällt auch das Triple-Album Lotus (1974) - ein während seiner ersten großen Japan-Tour entstandenes Live-Album, das auf Grund seiner aufwändigen Klapp-Cover-Gestaltung, dem beigefügten Poster (ca. 60 x 90 cm) und der Mischung aus vielem, was Santana bis dahin an Songs - und noch sieben neue extra für Japan - im Portfolio hatte, als Vinyl heute unter Liebhabern hoch gehandelt wird.

In Japan vermeidet es Santana, wie meist bei Live-Shows, allzu viel Erleuchtung nach außen zu tragen, zumal Japaner mit den Lehren indischer Gurus nicht gerade viel anfangen können.

Der in mäßigen Verhältnissen aufgewachsene Superstar - das ländliche Mexiko der 1950er Jahre war damals so lebensfeindlich wie heute -, dessen Vater die Familie als Mariachi-Geiger ernährte, Carlito früh an Violine und Gitarre heranführte und später mit der Bagage in die Grenzstadt Tijuana umsiedelte, hat nie vergessen, woher er kommt. Dank seines weltweiten Erfolgs konnte es sich Carlos Santana schon früh leisten, sich für Minderheiten und Marginalisierte einzusetzen und sie finanziell wie edukativ zu unterstützen. Er tut es bis heute.

Wobei er seine Familie nicht außer Acht lässt. Das Instrumentalalbum Blues For Salvador (1987) widmete er seiner damaligen Frau Deborah und seinem inzwischen selbst als Musiker tätigen Sohn Salvador, der gelegentlich mit dem Vater auf Tour ist.

In Deutschland gab Santana auch immer wieder grandiose Konzerte, vor allem in den 1970er Jahren, beispielsweise in der Essener Grugahalle, in der Düsseldorfer Philipshalle und in der Dortmunder Westfalenhalle. Auch in den 1980er Jahren kam er für fünf ausgedehnte Touren vorbei, selbst nach Ost-Berlin, wo er im April 1987 an zwei Tagen im Palast der Republik auftrat.

 Seine Alben Inner Secrets (1978), Marathon (1979), Zebop! (1981), Shangó (1982) und Beyond Appearances (1985) waren allerdings im Vergleich zu den USA, Frankreich und Japan, wo sie mit Platin und Gold ausgezeichnet wurden, hierzulande kommerziell nicht so erfolgreich wie die vorangegangenen.

Nach dem Live-Album Sacred Fire: Live In South-America hatte der Meister sich in Deutschland zwar nur für wenige Shows blicken lassen und lieber die USA, Japan und Ozeanien gerockt, aber 1996 war er wieder auf ausgedehnter Tour im Lande. Und wann immer es ihm und seiner Milagro-Stiftung nutzt, begibt er sich auch auf Reisen in exotische Regionen, tritt in kleinen Orten auf oder erleuchtet das Publikum in exklusivem Ambiente.

So trat er im deutschen ländlichen Raum auf - Aurich, Bocholt (2004), Salem (2008) -, wie Jahre zuvor auf der Karibikinsel Saint Lucia (erstmals 1997) oder auf der von den USA annektierten pazifischen Militärbasis Guam (1993). Zu seinen frühesten exotischen Show-Orten gehören Haiwaii (Honolulu, 1971), Ghana (Accra, 1971) und 1973 Alaska (Anchorage), Indonesien (Jakarta) und China (Hong Kong). 

Während Carlos Santana den afrikanischen Kontinent bislang nicht übermäßig mit Konzerten beglückt hat - neben Ghana nur Marokko (1994; 2010), trat er in Arabien nur zweimal auf (VAE, 2008; 2010). Dort können die Veranstalter ihn bezahlen. Im eher kaufkraftschwachen afrikanischen Markt gelten ohnehin andere Gesetzmäßigkeiten. Da werden vom Volk gerne Merenge und daraus Abgeleitetes gehört. Indes, weshalb er noch nicht im wirtschaftlich potentem Südafrika aufgetreten ist, bleibt ein Rätsel.

 Am häufigsten zeigte er in den vergangenen vier Jahrzehnten sein Können in seiner Wahlheimat San Francisco und in einigen Casino-Hotels in Las Vegas, etwa The Joint at the Hard Rock Hotel & Casino und dem House of Blues at Mandalay Bay.

Obwohl das Genie aus Jalisco in den 1990er Jahren auf seinen Touren siebenmal in Deutschland gastierte und insgesamt 42 Konzerte gab, nahm der journalistische Mainstream kaum von ihm Notiz. Erst als er Mitte 1999 das Album Supernatural auf den Markt brachte, das flugs ein globaler Erfolg wurde, belagerten ihn die deutschen Journos und stellten ihm Fragen nach seinem gelungenen Comeback.

Comeback? Dem Maestro mussten derartige Fragen befremdlich vorkommen, doch er sagte als erfahrener Künstler und längst Erleuchteter das, was man von ihm hören wollte, ohne den teils erschreckend flachmatischen, nur selten über ihren Tellerrand hinausschauenden Fragestellern mitzuteilen, dass er immer da war, nur eben nicht immer in Deutschland.

Vielleicht hat er sich damals die Frage gestellt, weshalb ausgerechnet jene, die so viel Unkenntnis und liederliche Vorbereitung an den Tag legen, überhaupt als Journos arbeiten dürfen. In summa dürfte es ihn kaum belastet haben, kamen doch stets ausreichend Fans zu seinen Shows. Die allerdings, hätten sie die Gelegenheit dazu gehabt, wären ihm wohl kaum so profan gekommen.

Doch mit derlei Beliebigkeiten wird jeder Superstar konfrontiert und hat gelernt, auch noch bei der blödsinnigsten Frage gute Miene zu machen und sie höflich zu beantworten. Knapp 3.000 Konzerte härten ab. Wichtig ist, dass genügend Promo für Shows und Album gemacht werden. Und Klicks auf die Fotostrecken der Online-Portale, die den Maestro mit stumpfsinnigen Fragen beschattet haben.

 Mit Supernatural ist Carlos Santana seinem Anspruch treu geblieben, mit anderen Künstlern abseits seiner eingespielten Truppe zusammenzuarbeiten, wobei es lediglich für den flüchtigen Beobachter danach aussieht, als schmückte er sich mit deren bereits erreichtem Bekanntheitsgrad.

Maná, mit dem er das zum globalen Hit gewordene Stück Corazón Espinado (Stachelherz) einspielte, war zwar vor Supernatural schon eine große Nummer in Lateinamerika, aber mitnichten vergleichbar mit dem Maestro an der Gitarre. Für Maná war es eine Ehre, gar eine Weihe, mit Santana spielen zu dürfen. Genauso wie für die anderen.

Etwa für Dave Matthews bei Love Of My Live, Rob Thomas bei Smooth, Everlast bei Put Your Lights On und auch 'Slowhand' Eric Clapton bei The Calling. Mit Carlos Santana zu musizieren, dürfte der ultimative Kick selbst für Granden wie Eric Clapton sein. In den 1970er Jahren wechselten sie sich an der Spitze der weltbesten Gitarristen - mit Jimmy Page - ab.

Im Zweifel spielt der Meister sie noch alle an die Wand. Selbst mit Instrumenten, die er nicht so intensiv gelernt hat wie die Gitarre. Beim Konzert in der Essener Grugahalle (1978) löste er den begnadeten Perkussionisten Chester Thompson, langjähriges Bandmitglied, kurzerhand an den Congas ab, nachdem dieser bereits über zehn Minuten ein Solo gegeben hatte und sich geradezu erlöst sah. Der Chef setzte dann noch etliche Minuten drauf - in einer Weise, die Thompson beinahe wie einen Lehrling aussehen ließ.

Mit seiner 1998 gemeinsam mit seiner damaligen Frau Deborah ins Leben gerufenen Milagro Foundation, der aktuell das Gründungsmitglied Shelley Brown vorsteht, unterstützt er finanziell Bildungs-, Ausbildungs-, Wohnungs- und Gesundheitsprogramme für Kinder und Jugendliche "all over the World" (Santana). Es ist ihm ein dringliches Anliegen.

 Der Mann aus Jalisco ist über sein soziales Engagement hinausgehend ein musikalisches Phänomen und macht kein Aufhebens darob. Er spricht mit seinem Publikum, ohne es zu belehren. Er würdigt andere Größen des Geschäfts, selbst wenn diese bereits verstorben sind. So den Reggae-Musiker Bob Marley (1945-1981), den er verehrt und - zum Beispiel - 1993 im Sportpalast zu Mexico City seinem Publikum in Erinnerung rief. 

Carlos Santanas im vergangenen Mai erschienenes 36. Album - Shape Shifter -, das er den gesamtamerikanischen Indios gewidmet hat, verkauft sich weltweit wie heiße Tacos. In Deutschland wurde es bislang kaum besprochen. Dabei ist das durchgehend instrumental gehaltene Werk ein weiteres Highlight in der Reihe seiner großartigen Alben. Santana-Anhänger besitzen es längst, und neben der CD selbstverständlich auch die Vinylversion.

Die Öffentlichkeit weiß nicht viel über das, was ihn sein ehemaliger Guru lehrte, obwohl Carlos Santana manche Erkenntnisse in Alben verewigt hat, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen. Doch die Phrase Taten wiegen schwerer als Worte vermittelt im Hinblick auf des Maestros sozialen Engagements den Eindruck, dass es Hoffnung abseits politischer Entscheidungen irgendeines Regimes oder irgendeiner gewählten Regierung für Marginalisierte gibt.

© Tom Geddis

© GeoWis (2012-07-26)

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