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2. Oktober 1968: Das Massaker von Tlatelolco
[383]

Tod vor Olympia

Zum vierzigsten Mal jährt sich die als Massaker von Tlatelolco in die Geschichte eingegangene Tragödie, die sich am Vorabend und in der Nacht des 2. Oktobers 1968 in Mexico City abspielte.

Von Tom Geddis (2008-10-01)

Vielleicht wäre es nie zu diesem Massaker gekommen, wenn statt des schwachen Don Gustavo Díaz Ordaz der damalige Governeur des Bundesstaates Guerrero, Donato Miranda Fonseca, zum Nachfolger des Präsidenten Adolfo López Mateos (1958-64) bestimmt worden wäre.

 Der Legende nach habe es damals, im Jahr 1963, als es um die Nachfolgefrage ging, auf des Messers Schneide gestanden, wie Ricardo Torres Medina schreibt.¹

Es gab zu jener Zeit fünf innerparteiliche Kandidaten der allein regierenden PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution): Ernesto P. Uruchurtu, Bürgermeister von Mexico City, Gustavo Díaz Ordaz, Benito Coquet, Senatschef Manuel Moreno Sánchez, sowie Fonseca. Von der schwachen Oppositionspartei PAN (Partei Nationale Aktion) wurde José Gonzáles Torres aufgestellt.

Das Vorschlagsrecht lag beim amtierenden Präsidenten Adolfo López Mateos, der Gustavo Díaz Ordaz, zuvor Governeur des Bundesstaates Puebla und unter López Mateos Innenminister, favorisierte und ihn am 1. Dezember 1963 als seinen Nachfolger bekannt gab. 

Vielleicht wäre es auch niemals zu diesem Massaker gekommen, wenn nicht das Internationale Olympische Komitee während seiner Tagung am 18. Oktober 1963 in der deutschen Kleinstadt Baden-Baden Mexico City die Spiele zugesprochen hätte, sondern einer der drei Mitbewerberstädte - Detroit, Lyon, Buenos Aires.

 Denn die Vergabe der Spiele an Mexiko mit den darauf folgenden finanziellen Aufwändungen für das seinerzeit noch als Entwicklungsregion eingestufte Land sollte sich später als einer der wesentlichen Aspekte herauskristallisieren, der neben anderen zu den im Frühsommer des Jahres 1968 in der mexikanischen Hauptstadt begonnen Demonstrationen führte, die ihren mörderischen Höhepunkt in der Nacht von Tlatelolco hatte.

Don Gustavo Díaz Ordaz bekam nach gewonnener Wahl am 1. Dezember 1964 die analog zur mexikanischen Flagge gestaltete Präsidentenscherpe vom Abgeordneten Alfonso Martínez Domínguez umgehängt und sollte fortan eines der schwierigsten sexenios - wie die sechsjährige Amtszeit mexikanischer Präsidenten bezeichnet wird - antreten.

Von seinem Vorgänger übernahm der 1911 im Örtchen San Andrés Chalchicomula (Puebla) geborene spätere Rechtswissenschaftler und Anwalt Díaz Ordaz den elf Jahre jüngeren Innenminister Luis Echeverría Álvarez - ebenfalls Anwalt, dazu ein Parteisoldat erster Güte und Ordaz' Nachfolger im Amt (1970-76).

Während Díaz Ordaz Mexiko im Sinne von Parteigranden, Industrie- und Bankwesen so verwaltete wie es ihm vorgemacht worden war, seit die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und Banken in die Privatisierung zurückgefunden hatte, und sich wenig darum scherte, was außerhalb der Zentren - in den armen Peripherien - stattfand, Günstlingswirtschaft und eine pro-US-amerikanische Politik betrieb, hatte sein Innenminister Echeverría dafür zu sorgen, das Volk und dessen intellektuelle Vertreter im Zaum zu halten.

 Was angesichts der nicht nur im ganzen Land, sondern auch in der Hauptstadt trotz mancher gut gemeinter Anstrengungen der Vergangenheit zu jener Zeit wieder prosperierender Probleme nicht einfach gewesen sein dürfte.

Die Kindersterblichkeit war hoch, die Mindestlöhne waren niedrig, das Justizwesen kläglich, Übergriffe von Paramilitärs auf Bauern in den armen und ärmsten Provinzen an der Tagesordnung, was Guerrilla-Bewegungen nach sich zog. Und täglich erreichten zwischen 2.000 und 3.000 Menschen die Hauptstadt auf der Suche nach Arbeit.²

1968 lag die Population der Hauptstadtregion bei knapp acht Millionen. Die wenigsten Einwohner der Megastadt hatten ein geregeltes Ein- und Auskommen; die meisten arbeiteten für Hungerlöhne in Fabriken und siedelten in Bretterbuden in der unmittelbaren Peripherie des Hauptstadtbezirks.

In diese urbane Desolation geriet das bis dahin opulenteste und teuerste Vorhaben Mexikos, seit die Revolution 1917 zu Ende gegangen war: die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1968.

Das Unternehmen Olympia, das sich Mexiko nach Ansicht von Intellektuellen, Arbeitern und Bauern gemäß Staatshaushalt gar nicht leisten konnte, geriet zum Politikum und trieb vor allem Studenten der Nationaluniversität (UNAM) und der Nationalen Polytechnischen Universität (IPN) in Rage und auf die Straßen.

Die Bilder aus Europa, wo Studenten, Intellektuelle und Arbeiter in Paris, Frankfurt/Main, Berlin oder Prag auf die Straßen gingen, um gegen ihre jeweils herrschenden Regime zu protestieren, kamen auch in Mexiko und bei dessen Studenteska an. Vor allem in der Hauptstadt. Dass in Europa gegen politische Missstände und Repression auf die Straße gegangen wurde, beflügelte sie.

 Sie, die Studenteska, ging in Streik, besetzte die Campus von UNAM und IPN. Was folgte, war die 'Befreiung' und anschließende Besetzung der Campus durch Polizeieinheiten und das Militär.

Ein ähnliches Aufbegehren von Studenten hatte es im 20. Jahrhundert bis dahin in Mexiko erst einmal gegeben, nämlich in der zweitgrößten Stadt des Landes, Guadalajara, Hauptstadt des Bundesstaates Jalisco. 

Der Konflikt in Guadalajara, der unter der nur kurzen Präsidentschaft von Abelardo L. Rodríguez (1932-34) begann und bis in die Amtszeit von Lázaro Cárdenas del Río (1934-40) reichte, und in dem es vor allem um die politisch-gesellschaftliche Ausrichtung von Lehre und Erziehung ging, hatte mehr als vier Jahre (1933-37) gedauert.³ Gut 30 Jahre später ging es um die kostspieligste Veranstaltung, die Mexiko in Friedenszeiten unternahm.

Und dann ging es schnell um mehr. Meinungsfreiheit wurde eingefordert, höhere Mindestlöhne, bessere Lebensverhältnisse, Ausbau der Infrastruktur in den verwahrlosten, verarmten und rückständigen Provinzen, Abschaffung von Repressalien, Beachtung der Menschenrechte. Am Ende war ein Protestpaket vorhanden, das massenkompatibel war und nichts anderes als eine Systemveränderung verlangte.

Dass Díaz Ordaz, der seinerzeit enge Kontakte zur CIA pflegte - was damals nur wenigen bekannt war -, die in Mexico City eine ihrer größten Niederlassungen unterhielt (wie Philip Agee 1975 in seinem Buch Inside The Company - CIA Diary mitteilt), unter Zugzwang stand, war offensichtlich. Er hatte die Demonstrationen, die sich seit Monaten hinzogen und mehr und mehr Sympathien und Mitmarschierer unter ganz normalen Bürgern fanden, vor Beginn der Olympischen Spiele in den Griff zu bekommen.

I nwieweit ihm dabei die CIA einflüsterte, ist umstritten. Er überließ die Eindämmung der Demonstrationen nach erfolglosen, von enormen Buh-Rufen gestörten Reden vor den Massen danach weitestgehend seinem Innenminister Echeverría, der sodann das soldateske Bataillon Olimpia militärisch gewähren ließ und dafür 38 Jahre später (Juni 2006) verhaftet wurde und einen Hauch von Reue an den Tag legte. Schuld mitnichten.

Die Protestaktionen und Demonstrationen erreichten am Nachmittag des 2. Oktobers 1968 ihren Höhepunkt um den und auf dem Platz der drei Kulturen im zentralen, noch zum historischen Kern Mexico Citys gehörenden Ortsteil Tlatelolco. Verschiedene Redner versuchten der Menge nochmals zu erklären, weshalb man zusammengekommen sei, während sich Polizei und Militär positionierten.

Im Gebäude Chihuahua, einem Hochhaus, das heute nicht mehr steht, tagte derweil die Organisationsleitung der Demonstration, die vor allem aus Lehrkörpern der UNAM, des IPN und Studenten beider Hochschulen bestand, und rief Erklärungen aus den Fenstern. Dass sie genauso eingeschlossen waren wie die unten auf den Straßen und Plätzen Stehenden, ahnten wohl bestenfalls die sich in Polizei- und Militärstrategie Auskennenden unter ihnen. Und wenn, dann dürfte ihnen klar gewesen sein, dass es kaum ein Entkommen vor der auf Gewalt ausgerichteten mexikanischen Staatsmacht gäbe.

 Der Platz sei eine Mausefalle gewesen und das Gebäude Chihuahua eine Falle, konstatiert Jahre später recht gelassen einer der damals beteiligten Militärs, Mario Alberto Sierra. Tatsächlich ließen sich die Zufahrtswege zum Platz der drei Kulturen problemlos absperren und das Chihuahua-Gebäude und dessen Vorplatz in militärische Belagerung nehmen. Wer auf dem Platz war, kam nicht mehr weg; wer im Gebäude war, nicht mehr heraus.

Die Belagerung begann am Nachmittag des 2. Oktober 1968 durch das eigentlich für die Sicherung der am 12. Oktober beginnenden Olympischen Spiele rekrutierte und zuständige Batallón Olimpia, eine um 15.000 Mann starke Militärtruppe, die nach heutiger Kenntnis mindestens das Plazet des Innenministers hatte und mit scharfer Munition und Panzern antrat.

In der Folge wurde bis in die Morgenstunden des 3. Oktobers rigoros Gebrauch davon gemacht. Wahllos schossen Angehörige dieser vermeintlichen Elitesoldaten in die Menge, ermordeten so Demonstranten und eingeschlossene Passanten, die nicht mehr aus der Menge herauskamen, darunter Mütter mit Kindern, die zuvor lediglich ihre Einkäufe erledigt hatten.

Heute weiß man, dass es so genannte Kollateralschäden waren, wie es ab dem Golfkrieg USA-Irak (1991) als 'terminus erklärikus' in den vom militärischen in den allgemeinen journalistischen Sprachgebrauch diffundierte. Gezielt geschossen wurde dennoch. Bis heute klebt Blut an allen nach Díaz Ordaz ins Amt gekommenen Präsidenten Mexikos. Blut klebt auch am mexikanischen Militär, das die Waffen gegen die eigene Bevölkereung richtete und schoss.

 Im Rückblick muss man zu der Annahme gelangen, dass das Regime Díaz Ordaz/Echeverría ohne Schießbefehl gescheitert und der Einfluss der USA in Zentralamerika schon vor 40 Jahren anders verlaufen wäre, hätten sich die Demonstranten mit ihren Anliegen durchgesetzt.

Der inzwischen 86-jährige Echeverría, der bereits wenige Wochen nach seiner Festnahme im Jahr 2006 wieder freigelassen worden war, weil die ihm zur Last gelegten Straftaten mexikanisch-offiziell verjährt waren - Mord, sollte man meinen, verjähre nie -, muss immer noch mit der Last leben, Landsleute ermordet haben zu lassen.

Sein Präsident, der nach Ende seiner Amtszeit ein Intermezzo als Botschafter in Spanien gab und sich nach Francos Ableben und dortig neu entstandener Pressefreiheit nervigen Fragen nach seiner Rolle zum Massaker in Tlatelolco erwehren musste, starb 1979 im Alter von 68 Jahren.

Bis heute ist Tlatelolco das mexikanische Trauma. Viele mexikanische und ausländische Autoren haben sich dieser Tragödie in unzähligen journalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen gewidmet. Zu den herausragendsten gehört die in Paris geborene Emigrantin und Grand Dame des mexikanischen Journalismus', Elena Poniatowska, mit ihrem Buch La Noche de Tlatelolco (1971), in dem sie Partizipatoren der Ereignisse zu Wort kommen lässt.

 Erst zum 25. Jahrestag (1993) wurde unter der damaligen Regierung Salinas de Gortari ein Mahnmal auf der Plaza de las Tres Culturas errichtet. Einige wenige der damals zu Tode Gekommenen - offiziell 39, inoffiziell zwischen 300 bis über 500 - sind darauf namentlich verewigt.

Nach dem Massaker vom 2. Oktober 1968 richtete Mexiko zwei weitere internationale Großereignisse aus. 1970, noch unter Díaz Ordaz, die Fußballweltmeisterschaft; 1986, unter Präsident Miguel de la Madrid, erneut eine Fußballweltmeisterschaft. Beide Veranstaltungen hatte sich das Land genauso wenig leisten können wie 1968 die Olympics. 

Doch die Kraft und der Mut hatte die meisten der ehemaligen Demonstranten und Überlebenden vom Oktober 68 längst verlassen. Ihre Karrieren waren zerstört, ihre Berufswege in die Sphären des puren Überlebens kanalisiert worden. Aus Philosophen, Rechtswissenschlern, Ingenieuren, Geowissenschaftlern wurden Überlebenskämpfer, wobei manche den Kampf verloren.

Präsident Díaz Ordaz und dessen Nachfolger Echeverría stellten einen Großteil der an der UNAM und am IPN beschäftigten Lehrkörper kalt und ließen deren Studierende erst gar nicht zu Meriten kommen. Daran krankt das Land noch heute.

¹ Ricardo Torres Medina: Del Caudillismo al TLCismo. El misterio de la sucesión presidencial. Inquietudes. Ediciones y Publicidad. Xochimilco, México, D.F., 1993.

² Hierzu: El Colegio de México, Centro de Estudios Económicos y Demográficos: Dinámica de la Población de México. Coyoacán. México, D.F., 1981; und: José de la Luz Chávez Rodríguez: Compendio Geográfico y Estadístico de la República Mexicana hasta 1985. Editorial Limusa, México, D.F., 1986.

³ Hierzu: Alma Dorantes: El Conflicto Universitario en Guadalajara 1933-1937. Secretaría de Cultura de Jalisco. México, Guadalajara, Jalisco, 1993.

© Tom Geddis

© GeoWis (2008-10-01)

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