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Portrait: Barenaked Ladies, Teil 1
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Intelligent-frivol-lustige Ontarioer

Ladies and Gentlemen, Mesdames et Messieurs - they're not bare, they're not naked, and they're certainly not ladies, but they are ... the Barenaked Ladies.¹

Von Uwe Goerlitz (2011-06-15)

Wenn er reich wäre, eine Million Dollar besäße, würde er seiner Angebeteten so ziemlich jeden für Geld zu bekommenden Wunsch erfüllen. Er würde ihr ein Haus kaufen, Möbel für ihr Haus, vielleicht Chesterfield - Käse? - aus dem Hause Kraft oder auch einen Ottomanen, ein Auto - einen K-Car? -, einen Pelzmantel und einen Haufen weitere nicht lebensnotwendige, immer aber ausgefallene Dinge, so Kunst (Art), etwa einen Picasso oder einen Garfunkel, einen Affen, ein Lama und sogar einen Emu. Auf jeden Fall aber ihre Liebe.

 If I Had A $1000000 war der Nummer-Eins-Hit in Kanada im Jahr 1992 und trug dazu bei, den Barenaked Ladies (BNL) für ihr Album Gordon den Juno-Award zu verleihen. Das war erst der Anfang einer Karriere, wie sie seltsamer nicht hätte verlaufen können. X-mal wurde das Lied seitdem nachgesungen, vielleicht sogar genauso oft wie sich die Band selbst aufs Korn genommen hat. 

Besser noch als sich selbst quirlt sie den einen oder Namen des Musikgeschäfts durch den Schokopudding. So den auf Grund von massivem Drogenkonsum, Krankheit und Frauengeschichten jahrelang nicht aus dem Bett gekommenen ehemaligen Kopf der Beach Boys, Brian Wilson im gleichnamigen Stück auf Gordon, in dem es stimmungsvoll um Lethargie und Nutzlosigkeit geht.

Es ist eines jener Stücke der Band, das ebenfalls ein Hit wurde und von den Fans auch heute noch mitgesungen wird. Wilson fühlte sich ob des Covers geehrt und hat es später für ein Live-Album von BNL gecovert. Das kann man durchaus als wahre Größe eines aufs Korn Genommenen bezeichnen.

Flott geht es auch bei Be My Yoko Ono zu (Gordon), einer bissigen Persiflage, die auf den Einfluss abzielt, den Yoko Ono auf den Ex-Beatle John Lennon hatte. Eingefleischte Beatles-Anhänger machen die mittlerweile 78-jährige US-Japanerin und Lennon-Witwe nach wie vor dafür verantwortlich, dass die Fab Four sich 1970 trennten, vergessen aber gerne, dass Lennon/Ono der Weltöffentlichkeit die ersten Bed-ins vorführte.

Fünfzehn Songs weist das sensationelle Debütalbum auf. Damals staunte die Fachwelt über so viel musikalische Virtuosität und Vitalität, die die Barenaked Ladies, alle junge Männer, präsentierten. Vor allem wusste sie nicht, wie die BNL-Musik zu klassifizieren war, in welche Schublade man sie stecken sollte, um wenigstens griffige Kritiken schreiben zu können.

 Und sie vermochte nicht einzuschätzen, wie denn der eigentümliche Humor der Band zu bewerten war. Womit besonders die Mainstream-Presse ein Problem hatte, zumal Kanada damals eine konservative Regierung hatte, angeführt vom wenig hippen Brian Mulroney. Eine gute Zeit für die Barenaked Ladies - und andere Bands -, denen der lethargische Konservativismus und der ultimative politisch-ökonomische Schulterschluss mit den USA ohnehin nicht gefiel.

Auf Gordon besingt die Band ironisierend die Musikindustrie und die Liebe gleich mit - oder umgekehrt (Box Set), stellt sie die ewige Frage, wer schuld sei, wenn es in einer Beziehung nicht funktioniere (Blame It On Me), schmachtet sie die totale Zärtlichkeit und Einsichtigkeit an (Wrap Your Arms Around Me), bedauert die ewigen Wiederholungen städtischen Nachtlebens (Hello City), simplifiziert im Jazz-Stil die Bedeutung und Einfachheit der Familiengründung (I Love You), thematisiert die Schwierigkeit sozialen Zusammenlebens, wenn man als junger Bursche in eine neue Nachbarschaft zieht (New Kid On The Block), intoniert tragend Trennungssituationen (The Flag) und verachtet Blender (The King Of Bedside Manor). Alle Stücke sind wohl durchdacht komponiert und betextet. 

Dabei hätte für den Erfolg der Band alles ganz anders verlaufen können, wenn nicht zu Silvester 1991 ein Mitarbeiter der Toronto City Hall, in der eine große Party stattfand, zu der auch BNL aufspielen sollten, Anstoß am provokanten Band-Namen genommen hätte. Barenaked Ladies (dt.: splitternackte Damen) ziemte sich offenbar nicht und so wurde die Band kurzerhand aus dem Programm genommen. 

Der damaligen Bürgermeisterin von Toronto, June Rowlands, wird nachgesagt, sie hätte den Band-Namen als frauenfeindlich empfunden und durch ihre öffentlichen Äußerungen der stets mit viel Sarkasmus arbeitenden Band erst zu landesweiter Bekanntheit verholfen. Das ist, wenn es überhaupt stimmen sollte, bestenfalls nur ein Teil der Wahrheit.

Denn in der kanadischen Musikszene, speziell in der Indipendent-Welt, waren BNL zu diesem Zeitpunkt bereits ein Begriff. Nachdem Ed Robertson (Lead Vocals, Acoustic Guitar, E-Guitar) und Steven Page (Lead Vocal, Guitars) die Band 1988 gegründet und eine erste Auflage (ca. 100 Stück) der Musikkassette Buck Naked in Eigenregie veröffentlicht hatten, stiegen die Brüder Andy (Keybords; Percussion) und Jim Creeggan (Bass, Kontrabass) ein, die zum Freundeskreis der beiden Gründer gehörten. Drei weitere Kleinauflagen von Buck Naked folgten, wobei in der zweiten ein Cover des Talking Heads-Hits Psycho Killer und in der dritten bereits der spätere Hit Be My Yoko Ono und in der vierten If I Had A $1000000 enthalten sind. 

 Andy Creeggan stieg bereits nach einem halben Jahr wieder aus, um sich einen Studienaufenthalt in Ecuador zu gönnen. Jeder, der als Student der Sozial- oder Geowissenschaften unterwegs war oder noch ist, kann sich vorstellen, dass ein solcher Studienaufhalt prägend fürs Leben sein kann. Daheim aber bleibt die Welt nicht stehen.

1991 kam Andy Creeggan zurück und musste akzeptieren, dass der  inzwischen eingestiegene Drummer Tyler Stewart die Percussions bediente. Andy Creeggan konzentrierte sich dann auf die Keyboards. Zuvor, 1990, war das zweite Kassettenalbum Barenaked Lunch erschienen, auf dem sich u. a. das später auch auf Gordon veröffentlichte Blame It On Me befindet.

Auf ihrem dritten Kassettenalbum, das 1991 unter dem Titel The Yellow Tape herausgebracht worden war, findet sich dann der Hit Brian Wilson. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda - und nicht zuletzt durch diesen Song - erreichte die Band schnell Geheimtipp- und Kultcharakter.

Dann trat June Rowlands mit ihrer ungewollten Publicity und dem holprigen Frauenfeindlichkeitsgestammel für die Band auf den Plan. BNL wurden vermehrt gebucht und traten im ganzen Land auf. Ihre Tapes boten sie zu den Shows an, insbesondere The Yellow Tape, das mit mehr als 100.000 verkauften Exemplaren Platinstatus in Kanada erreichte und bald als erfolgreichstes Indie-Tape der Musikgeschichte galt.

Mit Gordon, von dem sieben Stücke für Singles ausgekoppelt wurden, kam der Durchbruch in Kanada und in den USA, wo das Album zweimal Diamanten- bzw. Goldstatus erreichte, während im Rest der Welt nur wenig Notiz von der Band und Gordon genommen wurde. Immerhin war es in Deutschland bereits kurz nach der Veröffentlichung auf der anderen Seite des Atlantiks erhältlich.

 Auch das zweite unter dem Major-Label Reprise herausgebrachte Album, Maybe You Should Drive (1994), verkaufte sich noch gut, allerdings lediglich in Kanada, wo es zweimal Platinstatus erzielte.

Hingegen reicht es in der musikalischen Vielfalt und Stringenz trotz der gefälligen Stücke These Apples, The Wrong Man Was Convicted und dem seit Buck Naked bekannten Great Provider insgesamt nicht an Gordon heran und weist mit den Songs Alternative Girlfriend und Jane nur zwei Single-Auskoppelungen auf, die Platz 1 und 4 der kanadischen Charts erreichten.

Neben den kommerziellen Erfolgen durch Platten- und Kassettenverkäufe konnten sich BNL immer auf ihre Erfolge bei Live-Auftritten stützen. Wohin sie auch kamen - und noch immer kommen - spielen sie meist in ausverkauften Hallen, Klubs und auf Open-Air-Veranstaltungen und können sich auf den Zuspruch ihrer Anhänger verlassen. Was auch daran liegen mag, dass sich ihre Konzerte von denen anderer Musiker deutlich unterscheiden.

So trat Steven Page, der BNL "aus persönlichen Beweggründen" im Februar 2009 verließ und dessen stimmliche Bandbreite BNL heute durchaus etwas fehlt, oft vorzugsweise in Shorts auf und war - häufig im Zusammenspiel mit Ed Robertson - für Klamauk, ironische Einlagen und sarkastische Bemerkungen zu haben, sobald er in Stimmung kam. Nicht zuletzt sind einige der BNL-Texte - und Bemerkungen - auch mit anzüglichen Zweideutigkeiten von Page versehen, wie beispielsweise die Ballade When I Fall auf dem 1996 erschienenen Album Born On A Pirate Ship, und damit Konsens bei BNL.

 Das Album, Gold in Kanada und den USA, enthält etwa die großartigen Songs Straw Hat And Old Dirty Hank, This Is Where It Ends, Shoe Box und The Old Appartment. Letzterer erschien auch als Single. Doch es sollten noch zwei Jahre vergehen, bis die 'splitternackten Damen' wieder in die kommerzielle Sphäre von Gordon gelangten und auch außerhalb Nordamerikas ordentlich verkauften.

Zwischenzeitlich hatte Andy Creeggan die Band nach Erscheinen von Maybe You Should Drive endgültig verlassen. Wie es heißt, seien ihm der Erfolg und die musikalische Richtung nicht geheuer gewesen. Möglicherweise ein klassischer Fall von Fehleinschätzung oder Angst vor dem Erfolg.

Für ihn kam der Keyboarder, Gitarrist und Multi-Künstler Kevin Hearn, der später an Leukämie erkrankte, den Blutkrebs aber erfolgreich überwinden konnte; und da er den Fünfjahres-Parameter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch längst hinter sich gelassen hat, gilt er als geheilt. Man nahm nun die EP Shoe Box und das Live-Album Rock Spectacle (bekannt auch als Bathroom-Sessions) auf und widmete sich dem Schreiben weiterer Songs und Konzertauftritten.

Rechtzeitig zum zehnjährigen Bestehen der Band kam Stunt auf den Markt, darauf enthalten ihr Welthit It's All Been Done. Erstmals gelang BNL damit eine Nummer eins der US-Billboard-Charts. Obwohl die Studioversion des Songs gerade dreieinhalb Minuten lang ist und damit ideal für Radiostationen, machen BNL bei Live-Auftritten locker sechs Minuten. Stunt wurde mit je viermal Platin in den USA und Kanada und mit Gold in Großbritannien ausgezeichnet.

 Längst hatten die Anhänger der Band ebenso viel Spaß während der Konzerte wie die Musiker, was sich etwa daran ablesen ließ, dass sie in Anlehnung an If I Had A $1000000 regelmäßig Maccaroni auf die Bühne warfen, was später untersagt wurde. BNL lieferten aber mit ihrem im Jahr 2000 erschienenen Album Maroon Anlass zu anderen auf die Bühne werfbaren Accessoires: Damenschlüpfer.

Die wurden - und werden - beim Song Pinch Me rechtzeitig bei der Liedzeile "I could hide out under there, I just made you say underwear" in Massen auf die Bühne geworfen. Steven Page nutzt diesen Song bei Live-Auftritten zu einigen einstudierten komischen Einlagen. So kommentiert er, und lässt sich bei der Textzeile "On an evening such like this ..." ein "Jau!" entgleiten. Pinch Me ist ein fulminanter Ohrwurm, der es bis auf Platz 4 der kanadischen Charts schaffte, während Maroon Platz 1 der Album-Charts belegte und sich in den USA lange unter den ersten zehn - mit Bestplatzierung auf 5 - hielt.

Seit Stunt hatte sich der Erfolg der Band verfestigt, zumal sie auch unablässig tourte. Sie veröffentlichte nach Maroon zwar noch ein Greatest-Hits-Album, nahm sich dann aber eine Auszeit von einem Jahr und gab nur wenige Konzerte während dieser Phase. Es sollte sich als eine gute Entscheidung erweisen, denn danach gingen BNL wieder ins Studio und spielten das Album Everything To Everyone ein, das sie 2003 auf den Markt brachten.

Nach wie vor traten sie gerne in kleinen Hallen und Klubs auf - wobei sie immer noch die großen Hallen und Schauplätze füllten - und ließen es sich auch nicht nehmen, sogar in einer Buchhandlung aufzuspielen. Mit Another Postcard, Maybe Katie, den Balladen War On Drugs, For You, Celebrity, Upside Down und einigen anderen Stücken, zum Beispiel Have You Seen My Love, ist es den ernsten Spaßmusikern erneut gelungen, eine Vielzahl guter, teils exzellenter Songs zu komponieren.

 Everything To Everyone verzückte die BNL-Anhänger und belegte folgerichtig wieder vorderste Plätze in den US- und kanadischen Charts, während die leider oft bräsigen Deejays der Radiostationen in Deutschland - wie schon zuvor - die meisten Songs der Band gar nicht erst spielten.

Diese beschämende Ignoranz deutscher Radiosender - und deren Plattenaufleger -, die lediglich von Zeit zu Zeit It's All Been Done dudeln, hält bis heute an, obwohl die Barenaked Ladies mit inzwischen weit über zehn Millionen verkauften Tonträgern als erfolgreichste kanadische Band aller Zeiten gehandelt wird. Mehr Ignoranz geht im Grunde kaum.

Kein Wunder also, dass sie in Deutschland nicht auftreten und nur selten in Europa gespielt haben - etwa 2001 im dänischen Roskilde, 2003 in England, 2007 in Irland - bzw. spielen, so vom 25. bis 27. Juni 2011 in Großbritannien (Glastonbury, London, Glasgow). Dabei gibt es kaum eine Band, die ein derart breites Spektrum an Stilen und Stilmischungen darbieten kann wie diese Kanadier.

¹ Anchorwoman der Canadian Broadcasting Corporation in ihrer Ansage zur Band.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2011-06-15)

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