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Reinhardt, Silke: Vanity Fair Nr. 7

Rolle rückwärts

Die erste deutsche Ausgabe des Lifestyle-und Klatsch-Magazins Vanity Fair liegt seit heute zum Verkauf bereit

Von Silke Reinhardt (2007-02-07)

Satte 50 Prozent des inklusive Umschlag 330 Seiten starken Magazins bestehen aus Werbung und was keine Werbung sein soll, sieht dennoch so aus. Damit übertrifft das Ein-Euro-Blatt sogar die vor zwei Monaten erschienene Jubiläums-Trost-Ausgabe von Tempo. Ansonsten? Kaum Neues.

Wie immer bei solchen Magazinen toben sich die Art-Direktoren und -Direktricen so sehr aus, daβ man nur ja nicht merkt, wie substanzlos das Redaktionelle ist. Viel Tratsch und Klatsch, dazu eine Promo-Strecke für den Schauspieler Til Schweiger ("Til the Kid"), der als neo-moderner Ziegenhirte und Cowboy posiert; ein Interview in drei Akten mit und über Robert de Niro, von dem man sowieso schon alles weiβ, was aber egal ist, denn jetzt darf er seinen neuen Film promoten; oder "Die Homevideos der Stars", nicht als Beileger, sondern 4-c-gedruckt.

So sieht man die Schauspielerin Isabelle Huppert, die Hände über die Ohren gelegt, aus dem Jahr 2005; Dita von Teese, die die Burleske der 1920er Jahre wiederbelebende Stripperin, auf einer Schaukel; Brad Pitt, in weiβen Shorts und Tennissocken mit Wasserpistole in der Hand, unter der Dusche (2005); und - neben anderen in der Strecke - den Schauspieler Steve Buscemi als Neo-Frankenstein - oder ist es Klaus Kinski? - hinter einem gigantischen Fleischbrocken stehend.

Was ist das? Was soll das? Wer braucht das? Nichts! Keine Ahnung! Niemand! Vanity Fair, "Das neue Magazin für Deutschland" (Untertitel), kommt zwanzig Jahre zu spät. Damals gab es allerdings Tempo, das diesen Part belegte. Ob die Rolle rückwärts gelingt, um den inzwischen deutlich aus der Mode gekommenen Hedonismus jener Zeit zu revitalisieren, darf angesichts dieser inhaltlichen Vorstellung des Blattes bezweifelt werden. Heute früh jedenfalls lagen Stapel des Ein-Euro-Blattes beim Zeitschriftenhändler im Dortmunder Hauptbahnhof. Am Mittag waren die Stapel immer noch da. War nachgelegt worden? Vielleicht.

Die Zeichen der Zeit erkennt das Blatt nicht. Chefredakteur Ulf Poschardt, in den letzten Wochen in so mancher Talkshow unterwegs gewesen, wo er schwadronieren durfte, ist in der Tempo-Zeit steckengeblieben. Die war bekanntlich schon vorbei, als es Tempo noch gab. Mit Poschardt hat der Condé-Nast Verlag jemanden aus der guten alten Was-kostet-die-Welt-Zeit auf dem Chefredakteurssessel plaziert, der, Poschardt, Hartz-IV-Empfänger im Luxus wähnt, wie Robert Misik in der taz zwei vom Tage schreibt, und schon mal richtig ernst zu sozialpolitischen Themen eine Meinung aus den 1980er vertritt, gewissermaβen einen Post-Hedonismus.

Poschardt scheint einer der Archetypen zu sein, die in der Lage sind, um einen Berg von Werbung ein paar Texte zu bauen und den Hartz-IV-Beziehern diesen Wust an Papier für einen Euro anzudrehen. Sein hehres Ziel, die Marginalisierten innerhalb der deutschen Gesellschaft auch mal an Prada, Gucci oder Chopard schnuppern zu lassen, erreicht er somit vielleicht. Immerhin kostet das Blatt zur Zeit kaum mehr als die Bildzeitung und ist viel dicker. Das neuerdings so genannte Prekariat kann dann auch einen Eindruck davon gewinnen, wie die Popper-Generation von heute samt ihrer gealterten von gestern über es denkt.

Mit dem Sportwagen zu schnell fahren? Egal. Ticket bezahlen. Falsch parken? Macht nichts. Ticket bezahlen. Innerhalb der Veranstaltung Vanity Fair scheint es bereits zu brodeln. So vermeldet Spiegel Online heute, die "gesamte frühere Kulturredaktion" habe gekündigt. Kein Wunder bei so wenig Kulturanteil im Blatt, das mit Nr. 7 als Erstausgabe in den Markt kommt.

Vanity Fair soll also "Das neue Magazin für Deutschland" sein. Und das jede Woche. Es darf geschmunzelt werden. Neue Kulturredakteure stehen ja reihenweise in Berlin und in der Peripherie, etwa in Bayern oder dem Emsland, in den Startlöchern. Wenn der CEO des Mutterkonzerns sich Ulf Poschardt erst vornimmt, wird's interessant. 120.000 geplante Verkaufsauflage ist in Zeiten des Internets nicht gerade die erste Plazierungswahl für Anzeigenkunden. Zumal die avisierte Zusatzkäuferschicht aus dem Prekariat für Prada oder Rolex uninteressant sein dürfte. Da liegt nahe, was Robert Misik getitelt hat: Hey, ihr da unten! Ulf Poschardt bräuchte nur ergänzen: Kauft das Heft! Es steht zwar nicht viel drin, aber das kann euch doch egal sein.

© Silke Reinhardt

© GeoWis (2007-02-07; 16:49:13)

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