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Eilen Jewells erstes Konzert in Deutschland
[568]

Some enchanted Evening

Am vergangenen Montag gastierte die Amerikanerin Eilen Jewell nebst Band in der Essener Egobar.

Von Uwe Goerlitz (2009-09-25)

Ihre Konzerte in den Niederlanden waren allesamt ausverkauft, doch Eilen Jewell hat auch schon vor sehr wenig Publikum gespielt. Am Montag war es wieder soweit. Eigentlich waren für Deutschland in diesem Jahr keine Auftritte vorgesehen.

Nur weil einige Termine in Frankreich aufgrund der Unfähigkeit des dortigen Managements geplatzt sind, ist sie kurzfristig nach Deutschland gelangt. Ermöglicht hatten dies Klaus von Jan, der die Buchung übernahm, und Viktor Büttner, der das Konzert veranstaltete. "Allerdings blieb nicht mehr genügend Zeit, ausreichend für das Gastspiel in Essen zu werben", so Büttner.

Obwohl informiert, fanden sich weder Medienvertreter der WAZ-Gruppe, noch der Dortmunder Ruhr Nachrichten zu diesem einzigen Konzert in NRW ein, und auch die Lokalausgaben des WDR, die sonst jede Ikebana-Bastelgruppe oder Triangel-Kombo in ihre Veranstaltungstipps aufnehmen, hielten es nicht für nötig, darauf hinzuweisen.

Es geht entspannt zu im kleinen Backstage-Bereich der Egobar. Chili con Carne, Weißbrot und Salat werden gereicht, auf dem Tisch stehen Wasser, Coke und eine Flasche Jack Daniel's. Jason Beek, Schlagzeuger und Lebensgefährte von Jewell, hat sich rasiert, ebenso Johnny Sciascia, dessen Freundin für den CD- und Vinylverkauf und für das Gästebuch zuständig ist. Jerry Miller lobt das Chili und gönnt sich einen Whiskey.

Eilen Jewell und ihren drei Männern macht es nichts aus, daß sich lediglich 40 Leute in die Bar wagen, die für mindestens 120 Leute Platz hat. "Bevor wir irgendwo die Zeit bis zu den nächsten Auftritten in Belgien totschlagen müssen, spielen wir lieber", sagt Jewell. "Natürlich ist es leichter, wenn der Laden voll ist." 

 Fast acht Monate sind sie bereits auf Tour und wirken allesamt frisch und aufgeräumt. Touren sei auch eine permanente Kulturreise, sagt Jason Beek, der wie Jewell und Sciascia in Watertown lebt, jenem beschaulichen Teil von Greater Boston, in dem auch die Philosophen und Dichter Henry David Thoreau (Walden oder Leben in den Wäldern) und Ralph Waldo Emerson (Über den Krieg) eine Zeitlang lebten.

Die Egobar, ein Klub, der vor allem am Wochenende, wenn Dancefloor angesagt ist, aus allen Nähten platzt, liegt im zentralen Essener Stadtteil Rüttenscheidt, in dem es eine Reihe von Cafés und Bars gibt, die vorzugsweise von Young und Old Urban Professionals, aufgebrezelten Abiturientinnen und Erstsemestern frequentiert werden. Nicht unbedingt eine Gegend, in der man einen Musikakt wie Eilen Jewell erwartet, und kaum auch das Publikum, das ausreichend Kenntnis von den Top Ten-Künstlern der Americana Charts hat.

So verwundert es nicht, daß sich an diesem Abend ins Gästebuch der Egobar auch kaum Essener eintrugen. Hingegen Besucher aus Belgien, den Niederlanden, aus Ostwestfalen, Köln und dem sonstigem Rheinland oder umliegenden Ruhrgebietsstädten. Ein Ehepaar kam extra aus Saarbrücken angereist. Nicht schlecht für einen Montag.

Doch von dieser Art Dialektik ließ sich die Band nicht negativ beeindrucken. Während auf der Bühne gegen 20 Uhr die ebenfalls kurzfristig engagierte Oberhausener Rockabilly-Band Rocket Riders cool und gekonnt aufspielte und das versprengte Publikum angenehm beeindruckte, begeisterte sich Johnny Sciascia dafür, daß "manche Leute drei Stunden Fahrt in Kauf genommen haben, um uns zu sehen."

Damit gab er die professionelle Marschrichtung vor und aus der vorherigen Entspanntheit der Band wurde plötzlich Lust. Lust, gleich, wenn die Rocket Riders ihre Vorstellung beendet haben, auf die Bühne zu gehen und mindestens ordentliche Arbeit abzuliefern. Eilen Jewell trank einen Jack Daniel's, nickte und sagte: "Ich höre mir die Jungs da draußen jetzt an. Die klingen gut." Sprach's und verschwand mit Johnny Sciascia ins Publikum.

 Während Jerry Miller sich ein wenig darüber wunderte, wie winzig die 0,7-Liter-Flaschen Jack Daniel's "hier" seien, erzählte Jason Beek von den Auftritten in Holland.

In Hilversum und Amsterdam habe man umfangreiche Radioshows gegeben. Unglaublich, wie das holländische Publikum abgehe. Es seien Heimspiele gewesen, etwa in Tilburg.

Nachdem die Rocket Riders ihren Auftritt absolviert haben und backstage kommen, entsteht eine kurze Fachsimpelei. Kaum zehn Minuten verbleiben bis zum Jewell-Konzert. Sie freue sich, daß sie endlich in Deutschland auftreten könne, sagt die einssechzig große Musikerin. Erwartet habe sie dies für dieses Jahr nicht mehr.

Genausowenig hatte sie erwartet, in diesem Jahr auch noch in Skandinavien spielen zu können (Norwegen, Schweden), worauf sie sich sehr freue, besonders auf Stockholm, wo im Oktober ja schon ähnliche Temperaturen herrschten wie in Boston. Tatsächlich standen Gigs in Skandinavien im Mai dieses Jahres noch nicht auf dem Tourplan der Band.

Als sie auf die Bühne der Egobar treten, hat Eilen Jewell sofort das Publikum hinter sich. Aus allen drei Alben (Boundary County; Letters from Sinners & Strangers; Sea of Tears) bringt sie Stücke in einem ausgewogenen Arrangement. Schnell wird klar, daß hier leidenschaftliche Musiker am Werk sind, und bei Jerry Millers Gitarrenspiel fällt Kennern auf, wie sehr es an manchen Stellen dem von Hank Marvin von The Shadows erinnert.

Miller (56), der den Briten persönlich kennt, entlockt seiner 'Gretsch' ungeahnte Töne. Er schwört auf dieses Instrument, das von den Nachkommen des im 19. Jahrhundert nach New York ausgewanderten Mannheimers Friedrich Gretsch hergestellt wird, der die Traditionsfirma 1883 gründete. Der Country-Musiker Chet Atkins schwörte ebenso wie Elvis Presley auf 'Gretsch'.

"Ich finde das voll peinlich, daß hier so wenig Leute gekommen sind", sagt eine junge Dame aus Duisburg, die mit ihrem Freund angereist ist. "Wie sieht denn das für uns aus? Das wirft doch echt ein schlechtes Licht auf das deutsche Publikum, wenn hier so tolle Leute auftreten und kaum einen interessiert's. Begreif ich nicht. Ich werd mir jedenfalls die Hände wundklatschen."

 Jewell sagt jedes Stück an und vergißt auch nicht, die Urheber zu nennen, wenn sie einige der wenigen Cover bringt, die sie neben einem Korb von eigenen Stücken im Portfolio hat. So zu Shakin' all Over, das von Johnny Kidd stammt, die meisten aber mit The Kinks in Verbindung bringen. Es ist einer der vielen sehr guten Songs, die die Band an diesem Abend spielt.

Es ist eine harmonische wie auch peppige Vorstellung. No Place To Go, High Shelve Booze, Where They Never Say Your Name, Sweet Rose, Nowhere In No Time etwa stehen für das Nachdenkliche, Mitfühlende, Emotionale. Stücke, die ausdrücken, daß Einsamkeit am Start ist, Geborgenheit gesucht wird, der ganze große Mikrokosmos des Individuums im Zentrum allen Seins steht.

Eilen (sprich: Ilen) Jewell singt mit einem Hauch von rauchiger Stimme; John Sciascia zupft den Kontrabaß sanft und nicht lediglich auf die die üblichen Muskeln beanspruchende Weise und ist mimisch wie emotional tief in den Songs; Jason Beek, der gelegentlich mitsingt, weiß die Drums auf eine teils minimalistische, indes immer passende Weise zu bedienen. Und Jerry Miller, der sich auf dezente wie effiziente Art auf sein Gitarrenspiel konzentriert, sorgt für die Punktuation genauso wie für den analog zu Baß und Schlagzeug gereichten Rhythmus.

Es ist eine Ohrenweide, was die Band darbietet, und eine Augenweide, das Inbrünstige des Quartetts zu erleben. Auch dann, wenn es um die flotteren Stücke wie Too Hot To Sleep, Gotta Get Right, Everywhere I Go oder um die guten Country rüberbringenden wie Rich Man's World und If You Catch Me Stealing geht.

Die Band, fälschlicherweise allerorten als Country-Truppe apostrophiert, fährt ein Kaleidoskop an Stilmischung auf, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Fast durch jedes Stück weht mal ein leichter, mal ein stärkerer Hauch von Blues; dann wieder J.J.-Cale-artiger Cajun; auch Melanie Saskias herb-trauriger Folk schimmert durch, vor allem beim Sechsminutenstück Blow It All Away und bei The Flood.

Eilen Jewells Musik erscheint wie ein mit Seelenlandschaft gefülltes Aquarium, in dem zudem eine Vielzahl exotischer Fische über und um ein Relief von Wunden und Narben schwimmen. Sie ist bereit, Songs auf Zuruf zu bringen, etwa Dusty Boxcar Wall (... well, I'm going away, my baby ...), und sie freut sich darüber, daß im Publikum Leute sind, die es kennen.

Der Auftritt in Essen hat etwas Familiäres. Alle fühlen sich wohl. Vor allem Jewell, die keine Starallüren hat, was auch daran festzustellen ist, daß sie darauf hinweist, von ihrer aktuellen CD gebe es auch eine Vinyl-Version. Sie sagt 'Veinel', aber auf Zuruf gefällt ihr die deutsche Version: "Vinyl? I like that, yeah. That sounds good." Und er hat etwas Bezauberndes, dieser Abend.

 Das aus Saarbrücken angereiste Paar bereut nicht "nicht eine Sekunde" an diesem Montagabend. Die Duisburgerin ist nicht mehr ansprechbar, doch nicht etwa, weil sie von ihren antialkoholischen Getränken überfordert gewesen wäre, sondern weil sie sich der Musik hingegeben hat und sich in der Dialektik zwischen der Leistung der Band und dem Umstand der wenigen Besucher verirrt hat.

"Das ist mir aber auch sowas von scheißegal jetzt, daß die hier in Essen nix blicken", erbost sie sich, nachdem die letzte Zugabe gegeben wurde. "Das war das beste Konzert, das ich in diesem Jahr bisher gesehen habe. Und das erzähle ich allen, die ich kenne."

Nicht unbedingt die beste Werbung, die der Stadt, die 2010 neben Dortmund eines der Zentren der 'Kulturhauptstadt' im polyzentrischen Ruhrgebiet ist. "Ist das so?", fragt Eilen Jewell beinahe ungläubig, als sie dies erfährt.

Vielleicht werden die Veranstaltungsbeauftragten zur Kulturhauptstadt, deren Vorsitz der ehemalige Intendant des WDR, Fritz Pleitgen, hat, ja noch einige Euros lockermachen, um die Band, deren Song Where They Never Say Your Name vom Modekonzern Ralph Lauren gerade für eine Promo-Kampagne eingesetzt wird, im nächsten Jahr auf der Setlist zu haben.

Für die Besucher hatte das Konzert den Vorteil, daß sie eine der nur in geringer Auflage (1000 Stück) gepreßten Vinylversion des Albums Sea of Tears (ohne GEMA) erstehen konnten, oder auch die Single Heartache Boulevard/Nobody's Business (2007).

Auch die CDs - alles amerikanische Pressungen - waren erhältlich, von denen vor allem die in Deutschland nur über den Import zu bekommende Boundary County ein Schnäppchen war. Wer firm genug war, höflich nachzufragen, erhielt auf dem Erworbenem Unterschriften aller Bandmitglieder.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-09-25)

GeoWis dankt Caroline Opitz für die Abbildungsgenehmigung des Bandfotos (mehr Fotos >>)

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