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NAFTA: Ugly Big Deal, Teil 2: Gier nach Dividende
[296]

Gier nach Dividende

Das einst gepriesene nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA scheint seinen Zenit überschritten zu haben.

Von Grisel Ojeda, Tom Geddis und Uwe Goerlitz (2008-01-31)

Was in den 1960er Jahren als Regionalentwicklungsprogramm für die damals noch dünnbesiedelten und strukturschwachen Grenzregionen in Mexikos Norden begonnen hatte, verkam nach und nach zu Produktionsenklaven mit Squattergürteln. Umso mehr, nachdem das NAFTA zum Tragen kam.

 Teilweise piekfeine, durchrationalisierte, moderne Produktionshallen, Entwicklungsabteilungen und Verwaltungsgebäude entstanden, während der Wohnungsbau vorwiegend darbte.

Denn weder die Kommunal- und Regionalregierungen noch die nationale legten ausreichend Wohnungsbauprogramme auf, was umso erstaunlicher ist, als der Zustrom an Arbeitssuchenden und der Bedarf an Arbeitskräften vorhersehbar gewesen war.

Die Maquiladora-Unternehmen investierten nur marginal in Unterkünfte, die funktionalen, sozialen und gesundheitlichen Mindeststandards standhielten. In großem Stil überließen sie die zugereisten Arbeitskräfte mit ihren Wohnungsproblemen sich selbst.

Stadtentwicklung und Städtebau fanden praktisch nur in Gewerbe- und Industriegebieten und in den zentralen Geschäftsbezirken (CBDs/Central Business Districts), mithin in den Innenstädten statt. Bedarfsgerechter, ausreichender Wohnungsbau wurde - so lässt sich folgern - offenbar bewusst unterlassen.

Nach Erhebungen des mexikanischen Amtes für Statistik, INEGI, stiegen allein in den 12 größten Maquiladora-Grenzkommunen die Bevölkerungszahlen von 1990 bis 1995 um durchschnittlich 36 Prozent. In absoluten Zahlen um knapp 1,145 Millionen. Den kleinsten Anteil hieran machte die natürliche Reproduktion aus, den größten der Zuzug von Binnenmigranten. Da die Datenerhebung in Squatter-Siedlungen naturgemäß schwierig ist, liegen die Bevölkerungszahlen wahrscheinlich über den offiziellen Angaben.

BEVÖLKERUNGSZUWACHS IN MAQUILADORA-STÄDTEN 1990-2005
Kommune
1990 1995 Zuwachs
2000 2005 Zuwachs Zuwachs

tsd.
tsd.
1990-95
tsd.
tsd.2000-05 1990-05
Cd Juárez
790
1012
28,2%
1218
1313
7,8%
66,2%
Tijuana
722
992
37,4%
1212
1411
16,4%
95,4%
Mexicali 438
696
58,8%
765
856
11,2%
95,4%
Matamoros
267
364 36,3%
416
462
11,1%
73,0%
Reynosa
266
337
26,9%
420
527
25,5%
98,1%
Nvo. Laredo
218
275 25,9%
310
356
14,8%
63,3%
Nogales
106
134 26,1%
159
194
22,0%
83,0%
S.L.R. Colorado 96
133
39,5%
145
157
8,3%
63,5%
Piedras Negras 96 116
20,8%
128 144
12,5%
50,0%
Río Bravo 67
100
49,6%
104
107
2,9%
59,7%
Cd Acuña
53
82
54,0%
110
126
14,5%
137,7%
Tecate
40
63
55,6%
77
91
18,2%
127,5%
Gesamt:
3159
4304
36,2%
4934
5744
16,4%
81,8%
Zahlen und Prozentwerte - basierend auf Zensus - gerundet.
Daten: INEGI. Berechnung: UG/GeoWis, 2008.

Insgesamt erhöhte sich die Bevölkerungszahl offiziellen Angaben zufolge in den sechs Grenzstaaten, in dem die 12 größten Maquila-Städte liegen, im selben Zeitraum um durchschnittlich 55 Prozent, absolut um 1,995 Millionen.

Etwa 48 Prozent davon entfielen auf die 12 bevölkerungsreichsten Grenzstädte. Hingegen belief sich der Anstieg der Bevölkerung in den sechs Grenzstaaten im Mittel nur um gute 15 Prozent, mithin deutlich weniger als in den Maquila-Städten.

Während der Bedarf an Arbeitskräften in den 1990er Jahren ständig stieg, prosperierten planerisch folgefalsch, sozial folgerichtig, die Elendsgürtel um die Maquila-Städte.

Mit Beginn des 21. Jh.s verlangsamte sich das Wachstum in den Maquila-Städten. Offenbar hatte es sich herumgesprochen, dass dort für einfache Arbeitskräfte kein Auskommen mehr zu erzielen sei.

Über den Zeitraum 1990 bis 2005 betrachtet, hat sich der Bevölkerungszuwachs in Tijuana, Mexicali und Reynosa nahezu verdoppelt. In den einstigen Kleinstädten Ciudad Acuña und Tecate betrug er weit mehr als das Zweifache, während in diesen 15 Jahren der Zuwachs in den 12 Städten bei knapp 82 Prozent lag.

Einst - und offiziell - hatte sich Mexiko modernen, strukturierten Stadtentwicklungskonzepten verschrieben und sich etwa dem Waben-Städtesystem-Modell des deutschen Geographen Walter Christaller als einzig logischem Nachfolgesystem des seit der spanischen Eroberung vorherrschenden quadratischen Konquistadora-Modells zugewandt. Indes, in den Maquiladora-Regionen scheiterten die Stadtentwickler grandios bereits zu und während Carlos Salinas de Gortaris Präsidentschaft.

 Daran - wie auch an der 'Maquiladora-Politik' - änderte sich kaum etwas zum Positiven, nachdem Ernesto Zedillo Ponce de León aufgrund des in Tijuana ermordeten, designierten Präsidentschaftskandidaten Luis Donaldo Colosio Murrieta - dessen Parteifreund und Wahlkampfmanager er war - Präsident von Mexiko geworden war (1.12.1994). Stattdessen beförderte er NAFTA und weitete das Konzept des Neoliberalismus in Mexiko aus.

Zedillo, der in Ökonomie am IPN (Instituto Politécnico Nacional) von Mexico City und in Yale abgeschlossen hatte, diente unter Salinas de Gortari als Erziehungs- und als Planungsminister, bevor er Wahlkampfmanager von Colosio wurde. Letzterer war zu Lebzeiten NAFTA gegenüber äußerst kritsch eingestellt.

Colosios Skepsis beruhte nicht zuletzt auf einem Geburtsfehler des Freihandelsabkommens. NAFTA sei ohne öffentliche Debatte beschlossen worden, so John Warnock in seinem Buch. Es habe Lesungen, Runde Tische, Treffen von Industrie- und Finanzmarktvertretern und deren Organisationen gegeben, sowie einige Debatten in der mexikanischen Abgeordnetenkammer.

Die Verfechter von NAFTA verhandelten mit der Regierung und arbeiteten den Vertrag mit ihr aus. Die Ratifizierung sei im Parlament ohne Debatte und ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit innerhalb nur eines Tages über die Bühne gegangen, schreibt Warnock. Lediglich das US-Repräsentantenhaus hatte sich damals, im Herbst 1993, gesträubt, den Vertrag durchzuwinken.

50 Stimmen hatten dem Charismatiker Clinton gefehlt. Danach musste er sein ganzes präsidiales Gewicht einsetzen, um eine Mehrheit zu bekommen. Eine Umfrage nach der anderen wurde im Verbund mit Pressekampagnen in Auftrag gegeben. Am Ende bekam Clinton seine Mehrheit. Sie war zwar knapp, aber ausreichend. NAFTA war seitens der USA beschlossene Sache. Carlos Salinas de Gortari konnte aufatmen (siehe Teil 1).

 Danach waren die Mexikaner vorwiegend froh darüber, dass Salinas de Gortari weg vom Fenster war, aber traurig über Colosios Ermordung. Zedillo begegnete ihnen zunächst unscheinbar, sollte sich aber bald als Wolf im Schafspelz outen.

Zwar ließ er erstmals in der neueren mexikanischen Historie an einem Präsidentschaftsvorgänger - hier: Salinas de Gortari - kein gutes Haar, ließ diesen sogar staatsanwaltlich verfolgen und sorgte dafür, dass Bruder Raúl Salinas de Gortari wegen Geldwäsche, Mordkomplotts und anderer Delikte in den USA festgesetzt wurde (Raúl Salinas de Gortari wurde 1995 zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt und ist seit 2005 wieder auf freiem Fuß).

Bereits Monate zuvor, drei Wochen nach seinem Amtsantritt im Dezember 1994, schockte Zedillo die mexikanische Bevölkerung ebenso wie ausländische Investoren, die internationale Gemeinschaft von institutionellen und privaten Kapitalgebern und die mexikanische Wirtschaft mit einer einschneidenden Maßnahme.

Er nahm die hohe Auslandsverschuldung und schwindende Kaufkraft zum Anlass, eine der größten mexikanischen Krisen seit dem Ende der Revolution von 1910-17 einzuleiten: die Peso-Krise. Obwohl in Mexiko trotz einer für damalige Verhälnisse vergleichsweise niedrige Inflationsrate von 9,7 Prozent herrschte, wertete er den Peso um 50 Prozent ab.

Zedillo fühlte sich aufgrund mangelnder Produktivität - vor allem der Industrie - gezwungen, den Peso vom Dollar zu entkoppeln und ihn dem freien Spiel der Kapitalkräfte auszusetzen. In den folgenden Wochen sackte der Peso rapide ab, verlor bis zu zwei Dritteln seines Wertes und schmälerte die Kaufkraft der Bevölkerung. Vor allem aber versetzte er Anleger in Panik.

 Noch heute wird vielfach - selbst akademisch - daran festgehalten, die ausufernde Inflation habe die Peso-Krise bewirkt. Der Ansicht ist auch Brett M. Humphrey von der Utah University in einem Aufsatz aus dem Jahr 2000, der von Ungenauigkeiten durchzogen ist (so verlegt er die mexikanischen Wahlen von 1988 in den August, tatsächlich hatten sie im Juli stattgefunden). Doch ist die Mär von der ausufernden Inflation nicht mal die halbe Wahrheit.

Dieter Boris schreibt hierzu (zitiert, S. 219): "Es ist amüsant, teils wissenschaftssoziologisch interessant zu beobachten, daß viele derjenigen, die Mexiko jahrelang als Musterbeispiel marktwirtschaftlicher, neoliberaler Anpassungspolitik priesen oder als glücklichen Fall »orthodoxer« und »heterodoxer« wirtschaftspolitischer Elemente feierten, jetzt - nach der Krise 1994/95 - entdeckten, daß Mexiko in den letzten Jahren gar nicht ökonomisch erfolgreich war (...)."

Um Kapital ins Land zu bekommen, waren noch unter Salinas de Gortari mexikanische Schuldverschreibungen ausgegeben worden, die sogenannten Tesobonos, Papiere mit kurzer Laufzeit (short-term bonds), bei denen die Rückzahlung in US-Dollar fix vereinbart worden war. Anfang 1994 betrugen diese gerade einmal drei Milliarden US-Dollar.

Wenig für ein Land, das zu den großen Ölförderern der Welt gehört. Nicht mehr ganz so wenig, wenn man 135 Milliarden Dollar Auslandsschulden und ein nicht so üppiges Bruttoinlandsprodukt ausweisen muss. Bis Dezember 1994 hatte Mexiko Tesobonos im Wert von 29 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Unter normalen ökonomischen und politischen Bedingungen kein Problem. Das Bruttoinlandprodukt näherte sich zu dieser Zeit einer Billion Dollar. Nicht von Ungefähr war Mexiko im April 1994 in die OECD aufgenommen worden.

 Hingegen war in Mexiko im Jahr 1994 nichts normal. Gewissermaßen herrschte politisches Chaos. Zu Jahresbeginn begann im Bundesstaat Chiapas der Aufstand der Armen, angeführt von Subcomandante Marcos. Knapp drei Monate später wurde Luis Donaldo Colosio in Tijuana erschossen.

Dessen Widersacher Manuel Camacho sorgte in der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI), der Regierungspartei, der sie alle angehörten, für Unruhe, weil er, Camacho, Präsident werden wollte, aber nur als Unterhändler nach Chiapas abgesandt wurde, um dort mit den Zapatisten zu verhandeln. Und auf einmal hieß es, nachdem Colosio tot war, Zedillo solle der Nachfolger von Salinas de Gortari werden.

Um die sozialpolitische und ökonomische Situation im Land kümmerten sich zu dieser Zeit weder Salinas noch Zedillo. Es herrschte Wahlkampf, schließlich hatte die Opposition auch Kandidaten im Rennen. Um die Maquiladora-Grenzregion sorgte oder kümmerte sich man schon gar nicht. NAFTA war unterschrieben, Steuereinnahmen aus Maquiladora-Betrieben waren sowieso nicht zu erwarten, Leute waren in Beschäftigung, die Unternehmen machten ihren Schnitt.

Ab Mitte des Jahres 1994 aber nahm die Krise ihren Lauf, entwickelte Dynamik, zumal Ökonomen wie Anleger erkannt hatten, dass Zedillo mit den Tesobonos Haushaltslöcher und Altschulden stopfen ließ. Angedacht, den Peso zu stabilisieren und damit die - bis dahin wieder moderate - Inflation zu verringern, vergrößerte Mexiko unter Zedillo seine Schulden rasant. Zedillo schichtete um und verlagerte die ökonomischen Probleme erst mal in die Zukunft.

 Allerdings verkalkulierte der mal konziliant, mal schneidig auftretende Paradetechnokrat Zedillo sich mächtig. Denn inzwischen waren Investoren, Anleger und die eigene Wirtschaft nach der Schockstarre wieder in der Lage zu denken.

Hastig wurden die Tesobonos umgerubelt, angelegtes Kapital abgezogen, sich mit Investitionen in Maquiladora-Betrieben zurückgehalten. Verlierer war - wie so oft - die Bevölkerung, nicht nur die Steuerzahler. Verursacht wurde - so betrachtet - die Peso-Krise durch Ernesto Zedillo Ponce de León, der ohne Not den Peso abwertete und dann freigab.

Auf Initiative von NAFTA-Freund Bill Clinton wurde sodann ein 50-Milliarden-Dollar-Hilfspaket geschnürt. Clinten gelang es, die Weltbank, die Europäische Entwicklungsbank und weitere Kreditinstitute ins Boot zu holen. Doch weniger, um Mexikos Volkswirtschaft zu stützen. Vielmehr, um die Anlagen in- wie ausländischer Investoren nicht vollends im Nirvana verschwinden zu lassen.

In der Sache war der anfangs vom Volk bejubelte Zedillo ein Chicago Boy allererster Güte und zog rigoros sein Programm der Liberalisierung und Privatisierung auf Kosten der mexikanischen Volkswirtschaft und der Mexikaner durch, NAFTA inklusive.

Das rief mittelfristig nicht nur das mexikanische Volk auf den Plan, sondern auch die Presse und Gelehrte. Zedillo besaß die Gabe, vieles freundlich zu transportieren. Probleme lächelte er weg, ökonomische und politische Einschnitte verkaufte er wie der sympathische Berater vom Supermarkt nebenan. Keine Frage: Zedillo war der größte Rattenfänger der mexikanischen Politik nach 1950. Ordentlich Dreck am Stecken hatte er auch.

 Nachdem etwa mexikanische Historiker jahrelang nur Carlos Salinas de Gortari und Drogenkartelle im Fokus hinsichtlich der Ermordung Colosios hatten, sind sie sich inzwischen trefflich uneins darüber, inwieweit Zedillo damit etwas zu tun hätte.

Eines scheint klar zu sein: Dass Zedillo völlig unbedarft in dieser Angelegenheit ist, glaubt in der mexikanischen Öffentlichkeit heute kaum noch jemand, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt.

Der telegen wirkende Zedillo hatte es zumindest faustdick hinter den Ohren. Dafür spricht nicht nur seine Amtszeit (1994-2000), während der in den südlichen mexikanischen, traditionell armen und benachteiligten Staaten wie zuvor unter Salinas Paramilitärs, Geheimdienst und Militärs munter weiter ihr mörderisches Unwesen treiben konnten; dafür spricht vor allem seine Wirtschaftspolitik. Zedillo wusste zudem eleganter als de Gortari, wie man für die Zeit nach der Präsidenschaft vorsorgt.

In Zedillos Amtszeit fallen schlimmste Menschenrechtsverletzungen. Unter ihm hat das Nationale Amt für Statistik (INEGI) selbst Resultate statistischer Erhebungen zur nationalen Armut unterdrückt, wie das mexikanische Politmagazin Proceso in seiner Ausgabe vom 26. Juli 1998 enthüllte. Spätestens ab da war Zedillo als unglaubwürdig entlarvt.

 Heute ist der Parade-Technokrat im Sessel bei Alcoa, Procter & Gamble und Union Pacific. Bei Alcoa ist auch Ex-Siemenschef Klaus Kleinfeld untergekommen. Zedillo sitzt dazu in sogenannten Think Tanks, etwa dem Peterson Institute (vormals Institute for International Economics), mit dem ehemaligen Taxifahrer Joschka Fischer in der International Crisis Group, im Klub ehemaliger Regierungschefs (Club of Madrid), und - neben einigen weiteren - im World Economic Forum (WEF) des Schweizers Klaus Schwab.

Die Entscheider und Profiteure von NAFTA danken und honorieren es Ernesto Zedillo Ponce de León, die Fackel des Neoliberalismus sechs Jahre lang getragen und verteidigt zu haben. Die gigantische Kapitalvernichtung aus der Peso-Krise zu Lasten der Steuerzahler und Anleger ist für sie Vergangenheit.

In den Grenzstädten - und nicht nur dort - haben sich seit NAFTA Zersiedelung, Umweltzerstörung, Prostititution und Kriminalität ausgebreitet, sind vorherrschende Wirklichkeit, während in den Maquiladora-Betrieben Arbeitnehmerrechte ständiger Erosion ausgesetzt sind. Schuld daran tragen nicht einzig die Maquila-Unternehmen. Zu verantworten hat es die Politik. Von allen noch lebenden Ex-Präsidenten Mexikos haben daher vor allem die letzten drei heute viel Spott und Hohn in ihrem Land zu ertragen.

Denn auch Zedillos Nachfolger Vicente Fox Quesada (2000-2006), ehemaliger FEMSA-Chef (Coca Cola de México) und stolzer Besitzer prächtiger Latifundien, ist dem Prinzip des Freihandels während und nach Ende seiner Präsidentschaft treu geblieben. Unter der Masse der Arbeitnehmer ist damit kaum noch eine Tortilla zu gewinnen.

 Über NAFTA spricht aus deren Reihen kaum noch jemand positiv, ebensowenig über die im Big Business untergekommenen Präsidenten. Zedillo und Fox gelten zusammen mit de la Madrid und Salinas de Gortari als Totengräber der mexikanischen Souveränität.

Ob die Statistik da noch beeindruckt oder überhaupt relevant ist? Kein lateinamerikanisches Land weist so umfangreich Daten aus wie Mexiko. An diese offiziellen Daten halten sich Wissenschaft und Medien (auch GeoWis). Die einen mehr, die anderen weniger stoisch. Wichtiger allerdings ist das, was im Land beobachtet werden kann - und das unter NAFTA-Regularität.

Für den gemeinen Mexikaner hat sich NAFTA als ähnlich nachteilig erwiesen, wie sich der europäische Binnenmarkt - ein Freihandelsabkommen unter dem Stichwort MAASTRICHT - bisher für den gemeinen Europäer erweist. Es ging bei NAFTA subsumiert genauso wenig um Arbeitsplätze wie in der EU.

Es ging - und geht - um die Interessen der Big Dealers. Das aktuell beste Beispiel bietet der finnische Telekommunikationskonzern NOKIA, der gemäß der europäischen Freihandelsdoktrin dahin zieht, wo er die kostengünstigsten Produktionsbedingungen innerhalb der EU vorzufinden glaubt.

 Das Dilemma der rigorosen Freihandelsdoktrinen aber begann in Kanada, den USA und Mexiko mit NAFTA. Es war der vorläufige Anfang vom Ende bilateraler (Wirtschafts-)Beziehungen unter den Staaten.

NAFTA - und kurze Zeit danach Maastricht - steht für den Niedergang von Kaufkraft, fortschreitende Deprivation und eingeschränkte nationale Souveränität.

Mexiko hat eine lange Tradition der Technokratie, und es hätte an ein Wunder gegrenzt, wenn nicht auch für die Maquiladora-Industrie eine Institution bestünde, die sie institutionell verwaltete und verträte. Das kostenintensive, durchgehend politisch besetzte Gremium nennt sich Consejo Nacional de la Industria Maquiladora de Exportación, kurz: CNIME.

Recht regelmäßig, mindestens einmal pro Jahr, tritt dieses 1983 gegründete Gremium öffentlich auf, um die Vorzüge und Erfolge der Maquiladora-Industrie bekanntzugeben. Freilich stehen Belange der Arbeitnehmer traditionell nicht auf der Tagesordnung.

Allein anhand der CNIME lässt sich erkennen, welche Art Tradition Mexiko aufrechterhält: Es ist die Tradition einer kalten Technokratie, wie es sie in der ehemaligen UdSSR, im heutigen Russland, im alten und neuen China, im massiv veränderten Deutschland und in der EU gibt. Eine Technokratie, die sich permanent selbst bestäubt und alle jene in ihren Reihen aufsteigen lässt, die sich willfährig befruchten lassen.

 Diese Technokratie kegelt Menschen aus der Teilnahme am Arbeitsleben, degeneriert sie zu Duckmäusern, zu Knechten, zu jonglierbarer Masse. Sie hat nichts Menschliches, sieht sich lediglich dem eigenen und dem Unternehmensprofit verpflichtet.

Soziale Verantwortung ist ihr wesensfremd. Wer nicht spurt, wer vor allem in Maquiladora-Betrieben nicht spurt, fliegt raus, wird ausgegrenzt, seiner Zukunftsplanungen und Hoffnungen beraubt, bleibt desillusioniert am Wegesrand.

Ana Patricia de Luna Duarte gehört dazu. Sie war Vorarbeiterin beim Automotive-Zulieferer ALCOA, der unter anderem in den Grenzstädten Ciudad Acuña und Piedras Negras (Bundesstaat Coahuila) produziert, und hatte laut dem in New York ansässigen National Labor Committee 70 Fließbandarbeiter zu beaufsichtigen. Wenige Jahre zuvor hatte sie selbst noch zu ihnen gehört. Es sei bei ALCOA ein Prinzip, Arbeiter gegen Arbeiter auszuspielen, so das NLC.

Luna Duartes Sohn José de Jesús leidet an Meningitis. Er ist nicht in der Lage, sich mit seinen billigen Gehhilfen alleine auf seinen dünnen Beinen fortzubewegen, braucht stets Hilfe und Begleitung. Es fällt ihm schwer, seine Extremitäten unter Kontrolle zu halten. Dennoch ist er ein aufgeweckter Junge mit guten Schulnoten, wie das NLC berichtet. Doch die Mutter spurte nicht so wie ALCOA wollte und wurde entlassen.

Mit sozialer Verantwortung für seine Arbeiter hat ALCOA, eine der Oasen für einst politische Protegees und abgehalfterte Ex-Chefs multinationaler Unternehmen, nichts zu tun und auch deshalb in Acuña und Piedras Negras unter den dortigen Beschäftigten seit Jahren schon kein gutes Standing.

 Der Mischkonzern, der neben den Automotives auch im Aluminiumgeschäft unterwegs ist, fürs Militär produziert und in 43 Ländern insgesamt um 350 Produktionsstätten und Niederlassungen unterhält, gilt im Maquiladora-Gebiet als rabiat.

Er zahlt seinen mexikanischen Arbeitern weit weniger als andere Konzerne. Magere Lohnerhöhungen, die bestenfalls an die Inflationsrate heranreichen, gehören ebenso zum Geschäftsprinzip wie Repressionen.

Wer aufmuckt, wird fristlos gekündigt und vom Sicherheitsdienst vom Gelände geführt. So "als wären wir Gefangene", wie sich Arbeiter gegenüber dem NLC äußerten.

Zwar bietet er in Mexiko moderne Firmengelände - wie andere Maquilas auch -, doch was draußen vor den Toren vorgeht, wie die Wohnsituation seiner Beschäftigten aussieht, interessiert ihn nicht.

Zersiedelung, miserable Wohnverhältnisse oder Deprivation sind im Maquila-Korridor wesentlich auf die Anwesenheit multinationaler Konzerne zurückzuführen. Sie lockten - und locken - die Leute an, zahlen miserable Löhne, kümmern sich nicht, und stöhnen nunmehr, Mexiko sei inzwischen zu teuer geworden.

Einige sind bereits ins CAFTA-Gebiet abgewandert. CAFTA (Central American Free Trade Agreement), ist die neue Verheißung für einige Jahre. Für 41 US-Cents pro Stunde verdingen sich in Honduras die Arbeiter in multinationalen Unternehmen. Auch für ALCOA.

 Hier von 'Heuschrecken' zu sprechen, träfe den Kern der Systematik nicht. Nomadentum schon eher. Doch was und wer sich hinter den Begriffen verbirgt, ist von größerer Wichtigkeit als pure, mediengerechte Betitelung. Es sind rationale Überlegungen und Entscheidungen, die von multinationalen Korporationen und deren Leitenden Angestellten getroffen werden.

Gier der Anteilseigner - zu denen oft Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der Unternehmen gehören - nach Dividende treibt sie zu Strategien und Maßnahmen, in der soziale Komponenten nichts zu suchen haben. Unternehmerische Verantwortung für die Arbeitnehmerschaft gilt als Anachronismus.

Das Rationale, Rationalismus, unter Mussolini und Hitler perfide bis zur Perfektion mit Hilfe von systemtreuen Technokraten umgesetzt, ist die treibende Kraft hinter politisch-ökonomischen Entscheidungen. Die politisch-ökonomische Technokratie dieser Tage unterscheidet sich strukturell nur marginal von jener zu Zeiten des Faschismus.

Niemand wird mehr systematisch umgebracht. Menschen werden schlicht ausgegrenzt, vom Arbeitsleben abgekoppelt, gegeneinander ausgespielt. International operierende Konzerne jonglieren mit der Masse der Arbeitnehmer im Streben nach 'immer mehr'. Das, subsumiert, ist ein Prinzip des Freihandels. Zumindest, wenn er unter ungleichen Partnern vereinbart wird.

© Grisel Ojeda, Tom Geddis, Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-01-31)

Teil 1: NAFTA: Böse Falle >>

Literaturhinweise (Auswahl):

Dieter Boris (1996): Mexiko im Umbruch. Modell einer gescheiterten Entwicklungsstrategie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, Germany.

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Alfonso Corona Rentería (1974): La Economía Urbana. Ciudades y Regiones Mexicanas. Instituto Mexicano de Investigaciones Económicas, D. F., México.

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SCID (1989): The Mexican Programm for the Modernization of Industry and Foreign Trade 1990-1994. Gobierno de México, D. F., México.

José Antonio Crespo (1999): Fronteras Democráticas en México. Retos, Peculiaridades y Comparaciones. Océano, D. F., México.

INEGI (1996): Estadística de la Industria Maquiladora de Exportación 1990-1995. Aguascalientes, México.

INEGI (2000): Estados Unidos Mexicanos. XII Censo General de Población y Vivienda 2000. Aguascalientes, México.

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Uwe Goerlitz (1999): Demographische Entwicklung in Mexiko 1990-1995. Kritische Betrachtungen zu Bevölkerungswachstum, Migration und Verstädterung im jüngsten OECD-Mitgliedsland. In: Jürgen Dobritz, Johannes Otto (Hg.), Demographie und Politik, Materialien zur Bevölkerungswissenschaft, Heft 91, S. 219-52, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beim Statistischen Bundesamt, Wiesbaden, Germany.

Brett M. Humphrey (2000): The Post-Nafta Mexican Peso Crisis: Bailout or Aid? Isolationism or Globalization? In: Hinckley Journal of Politics, Vol. 2, No. 1, S. 33-40, University of Utah, Salt Lake City, USA.

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Carlos Acosta Córdova y Mónica Pérez (1998): INEGI niega haber terminado un estudio del que circularon ejemplares. In: Proceso, Semanario de Información y Análisis, No. 1134, S. 6-15, D. F., México.

Gustavo Garza y Salvador Rivera (1995): Dinámica Macroeconómica de las Ciudades en México. Tomo 1 (Bd. 1), INEGI, Aguascalientes, México.

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