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Portrait: Blue For Two - Alter Schwedenhappen
[489]

"I hope that my love will be in ..."

Mitte der 1980er Jahre gründete sich die Band Blue For Two. Sie schrieb zeitlose schwedische Musikgeschichte abseits des Mainstream.

Von Luzilla Brecht (2009-06-19)

Der Legende nach war der in Polen aufgewachsene, zum klassischen Pianisten ausgebildete und später nach Göteborg übergesiedelte Musiker Henryk Lipp mit einer Handvoll Songs im Portfolio auf der Suche nach einem Sänger für ein Musikprojekt, das später als Blue For Two in die schwedische Musikgeschichte eingehen sollte.

 Er traf auf Multitalent Freddie Wadling, Bassist bei der vor allem in Schweden zu Kultstatus gelangten Rock-Gruppe The Leather Nun und Sänger wie Texter der Kultband Cortex.

Bei einem Konzert von Cortex hatte Lipp Wadling gehört und in ihm die "perfekte Stimme" für sein Projekt gefunden, die im Mittel baritonal, doch von Tenor bis Bass, von Gothic über Rock'n Roll, Punk bis Schreikrampf und von Arie bis Ballade einsetzbar war.

Die beiden gründeten Blue For Two, hatten eine Reihe von Auftritten vor allem in Schwedens wenigen größeren Städten, wo sie auch in manchmal nur für ein Wochenende hergerichteten - illegalen - Underground-Locations und manchem Klub in der Provinz spielten und debütierten 1985 mit zwei Singles (The Drums; My Only Wish).

In Lipps gemeinsam mit Chips Kiesbye wenige Jahre zuvor gegründetem Music-A-Matic-Studio, ebenfalls in Göteborg, spielten sie dann zwischen Februar und März 1986 ihr erstes Album ein, das sie wenig später auf dem noch jungen Label Radium 226.05 - auf dem auch die Punkrocker Union Carbide Productions debütierten - unter der Nummer RA 018 (CD: RACD 018) mit dem Titel Blue For Two - Featuring Freddie Wadling & Henryk Lipp herausbrachten.

Mit von der Partie waren Kiesbye (Gitarre, Slide-Gitarre), Johan Söderberg (Percussion), Gino de Vaughn (Trompete), Michael Karlsson (Tenor-Saxophon), Ralph Souvik (Posaune), Michael Ilbert (Synthesizer) und eine Reihe von Backing-VokalistInnen namens Charlotte, Gitte und Peter Davidson. Das derart in der heimischen Indie-, Gothic-, Punk- und Rock-Avantgarde-Szene einschlagende Album bescherte der Truppe nicht nur weitere Auftritte, sondern ließ auch in der einschlägigen internationalen Szene aufhorchen.

Manche Musikliebhaber sahen sie schon damals auf einer Ebene mit den Inkognito-Avantgardisten The Residents ('Third Reich'n Roll; Mark of the Mole'), den nihilistischen, oft genervt Konzerte gebenden Outer-Space-Krawallos Suicide um Alan Vega und Martin Rev ('Frankie Teardrop') oder den deutschen Klang- und Laut-Künstlern Einstürzende Neubauten.

 Mindestens zu Recht. Denn die Musik von Blue For Two war bereits zu diesem Zeitpunkt trotz oder obgleich ihrer Komplexität, ausgefeilten Arrangements und - vor allem - Freddie Wadlings virtuoser wie gewaltiger, auch lyrisch angewendeter Stimme einzigartig und hervorragend, zumal sie die Avantgarde mit einem Element belebte, das bis dahin oftsmals vernachlässigt worden war: Melodie.

Für diese sorgte neben den Instrumentalisten Wadlings Gesang. So finden sich auf dem Debütalbum mit Catch Me, Moon Madness, Five Days In A Row, Like Every New Day und Pure Fascination gleich fünf Songs, in denen das Melodiöse unverkennbar nachhallt und die teils verkopften, mal ruhig, mal exzentrisch daherkommenden musikalischen Arrangements mit Bauch und Herz zusammengehen. 

So erinnern manche Stücke zwar an Musiken der Alex Harvey Band, King Crimson, frühen harten Grunge, Rammstein, Arthur Brown's Kingdom Come und an Tuxedomoon, doch drückt ihnen Wadling mit seiner stimmlichen Präsenz einen ultimativen, einzigartigen Stempel auf, der geeignet ist, zwischen Gehörhalluzinationen und tatsächlich Vorhandenem zu schwanken.

Wer nun angenommen hatte, nach diesem fulminantem, acht Songs darbietenden Debütalbum könne nichts Gleichwertiges mehr folgen, lag falsch. Mit Songs From A Pale And Bitter Moon - wieder aufgenommen bei Music-A-Matic, verlegt auf Radium (RA 045; RACD 045) - legten Blue For Two 1988 ein mindestens ebenbürtiges, wenn nicht weitergehendes Album vor.

Zur bereits eingespielten Garde Lipp, Wadling, Kiesbye, Ilbert, Söderberg gesellten sich Christer Jansson (Drums), Jonas Åkerblom (Saxophon) und Björn Olsson (Gitarre). Die Kompositionen erforderten gleichwohl den Einsatz von weiteren Musikern vor allem an Blasinstrumenten. So kamen die Brüder Erik und Sven Fridolfsson (Trompete; Saxophon), Lennart Grahn (Trompete) und Thomas Mårdsjö (Posaune) - neben weiteren - zum Einsatz, 

 Mit Songs From A Pale And Bitter Moon haben die Masterminds Henryk Lipp und Freddie Wadling ein Genre-bezogenes, kompositorisches Meisterwerk vollbracht, etwas, wonach jeder Musiker strebt. Diesbezüglich ließe wohl auch Frank Zappa grüßen.

Mehr noch als in den Songs ihres ersten Albums kommt Freddie Wadlings enormes lyrisches und gesangliches Ausdrucksvermögen zur Geltung, an dem selbst Franz Kafka oder Edgar Allan Poe ihren Genuss gehabt hätten, und vielleicht sogar manche in Feuchtgebieten kundige Schriftstellerin.

Nicht zuletzt ob Wadlings Darbietung gibt es kaum Songs unter vier Minuten, aber einige um und über sechs. So das Stück Is It Worth It, tragend und gitarrenintensiv; oder - krass-genial von Glockengeläut und Orgel dominiert - Love Begins To Write A Book Across My Face, in dem Wadling eine Textarie vorträgt, wie sie äquivalent zur Komposition nicht besser passen könnte.

Was nicht heißt, dass das Avantgardistische und Intellektuelle bei weniger als sechs Minuten langen Stücken vernachlässigt wird. Lipp/Wadling halten das Niveau und demonstrieren, dass sie wie auf ihrem ersten Album abrocken können.

Stücke wie Sink Or Swim, Evil Eye, Don't Look Now, Stay Casey stehen hierfür. Und das auf Polnisch vorgetragene Stück Dla Ciebie (Für Dich), das - so darf vermutet werden - Lipp für seine Frau Marie geschrieben hat, trägt Wadling vor, als ginge es um seine eigene Liebe.

Es folgten noch drei weitere Alben (1992: Search & Enjoy; 1994 Earbound; 1997: Moments), die - wären sie jeweils zu ihrer Zeit Debütalben gewesen, sicherlich zur Klasse des Außergewöhnlichen hätten gerechnet werden müssen - mangels Kohärenz an ihre beiden Vorgänger jedoch nicht mehr ganz heranreichten.

 Was auch daran liegen mag, dass Lipp/Wadling nicht konsequent genug waren, ihr Potential ausreichend mit Durchhaltevermögen zu paaren, sich stattdessen in vielen Musikprojekten engagierten.

1997 gingen Blue For Two auseinander. Lipp verlegte sich aufs Komponieren und Produzieren und ist aus der schwedischen Avantgarde-Rock- und Punkszene nicht mehr wegzudenken.

Freddie Wadling, der im August 58 wird, ist ebenso in der schwedischen Musikszene verankert, aber auch seinen Talenten und seinem Können treu geblieben. Sein Multitalent setzt er seit dem Ende der Band immer noch ein, tritt in Theatern auf, hält Lesungen ab, produziert und ist musikalisch rigoros unterwegs.

Über die Jahre ist er auch mit Minne- und SchnulzensängerInnen, etwa mit Helen Sjöholm (I Den Stora Sorgens Faumn), mit Newcomern und alten Freunden aufgetreten, hat Unmengen von Singles und Alben - zuletzt im Januar 2009 das Doppelalbum Den Mörka Blomman/The Dark Flower - herausgegeben und ist wie Lipp zu einer Größe in der schwedischen Musik abseits von Abba und Aha avanciert. 2005 erhielt Wadling den renommierten, nach dem holländisch-schwedischen Lyriker und Troubadour benannten Cornelis-Vreeswijk-Preis.

 Vom radikalen Mainstream war Blue For Two nie berücksichtigt worden, weder vom schwedischen noch vom internationalen, obwohl die Band bereits vor Beginn des Internet-Zeitalters musikalisch-intellektuelle Anhänger in Südamerika, Russland, Japan, Frankreich und Deutschland hatte.

Doch auch das sich in Deutschland für aufgeklärt haltende bürgerliche Feuilleton, etwa der Zeit oder Frankfurter Allgemeinen, das sich im Verlauf der Zeit nicht selten exaltiert zu so manchem Klangkünstler und manch musikalischer Avantgarde ausließ, wenn sie nur aus New York (Laurie Anderson), West-Berlin (Einstürzende Neubauten; Tangerine Dream) oder wenigstens Düsseldorf (Kraftwerk) stammte, hat in nunmehr 25 Jahren kein Wort über die Band oder ihre Protagonisten verloren.

Ein neues Album sei in Vorbereitung, sagt Henryk Lipp. Wie angesehen die Band noch heute ist, weist etwa ihre MySpace-Seite aus. Dort finden sich neben einigen bereits in diesem Beitrag genannten auch David Byrne (Ex-Talking Heads), Lydia Lunch, Throbbing Gristle, Pernilla Anderson, Nick Cave & The Bad Seeds. Mehr Referenzerweisung geht kaum.

© Luzilla Brecht

© GeoWis (2009-06-19)

Links:

Website Blue For Two >>

Website Freddie Wadling >>

Website Music-A-Matic >>

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