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Portrait: Tubes, The - What Do You Want From Life?

"I was a Punk before you were a Punk"

Kaum eine Mega-Band der 1970er Jahre trat spektakulärer und frivoler auf als The Tubes.

Von Jochen Henke (2007-04-24)

Nach der knapp fünfminütigen Overtüre zu Beginn ihres Konzerts im berühmten Londoner Hammersmith Odeon, in dem The Tubes im November 1977 auftraten, begrüβte Frontmann Fee Waybill die Menge: "Good Evening London. Like I said last night we've been waitin' a long time for this, it's been a long way coming. It feels great man, it feels great. We're gonna kick'r ass for you tonite. This first song is called 'You got yourself a Deal (...)".

 Den Tubes, 1973 formiert und mit ihren ersten drei Alben unterschiedlich erfolgreich, eilte der Ruf voraus, bei Live-Auftritten eine wahre Rockshow zu präsentieren - jeden Abend. London hatte bis dahin schon einiges an Mega-Bands gesehen und erlebt. Nicht die Tubes.

Doch immerhin die braven und halbbraven britischen Eigengewächse The Beatles, The Who oder The Rolling Stones, die Psychedeliker Pink Floyd und Deep Purple, die theatralisch wie musikalisch Progressiven wie Genesis, Jethro Tull oder Roy Harper, die Hardrocker Led Zeppelin, die Skurrilen Glamour-Granden David Bowie oder Cockney Rebel, und auch die Mega-Punker Sexpistols.

Aus den USA waren andere musikalische Strömungen und groβe Bands bekannt. Alice Cooper, The Eagles, Boston, Foreigner, Supertramp - die Konkurrenz der Tubes war enorm -, und aus San Francisco, dem Standort der Tubes, die Stars der 1960er, und viele mittelgroβe Bands, vor allem jene, die unkonventionelle Klänge darboten, etwa die programmatisch inkognito qua Nomen musizierende Gruppe The Residents.

Nun die Tubes, von denen man gehört - oder bereits gesehen - hatte, daβ sie mal zu neunt, mal zu zwanzig auf der Bühne standen und ein Spektakel veranstalteten, das nicht nur musikalisch überzeugte, sondern auch was fürs Auge sei. Blanke weibliche Hintern oder die knapp verdeckte Scham von Tänzerinnen, die auch die Backing Vocals machten oder sich schon mal in den Schritt faβten - oder beides -, seien zu bestaunen.

Ausschnitt aus dem Album-Cover (LP) 'What Do You Want From Live? 1978Nach der Overtüre und der Begrüβung hatte es damals nur wenige Minuten im Hammersmith gedauert, bis die Menge auf Touren gekommen war und bis zum Ende des Konzerts nicht mehr unter das Niveau der ersten Minuten sackte, sondern sich mit der musikalischen Intensität steigerte.

Festgehalten, zumindest akustisch, wurde die Vorstellung auf dem Album What Do You Want From Live?, einem in die Rockgeschichte eingegangenen Kunstwerk.

White Punks on Dope, einer der groβen Hits der Tubes, der 1977 in den britischen Charts Platz 28 erreichte, wurde von der Hardrock-Band Mötley Crüe 25 Jahre nach dem ersten Erscheinen nachgespielt. Nina Hagen coverte ihn bereits 1978 und verewigte ihn auf ihrem ersten Album unter dem Titel 'Ich glotz' TV' (TV-Glotzer).

Bissiger als Frau Hagen schon damals, anspruchsvoller und durchaus gesellschaftspolitisch zielgerichteter waren die Tubes. Das war auch, trotz aller Frivolitäten auf der Bühne, das Anliegen dieser Band. Viel Show und Spektakel, aber auch inhaltlich und musikalisch muβte es stimmen und kohärent sein.

Blanke Hintern und Busen - manchmal aus einer nur knappen Halterung herauswippende Brüste - waren der Augenfang fürs männliche Publikum; der nach links herauslugende Phall Fee Waybills einer fürs weibliche. Was sich The Plasmatics, einer seinerzeit in Insiderkreisen bekannten Band, die in Deutschland gegen Anfang der 1980er Jahre in Hamburg und West-Berlin aufgetreten war, leisteten, nämlich bizarre Show mit mindestens barbusiger Einlage, hingegen schwer verdaulichem Klangsammelsurium, war bestenfalls ein Abklatsch zu dem, was die spektakuläre Band aus San Francisco bot.

'Tubes'-Frontfrauen, 1978. Foto: Bill Spooner WebseiteNeben den geballten erotischen Einlagen war es vor allem die Musik, die überzeugte und globale Wellen verursachte: Purer Rock und purer Roll, dazu ein prägnantes Schlagzeug, das Prairie Prince im Schlaf beherrschte; eine saftige Leadgitarre von Roger Steen; einen immer präsenten Bass von Rick Anderson; einen strukturell und taktisch ins Gesamtkonzept passenden Synthesizer von Michael Cotton; das Gitarrenspiel - und das vor allem - von Bandgründer Bill 'Sputnik' Spooner; und nicht zu vergessen das Pianospiel des im Juni letzten Jahres verstorbenen Vince Welnick.

Den Grundstein für ihren gut zehn Jahre lang andauernden fulminanten Erfolg legten die Tubes schon mit ihrem 1975 erschienenen ersten Album, dem sie keinen Titel gaben.

1. 'Tubes'-LP, 1975.Drei Songs darauf sollten jahrelang ihre Auftritte mitprägen: Das bald sieben Minuten - live zwischen achteinhalb und zehn Minuten - lange White Punks on Dope; Mondo Bondage (4:34) und What Do You Want From Life? (4:01, live 5:12). Mondo Bondage zielte auf die Sado-Maso-Szene, die in den 1970er Jahren in den USA geradezu kultiviert wurde, und schockierte die konservativen Medien.

Ein Jahr später setzte die Band mit den Songs Don't Touch Me There und Young and Rich noch eins drauf. Während Young and Rich, so auch der Titel des Albums, Lebensweise und Kreditkartengehabe der WASPs (White Anglo-Saxon Protestant) und jungen Upper Class thematisierte, behandelt Don't Touch Me There das Thema SM-Erotik zu Zweit recht eindeutig: "(...) The smell of burning leather as we hold each other tight (...)".

'Feedel' - Fee - Waybill, 1976Der Song wurde vor allem durch die mitgehende Stimme Re Styles' zu einem Hit. Styles, die neben Cindi Osborne, Michelle Rundgren, Lorryanna Catalano und anderen zu den Tänzerinnen gehörte, war lange Jahre bei der Band.

Doch frivol tanzen und singen - in den USA wurden die Auftritte der Tubes von Konservativen mit dem Attribut 'pornographisch' versehen - war nur eine schauspielerische Variante, die Styles und ihre Kolleginnen darzustellen vermochten.

Sie, wie vor allem auch Frontmann Waybill, schlüpften in viele Rollen. So auch in die von Guerrillas mit Waybill im Feedel-Castro-Outfit der 1950er Jahre. Waren Musik und Live-Auftritte von Beginn an konzeptionell angelegt, so experimentierten die Tubes erfolgreich auf ihrem dritten Album NOW.

Dieses Album, von manchen zwar nicht als das legendärste, jedoch als das virtuoseste verstanden, bringt klar die hohe musikalische Qualität der Band zum Ausdruck.

So spannt sie einen Bogen von Jazzig-Rockigem (Smoke - La Vie en Fumér; Hit Parade; This Town) über einen an John Lee Hooker angelegten Blues (Golden Boy) und eine interessante Version des 'Captain Beefhart'-Songs My Head is my only House unless it rains, bis Rock und Roll (Strung out on Strings), der als äuβerst gelungen erscheint.

The Tubes: 'NOW', 1976.NOW erinnert ein wenig an das von 10cc konzipierte Album How Dare You?, was insbesondere mit dem Instrumental-Stück God-Bird-Change und dem betexteten Song Cathy's Clone zum Ausdruck kommt. Doch klar, der Musikstil ist ein gänzlich anderer, ähnelte auf diesem Album eher dem von Gentle Giant. Hits sind auf NOW keine zu entdecken, und dennoch ist es das musikalische Diplom der Band, bezieht man auch den Song You're no Fun mit ein.

Die Tubes stellten hingegen live als Berserker vom Dienst so ziemlich alles in den Schatten, was an Mega-Bands seinerzeit unterwegs war. Sie traten geballt auf, waren furios. Paul Nelson beschrieb ihre Auftritte im Juni 1978 im Fachblatt Rolling Stone als "audio-visuelle Firepower" und "teuflische Gruppe Schwarzen Theaters mit enormem Entertainment und philosophischen Kommentaren".

Halb genüβlich, halb schockiert, insgesamt fasziniert, bescheinigte Nelson Fee Waybill in der Rolle des Johnny Bugger, der seine Bandmitglieder auf der Bühne mit einer Kettensäge bedrohte, überzeugende "Gehässigkeit", die schaudern lieβ. Waybill, der prädestinierte, immer musikalisch inspirierte Entertainer, lebte sich gnadenlos aus.

 Alles Show, doch perfekte. Doch die Shows kosteten viel Geld, zum Teil mehr als die Band einnahm. "Wir hätten uns fast pleite gespielt", konstatierte Fee Waybill 1978 im Interview mit der deutschen Musikzeitschrift Rocky. Wenige Jahre danach waren sie es, verloren ihren Vertrag bei A&M und hatten bald einen Berg voller Schulden.

Also speckte die Band bei Live-Auftritten etwas ab, was sich auch auf das nächste Album auswirkte. Remote Control (1979) konnte nicht punkten. Musikalisch in Ordnung, doch nicht herausragend, eher kraftlos.

Die Tubes tourten mit dem weiter, was bis dahin erfolgreich gewesen war. Dann verblüffte die Gruppe mit The Completion Backward Principle ihre Fans. Der darauf enthaltene Song Sushi Girl, der ein Hit wurde, war dabei Nebensache.

Es war das Outfit. So traten die Musiker geschlossen - zumindest während ihrer dem Album folgenden Gastspiele in Deutschland - unerwartet in perfekt sitzenden dunklen Anzügen und mit Business-Aktenkoffern auf, etwa in der ehemaligen Philipshalle zu Düsseldorf-Oberbilk. Waybill erwies sich dabei zumindest in der Farbwahl seiner Anzüge als flexibel, wechselte von dunkel zu weiβ und turnte auf der Bühne - oder auf den Boxen - herum. So, wie man es von ihm kannte.

Album 'Young and Rich', Tubes, 1976Trotz einer perfekten Vorstellung, musikalisch wie choreographisch, schien die Luft etwas heraus zu sein. Vor allem hatten sich die Konzertbesucher gewundert, das knackige Hinterteil von Re Styles nicht in Augenschein nehmen zu können. Das Tubes-Konzert-Konzept hatte sich gewandelt.

Nicht aber deren gekonntes Rollenspiel, das kaum ein anderes Bandmitglied so gut beherrschte wie Fee Waybill. Paul Nelson huldigte diesem damals, indem er Waybill als "einen der begnadetsten Schauspieler der Gegenwartsmusik" lobte.

Von 1975 bis 1985 war es wohl auch vorwiegend eine permanente Vorstellung der Band, wie sie nur noch die Rocky Horror Picture Show für sich reklamieren konnte. Waybill hat dann später auch sein Talent zu dieser Show unter Beweis gestellt.

Ausgepowert, vom Erfolg am Ende mit Defizten befrachtet - die abgearbeitet wurden -, löste sich die Band gegen Ende der 1980er Jahre auf, wobei deren musikalische Aktivität etwa 1986 aufhörte. Im Schnitt waren die Tubes-Mitglieder damals 37 Jahre alt.

Spooner & Spooner. Foto: Bill Spooners WebseiteBandgründer Bill Spooner unterzog sich erst mal für einige Jahre professioneller mentaler Betreuung.

Danach experimentierte er mit verschiedenen Musikprojekten, bis er schlieβlich eine neue Band - The Folk-Ups - gründete.

Spooner besitzt seit langem ein eigenes Studio, produziert Bands, gibt Kurse, und musiziert vielversprechend mit Sohn Boone Spooner. 'Sputnik' Spooner ist im Reinen mit sich und unterstützt Sohn Boone.

Fee Waybill mit zu knappem Slip. 1977/78Michael Cotton, Chef der Synthesizer bei den Tubes, widmet sich erfolgreich der Malerei, produziert Musiker und ist ein Freund der Schönen Künste. Seit 30 Jahren findet er Zeit, seine Werke in Ausstellungen unterzubringen, etwa im Rockefeller Center, New York, aber auch in vielen weniger international bekannten Galerien. Auch so Hell-of-a-Dream-Drummer Prairie Prince. Er, der das Cover von NOW gestaltet hat, ist heute ein beachteter visueller Künstler, und nicht besonders weit entfernt von der Musik.

Keyborder und Pianist Vince Welnick schloβ sich den Greatful Dead bis 1995 an - dem Jahr, in dem Jerry Garcia, Chef der Greatful Dead, starb -, nachdem deren Keyborder Brent Mydland 1990 aufgrund einer Drogenvergiftung ablebte. Welnick, der offenbar unter Depressionen litt, gab sich im Juni 2006 die Kugel.

Fee Waybill ging einen gewohnt anderen Weg. Er zog sich lange zurück - wobei er keine Minute inaktiv war -, verwirklichte auch seinen Traum - in kleinem Kreis - indem er die Tim-Curry-Rolle als Frankensteiner in der Rocky Horror Picture Show brachte. Er ist heute, wie alle Tubes, ruhiger geworden.

Schade eigentlich, daβ sich die Plattenfirmen heute nicht mehr trauen, Mega-Bands zuzulassen. Diese waren - ganz klar - ein Phänomen der 1970er Jahre.

© Jochen Henke

© GeoWis (2007-04-24; 19:16:05)

© Fotos: A&M; Bill Spooner Website

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