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9/11 - Das Blaue vom Himmel, Teil 1
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Als die Busfahrer tanzten

Von Tom Geddis (2011-09-10)

Der 11. September 2001 versprach ein genauso schöner Tag zu werden wie der 10., der sonnig gewesen war, bei subtropischer Luftfeuchte und Temperaturen von über 30° Celsius. Ich befand mich seit einigen Tagen in Túxpan, Veracruz, Mexiko, und hatte mich in Strandnähe in ein kleines Dachgeschosszimmer oberhalb der Minibuszentrale Barra Norte eingemietet, zu der das Restaurant San José gehörte.

 Wenige Kilometer weiter südwestlich mündete der Río Túxpan ins Karibische Meer, jener Fluss, von dem aus Fídel Castro mit seinen Kumpanen auf der Granma im Spätherbst 1956 nach Kuba losschipperte, um den Inselstaat erstmals vom Batista-Regime zu befreien versuchen. So betrachtet, hatte der Ort historische Bedeutung, die indes längst verblasste.

Wie jeden Morgen ging ich gegen acht Uhr Ortszeit hinab ins Restaurant, um zu frühstücken und den Tag zu planen. Am weitläufigen Strand spielten Kinder aus dem Ort Fußball. Túxpan – in älteren Karte noch Túxpam genannt - gehörte zu jenen wenigen mexikanischen Küstenorten, die touristisch noch nicht vollends erschlossen waren; entsprechend geruhsam war es dort. An die wenigen Tische konnte man mit dem Auto heranfahren. Der Ort war einer der wichtigen Häfen für die Versorgung der Hauptstadt, und ist es heute noch, zumal Großschiffe und -tanker dort gelöscht werden können.

Das Thermometer war bereits auf 27° C gestiegen, doch der an der Decke des Raums angebrachte mächtige Ventilator vermochte trotz flotter Umdrehungen keine spürbare Kühlung zu spenden. Drei Busfahrer starrten wortlos im Stehen auf den an einer Wand montierten Fernseher, in dem einer dieser HBO- oder FOX-Krimis zu laufen schien. Das taten die Fahrer jeden Morgen, wenn sie ihre planmäßige Pause bei einem Kaffee oder Mineralwasser verbrachten. Ich schenkte dem keine weitere Beachtung, setzte mich an einen der Tische, legte meine Utensilien – Notizbuch, Feuerzeug, Zigaretten, Sachbuch, Sonnenbrille - zurecht und bestellte das für mich hier Übliche: Kaffee und ein Omelett.

 Plötzlich wurde es erschreckend laut. Ich blickte auf und sah gerade noch, wie ein Flugzeug in den zweiten Turm des World Trade Centers einschlug. Erst da wurde mir klar, dass der andere bereits brannte und es sich nicht um irgendeinen Retortenkrimi handelte. Jetzt bemerkte ich auch, dass unten am Bildrand spanischer Text eingeblendet war. Es war live, eine Live-Übertragung aus New York. Ich ging zu den heftig debattierenden Busfahrern, denen die Unfassbarkeit des Geschehens anzusehen war.

Auch ich konnte zunächst nicht glauben, was ich da auf dem Bildschirm sah. Beide WTC-Türme brannten, verursacht durch Flugzeugabstürze? So etwas gibt’s doch gar nicht. War das echt? Oder doch nur ein Film? Wenn es ein Film war, dann war es ein Thriller. Wer schreibt so ein Drehbuch und wer produziert daraus so einen Film? Spielberg? Bruckheimer? Sie hatten mit Empire of the Sun, Armageddon, Deep Impact, Staatsfeind Nr. 1, Con Air und – gerade erst - Pearl Harbour bewiesen, dass sie Meister von Giga-Produktionen sind.

Doch hier lief gerade ein anderer Film, eine Live-Produktion, deren Autoren sich etwas ausgedacht hatten, was kein Drehbuchschreiber Hollywoods jemals ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. Nur: Wer hatte die Kameraleute bestellt, die rechtzeitig zum ersten Einschlag in Position waren und sogar das Glück hatten, den Anflug des Flugzeugs aufzunehmen?

Es war wenige Minuten nach acht. In New York war es eine Stunde später und in Deutschland kurz nach drei. Ich bestellte mir einen Tequila, um einen klaren Kopf zu bekommen. Mein Omelett ließ die Wirtin verbruzzeln, meinen Kaffee ließ ich ungetrunken auf dem Tisch stehen. An das, was ich heute unternehmen wollte – in die umliegenden Berge fahren -, verschwendete ich keine Gedanken mehr.

Während ich gebannt auf den Bildschirm starrte, kippte ich den Tequila hinunter, bestellte gleich noch einen und vernahm den Tenor der aufgeregten Unterhaltung unter den Busfahrern. Das geschehe ihnen recht. Es treffe die Richtigen. Scheiß Kapitalismus! Im Grunde waren sich die Männer einig. Im Laufe der nächsten halben Stunde trafen zwei weitere Fahrer und um die dreißig Fahrgäste ein, die vorhatten, den Tag am Strand zu verbringen, dann aber im Raum blieben, die Tische füllten, entsetzt auf den Fernseher blickten und lebhaft zu diskutieren begannen.

Gegen neun Uhr Túxpanzeit sackte der zuletzt getroffene Turm in sich zusammen, so präzise und schnell, dass ich dachte, besser hätten es Sprengspezialisten auch nicht durchführen können. Die meisten im Raum Anwesenden applaudierten, freuten sich, weil der große, reiche Nachbar aus dem Norden endlich mal was auf die Mappe bekommen hatte. Einige Frauen weinten. Bei manchen schienen es Tränen der Genugtuung zu sein. Als eine halbe Stunde später der zweite Turm noch eleganter einstürzte, tanzten die Busfahrer. Ein paar Frauen und Mädchen machten mit, während alle lautstark durcheinander kreischten.

 Ich legte dreißig Pesos auf die Theke, nahm meine Utensilien vom Tisch, ging hinaus zum Strand, der nach und nach von Sonnenhungrigen aus der Region bevölkert wurde, setzte mich an einen beschirmten Tisch und sah aufs Meer. Zwei Tanker schoben sich gemächlich am Horizont in Richtung Hafen. Am Nebentisch unterhielten sich zwei junge Damen, die eben noch bei den Busfahrern getanzt hatten, recht fröhlich.

Mir fiel es schwer, das eben Gesehene, den Zusammenbruch der Symbole des Kapitalismus, einzuordnen, in eine Art Logik zu fassen. Nichts in der Politik geschehe zufällig, hatte F. D. Roosevelt einst gesagt. Oder war es ein anderer? Zwei Flugzeuge bringen zwei der mächtigsten Bauwerke des Globus' zum Einsturz – das war Politik.

Vor mir lag das Buch Desde Un Asesino en la Presidencia hasta la Globalifilia Neo Esclavista¹, in dem es um das mörderische und korrupte Regime des mexikanischen Ex-Präsidenten Carlos Salinas de Gortari (1988-94), den Fobaproa-Skandal, die Machtstrukturen unter den "göttlichen" mexikanischen Eliten und die "Sudanisierung" Mexikos geht. Sollte ich es weiterlesen? Wozu? Stellte das, was an diesem Morgen inszeniert worden war, nicht alles in den Schatten? Ich winkte einen Jungen herbei und versprach ihm zwei Pesos, wenn er mir ein Glas Rotwein brächte.

Am Nachmittag stürzte das WTC-Gebäude Nr. 7 ein, und bis zum Abend hatten sämtliche TV- und Radioanstalten die Terrorattacken in alle Sprachen unter den Großteil der Weltbevölkerung gebracht. Von über 10.000 Toten war die Rede, eine Zahl, die Pi mal Daumen geschätzt und gebetsmühlenartig verbreitet wurde. Der Zusammenbruch der Twin Towers des WTC, die Attacke auf das Pentagon und der Absturz der United Airlines-Maschine, Flugnummer 93, in den pennsylvanischen Acker sollten den Auftakt für eine beispiellose Propagandaoffensive im Kampf gegen den vorzugsweise islamistischen Terrorismus bilden.

Erstaunlich schnell waren die Drehbuchschreiber und Realisateure der Attacken identifiziert: eine Truppe junger islamischer Fundamentalisten, Osama bin Laden, die Terrororganisation al-Quaida. Da waren die Schlapphüte von der CIA aber fix, konnte man glauben, obwohl sie wie alle anderen Sicherheitsdienste und das Militär der USA zuvor ein beträchtlich intensives Nickerchen gemacht hatten. Die Kernfrage, wer von diesem Desaster profitierte, wurde nicht gestellt. Der globale Schock ließ kaum Raum für kritische Stimmen zu.

 Das offizielle Mexiko stellte sich "bedingungslos" an die Seite der USA. Außenminister Jorge Castañeda, und Präsident Vicente Fox Quesada, Ex-Chef von Coca Cola de México, seit einem Jahr im Amt und ein ähnlicher Cowboy wie sein Kollege im Weißen Haus, nur nicht so einfältig wie dieser, verkündeten, das mexikanische Volk sei bestürzt und fühle mit dm amerikanischen. Ein glatte Lüge. Die Hälfte der Mexikaner darbte unter der Armutsgrenze vor sich hin, nur fünfzehn Prozent gingen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, anderthalb Millionen malochten zu Bedingungen aus dem 19. Jahrhundert in den Maquiladoras entlang der Grenze zu den USA.

Francis Fukuyama, Professor für Politische Ökonomie an der Johns Hopkins University und als halbrechter Wirtschaftsliberaler damals schwer in Mode, versuchte in seinem Essay El Estado Unido im Magazin Cambio² erfolglos die Freuden- und Jubeltänze in der islamischen Welt einzuordnen - die in der katholischen, insbesondere lateinamerikanischen, vergaß er. Er verglich die WTC-Attacken mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour und lieferte - wie so viele Wissenschaftler und Politstrategen - der Bush-II-Administration ein Mosaik fürs Gesamtbild gutes Gewissen. Die USA seien nun ein geeinter Staat. Auch nicht schlecht. Die Fragen, wie um alles in der Welt eine Truppe Flugschüler es hatte bewerkstelligen können, moderne Jets in die Twin Towers zu steuern, wie zum Teufel Osama bin Laden und seine Scheichs von al-Quaida in der Lage gewesen sein sollen, derartige Attentate zu planen und konzertiert durchzuführen, und weshalb das US-Militär und sämtliche Sicherungsketten versagt hatten, stellte Fukuyama nicht.

Osama bin Laden gab dem in Katar beheimateten Sender Al Jazeerah kurz nach den Anschlägen zu Protokoll, er habe damit nichts zu tun und erklärte, dass die US-Administration ihn jedesmal beschuldige, wenn sie von ihren Feinden angegriffen werde. Feinde hatten die USA bis dahin mehr als ausreichend. Die meisten davon im Innern.

¹ Walter López K.: Desde Un Asesino en la Presidencia hasta la Globalifilia Neo Esclavista. Primera edición, Impresora Centauro, D.F., México (Juni 2000).

² Francis Fukuyama: El Estado Unido. Übersetzung: Roberto Castellanos. In: Cambio, Número 16, 1. Jg., S. 18-20, 16.09.2001.

© Tom Geddis

© GeoWis (2011-09-10)

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