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Portrait: Talking Heads - Musik vor ihrer Zeit
[242]

Musik vor ihrer Zeit

Vor 30 Jahren reüssierte eine amerikanische Band, die sich an kaum eine der damals geltenden musikalischen Konventionen hielt. Das Bizarre der Popmusik synergierte mit kompositorischer und rhythmischer Intelligenz.

Von Jochen Henke (2007-08-24)

David Byrne, in Schottland geboren, als Kind nach einer Zwischenstation in Kanada in die USA gelangt, traf auf der Rhode Island School of Design auf Kommilitone Chris Frantz und dessen Freundin Tina Weymouth, die ebenfalls dort studierte. Jerry Harrison, Gründungsmitglied der Modern Lovers von Jonathan Richmond (Ice-cream Man; Egyptian Reggae), kam als Harvard-Student, wo er später einen Abschluß in Architektur machte, zur Band.

 Sprechende Köpfe (vulgo: Labertaschen), so könnte man den Bandnamen Talking Heads ins Deutsche übersetzen, waren sie sicherlich nicht. In den frühen 70er Jahren gegründet, tourte die Band einige Jahre mit mäßigem Erfolg durch US-Clubs und tat sich schwer, erfolgreich zu sein. Ihre Musik passte in keine Kategorie. Aber in den legendären New Yorker Club CBGB.

In diesem Club, in dem das Bizarre angesagt war, Krach, Punk und schneller Rock der frühen und späteren Stunden geboten wurde und bis zur Schließung (Oktober 2006) so ziemlich alle, die im Punk und Rock etwas geworden sind, vorspielten - die Ramones, Patti Smith, The Jam, Iggy Pop, AC/DC, The B 52's, Bad Religion, Blondie, Elvis Costello, The Black Crowes, The Boomtown Rats, The Cramps, The Cars, die Dave Matthews Band, Richard Hell & The Voidoids, Linkin Park, Lou Reed, The Plasmatics, Police, Pretenders, Sonic Youth, Suicide, They Might Be Giants -, traten die Talking Heads im Juni 1975 auf.

Als sie bald darauf mit den Ramones durch den alten Kontinent tourten, spielten sie in ausverkauften Hallen. Die europäischen Anhänger der Ramones waren schnell angetan von den ungewöhnlichen Rhythmen, dem Bass von Tina Weymouth und der geradezu minimalistisch und eher schräg klingenden Stimme David Byrnes, und mögen sich gewundert haben, wie seltsam empathisch sich die Bandmitglieder mit ihren Instrumenten gebärdeten und ihre Songs vortrugen.

 Frontmann und Vokalist Byrne stand derart unnachahmlich gekrümmt und linkisch nahe am Mikrophon - stets mit dem Fuß auf den Bühnenboden tapsend -, dass es nicht verwunderte, wenn er Haltungsschäden davongetragen hätte. Bei schnelleren Stücken stand er immer noch so da, doch nun vibrierte sein Körper und man hatte den Eindruck, als platzte er jeden Moment vor lauter Rhythmus und Energie.

Der amerikanische Rolling Stone schrieb damals, der Song Psycho Killer und Byrnes wirrer Blick (Anm. d. Vf.: am Mikrophon) habe die Talking Heads auf das Attribut exzentrisch festgelegt. Das waren sie vielleicht auch, doch sie machten tanzbare Musik, wie man sie zuvor noch nicht gehört hatte.

1977 kam das Album Talking Heads: 77 heraus. Es brachte der Band trotz des darauf enthaltenen Hits Psycho Killer nicht den herausragenden kommerziellen Erfolg, aber in Europa, besonders in Deutschland, Beachtung.

Ihr zweites Album, More Songs about Buildings and Food (1978), das Brian Eno - vormals Gründungsmitglied von Roxy Music und Kopf des David Bowie-Albums Low - produzierte, war international erfolgreicher. Es beinhaltet mehr Funk-Elemente, gekonnt durchsägt von schrillen Gitarrenriffs, und den - ruhigen - Hit Take me to the River.

Mit Brian Eno ging es mit der Band bergauf. Ohnehin war sie angesagt, tourte weiter Europa und - Japan. Eno erkannte das Potential und die musikalische Virilität der Talking Heads. Die Band betrachtete Eno als ihren kongenialen Meister.

Möglich war das ganze durch die Seelenverwandtschaft zwischen Brian Eno und David Byrne geworden. Es ist allerdings nicht überliefert, ob die Bassistin Tina Weymouth, Keyborder und Gitarrist Jerry Harrison und Trommler Chris Frantz auch so positiv durchgeknallt waren, wie Eno/Byrne. Naheliegend aber ist es. Der Journalistin Barbara Charone vom Musikmagazin Creem sagte Weymouth in einem Interview (1979): "Eno ist die einzige Person, die Davids Gitarrenspiel versteht."

In diesem Interview geriet Weymouth ins Schwärmen. "Davids Gespür für Rhythmus ist verrückt, aber phantastisch. (...) Es ist schwierig, aus einer wirklich lausigen Idee etwas Brilliantes zu machen. (...) Er überzeugt uns aber, dass aus einer verrückten Idee am Ende genau dieses Brilliante steht".

 Doch auch das dritte Album - Fear of Music (1979) - schlug noch nicht in gewünschtem finanziellen Rahmen ein. Von der Kritik vorwiegend positiv besprochen, kam die Platte vor allem bei DJs und auf den Dancefloors an. Fear of Music war das funkige und expressive Gegenstück zu gleich drei Musikrichtungen, die seinerzeit angesagt waren: Techno, Punk, New Wave.

Einen drauf setzten die Talking Heads dann mit Remain in Light (1980), ihrem vielleicht intellektuellsten, textlich teilweise verschrobenem Album (siehe Titelbild; Innencover). Afrikanische Rhythmen, eine mitunter leiernde Stimme Byrnes, knappe, funkige Riffs und krachende Beats beherrschen das Album. Schon der Auftakt-Song Born under Punches vermittelt all dies und bietet sanfte politische Kritik.

"The hand speaks. The hand of a government man". Das zunächst verwirrende, dann erfassbare Stilmittel des textlichen und gesanglichen Zwiegesprächs - Kostprobe: "All I want is to breathe" - "I'm too thin" - hinderte niemanden daran, sich auf dem Tanzboden die Hacken abzutanzen. Mit Crosseyed and Painless geht es weiter. Härterer Groove. Keine Pause.

 The Great Curve ("...I'm still waiting ... The Island of Doubt ..."), ein Sieben-Minuten-Song, ist das Gipfelstück. Manche DJs ließen die erste Seite dieses Album durchlaufen, gingen ihre Notdurft verrichten, flirteten auf dem Rückweg mit Gästen, nahmen einen Drink und gingen in Ruhe zurück auf ihre Kanzel. Sie konnten sich sicher sein, dass der Dancefloor voll war.

Remain in Light, auf dem alle Talking Heads zu Stimme kommen und Tina Weymouth sich am Bass die Finger blutig zupft, gilt als eines der besten Alben der Rockgeschichte. Es trägt klar die Handschrift Brian Enos, der kurze Zeit später mit David Byrne sein nach Taking Tiger Mountain, auf dem das Erfolgsstück Third Uncle ist, wohl nachhaltigstes Werk My Life in the Bush of Ghosts aufnahm.

Obwohl Remain in Light vielerseits mit My Life in the Bush of Ghosts verglichen wurde, unterscheidet sich das Talking Heads-Album doch deutlich. Es ist rasanter, tanzbarer, elektrisierender, nicht die Spur experimentell-rockig, wie es Eno auf 'Tiger Mountain' zu bevorzugen schien.

Rhythmisch und kryptisch geht es auf der zweiten Seite mit Once in a Lifetime weiter, und mit Houses in Motion auch funky-psychedelisch. Erst bei Listening Wind kann man sich entspannen und zuhören, und zu ergründen versuchen, was es mit 'Mojique' auf sich hat.

 Das Album ließ mehr als alle vorherigen aufhorchen und spielte ordentlich Geld ein. Wie eine Schlange ihrem Opfer, näherten sich die Talking Heads alsdann dem Mainstream, hielten aber ihr Konzept aufrecht. Was konnten sie dafür, dass der Mainstream ihrer Musik zuvor nicht gewachsen war?

Sie machten Musik vor ihrer Zeit. Dafür konnte allerdings der Mainstream auch nichts. Wer also trägt diese unsägliche Schuld? Die Plattenfirma, der Manager, der Agent? Klar, wer sonst?

Speaking in Tongues bedeutete 1983 den absoluten kommerziellen Durchbruch. Endlich kapierten auch die letzten Dösköppe in der Plattenfirma - und viele im Publikum -, dass die Talking Heads schon seit neun Jahren eine außergewöhnliche und ausgesprochen gute Combo sind.

Action- und Thriller-Regisseur Jonathan Demme entdeckte sie und ließ sie für seinen Konzertfilm Stop Making Sense - so auch der Titel ihres 1984 erschienenen Albums - ganz groß auflaufen.

Burning Down The House war der Hit des Albums, musikalisch nicht der Renner, aber er erreichte auch das tanzschwache Gretl und den fußlahmen Andi von nebenan. Die Alben rechneten sich endlich auch grandios für die Band. Doch danach kam nicht mehr viel.

 Eno hatte sich beizeiten ausgeklinkt, Byrne experimentierte, Jerry Harrison ging solo und brachte 1987 mit Casual Gods ein vielbeachtetes Album heraus, Tina Weymouth - mit Frantz im Rücken - rief Tom Tom Club ("Under the Wardrobe") ins Leben und scheute sich später nicht, völlig durchgeknallt den Bass zu zupfen und sich im Schokoguss auf der Bühne zu präsentieren.

Zumindest in Europa haute Weymouth mit ihren Auftritten als Mitglied von Tom Tom Club kaum noch jemanden vom Hocker. In den USA wurde sie partiell noch gefeiert.

Byrne machte im Ruhigen weiter, traf sich mit anderen intellektuellen Größen, etwa mit Ex-Harvard-Professor, LSD-Protagonist und Ex-Knacki Timothy Leary, mit dem er ein langes Gespräch auf teilweise hermeneutischer Ebene führte.

Ob die beiden je gemeinsam auf einen Trip gingen, ist nie öffentlich bekannt geworden. Eines aber ist sicher: die Talking Heads hatten Mitte der 1970er Jahre begonnen, Musik für das 21. Jahrhundert zu machen.

Längst schon haben das DJs der jüngeren Generation entdeckt und füllen die Tanzböden mit ausgewählten Talking-Heads-Stücken, und sind sich sicher, in Ruhe pinkeln gehen zu können, während das Publikum abtanzt.

© Jochen Henke

© GeoWis (2007-08-24)

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