GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
17. Dezember 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
- Afghanistan
- Angola
- Argentinien
- Australien
- Austria
- Auto-Legenden
- Bangladesh
- Burma
- China
- Deutschland
- Dänemark
- EU
- Frankreich
- Georgien
- Griechenland
- Haiti
- Honduras
- Indonesien
- International
- Italien
- Japan
- Kuba
- Liechtenstein
- Literatur/Kunst/Musik/Medien
Mexiko
- Niederlande
- Nigeria
- Paraguay
- Peru
- Polen
- Schweden
- Schweiz
- Serbien
- Spanien
- Sport
- Syrien
- USA
- Venezuela
- Vietnam
- Zimbabwe
- Äthiopien
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>

Weitere Beiträge:
Cenotes auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán gelten als Attraktion für Taucher. Den fragilen Ökosystemen tut das nicht gut
Puebla: Rosa Taxis für Frauen
2. Oktober 1968: Das Massaker von Tlatelolco
NAFTA: Ugly Big Deal, Teil 1: Böse Falle
NAFTA: Ugly Big Deal, Teil 2: Gier nach Dividende
Mexiko: Tödliche Illusionen
Mexiko: Eine Tonne Cash
Ojeda, Grisel: Mexikos Präsident Calderón in der Defensive
Portrait: Vanessa Bauche - Die starke, mutige Mexikanerin


NAFTA: Ugly Big Deal, Teil 1: Böse Falle
[295]

Böse Falle

Ist Freihandel noch ein Konzept für die Zukunft? Der nordamerikanische Freihandelsvertrag NAFTA gerät zunehmend unter Druck.

Von Grisel Ojeda, Tom Geddis und Uwe Goerlitz (2008-01-27)

Es waren bisher wunderbare Jahre für die US-amerikanischen und kanadischen Produktionsbetriebe, seit am 1. Januar 1994 das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North-American Free Trade Agreement, NAFTA; span: TLCAN) in Kraft getreten war. Unter veränderten, günstigeren Bedingungen als zuvor fuhren sie in großem Stil damit fort, lohnintensive Produktionsbereiche über den Río Bravo nach Mexiko zu verlagern.

 Vor allem die von Tijuana bis Matamoros reichende, knapp 3000 km lange mexikanische Grenzregion zu den USA mit ihrem beidseitig der Grenze eingerichteten 50-Kilometer-Korridor erlebte eine Prosperierung, wie sie seit Jahren nicht mehr stattgefunden hatte.

Während 1990 noch rund 446.000 Beschäftigte in den sogenannten Maquiladora-Betrieben (Maquiladoras) arbeiteten, waren es fünf Jahre später bereits 640.000. Weitere fünf Jahre darauf hatte sich die Beschäftigtenzahl fast verdoppelt. Inzwischen liegt sie bei 1,91 Millionen.

Dreizehn der hundert größten Maquiladora-Unternehmen in Mexiko haben Belegschaften von mehr als 10.000 Mitarbeitern, verteilt auf rund 200 Produktionsstätten, Entwicklungs- und Serviceeinrichtungen. Insgesamt arbeiteten in diesen 13 Unternehmen etwa 274.000 Menschen (2007).

Bedeutendster Maquila-Arbeitgeber ist der Automobilzulieferer Delphi Automotive Systems, dessen Hauptquartier in Troy bei Detroit, Michigan, ist. Er beschäftigt 66.000 Leute. Auf Platz zwei rangiert die ebenfalls aus Michigan stammende Lear Corporation mit 34.000 Beschäftigten, auch sie ein Automobilzulieferer.

 Der drittgrößte Automobilzulieferer, Yazaki North America, kommt aus Japan und hat 33.400 Leute auf der Lohnliste. Zu den Big Five gehört auch der Aluminiumproduzent Alcoa Fujikura (Japan) mit 23.000, und General Electric (USA) mit 20.700 Mitarbeitern. Philips Electronics (Niederlande) führt auf Platz 10 die Europäer an (10,575), gefolgt von Siemens (10.200). Kanada taucht auf der Skala mit Magna International (9.800) erstmals auf Rang 14 auf.

Subsumiert war bei den 100 größten der gut 2.800 Maquila-Unternehmen Ende 2007 mit 556.000 Mitarbeitern nahezu die Hälfte aller Maquiladora-Beschäftigten untergebracht.

Einer der wesentlichen Unternehmensvorteile von NAFTA ist die freie Einfuhr von Rohstoffen, Halbzeugen, teil- und komplett zu veredelnden Produkten, die keiner Restriktion - etwa Lebensmittel- oder Sicherheitsgesetzen - unterliegen. Alles, was sich zur Weiterverarbeitung oder Endmontage eignet, kann aus den USA und Kanada von dort ansässigen Unternehmen nach Mexiko eingeführt werden.

Was vor allem für die aus den USA und Kanada stammenden Unternehmen ein profitables Geschäft ist (allerdings nicht nur für die: schon lange lassen ja asiatische und europäische Unternehmen in Maquiladoras produzieren und montieren), erweist sich seit Inkrafttreten von NAFTA für die Beschäftigten aller drei Länder als böse Falle.

Längst hat sich die Maquiladora-Industrie in ganz Mexiko ausgebreitet. Zwar existieren andere Besteuerungsriten außerhalb des 50-Kilometer-Korridors, doch hat das viele international operierende Konzerne nicht davon abgehalten, Verkaufsniederlassungen oder Produktionsstätten im Zentrum oder der Peripherie großer Städte zu etablieren, etwa im Nordwesten und Nordosten Mexico Citys, in Guadalajara, oder in Monterrey, der drittgrößten Metropole und Hauptstadt des Bundesstaates Nuevo León.

 Obwohl Mexiko nach der Revolution von 1910-17, und besonders seit der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas del Río (El Bueno/Der Gute; 1934-40), über starke Gewerkschaften und ein arbeitnehmerfreundliches Arbeitsrecht (nur für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte) verfügte, entwickelte sich die Maquiladora-Industrie in der nördlichen Grenzregion seit der Präsidentschaft von Gustavo Díaz Ordaz (1964-70) zu einem Mekka des Neoliberalismus.

Mit den Gringos in Nadelstreifen kehrt alsdann das Hire-and-Fire System in die Grenzstaaten Baja California, Sonora, Chihuahua, Coahuila, Nuevo León und Tamaulipas ein, das sich vergleichsweise leicht installieren lässt, weil ein Arbeitskräfte-Überschuss - vor allem Ungelernter - herrscht und auf Gewerkschafter keine Rücksicht genommen wird.

Auch heute noch entsteigen Habenichtse den aus Mexico City und anderen Großstädten kommenden Bussen in Ciudad Juárez, Tijuana, Matamoros, Reynosa oder Mexicali, um sich sofort auf die Suche nach einem Job und einer Unterkunft zu machen. Ein Ende des Zustroms in die Grenzregionen ist nicht in Sicht, zumal jährlich mehr Menschen das erwerbsfähige Alter erreichen als Jobs geschaffen werden.

"TLCAN schadet uns", äußerte sich im Jahr 2003 ein Techniker gegenüber dem Comité Fronterizo de Obreras (CFO), das in den mexikanischen Bundesstaaten Coahuila, Chihuahua und Tamaulipas aktiv ist und sich für die Rechte der Arbeiterschaft einsetzt. Er habe in den besten Zeiten 1100-1250 Pesos (N$), damals ca. 100-114 US-$, pro Woche verdient. Nun sei er auf 900 N$, mithin 82 US-$, heruntergestuft worden.

Damit gehörte er noch zu den Gutbezahlten. Andere lagen nur unwesentlich über dem Mindestlohn, der 2003 in der Grenzregion maximal 43,65 N$ (damals ca. 4,70 US-$) pro Arbeitstag betrug. Nun, im Januar 2008, beträgt der gesetzliche Mindestlohn maximal 52,59 N$ (ca. US-$ 4,78/Arbeitstag). Das ist kaum mehr als in vergleichbaren Betrieben Chinas gezahlt werden muss.

Nach Angaben des Maquila Information Center lag der durchschnittliche Stundenlohn in den Jahren 2000-2005 bei US-$ 1,80. Inzwischen (Dez. 2007) liegt er bei 1,98 US-$ für Arbeiter und 5,50 US-$ für Techniker. Laut CFO beliefen sich die Wochenlöhne einfacher Arbeiter vor vier Jahren zwischen 250 und 750 N$ (23-68 US-$) pro Monat. Hingegen betrugen die Minimalausgaben (Minimum Expenses) für Milch, Getreideprodukte, Eier, Toilettenpapier etc.pp. zur gleichen Zeit knapp 53 US-$ pro Woche.

Fleisch, Fisch oder Gebäck (Model Expenses) addiert, stiegen die wöchentlichen Kosten auf 84 US-$. Die Pflichtausgaben (Mandatory Costs) für Miete, Elektrizität, Gas, Wasser, Transport, Schule und Kleidung auch hinzugerechnet, komme man auf eine Summe von 117 US-Dollar pro Woche.

MEXIKO: HANDELSBILANZEN NATIONAL
Jahr
Export Import Saldo Exp.

Mrd. US-$Mrd. US-$in %
1995 79,542 72,453
+8,91
2000 166,121
174,458
-4,78
2001 158,780
168,396
-5,71
2002 161,046
168,679
-4,53
2003 164,766
170,546 -3,39
2004 187,999
196,810
-4,48
2005 214,233
221,820
-3,42
2006 208,640*
211,799*
-1,49
* Jan-Okt 2006
Quelle:INEGI; Berechng.: UG/GeoWis, 2008.

Damit befanden sich die einfachen Arbeiter rein rechnerisch wöchentlich stets mit mindestens 49 US-$ im Defizit. Selbst der Techniker hatte im Mittel ein Minus von wöchentlich 35 US-$. Geld für Anschaffungen, Kultur- und Freizeitgestaltung oder zum Sparen blieb nicht übrig.

Durchschnittlich leben 4,18 Personen in einem mexikanischen Haushalt (2005). Um über die Runden zu kommen, müssen alle Haushaltsmitglieder im erwerbsfähigen Alter, mitunter auch die ein, zwei Jahre unter 14 Jahre alten Familienmitglieder, auf irgendeine Weise zum Budget beitragen. Schlecht dran sind Singles. Am schlechtesten weibliche Singles.

In den allgemein zugänglichen Arbeitsmarktstatistiken Mexikos wird die Diskrepanz zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten standardmäßig wenig berücksichtigt. Dennoch existieren Daten dazu.

Sie werden separat und bis zur munizipalen Ebene in den Zensus ausgewiesen, wobei die Daten erfahrungsgemäß nicht immer durchgehend zuverlässig sind.¹ Subsumiert lassen sie sich auf einen Nenner bringen: Geschönt wäre manchmal noch geschmeichelt.

Für die Summe der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse sind die Maquiladora-Betriebe wichtig, denn inzwischen haben sie daran einen Anteil von etwa 10 Prozent. Für die mexikanische Handelsbilanz und Exportstatistik sind sie von größerer Bedeutung, tragen sie doch weit über 40 Prozent dazu bei. Ohne Maquiladoras sähe Mexikos nationale Handelsbilanz erschütternder aus als beispielsweise während des Zeitraums 1985, als der Überschuss trotz gewaltiger Inflationsrate 10,4 Prozent betrug.

1999 unternahm Mexiko unter der Regierung von Ernesto Zedillo Ponce de León einen Versuch, die Gewinne der vorwiegend unter ausländischer Herrschaft agierenden Maquiladora-Betriebe in erträglichem Rahmen zu besteuern. Sofort intervenierten die Unternehmensverbände aller NAFTA-Partner und wurden nicht nur bei Zedillo vorstellig, sondern mobilisierten auch die hohe Politik in ihren Ländern.

So war der 'Steuer'-Plan zunächst auf Eis gelegt und zwei Jahre später gänzlich verworfen worden, nachdem der noch um ein Vielfaches NAFTA- und USA-freundlichere Vicente Fox Quesada Zedillos Nachfolger geworden war (2000). Steuereinnahmen aus den Gewinnen der Maquiladora-Industrie gab es von nun an - immerhin - nur von mexikanischen Teilhabern an den von Ausländern betriebenen und eigenen Maquilas.

MAQUILADORAS: HANDELSBILANZEN
Jahr
Import
Export
Saldo Exp.

Mrd. US-$
Mrd. US-$
in %
1995
26,179
31,103
+18,18
2000
61,709
79,476
+28,79
2001
57,599
76,881
+33,48
2002
59,296
78,098
+31,71
2003
59,057
77,467
+31,17
2004
67,742
86,952
+28,36
2005
75,129 97,401
+29,65
2006
72,566*
92,619*
+27,63*
* Jan-Okt 2006
Quelle:INEGI; Berechng.: UG/GeoWis, 2008.

Diese aufgezwungene (Teil-)Selbstaufgabe mexikanischer Fiskalpolitik widersprach jeglichem nationalökonomischen Sachverstand und wird bis heute kritisiert und als einer der Indikatoren für sozialen Niedergang verstanden. Mexikos Außenhandelsbilanz ist somit zu wesentlichem Teil zu einer schiefen statistischen Größe verkommen.

Auch die Außenhandelsbilanzen anderer am Freihandel in ihren jeweiligen Blöcken teilnehmenden Staaten haben - sofern ähnliche fiskalische Instrumente eingesetzt werden - eine deutlich zu relativierende Aussagekraft.

Dass NAFTA lediglich für das Big Business der Vertragspartner ein Erfolg geworden ist, dämmert den Mexikanern schon lange. Inzwischen begreifen vermehrt auch die gemeinen Kanadier und US-Amerikaner das Freihandelsabkommen.

Hatte es sich vor NAFTA für kanadische und US-amerikanische Unternehmen bereits gelohnt, lohnintensive Produktsparten komplett nach Mexiko zu verlagern, begann das große Jauchzen ab Januar 1994, als der Freihandelsvertag in Kraft trat.

Eingeleitet hatte es anderthalb Jahrzehnte zuvor der ehemalige, mittlerweile verstorbene US-Präsident Ronald Reagan mit seinem Ruf nach einem nordamerikanischen Einklang ("North-American Accord"). In Mexiko regierte José López Portillo (genannt El Caballo de Hacienda/Der Ackergaul) unter größten ökonomischen Problemen. Die zweite Ölkrise machte - bedingt durch zu geringe Weltmarktpreise - gerade international die Runde und strapazierte besonders westlich geprägte Volkswirtschaften. Mexiko, Ölförderland, stand international mit mehr als 100 Milliarden Dollar in der Kreide.

 In Kanada war der 2000 verstorbene, charismatische Pierre Elliott Trudeau an der Macht. Über seinem Land - wie über allen anderen Industrienationen - lasteten die seit Jahren sich als schwierig gestaltenden Verhandlungen zu harmonisierten Importzöllen, namentlich GATT (General Agreement on Tariffs and Trade²), bekannt auch als Uruguay-Runde.

Kanada, das mit den USA bereits einen 'Auto-Pakt' eingegangen war, ließ sich trotz starker, indes nicht ausreichender innenpolitischer Opposition auf das Kanadisch-Amerikanische Freihandelsabkommen CUSFTA (Canada-US Free Trade Agreement) ein.

Der Auto-Pakt (Canada–United States Automotive Agreement) wurde am 16. Januar 1965 unterzeichnet und veränderte die nordamerikanische 'Auto-Produktionslandschaft' nachhaltig zugunsten der USA insofern, als US-Automobilkonzerne, die Produktionsstätten in Kanada unterhielten, nun zollfrei Bauteile nach Kanada einführen konnten.

Noch wichtiger für die US-Autobauer aber war der zollfreie Export komplett zusammengesetzter Vehikels wie Busse, LKW und PKW in das dünnbesiedelte Nachbarland. Da es sich letztlich um eine Vereinbarung unter entwickelten Ländern mit ähnlichen ökonomischen Interessen handelte, profitieren beide Volkswirtschaften davon.

Den US-Amerikanern aber reichte der Sektor 'Automobil' nicht. Ihre Bevölkerung war mit 260 Millionen dreizehnmal so groß wie die Kanadas. Dementsprechend ihr Energiebedarf, ihr Bedarf an günstigen Zöllen und einem mit hoher Kaufkraft und einkommensstarker Bevölkerung versehener Markt. Ein Vertrag musste her, der den Goliath gegenüber dem David als nicht direkt erkennbar auswies.

Eingestielt wurde CUSFTA sodann einigermaßen konspirativ vom damals in Ottawa stationierten US-Botschafter Paul Robinson Jr. (1983). Laut John Warnock, der sich in seinem Buch The other Mexico auf Paul C. Newmans Beitrag Free Trade's Real Godfather (Maclean's Magazine, 18. April 1988) bezieht, nahm Robinson Jr. Gespräche mit den Führern kanadischer Großunternehmen auf, um die US-amerikanischen Unternehmensinteressen zu formulieren.

 Die Idee dahinter: die Initiative hätte von Kanada auszugehen, damit es nicht so aussähe, als dränge die USA ihrem Nachbarn etwas auf, so Warnock. Robinson Jr. leistete hierzu ganze Arbeit.

Er klapperte sie alle ab: die Bank of Montréal, deren Chef damals Jake Warren war, das Büro des kanadischen Premierministers, in dem Thomas d'Aquino saß, Edward Lumley, den damaligen kanadischen Handelsminister, Gerry Regan, Minister für Internationalen Handel, Samuel Hughes, damals Präsident der Kanadischen Handelskammer, und weitere Schlüsselfiguren.

Schweres Spiel hatte Robinson Jr. dabei nicht. Alle politisch-ökonomisch einflussreichen Institutionen Kanadas gaben ihr Plazet für den Freihandel. So die Dachorganisation der kanadischen Handelskammern, der Verband der Arbeitgeber, der Unternehmerrat für nationale Angelegenheiten (Business Council on National Issues).

Offiziell hieß es allerorts, die Freihandelsvereinbarung werde für mehr Jobs sorgen. Ein Argument, das auch heute noch für allerlei ominöse, oft dem Konzept des Neoliberalismus folgende Praktiken benutzt wird, allerdings in der Folge Millionen Menschen vom Arbeitsprozess ausgrenzt oder sie zu geringen Löhnen beschäftigt. Unternehmensanteilseignern füllt er hingegen die Taschen. Tatsächlich sorgte schon CUSFTA für arbeitsmarktrelevante Einschnitte in Kanada, was bald auch den kanadischen Durchschnittsverdienern auffiel.

Doch CUSFTA bedeute noch viel mehr. Die damalige kanadische Regierungsclique unter Trudeau und die ihr nachfolgende unter Brian Mulroney verhökerte die Seele des Landes, indem sie dem energiehungrigen Nachbarn USA - trotz umfangreicher Proteste von Bürgerinitiativen, Wirtschafts-, Politik- und Geowissenschaftlern und der parlamentarischen Opposition - unbeschränkten Zugang zu Energieressourcen einräumte.

Der Nachbar USA, vertreten durch Unternehmen und politische Entscheider (Corporate America; America first!) entpuppte sich als ein rücksichtsloser Vielfraß, dem außer dem allsonntäglichen Kirchgang nichts sakrosankt erschien. Anstatt Überlegungen anzustellen, wie er seinen Energiebedarf reduzieren könnte, ohne ökonomische Divergenzen zu produzieren, machte er trotz sich längst ankündigender globaler Umwelt- und Entwicklungsverhältnisse munter weiter im Stile eines Imperius maximus.

 Viele der frühen Schlüsselfiguren zu CUSFTA und NAFTA mischen noch heute in Kanada mit. Thomas d'Aquino etwa ist Präsident des Canadian Council of Chief Executives, dem Verband bzw. Rat der Vorstandsvorsitzenden. Mit am weitesten hat es Edward 'Ed' Lumley gebracht. Er sitzt als Vorstand oder Aufsichtsrat in einer Reihe international operierender Unternehmen.

So bei Air Canada, BMO (Bank of Montréal) Nesbitt Burns, Bell Canada, beim zu Bell gehörenden Sender Telesat Canada, bei den Canadian National Railways, dessen Chef Michael J. Sabia auch Chef von Bell Canada ist, beim Autovermieter Dollar Thrifty Automotive Group und bei Magna International, dem weltgrößten Zulieferer für die internationale Autoindustrie. Dort sitzt auch der ehemalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky.

NAFTA ist nicht ohne CUSFTA zu denken. Erst recht nicht ohne den mexikanischen Corporate State, die Symbiose von Regierung und Großunternehmerschaft. In Carlos Salinas de Gortari fanden die USA und Kanada, vor allem aber mexikanische Corporate-State-Unternehmen, die ihre Profite auf US-Banken schaufelten, ihren Verbündeten.

Als Nachfolger von Miguel de la Madrid Hutardo, in dessen Kabinett der aus Monterrey stammende, damals 40-jährige Salinas de Gortari - früher ein Schüler de la Madrids an der Nationaluniversität in Mexico City (UNAM) - Minister für Planung und Budget war, führte er dessen Liberalisierungspolitik weiter, die wesentlich aus der Privatisierung von Staatsunternehmen bestand.

Um diese sozial zu begleiten, legte er nach Amtsantritt (1. Dezember 1988) ein milliardenschweres Konzept auf, das PRONASOL (Programa Nacional de Solidaridad/Nationales Solidaritätsprogramm). Damit erreichte er die Massen. In seinem Nationalen Entwicklungsplan 1988-1994 (Plan Nacional de Desarrollo) setzte er die Ziele und steckte die dorthin führenden Wege ab.

 Hatte die Inflationsrate bei de la Madrids Amtsantritt 1982 noch 98 Prozent und die Auslandsverschuldung knapp 88 Milliarden US-Dollar betragen, übernahm Salinas de Gortari 1988 bei 57 Prozent und gut 104 Milliarden.

Ein Jahr zuvor hatte die Inflation mit 159 Prozent sogar ihren Höchststand. Als Salinas Amtszeit vorüber war, betrug sie offiziell 7 Prozent, die Auslandsverschuldung 135,5 Milliarden US-Dollar, wie Dieter Boris in seinem Buch Mexiko im Umbruch schreibt.

Im August 1988 bekam man für einen US-Dollar 1000 mexikanische Pesos. Zum Einkaufen mussten bündelweise Peso-Scheine mitgeführt werden. Aus recht praktischen Erwägungen führte Salinas de Gortari zum 1. Januar 1993 den Nuevo Peso (N$) ein. Er strich drei Nullen und verhaftete den Wechselkurs des Pesos an den US-Dollar.

Die neue Währung wurde stark und zu einem Dilemma für die ohnehin schon in Armut Lebenden, vor allem für die Bevölkerung im Süden des Landes. Sie führte zu erhöhter Arbeitslosigkeit und trug zur Erhöhung der Auslandsverschuldung bei, die binnen eines Jahres um 10 Milliarden US-Dollar anstieg. Ausländische Direktinvestitionen hingegen schienen durch Mexikos Ölproduktion abgesichert.

Dass weder Privatisierung noch Globalisierung und das NAFTA für de Gortari außer Frage standen, hatte er in seinem politisch-ökonomischen Leitfaden Das mexikanische Programm für die Modernisierung von Industrie und Außenhandel 1990-1994 dargelegt. Um die mexikanische Volkswirtschaft voranzubringen, brauchte er ausländisches Kapital, vor allem aber Industrieansiedlungen.

Überall im Land entstanden während seiner Amtszeit besonders in der Peripherie der Großstädte Industrieparks. Die Kosten für Flächen, Erschließungen und Verkehrsinfrastruktur übernahmen die Steuerzahler - so wie es in Deutschland, Polen, Tschechien und neuerdings in Maquila-Rumänien praktiziert wird. Für eine Weile funktionierte das System. Für eine Weile scheint es stets zu funktionieren.

 Doch während in den Indu-Parks um Guadalajara, Monterrey, Puebla oder der Hauptstadt die Regeln einigermaßen eingehalten wurden, Gewerkschaften etwas zu sagen und mitzubestimmen hatten, Steuern auf Gewinne und Gewerbe gezahlt werden mussten, sah es in der nördlichen Grenzregion und in der Peripherie universitätsfreier Städte vielfach anders aus.

Hier konnte der Mann aus Monterrey seine Wahlkampffinanciers (er hatte den bis dahin teuersten Wahlkampf der mexikanischen Geschichte geführt) beglücken, die durchweg zu den Top-Unternehmen Mexikos gehörten und mit deren Chefs, die meist Mitglied seiner Partei waren, er regelmäßig verkehrte, indem er im November 1993 NAFTA gegen Widerstände in der eigenen Partei und der Opposition unterzeichnete.

Gezwungen, neue Jobs schaffen zu müssen, aber auch dem Druck vor allem des US-Big Business nachzugeben, versprach er sich viel von NAFTA. Aber nicht ausschließlich hatte er zuvor auf die USA oder Kanada gesetzt.

Im Frühjahr 1990 hatte Salinas de Gortari in Europa geradezu bettelnd vorgesprochen und eine Tour de Force unternommen, um Investoren ins Land zu locken. Er musste ohne ausreichende Ergebnisse wieder nach Hause fliegen. Die Westeuropäer hatten sich gesperrt.

Der Maastricht-Vertrag war zu dieser Zeit noch in der Debatte, Freihandel in Europa stand auf dem Plan. Was sollte man sich da großartig mit Mexiko befassen und sich vielleicht auch noch Ärger mit den USA einhandeln? Erst im Jahr 2000 kam es zu einem Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und der Europäischen Union.

De Gortari, der nach dem Ende seiner Präsidentschaft unrühmlich ins europäische Ausland flüchten musste - und in Irland Asyl fand -, weil er in zu viele verbrecherische Machenschaften verwickelt war, blieb nach der blamablen Abfuhr - blamabel auch für Europa - kaum anderes übrig, als Mexiko drei Jahre später an Kanada und die USA zu verkaufen.

Druck von Norden war lange Jahre von Fortune 500-Unternehmen gekommen, transportiert vom kanadischen Regierungschef Brian Mulroney (ab 1993 Jean Chrétien), George H. Bush (ab 1993 dann von Bill Clinton) und deren Abgesandten.

UNAM- und Harvard-Absolvent de Gortari, kraft seiner Ausbildung dem Neoliberalismus zugeneigt, stielte NAFTA schließlich mit Bill Clinton ein. Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs sollten vor allem in der Grenzregion entstehen. Bis heute waren es selbst in besten Zeiten nie mehr als 1,5 Millionen.

Im Gegenzug verloren hunderttausende US-Amerikaner und Kanadier ihre produktions- und lohnintensiven Industriejobs, bestens beschrieben auch in Michael Moores Dokumentation und Buch Downsize this am Beispiel der nordamerikanischen Stadt Flint.

© Grisel Ojeda, Tom Geddis, Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-01-27)

¹ So gilt der Zensus von 1980 als einer der ungenauesten, die seit Einführung (1895) in Mexiko durchgeführt wurden. In der Folge war z. B. mit wirrsten Bevölkerungszahlen zum Großraum Mexiko City gearbeitet worden.

² Das GATT wurde 1947 ins Leben gerufen. Zu den Erstunterzeichnern gehörten 23 Länder. Darunter die USA, Großbritannien, Kanada, aber auch Süd-Rhodesien (heute Simbabwe), China, Syrien oder Pakistan. Mexiko zählte nicht dazu.

Teil 2 (zzgl. Literaturhinweisen): NAFTA: Gier nach Dividende >>

Anzeige