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Dortmund: Missing Steel - Eine Fotoausstellung im Hoesch-Museum mit Arbeiten von Eva Horstick-Schmitt, Heike Reinemann und Ralf Neuhaus, die Huldigung, Abgesang und Sexappeal in Verbindung mit Koks, Kohle und Stahl verkörpert
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Ode an den Stahl

Seit mehr als vierzig Jahren erlebt das Ruhrgebiet einen permanenten Strukturwandel. Ein Phänomen, das zu zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten geführt hat, selten aber zu einer so beeindruckenden Fotoausstellung, wie sie ab 8. Juni 2010 im Dortmunder Hoesch-Museum zu sehen ist. Erotik inbegriffen.

Von Uwe Goerlitz (2010-06-04)

Gerade acht Jahre war die Kokerei Kaiserstuhl III in Betrieb, als sie im Dezember 2000 aus - wie es hieß - wirtschaftlichen Gründen stillgelegt wurde. 115 Öfen, mithin gut fünfeinhalbtausend Tonnen Koks, wurden täglich gedrückt. Die Kokerei auf dem Gelände der Dortmunder Westfalenhütte galt als die weltweit modernste.

Wenige Jahre später, nachdem die Weltmarktpreise für Koks wieder angezogen hatten, bereuten die einstigen Betreiber die Stilllegung, doch da hatte man die Anlage längst an den chinesischen Yankuang-Konzern verkauft, der seine Ingenieure und ein Heer von Arbeitern nach Dortmund schickte, um Kaiserstuhl III ab- und in China wieder aufzubauen. Die Zerlegung der Anlage wurde dokumentarfilmisch von Ulrike Franke und Michael Loeken begleitet. 2007 kam die Doku in die Kinos. Stefan Willeke schrieb eine Reportage (Herr Mo holt die Fabrik) über den Abbau und erhielt dafür den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis. 

Das zwischenzeitlich zum nationalen Medienereignis avancierte Zerlegungsprojekt markierte lediglich das Ende einer Epoche in der einstigen Stahlstadt Dortmund. Es war gleichzeitig das Ende einer feindlichen Übernahme, die 1991 vom Essener Krupp-Konzern unter der Leitung von Gerhard Cromme gegen den Dortmunder Hoesch-Konzern eingeleitet worden war. Später fusionierte Krupp mit Thyssen zu ThyssenKrupp, der für das Verschwinden der Kokerei verantwortlich ist.

Zuvor, während und danach begaben sich Eva Horstick-Schmitt, Heike Reinemann und Ralf Neuhaus mit ihren Kameras auf die Gelände der Westfalenhütte, Hansa und Phoenix. Ralf Neuhaus gelangen einige Bilder "im Feuerschein der letzten Eisenproduktion" (Pressetext), bei denen der Betrachter noch heute die Hitze des Materials zu spüren vermeint, obwohl es längst erloschen, erkaltet und weiterverarbeitet wurde.

Während Neuhaus' Fotografien dokumentarischen Charakter zur Stahlproduktion aufweisen, zeigt Reinemann, die vor etwa drei Jahren mit der Fotografie zum Thema Stahl begann, Ruinen, Rudimente und Fragmente der Industrieanlagen.

 Einen anderen Ansatz wählte Eva Horstick-Schmitt. Die international ausstellende Dortmunder Fotografin, deren jüngste Ausstellung Cancer Positiv (siehe Link) am Sonntag im Studio des örtlichen Museums für Kunst und Kulturgeschichte schließt, stellt im Hoesch-Museum in einem eigenen Raum zirka vierzig Arbeiten aus, die in den Jahren 1997-2003 entstanden und noch nie ausgestellt waren. Lediglich einige davon sind in ihrem 2005 erschienenem Fotoband Déjà-vu abgebildet.

Rigoros installiert sie körperbemalte, teils knapp bekleidete Models würdevoll in und auf die ehemaligen Hoesch-Anlagen und lässt das Thema Stahl sexy wirken, etwa wenn eine eiskalte Coke getrunken oder sich der Staub und Dreck nach einem langen Tag abgeduscht wird. Hier fällt das Auge vor allem des männlichen Betrachters unweigerlich auf das Duschobjekt, denn es ist weiblich. Analog zu Horstick-Schmitts Bildern gibt es die Textinstallation Aschenpüttel - Fünf Minuten für ein Mädchen von morgen. Hierzu liegt auch eine T-Shirt-Reihe bereit.

Horstick-Schmitts aufwändige Fotografien, die den Kern der Ausstellung bilden, vermitteln eine Synergie aus Stahl und Erotik, die bislang ihresgleichen unter der deutschen Fotografenschaft sucht. Doch nicht nur das. Ebenfalls drücken sie Widersprüchlichkeit und Melancholie aus, etwa wenn zwei junge Damen - blanke Popos, körperbemalt - mit Golfeisen übers Phoenix-Gelände spazieren, vorbei an einer mit Graffitis verunzierten Mauer.

In der Gesamtschau wird klar, vor allem bei Horstick-Schmitt und Neuhaus, dass der Stahl und dessen Erzeugung genauso wie die Vorprodukte ein Symbol für die Kraft einer Region sind. Dazu identitätsstiftend, soziale Sicherheit versprechend, erotisierend. Gut möglich, dass Letzteres andernorts, etwa in China oder Russland, nicht so gesehen wird.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2010-06-04)

MISSINGSTEEL: Hoesch-Museum, Eberhardstraße 12, 44145 Dortmund. 8. Juni bis 29. August 2010.

Cancer Positiv >>

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