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Portrait: Steve Harley & Cockney Rebel
[562]

Wie Rimbaud bei chintz-covered Kisses

Im Oktober 2009 ist Steve Harley auf Tournee in Deutschland und wird einige seiner Klassiker im Programm haben. Für alle, die seine Musik nicht kennen, hier ein Portrait.

Von Niels Baumgarten (2009-09-09)

Es gab eine Zeit, man glaubt es kaum, da trugen erwachsene Männer knallenge Satinhosen mit Schlag - häufig drapiert mit glitzernden Pailletten und vielfarbigen Ornamenten -, mit Rüschen versehene Hemden, glänzende Jakette, Seidenfliegen und bunte hochhackige Schuhe. Der US-Amerikaner David Cassidy (Rock me Baby) war so einer, auch Gary Glitter (Rock'n Roll) und David Bowie (Ziggy Stardust & The Spiders From Mars) gehörten dazu. Und natürlich Queen (Sheer Heart Attack). Glam-Rock nannte man das, was da auf der Bühne und im London der frühen 1970er Jahre mode-musikalisch geschah.

 Während Gary Glitter nur armseliges Zeug vortrug, brachte Cassidy anspruchsvolle Balladen, Queen rockten mit durchaus lyrischem Material, Bowie kümmerte sich um Aliens und den Weltraum und T. Rex (Ride A White Swan, 1970), deren Sänger Marc Bolan sozusagen der erste Glam-Rocker war, begannen gitarrenintensive Tanzmusik zu machen.

Eine Band, die unter dem Druck von Management und Plattenfirma (EMI) auch in Bekloppten-Kleidung auftrat, war Cockney Rebel. Das war's aber auch schon an Kompromiss, denn was die Band unter ihrem Leadsänger Steve Harley erst den Briten, dann dem Rest der Welt musikalisch und textlich darbot, kannte man bis dahin nicht.

Auf drei Alben war der Vertrag mit EMI zunächst angelegt, was nicht schlecht war für einen Bandleader, der sich zuvor einige Jahre als Zeitungsvoluntär und Journalist versuchte und für ein paar Drinks in Londoner Klubs als Aufwärmer für John Martyn und Ralph McTell sang, bis er Jean-Paul Crocker kennenlernte und bei der Folkband Odin als Rhythmusgitarrist und Co-Sänger einstieg.

Waren zu dieser Zeit wesentlich Pink Floyd (Meddle; Umma Gumma) fürs Sphärische, Mystische und Komplizierte zuständig, machte da plötzlich eine Glitzertruppe mit unglaublich komplexem Textwerk und seltsam intellektueller Musik von sich reden, die sich sowohl tanzen, als auch in bekifftem oder transzendentalem Zustand bestens ertragen ließ.

The Human Menagerie of Cockney Rebel - produziert von Neil Harrison und orchestriert von Andrew Powell, dem späteren Grandmaster grandioser Arrangements - heißt das Album, mit dem Steve Harley (Gesang, Akustikgitarre), Stuart Elliott (Percussion), Paul Jeffreys (Fenderbass), Milton Reame-James (Keyboards) und Jean-Paul Crocker (elektrische Violine, Mandoline, Gitarre) und seine Band Cockney Rebel 1973 antraten.

Alle der zehn Stücke ließen die Szene aufhorchen. Hideaway (... It was summer, or maybe spring, I can't remember ...), Mirror Freak (Exhibition yourself, we'll hold a show on the shelf ...), Loretta's Tale (...Spy Ramona from the door, calling me the perfect whore ...), My Only Vice Is The Fantastic Prices I Charge For Being Eaten Alive (Simply Lorraine sings for a while in a three-octave harmonica style ...), Sebastian (Radiate simply, the candle is burning so low for me; generate me limply, I can't seem to place your name, cherie ...) und auch das knapp zehn Minuten lange Opus Death Trip (So now we're on a death trip, listen to the blood drip ...), das von dem kurzen Stück Chameleon eingeleitet wird.

 Das war Kunst, Lyrik, psychedelisch, Thomas-Pynchon-artig, und genau die Art von Musik, die London und die Welt so noch nicht kannten, obwohl auch Roxy Music bereits mit zwei herausragenden Alben (Same, 1972; For Your Pleasure, 1973) auf ähnlichen Art-Rock-Wegen unterwegs waren und mit Ladytron und The Bogus Man viel beachtete Stücke hatten.

Doch Harleys hochbetontes, dialektgetränktes Englisch stach hervor, in einer Weise, wie es von keiner Band je verwendet wurde. Das opulente, teils orchestral wirkende Sieben-Minuten-Stück Sebastian wurde ein Welthit, obwohl kaum ein Radiosender sich traute, es komplett zu spielen. Es war gleichzeitig die erste Single der Band.

Ein solches Album könne nicht getoppt werden, mögen viele damals gedacht haben. Vor allem die Konkurrenz. Ein Jahr später legten Cockney Rebel die Glitzerklamotten nahezu ab und überraschten alle - Fans, Konkurrenz und Defätisten - mit The Psychomodo, co-produziert von Alan Parsons und arrangiert von Andrew Powell.

Steve Harley, androgyner als zuvor, live durch sein ständiges Kaugummikauen wie die britische Ausgabe des jungen Otto Waalkes wirkend, delektiert sich auf diesem Klassiker der Musikgeschichte geradezu an seinen Texten und seinem Englisch. Doch ohne dieses Englisch und diese Texte wäre Cockney Rebel nie zu einer der beachtetsten und intellektuellsten Bands jener Zeit geworden.

23 war Harley, als er der Musikwelt mit The Psychomodo seine joyceoesken und pynchonesken Textakrobatiken vorstellte, die sich vor allem im violinen- und syntheziser-getragenen Stück Ritz niederschlagen (...Couch my disease in chintz-covered kisses, glazed calico cloth, my costume this is; come to pablo fanque's indigo, we'll show you pastel shades of rhyme ...), das sequenzhaft Pablo Picassos Blaue Phase streift.

 Dieses Sieben-Minuten-Stück toppte er in Länge mit dem achteinhalb Minuten langen, mit Kirchengeläut eingeleiteten, hymnischen Lied Cavaliers (...Love to have God next to me, with his hands around my throat in harmony ...).

The Psychomodo war das intellektuelle Gegenstück etwa zu Pink Floyds The Dark Side of The Moon (1973) oder David Bowies Diamond Dogs (1974) und konnte gut gegen Roxy Musics For Your Pleasure bestehen, zumal die Cockney-Rebellen auf schräge Geräuscheffekte verzichteten.

Wie gut, lässt sich auch an den Stücken Mr Soft (Mr Soft, turn around and force the world to watch the things you're going through; Oh Mr Soft, believe everything they tell you and be damned if they'll thank you ...), dem dramatischen Tumbling Down (... Juvenile tale - see the Titanic sail into Brighton -, the Hemingway stacatto, the tragic bravado can frighten! ...) und dem Titelstück (I been losing my head, I been losing my way, I been losing my brain cells at a million a day ...) festmachen.

Derart anspruchsvolle Stücke könne man live nicht bringen, zumal die langsamen, melancholisch anmutenden nicht? Weit gefehlt. Pink Floyd, King Crimson (In The Wake Of Poseidon, 1970), The Nice (Five Bridges, 1970) und Emerson, Lake & Palmer/ELP (Brain Salad Surgery, 1973) hatten vorgemacht, dass es funktionierte. Es war die Zeit, auf Konzerten lange, rockige und auch ruhige, getragene Stücke zu bringen.

Cockney Rebels Fans sangen die ihnen vertrauten Stücke wo es sich anbot stets mit, und auch später, als sich die Band aufgelöst hatte und Steve Harley allein oder mit engagierten Musikern unterwegs war, wurde mitgesungen, oft im Massenchor der Audienz, vor allem, wenn Harley Sebastian brachte.

 Damals allerdings war Steve Harley, dessen pseudonymer Nachname seiner Leidenschaft der Motorradmarke Harley Davidson geschuldet ist, auch ein arroganter Kotzbrocken mit Hang zum Nihilismus, der für die Presse nicht viel übrig hatte und seine Band eher als Anhängsel und Mittel zum Zweck betrachtete, sie aber brauchte, weil er außer Stimme und Akustikgitarre kein weiteres Instrument spielen konnte. Es kam zu erheblichen Dissonanzen.

Folgerichtig verließen nach The Psychomodo Paul Jeffreys, Jean-Paul Crocker und Milton Reame-James die Band. Für sie kamen Jim Cregan (elektrische und akustische Gitarre), George Ford (Bass) und Duncan Mackay (Keyboards, Elka, Hammond und Klavinett). Das Album The Best Years Of Our Lives (1975) kam dann unter dem Bandnamen Steve Harley & Cockney Rebel auf den Markt.

Zunächst schien es, als könnte es an die beiden Vorgängeralben nicht anknüpfen, doch dann geschah etwas, womit Steve Harley & Cockney Rebel selbst nicht gerechnet hatten. Das Eingangsstück - (Come Up And See Me,) Make Me Smile - auf Seite 2 des Vinylalbums wurde ein Welthit in der Kategorie Popmusik, obwohl der Schwede Harpo gerade mit Moviestar einen globalen Nummereinshit landete, doch 'Come up and see me, make me smile' stand diesem in nichts nach.

Normalerweise hätte Make Me Smile ordentlich Pfund auf die Konten der Band spülen müssen, doch der Vertrag mit EMI aus dem Jahr 1972, den Harley und Cockney Rebel nach nur fünf Gigs angeboten bekommen hatten, sah dies nicht vor. Und auch das teure Touren brachte offenbar nicht allzuviel ein.

"Wir haben damals kaum was verdient. Wenn so eine dreimonatige Tour zu Ende war, musste ich den Manager fragen, wo eigentlich mein Geld bleibt", sagte Steve Harley dem Südwestrundfunk (SWR) vor drei Jahren im Interview.

 Durch Make Me Smile wurde The Best Years Of Our Lives zu einem der erfolgreichsten Alben des Cockney-Barden, wobei die Psychomodo- und Human-Menagerie-Fans auch auf ihre Kosten kamen, fanden sich doch noch eine Reihe weiterer Stücke auf dem Album, die es erst zu verstehen und dann zu genießen galt - oder umgekehrt.

Mr Raffles (... then, in Amsterdam you were perfect fun, you never let on you had a gun, and then you shot that Spanish dancer. The speed at which we ran for a mile or two, they would have crucified us if they knew ...) ist einer dieser prächtigen Songs - den es auch als Single-Auskoppelung gab -, der das intellektuelle Bedürfnis von Cockney Rebel-Anhängern befriedigte.

Harley gibt hier wieder sein bestes Cockney-Englisch und erzählt eine Crime-story, wie man sie virtuoser kaum erzählen könnte, und mit dem Stück It Wasn't Me (... it wasn't me who wrote to gideon, I only ate the homing pigeon ...) knüpft er an die psychedelisch-virtuosen Songs von The Psychomodo an, wenn auch auf dem zweifelhaften Terrain der Religion.

Zum guten Sound des Albums hat auch das Backing-Vocals-Quartett beigetragen, das aus Linda Lewis, Martin Jay, Yvonne Keeley und Liza Strike bestand. Mit der Niederländerin Yvonne Keeley war Harley zu jener Zeit liiert und produzierte zwei Kinder mit ihr, doch die Beziehung hielt nicht.

Keeley dürfte er das Titelstück des Albums gewidmet haben. Zumindest scheint es autobiographische Züge zu tragen, singt er doch: "European maids, hard to ignore; You, me and the boys, barred from the shore; Fresh-faced imbeciles, laughing at me, I've been laughing myself, is that so hard to see? Do I have to spell each letter out, honestly! If there's no room for laughter, there's no room for me - for meeeh (...)."

 Dann war es vorbei mit dem Heuristischen und seiner phänomenalen Darbietung von Cockney Rebel. Diejenigen, die drei Cockney-Rebel-Alben lang kifften oder trippten, bis auch das letzte Molekül oder Atom sich im Universum von Trilliarden Farbschemen verloren, hatten bezüglich Harley künftig umzudenken. Nicht wenige wandten sich in der Folgezeit von seiner Musik ab.

Vorbei war es auch mit der undifferenzierten Kategorisierung des so genannten Glam-Rocks, die auf die Band und ihren Frontman Harley musikalisch nie zutraf. Fast alle der dieser Kategorie zugeordneten Bands hatten Mitte der 1970er die Klamotten gewechselt - und ihre musikalische Ausrichtung.

David Bowie etwa entdeckte das Soul- und Funk-Fach und brachte Young Americans heraus (1975); Queen hielten durch ihren Frontmann Freddy Mercury zwar am Glamourösen fest, wagten sich aber ins Theatralisch-Opernhafte (A Night At The Opera, 1975); und Roxy Music versuchten sich nach dem Weggang ihres Masterminds Brian Eno immer noch neu zu definieren.

Gesungene Kunst, anspruchsvolle Lyrik gewissermaßen, war von Art-Rockern und musikalischen Erzählern, zu denen auch Genesis (The Lamb Lies Down On Broadway, 1975) bis dahin gehörten, nicht mehr allzu sehr gefragt. Das sollte erst später wieder - etwa mit Kate Bush - für Furore sorgen.

Steve Harley besann sich auf seine frühen Folk-Einflüsse. Es folgte das ordentlich gemachte Album Timeless Flight (1976) mit dem herausragenden Stück Red Is A Mean, Mean Colour. Stuart Elliotts Bruder Lindsay bediente die Percussions und neben Yvonne Keeley sangen beispielsweise ihre Schwester Patricia Paay und Madeline Bell. Paay und Bell waren bereits als notable Sängerinnen bekannt, Paay vor allem in ihrer Heimat Holland, Bell durch Sessions mit Dusty Springfield, ihrem Dee Dee Warwick-Cover-Hit I'm Gonna Make You Love Me und Backing Vocals auf Joe Cockers Bye Bye Blackbird.

 Arbeitstier Harley brachte gegen Ende 1976 noch das Album Love's A Prima Donna heraus, auf dem sich eine Version des Lennon/McCartney-Songs Here Comes The Sun befindet, mit dem er und Cockney Rebel einen in die britischen Top 10 gelangten Achtungserfolg hatten. Zu den nicht hitverdächtigen, hingegen ausgezeichneten Stücken gehört von diesem Album auch Innocent And Guilt.

1977 kam das Album Face To Face heraus, auf dem Make Me Smile als fast sieben Minuten lange Version verewigt ist. Nach Face To Face löste sich die Band auf und Steve Harley machte vorwiegend allein weiter. Die Zeiten begannen sich zu jener Zeit radikal zu verändern, besonders innerhalb der Plattenfirmen.

Punk war dann auch in Deutschland angesagt, Protest auf einfache Weise. Drei Riffs genügten, um Pop- oder Rockstar zu werden. Johnny Rotten, The Sexpistols und etwa The Clash traten mit simplen Botschaften und einer Menge Radau an; auf der anderen Seite standen der aufstrebende Elvis Costello und The Police, und in der manisch-depressiven und komplizierten Krach veranstaltenden industriellen Ecke Joy Division, Throbbing Gristle oder Cabaret Voltaire.

Steve Harley, der mit einem lyrischen Talent wie etwa dem des jungen Jean Rimbaud (1854-1891) angetreten war, reduzierte sich. Nach dem 1978 erschienenen Album Hobo With A Grin, von dem Riding The Waves für die Radiosender am attraktivsten schien, verabschiedete sich seine Lebensgefährtin Yvonne Keeley von den Backing Vocals. Sie hatte bereits mit If I Had Words im gleichen Jahr einen Hit und verfolgte nun ihre eigene musikalische Karriere.

Mit The Candidate, auf dem How Good It Feels, herausragt, ein Stück, das auf völlige Verliebtheit in Keeley abzuheben scheint - wie schon manche andere zuvor -, lieferte Harley 1979 sein für lange Zeit letztes Album ab. Er war danach regelrecht weg.

Den größten Teil der 1980er Jahre habe er sich für die Erziehung seiner Kinder genommen, wie er sagt. Er wirkte in England bei der Premiere des Welterfolgs Phantom der Oper an der Seite von Sarah Brightman mit, geriet aber in Deutschland aus komplett dem Blickfeld.

 1988 brachte er seine Greatest Hits heraus, unter denen sich sein vierzehn Jahre zuvor nur als Single erschienener Top-10-Hit (UK, Nr. 5) Judy Teen befindet, der damit erstmals Eingang in ein Album fand. Als er im Herbst 1991 a-capella durch kleine Klubs tourte, hatte er gewichtsmäßig ordentlich zugelegt, so dass es manchem Fan die Sprache verschlug.

Er schien abgebrannt zu sein, und irgendwie an seine Open-mike-nights im 1971/72er London und seine Zeit als Straßenmusiker (busker) im Stadtteil Notting Hill (Portobello Road) zu erinnern; was er 20 Jahre danach - auf einem Hocker sitzend - mit seiner Akustikgitarre und Stimme vortrug, beispielsweise in der Dortmunder Live Station, war überzeugend. Er war zurück, wenn auch noch zaghaft, aber er tourte wieder kontinuierlich und kam fortan regelmäßig nach Deutschland.

Mit Yes You Can brachte er 1992 nach fast vierzehn Jahren wieder ein Album mit neuen Songs auf den Markt, das an Qualität nichts zu wünschen übrig ließ. Zwei Sechs-Minuten-Stücke darauf - The Alibi und The Lighthouse - erinnern an seine langen Stücke der ersten drei Alben, wobei The Lighthouse durch den Einsatz einer Harmonika deutlich melancholisch wirkt.

Vier Jahre später folgte Poetic Justice, das die These unterstreicht, bei Steve Harley habe es sich schon immer eher um einen Worte-Virtuosen als um einen Musiker gehandelt; um einen, für den Musik nur Transportmittel für Dichtung und lyrische Komplexität sei. Seine auf diesem Album vorhandene Interpretation des Dylan-Songs Love Minus Zero gehört zu den besten, die es gibt.

Sein bisher letztes Album (The Quality Of Mercy) mit neuen Songs datiert aus dem Jahr 2005 und co-firmiert mit Cockney Rebel. Es ist ein sehr gutes Album, das nochmals unter Beweis stellt, welche Qualitäten er als Texter und Komponist, doch mit den ersten drei Alben seiner Karriere kaum noch etwas gemein hat. Zuletzt war er im Jahr 2007 hier, und wie gut er ist, wissen zum Beispiel die Frankfurter (Main) Fans, wo er im März besagten Jahres auftrat.

 Harleys Songs sind hundertfach gecovert, in Filmen und sogar in der Werbung eingesetzt worden. Allein Make Me Smile wurde über hundert Mal nachgespielt und interpretiert, und das auch noch in sieben Sprachen. Für seine kompositorische und lyrische Leistung erhielt er 2002, dreißig Jahre nachdem er im Sommer 1972 mit Cockney Rebel The Human Menagerie eingespielt hatte, das von vielen Musikkritikern und Fans als sein bestes Album betrachtet wird, von der British Academy of Composers and Songwriters die honorige Auszeichnung Gold Badge Of Merit.

Er wird unter Musikern seiner Generation und auch bei der jüngeren hoch geschätzt, hält Kontakt zu Alten und den Jungen. Rick Wakemann, Keyborder von The Nice und ELP, gestand Harley, er, dessen Mutter Jazz-Sängerin war, sei stets "mehr Poet" als Musiker gewesen.

Harley, der nicht nur etwas für die gleichnamige Motorradmarke übrig hat, sondern auch für Pferdesport, weshalb er auch zum traditionsreichsten Pferde-Event ins englische Ascot (Berkshire) geht, gilt in Britannien längst als bodenständiger Künstler. Dem Nihilismus der frühen Jahre hat er sich - folgt man seinem Blog - dennoch nicht vollständig entzogen, allerdings bringt er ihn nur noch punktuell, und gereifter.

Manche Eltern haben ihre Söhne nach Sebastian benannt, was ihm überhaupt nicht gleichgültig ist. Er geht - wie beispielsweise 2006 in Stockholm geschehen - auch in die Wohnung von Fans. Familie und junge Leute sind ihm wichtig.

So geht er auch in Jurys. Zuletzt in der Ortschaft Bury (Suffolk), wo sechs Schülerbands für den Titel 'Pop Idol' antraten. "Ich bin davon angetan, dieser Veranstaltung meine Unterstützung geben zu können, denn sie gibt jungen Musikern aus der Region die Möglichkeit, zu zeigen, was sie draufhaben. (...) Vielleicht ist da eine wirklich große Band", sagte er im Mai dieses Jahres der East Anglian Daily Times.

Er macht viel Charity, besonders, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Zuletzt im Juni dieses Jahres beim jährlichen ChildLine Rocks-Event, auf dem schon die meisten Rang und Namen tragenden britischen Musikanten und Mega-Bands auftraten und ordentlich Pfund einspielten. Er bestärkt die jungen Leute, nicht selten in persönlichen Gesprächen, an ihren Träumen festzuhalten.

 Neben seinen Charity- und Juror-Veranstaltungen ist er indirekt auch politisch aktiv, indem er MAG International (Mine Advisory Group) unterstützt, jene Nicht-Regierungsorganisation, die wegen ihres Engagements zur Beseitigung von Landminen und Unterstützung ihrer Opfer 1997 zusammen mit Jody Williams (International Campaign to ban Landmines) den Friedensnobelpreis erhielt.

Einige seiner hervorragenden frühen Stücke bringt Steve Harley zum Glück seiner mit ihm teils ergrauten, teils gerade 16 gewordenen Fans noch immer, und wenn es in die langen Instrumentalsequenzen geht, steht er vor dem Mikrophon und lässt sich in das Sphärische fallen, ist nur körperlich auf der Bühne, versinkt in seine Songs - ganz so wie der junge Rimbaud in seine Lyrik - und ist mit seinen Liedern in und außerhalb dieser Welt. Vielleicht auch irgendwo, wo Küsse hinter bunt bedrucktem Baumwollgewebe auf ihn warten, chintz-covered kisses sozusagen. 

© Niels Baumgarten

© GeoWis (2009-09-09)

Webseite Steve Harley >>

Gigs 2009 in Deutschland (ohne Gewähr)

19.10.: Berlin (Quasimodo); 20.10.: Hamburg (Fabrik); 21.10.: Ludwigsburg (Rockfabrik); 22.10.: Nürnberg (Hirsch); 23.10.: München (Metropolis); 25.10.: Essen (Zeche Carl); 26.10.: Bonn (Harmonie)

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