GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
22. September 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>



Portrait: New Model Army brillieren mit Today is a Good Day
[515]

Oliver Cromwells Heroen

Die britische Kultband New Model Army (NMA) bringt am 18. September 2009 mit Today is a Good Day ihr elftes Studioalbum auf den deutschsprachigen Markt. Wir haben es uns angehört und finden, es sei Grund genug, um auch auf die Geschichte und das Œuvre der Band zu blicken.

Von Niels Baumgarten und Uwe Goerlitz (2009-08-25)

Wie es sich für jede veritable Punk-, Post-Punk- und Rockband gegen Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre gehörte, waren Lyrics ohne politische Inhalte und Statements keine Option. Unter dieser Prämisse waren auch New Model Army angetreten, die sich ihren Band-Namen in Anlehnung an die von Englands erstem Republikgründer und Freiheitskämpfer Oliver Cromwell (1599-1658) aufgestellte Revolutionsarmee - New Model Army - gaben. Als Fan weiß man das. Als Noch-nicht-Fan kaum.

 Das Ursprungs-Line-up bestand aus Justin Sullivan (Gesang und Gitarre), Stuart Morrow (Baß) und Phil Tompkins (Schlagzeug). Letzterer blieb nur wenige Monate. Robert Waddington ersetzte ihn. Man trat in Klubs auf und tourte als Vorgruppe für wenig oder gar keine Gage. Waddington verließ NMA 1982. Auf ihn folgte Robert Heaton, Sullivans 2004 verstorbener Bruder im Geiste.

Es war der Vater aller britischen Independent-Bands und für viele der beste Radio-Deejay des Globusses, John Peel (1939-2004), der NMA etwas bekannter machte, indem er ihre beiden Singles Bittersweet und Great Expectations auflegte.

Ein turbulenter Auftritt in der damals wichtigsten Live-Musik-TV-Sendung auf der Insel, The Tube, brachte im Jahr 1984 den Durchbruch, zu dem auch das erste Album Vengeance beitrug, das sich gegen den von Englands damaliger Eiserner Lady, Margaret Thatcher (*1925), geprägten Thatcherismus - der im Kern die Privatisierung von Staatsunternehmen und die Schwächung von Gewerkschaften zum Inhalt hatte - und gegen Nazis positionierte. 

Auch gegen Thatchers Krieg gegen Argentinien, der sich auf den Falkland-Inseln (span.: Malvinas) zwischen dem 2. April und 20. Juni 1982 im Südatlantik abspielte, nachdem Argentinien die 150 Jahre zuvor von England annektierte Inselgruppe besetzt hatte, richtete sich NMAs Musik. Zum Ausdruck kommt dies etwa im Stück Spirit of the Falklands. Thatcher obsiegte im kalten Südatlantik, doch zu Hause wehte ihrem undemokratischen Regime der wirklich eisige Wind der Independent-Szene entgegen.

 Maggie Thatcher, die demonstrativ 1998 Chiles ehemaligem, unter Hausarrest stehendem Diktator Augusto Pinochet (1915-2006) einen Besuch abstattete, leidet heute an Altersdemenz und kann keinen Schaden mehr verursachen, wie sie ihn mit der Zerschlagung der Bergbaugewerkschaft (National Union of Mineworkers) angerichtet hatte. Vor allem Englands Linke, zu der sich NMA von Beginn an zählten, sah zu jener Zeit, wie sich die Insel in einen Polizeistaat zu transformieren begann.

NMA widmete den Kumpeln, die ein Jahr lang erfolglos gestreikt hatten, auf ihrer EP The Price (1984) das Lied 1984 und schafften es dann im Zuge ihres Erfolgs mit dem Album No Rest For The Wicked (1985), das etwa durch das Stück Better Than Them auch für internationale Aufmerksamkeit sorgte, ihre neue Plattenfirma EMI dazu zu verpflichten, eine großzügige Spende an den Miners Fund zu entrichten. Ein Novum in der Musikgeschichte. Getreu ihres No Rest-Albumtitels ließen sie 'den Boshaften keine Pause' und straften Thatchers Regierungspolitik noch mit den Stücken Brave New World und R.I.P. ab.

Während der No Rest-Tour verließ Stuart Morrow "aus persönlichen Gründen", wie NMA bekanntgaben, nach einem Auftritt in Bradford die Band. Der damals erst 17jährige Jason 'Moose' Harris sprang ein, doch mußte die Playlist für den Rest der Tournee verändert werden. Sullivan und Heaton nahmen zum anfänglichen Entsetzen der Plattenfirma einige Akustikstücke ins Programm. Die Tour wurde ein voller Erfolg.

Für den nordamerikanischen Markt unterschrieb man bei Capitol Records und freute sich schon auf die Tour dort. Zu früh. Die US-Behörden unter Thatchers reaktionärem Freund, US-Präsident Ronald Reagan (1911-2004), verweigerten der erklärtermaßen politisch links stehenden Band die Einreise- und Arbeitsvisa¹. So tourten NMA durch Europa und Japan.

 Als 1986 ihr Album The Ghost of Cain - produziert von Glyn Johns - folgte, das bis heute zu den besten der Punk- und Rockszene gehört, erreichten NMA einen ersten, nachhaltig kreativen Meilenstein in ihrer musikalischen Karriere. Besonders ihr kritischer Blick auf Großbritannien, der mit 51st State of America Thatchers Bücklingstum gegenüber Reagans USA erneut zum Ausdruck kommt, ist bis heute von anderen Bands unerreicht.

Schon die erste Strophe von 51st State macht klar, wie NMA gegen die kriegerische, auch auf Ausgrenzung - vor allem in der Bildungspolitik - bedachte damalige Regierung ihres Heimatlandes ansangen: "Look out of your windows, watch the skies. Read all the instructions with bright blue eyes. We're W.A.S.Ps, proud American sons. We know how to clean our teeth and how to strip down a gun. We're the 51st State of America."² NMA befanden sich plötzlich auf einem vorläufigen Höhepunkt des Erfolgs, und man hätte annehmen können, dies schade ihrer Schaffenskraft, indes trat gerade dieser vielen Bands widerfahrende Mechanismus nicht ein.

Sullivan, der bis dahin immer wieder anklingen ließ, daß in ihm auch ein Traditionalist und Naturalist steckt, der für Folk und Poesie viel übrig hat, und sein kongenialer Kumpel Robert Heaton, der ähnlich orientiert war, nahmen mit der Dichterin Julianne Mumford, besser bekannt als Joolz Denby, im kleinen, idyllisch in Cornwall gelegenen Sawmills Studio das Album Hex (1987) auf.

Es ist ein von harmonischen Klangwelten und Denbys Dichtung getragenes Album mit Experimentalcharakter, dem man anmerkt, daß es "stressfrei zustandekam", wie Sullivan hervorhebt. Mitverantwortlich dafür macht er das Sawmills Studio, in dem im gleichen Jahr das XTC-Derivat Dukes of Stratosphere ihr Album Psonic Spunspot und später etwa The Stone Roses (Same) und Oasis (Definitely Maybe) Alben aufnahmen.

 Damals sei man "nur mit dem Boot dorthin gekommen, und das auch nur, wenn Flut war", sagt Sullivan über das knapp zwei Kilometer vom Meer entfernt liegende Studio. Das ist heute kaum anders, denn die Tide des Atlantiks drückt immer noch alle sechs Stunden ins Flußbett.

Nur finden muß man den ehemaligen Geheimtipp unter den Tonstudios erst mal, ist die ehemalige Sägemühle unweit des Städtchens Fowey doch bestenfalls auf einer topographischen Karte mit Maßstab 1:5000 eingezeichnet. Sie liegt, so die Eigenwerbung, in einer der schönsten Regionen der Welt. Die Unterkünfte seien sehr einfach gewesen, sagt Sullivan.

Aus den einfachen Unterkünften sind mittlerweile gemütliche Zimmer und Appartments im Landhausstil geworden. Der langjährige terracottafarbene Anstrich ist einem aus der grünen Idylle herausstechenden Weiß gewichen. Kleinere Anbauten sind hinzugekommen.

Die "mystische Atmosphäre" von Sawmills habe laut Sullivan nicht zuletzt auch auf New Model Armys EP White Coats (1987) Einfluß gehabt. Und wohl auch auf das Musik- und Poetry-Projekt Red Sky Covern, das im Sommer 1987 entstand und noch immer lebendig ist. Joolz Denby, die NMAs erste Managerin war und fürs Cover-Artwork der Alben verantwortlich zeichnet, Justin Sullivan, der Songwriter und Erzähler Rev Hammer und der Musiker Brett Selby sind in diesem Projekt zu einer Einheit abseits schneller Rhythmen zusammengewachsen.

Ausgeruht und offensichtlich mit sich im Reinen gingen NMA noch im gleichen Jahr auf Tour und traten unter anderem mit David Bowie vor dem Reichstag in Berlin auf, hinter dem der Eiserne Vorhang begann, während in Großbritannien noch die Eiserne Lady im Verbund mit der Queen herrschte. Mark Feldham, der bereits auf The Ghost of Cain und Hex die Mundharmonika spielte, war dabei; ebenso - als zweiter Gitarrist - Ricky Warwick.

 Die Möglichkeit, einen Auftritt auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag vor dem Mauerfall gehabt zu haben, gehört zu den absoluten Highlights einer jeden Band, die diese Chance hatte. Vergleichbar vielleicht nur noch mit Auftritten auf dem Tiananmen-Platz (Beijing) - bisher dafür nicht freigegeben -, dem Roten Platz in Moskau (dort traten z. B. 1999 die Red Hot Chili Peppers und 2003 Paul McCartney auf) oder vor dem Weißen Haus in Washington, wo 1970 MC5 die aufrechte amerikanische Rock-Jugend mobilisierten. 

Nach dem "blühenden Jahr 1987" (Sullivan) begaben sich NMA wieder nach Cornwall in das Sawmills Studio, wo sie den Grundstein für ihr nächstes Studioalbum legten, das ein weiterer Meilenstein werden sollte - und wurde, als es 1989 erschien. Es drückt die damalige Stimmung der Band aus, die aus einer gewissen Ambivalenz zwischen Ruhm und Ruhe bestand und Spannungen unter den Bandmitgliedern zeitigt, weshalb das Album, produziert von Tom Dowd, folgerichtig Thunder & Consolation heißt, auf dem vor allem White Coats, Stupid Questions, Vagabonds und Green and Grey herausragen.

Was, wenn man nicht in Sawmills gewesen wäre, sondern in irgendeinem Innenstadt-Studio? Thunder & Consolation stürmte die Indie-Charts und die Plattenläden weltweit, zu einer Zeit, als Pop die Radiosender dominierte, und gehört bis heute zu den bestverkauftesten Alben von NMA. Justin Sullivan, der Gerechtigkeitsfan, der seiner politischen und naturalistischen Überzeugung stets treu blieb und ein Familienmensch ist, interessierte das nicht vordergründig. Aber es gefiel ihm dann. Manchmal merkt man wohl erst später, wie wichtig ein Werk sein kann.

Doch es knisterte in der Band, die mittlerweile als zusätzlichen Gitarristen Chris Mclaughlin und Ed Alleyne Johnson an den Keyboards und der elektronisch verstärkten Violine beschäftigte. Wieder begab man sich nach Cornwall. 1990 kam das Album Impurity - abgemischt von Pat Collier - heraus, das das so prächtige Punkrockstück Get me Out und die nicht weniger gute und höchst melodische, von Alleynes elektronisch verstärkter Violine begleitete Perle Purity - "Revolution is Forever" - beinhaltet und ebenfalls ein Meilenstein NMAs ist.

 Ed Alleyne Johnson, früher als überzeugter Straßenmusiker unterwegs, prägte den NMA-Sound nun längst mit, doch das Line-up änderte sich erneut, was letztlich wohl der Dominanz von Sullivan und Heaton zuzuschreiben ist, die den Kern von NMA bildeten. Bassist Jason Harris ging. Sein Nachfolger Peter Nice, Nickname 'Nelson', gehört seitdem - immerhin 19 Jahre - zur Band. Verpflichtet wurde auch Adrian Portas als Nachfolger von Mclaughlin. Für Portas kam ein Jahr später David Blomberg.

Streit gibt es in den besten Familien - wenn es überhaupt so ein Konstrukt wie beste Familie gibt -, aber auch unter Plattenfirmen und ihren Bands. Meist dann, wenn einem die Firma zu sehr ins Künstlerische mit hineinreden will. NMA fühlten sich von EMI gegängelt, brachten noch ihr erstes Live-Album Raw Melody Men heraus und verabschiedeten sich dann von der Firma, die einst auch die Beatles verlegte.

Allerdings hilft gelegentlich nicht mal das idyllischst gelegene Studio der Welt, um bei Vertragsstress zur Ruhe zu kommen. So nervte bald der Streit zwischen EPIC U.K., bei der NMA 1991 - Thatcher war längst im Ruhestand, Reagan im Stadium schleichend fortschreitender Demenz - unterschrieben, und EPIC U.S die Band doch mehr als seinerzeit bekannt geworden war.

Mutter U.K.- und Tochter U.S.-EPIC waren in einen Rechte- und Organisationsstreit verfallen, während NMA dabei waren, ihre US-Tour wahrzunehmen und sie großenteils allein finanzieren mußten, weil Mutter EPIC (London) und Tochter EPIC (New York) sich bissen. NMA kündigten folgerichtig den Vertrag mit Mutter EPIC und sammelten sich.

US-Präsident Bill Clinton hatte dann 1992 eine 'Neue Weltordnung' proklamiert, in Rio de Janeiro kamen um 10.000 Menschen zusammen, meist aus Nicht-Regierungsorganisationen, um eine neue Umwelt-Agenda zu beratschlagen und zu verabschieden, der Golfkrieg zwischen den USA und dem Irak war justapunkte seit einem Jahr zu Ende und die Tories hatten in Großbritannien erneut die Wahl gewonnen.

 Letzteres war genug Stoff für NMA, vor allem für Sullivan und Heaton, weiter musikalisch anzugreifen. Erst mal aber mußte geordnet werden. Mit dem Album The Love of Hopeless Causes (1993) meldeten sie sich wieder zurück.

Griffiger Punkrock wie beim Stück Here Comes the War, und kerniger, flotter Rock bei White Light, ein Stück, in dem Sullivan seinen durch einen Stromschlag während eines Konzerts in der Schweiz angetretenen, durch erfolgreiche Wiederbelebung aber unterbrochenen Weg ins Nirvana verarbeitet, ragt aus diesem Album heraus, das manch eingefleischter Fan für das bislang beste NMA-Album hält.

Erst fünf Jahre später - inzwischen hatte Dean White die Keyboards unter sich - folgte ihr nächstes, das siebte Studioalbum, Strange Brotherhood (1998), nachdem sie Ende 1993 bei der BBC eines live eingespielt hatten, danach eine Weile tourten, sich dann aber erst mal anderen Dingen und Projekten widmeten. Ein Phänomen, das bei vielen über Jahre zusammengewesenen Künstlern zu beobachten ist. Strange Brotherhood erschien unter NMAs 1998 gegründetem Label Attack Attack, wie seitdem alle weiteren.

Zwar hing man als Band eine ordentliche Weile ein wenig durch, doch Sullivan produzierte während dieser Zeit beispielsweise Joolz Denbys Album Weird Sisters, Rev Hammers Bishop of Buffalo und das mit Geigen, Cello, Baß und Drums angetretene Berliner Punk-Rock-Folk-Keltik-Quintett The Inchtabokatables, das von 1991 bis 2002 bestand.

Ihr achtes Album betitelten NMA schlicht Eight (2000), und wäre Justin Sullivan Deutscher, hätte er sich womöglich den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer wegen dessen Bombardierungsbefürwortung Ex-Jugoslawiens musikalisch vorgenommen. Doch er nimmt sich im aus diesem Album herausragenden Stück You Weren't There die bürgerlichen Medien und deren Leserschaft vor, und das natürlich zu Recht:

"(...) so you think you know what's going on - but you don't because you weren't in Belfast, no you weren't there; and no you weren't in Waco, no you weren't there and you weren't in Kosovo, you weren't there; and you weren't in my head so you don't know how it felt walking arm in arm with crowds to the square and the banners waving and the sun glinting (...)".

 Erst 2005, nach einer Phase des Schwangergehens mit seit langem vorhandenem Material, Touren mit der Band, Auszeiten für Red Sky Coven und Joolz Denby - die mit ihrer Ausstellung One Family, One Tribe 2004 etwa im nordrhein-westfälischen Hamm, Bradfords Partnerstadt, war -, kam ihr nächstes, ihr neuntes Studioalbum - Carnival - heraus, das von Chris Tsangerides und Nat Chan produziert wurde. Acht Monate zuvor war Robert Heaton, der die Band bereits 1998 verlassen hatte, an einem Gehirntumor verstorben.

Michael Dean war damals eingesprungen, der zuvor technischer Betreuer von Heaton gewesen war, und seit nunmehr elf Jahren zum Line-up gehört. Gewissermaßen als Dank mit einer Portion gehörigem Respekt schrieb Sullivan das Stück Fireworks Night - eine Hommage an Heaton. 

Mit Carnival tourten NMA erfolgreich. Dave Blomberg aber war "wegen familiärer Gründe", wie es heißt, nicht mehr dabei. Marshall Gill übernahm seinen Part. 2007 dann kam das zehnte Studioalbum - High - der Band auf den Markt. Mit diesem Album, besonders mit den Stücken No Mirror, No Shadow, Wired, One of the Chosen und High begaben sich NMA wieder zu ihren wilden Anfängen, was von den Konzertbesuchern der High-Tour in 18 Ländern auch goutiert wurde.

Viele dieser von Tommy Tee, NMAs langjährigem Freund, Manager und guter Seele - der in den 1980ern am Start war, aufhörte und erst 1997 wieder zur Band stieß -, intensiv begleiteten Alben überzeugten durch gutes Handwerk, manch melancholischem Folk und schnörkellosem Rock, wurden aber oft an The Ghost of Cain und Thunder & Consolation gemessen, deren kommerzielle Durchschlagskraft sie nicht immer erreichen konnten.

Mit Today is a Good Day könnte sich das ändern, übertrifft es doch alle bisherigen Studioalben. Ursprünglich sollte das neue Album früher eingespielt worden sein, als sich Justin Sullivan mit seiner musikalischen Revolutionsarmee im Herbst 2008 ins Studio begab. Doch dann verstarb unerwartet Tommy Tee, der die Arbeit zu Today is a Good Day managen sollte, einen Tag vor Heiligabend 2008, weshalb sich die Aufnahmen um Monate verschoben und NMA erst im Februar dieses Jahres zur Vervollständigung ins Studio gingen.

Chris Kimsey, ebenfalls ein langjähriger Freund von NMA, der schon mit den Rolling Stones, Killing Joke, den Psychedelic Furs, The Cult, Marillion und unzähligen anderen Bands zusammengearbeitet hat und für eine Vielzahl hervorragender Alben steht - auch für High -, nahm sich schließlich Today is a Good Day an, ohne den Stil oder Sound der Band negativ zu beeinflussen.

 Das Gegenteil ist der Fall und herausgekommen ist dabei ein weiteres, exzellentes politisch-naturalistisches Musikwerk, dessen Entstehungsgeschichte vor dem Hintergrund des Wall Street-Desasters und der Lehman Bank-Pleite einzuordnen sei, wie NMA mitteilt. Deutlich wird dies vor allem im Titelstück, das mit einem Intro aus Meldungen zum Finanzdebakel eingeleitet wird und sich dann über eine Baßsequenz zu einem kernigen und schnellen Rockstück entwickelt.

Die Handschrift von Kimsey steht für einen bisher kaum gekannten klaren und satten Sound, die bei Autumn - einem der großen Songs dieses Albums, der mit kräftiger Gitarre beginnt, im Hintergrund mit rhythmischer Akustikgitarre aufwartet - besonders lesbar ist.

Autumn ist das Stück, in dem Justin Sullivans ganze Wut aufs herrschende (Finanz- und Wirtschafts-) System zur Geltung kommt: "Everything is beautiful, because everything is dying". Nicht weniger imponierend ist das in bestem Rock'n Roll dargebotene Stück States Radio, eine schöne Anspielung auf das meinungsbildende öffentlich-rechtliche Radio, das in Großbritannien von der BBC dominiert wird.

Ocean Rising, eine fulminante Rock-Hymne an Seefahrer - bereits aus dem Jahr 2003 stammend -, ist ein weiteres Highlight dieses elften Studioalbums, das - wenn man überhaupt eine künstlerische Rangfolge der Alben vornehmen kann - den bislang ultimativen Meilenstein von NMAs Studioalben markiert.

Unterstrichen wird diese These vom Headbanger und Hard-Pogo Mambo Queen of the Sandstone City, einem Stück, das etwas untypisch für NMA ist, aber zeigt, was die Band immer noch und zum Glück drauf hat. Um Struktur, sprich: logische Aneinanderreihung von Songs, geht es auf diesem Album nicht. Das Strukturelle verbirgt sich im Inhaltlichen.

La Push, ein Stück, das auch gut auf das vor 20 Jahren erschienene Album Thunder & Consolation gepaßt hätte - rhythmisch stark, klanglich voluminös -, ist geprägt von Sullivans Melancholie: "(...) bury my heart deep in the forest (...)". Manche Melancholiker landen in der Klapse, wenn sich ihre Melancholie zu etwas nicht mehr Steuerbarem entwickelt. Das trifft auf Sullivan und NMA nicht zu, zumal im Anschluß an La Push mit Arm Yourself & Run und Bad Harvest zwei Songs folgen, die einen mit flottem Rock mit Punk-Einflüssen wieder wachrütteln, sollte man sich La Push zu sehr hingegeben haben.

Den Schlußpunkt von Today is a Good Day bildet das Stück North Star, das eine kritische Betrachtung - getragen von Leadgitarre und Drums - zum urbanen Leben ist, in dem Traditionen aufgegeben werden und Fixpunkte, die man einst hatte, abhanden gekommen scheinen.

New Model Army, mit bislang gut 170 veröffentlichten Songs - die meisten davon mit Urheberschaft Justin Sullivan und Robert Heaton - gehören zu den wenigen, langjährig erfolgreichen Bands, die sich nicht dem Netzzwang unterwerfen, indem sie ihr Album vorab komplett zum Download bereitstellen und zusehen, was kommt oder nicht kommt. "Wir sind da kompromißlos", sagen sie, weshalb es auf ihrer Webseite zur Zeit lediglich einen Videotrailer und den Download des Titelstücks zum neuen Album gibt.

 Erst seit wenigen Wochen sind NMA auf dem Portal MySpace vertreten, doch seit 1997 haben sie eine - umfangreiche - eigene Webseite, was im Grunde für die familienorientierte Band spricht, deren letzter Verteter des Gründungs-Line-ups, Justin Sullivan, so (natur)verbunden mit der Welt ist wie kaum ein anderer Musiker der Szene.

Einige Stücke des neuen Albums haben NMA und Justin Sullivan  - teils mit Red Sky Coven - schon live gespielt, bevor sie im Studio sauber produziert wurden. So beispielsweise in Warschau im November letzten Jahres und im Amsterdamer Klub Melkweg kurz vor Weihnachten. Auch im Januar in Frankfurt/Main und in München, sowie beim Konzert auf der Waldbühne zu Wuppertal im Juni dieses Jahres.

Kenner und Follower der Gruppe haben die neuen Songs als solche erkannt und sicherlich geahnt, daß diese auf dem neuen Album wiederzufinden wären. Wer in Wuppertal dabei war, hatte auch die Gelegenheit, Justin Sullivans Bemerkungen zur Location und zu den Deutschen an sich mitzubekommen. In einem Anflug von Wohlfühlen ob der Waldbühne, die zwischen Kreideschieferfels und Gebäum plaziert ist, lobte er etwas heiser:

"This is a beautiful place for a concert. It's perfectly German, because you are all Waldvolk. It's true. There's even a Hexenhaus at the back, really. So this is completely the wrong song for here, but we do it anyway." Dann legten sie los mit Autumn.

New Model Army waren stets ein wenig Deutschland-affin. Hier haben sie seit Jahrzehnten eine treue Anhängerschaft. Ebenso in Japan, und natürlich auch in England. Mit Today is a Good Day werden sie nicht nur ihre bisherigen Anhänger beglücken, sondern auch neue hinzugewinnen. Es paßt so gut in diese Zeit wie jedes NMA-Album in seine Zeit gepaßt hat, wobei einige Alben grandios zeitlos geblieben sind.

¹ Im November 1986 erhielten NMA für ihre US-Tour die notwendigen Visa.

² W.A.S.P.: White Anglo-Saxon Protestants (Weiße angelsächsische Protestanten)

New Model Armys Tourdaten 2009 in Europa (Auswahl; ohne Gewähr)

Niederlande: 1.11.: Rotterdam; 2.11.: Heerlen; 20.12.: Amsterdam

Frankreich: 3.11.: Lyon; 8. 11.: Arles; 18.12.: Paris

Spanien: 5.11.: Madrid; 6.11.: Alicante; 7.11.: Barcelona

Schweiz: 10.11.: Basel; 11.11.: Lausanne; 12.11.: Winterthur

Deutschland: 13.11.: München; 17.11.: Mannheim; 18.11.: Stuttgart; 20.11.: Berlin; 21.11.: Bremen; 23.11.: Münster; 19.12.: Köln

Österreich/Austria: 15.11.: Wien

Dänemark: 22.11.: Kopenhagen

United Kingdom: 25.11.: Cambridge; 26.11.: Brighton; 27.11. Birmingham; 28.11.: Manchester; 29.11.: Glasgow; 30.11.: Gateshead; 16.12.: Warsop; 17.12.: London

© Niels Baumgarten; Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-08-25)

Webseite New Model Army >>

Webseite Sawmills Studio >>

Anzeige