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Depression - Das schwarze Loch. Der Suizid von Robert Enke rückt eine weitverbreitete Krankheit in die Öffentlichkeit
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Dämonen im Hirn

Der Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke rückt eine Krankheit in den Fokus, in den sie längst gehört

Von Berga Brinkmann (2009-11-12)

Wer weiß schon, ob Robert Enke sich von seiner Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, hätte abbringen lassen, wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, wie groß die Anteilnahme an seinem Suizid ist und wie sehr er in Fachkreisen und unter Berufskollegen geschätzt wurde?

Sämtliche Fußballklubs, bei denen er je unter Vertrag gestanden hat und alle Klubs der 1. Bundesliga widmen ihm auf ihren Online-Seiten einen Beitrag und zollen ihm Respekt für seine sportlichen Leistungen. Tageszeitungen - und deren Online-Ausgaben - aus so gut wie allen europäischen Ländern, sowie Medien, die er vielleicht nie gelesen oder nicht mal gekannt hatte, berichteten von seinem und über seinen Tod.

So der in Kanada erscheinende Toronto Star oder der in Kalifornien erscheinende San Francisco Chronicle, genauso wie das Massenblatt aus dem Land, in dem 2010 die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, die South African Times, China Daily, die linke mexikanische La Jornada oder die in Chile beheimatete Triunfo. Zuletzt gab es eine ähnliche globale mediale Anteilnahme, als Michael Jackson starb.

Zwar war Enke vor seinem Ableben kein Weltstar und hat auch nicht bei Millionen Fans unendliches Weinen, Nervenzusammenbrüche oder Pilgertum verursacht, doch in gewisser Weise ist die Tragik vergleichbar, die einen zusätzlichen Schub durch das mutige und erstaunlich gefaßte Auftreten seiner Witwe Teresa auf der gestrigen Pressekonferenz bekam. Das muß man erst mal schaffen.

 Man kann nur spekulieren, ob ohne diese Offenheit über die Motivation ihres verstorbenen Gatten, sich vor einen Zug zu werfen, der geradezu zur Volkskrankheit mutierten Depression eine solche Aufmerksamkeit gewidmet würde, wie sie nun in Gang gekommen ist. Bislang war diese vielschichtige und lebensgefährliche Krankheit vorwiegend in einer dunklen Ecke, in die das Licht der Öffentlichkeit kaum oder nur von Zeit zu Zeit schien.

Außenstehende und Laien können sie oft nicht sehen oder ihre Symptome einschätzen. Niedergeschlagenheit, 'schlecht drauf sein', sich ausgebrannt und schlapp fühlen (burn-out) - damit wird sie abgetan oder auch im Jargon erklärt. Wird schon wieder. Ruh dich mal aus. Du brauchst Urlaub. Das sind so die Ratschläge des Umfeldes an Depressionen Leidender, die sich von Zeit zu Zeit in einem schwarzen Loch befinden und dann nicht wissen, wohin es sie führt oder ob sie jemals wieder aus ihm herausfinden.

Würde man alle in Deutschland begangenen Selbstmorde - und vielleicht auch Familientragödien (Beispiel: Vater ermordet Frau und Kinder) - auf die Ursachen und Motivationen hin untersuchen, käme man womöglich zu einem erschreckenden Resultat. Da sitzt am Sonntagnachmittag ein junges Pärchen zu Kaffee und Kuchen bei den Schwiegereltern und springt am Abend von der Brücke; da plant ein Handwerker mit eigenem, gesundem Betrieb seinen Siuzid, läßt sich zuvor starke Medikamente verschreiben oder besorgt sich auf illegalem Wege fünf Gramm Haschisch, stellt sich eine Flasche Cognac bereit, sagt alle Termine ab, legt seine Lieblings-CD ein, schaltet auf Wiederholung, verabreicht sich das Bereitgestellte und schlitzt sich die Pulsadern längs auf, um in Ruhe zu verbluten.

Liebeskummer, Weltschmerz, Scheidung, Einsamkeit, Verlust eines nahen Angehörigen, Versagensängste, sozialer Abstieg durch Arbeitslosigkeit, Herauskegelung aus dem gewohnten sozialen Umfeld, Mobbing - all diese und noch viele andere als Schicksal, Pech, Sachzwang oder wie auch immer titulierten persönlichen, einschneidenden Ereignisse können Phobien mit irrationalem Handeln zur Folge haben, Selbstverletzungen auslösen, zu lebensbedrohlichen Eßstörungen führen und so weiter. Indes, es sind keine physischen Krankheiten. Es sind psychische, die die Betroffenen in ein schwarzes Loch führen, aus dem sie situativ empfinden, nie wieder entrinnen zu können. Lost in Space, sozusagen.

Die wissenschaftliche und angewandte Psychologie weiß seit langem, daß die Depression und ihre verschiedenen Ausprägungen so gewaltige Krankheiten sind, daß sie nicht nur zum Tod führen können, sondern längst volkswirtschaftliche Auswirkungen haben. Rund ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands leidet an dieser Krankheit und ihren Varianten. Vielfach sind es Menschen zwischen 18- und 40 Jahren und zunehmend auch Jugendliche, die mit Dämonen in Hirn oder Seele zu kämpfen haben. 

Robert Enke hat mit seinem Suizid der Debatte um die zunächst unscheinbar daherkommende Krankheit einen großen Dienst erwiesen. Das - und diese mediale Aufmerksamkeit -, soviel darf man annehmen, hätte kein Psychologenkongreß in absehbarer Zeit erreicht.

© Berga Brinkmann

© GeoWis (2009-11-12)

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