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Fraktion der Heuchler - Andrea Kiewel auf dem Medien-Schafott
[288]

Heucheln und meucheln

Andrea Kiewel, bis vorgestern noch beim ZDF unter Vertrag, erlebt in diesen Tagen die Meuchelmacht der deutschen Mainstream-Presse.

Von Simone ten Breck (2007-12-22)

Das selbsternannte deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel und das Boulevardblatt BILD können sich jeweils eine weitere Kerbe in den Griff ihrer Messer ritzen. Sie haben es geschafft, daß Andrea Kiewel ihren Job beim ZDF los ist. Auslöser: Kiewels Schleichwerbung für die Firma Weight Watchers.

Wenn übergewichtige Deutsche abnehmen sollen, dann wohl bitte nicht mit schleichwerbenden Empfehlungen von in öffentlich-rechtlichen TV- und Rundfunkanstalten unter Vertrag stehenden Mitarbeitern. Wenn Deutsche zunehmen sollen, sei Schleichwerbung aber erlaubt. Oder etwa nicht? Auch wenn sie für den Regenwalderhalt Krombacher Pils in sich hineinkippen sollen (Werbe-Ikone: Günter Jauch, RTL), scheint das in Ordnung zu sein.

 Essen aber ist toll. Da wird in der Sendung Johannes B. Kerner fleißig mit Köchen gekocht, die vor wenigen Jahren noch gar niemand kannte, außer vielleicht einige Extrem-Gourmets und Michelin-Tester. Sie heißen Lafer, Lichter, Mälzer, usw. Schleichwerbung? Volle Kanne, Susanne.

Koch-Shows sind der Renner auf allen Sendern. Je prominenter die Damen und Herren vor Topf, Pfanne und Schüssel, desto höher die Einschaltquote. Die Dauerwerbesendungen fürs Beliebige - Johannes B. Kerner -, vor allem aber fürs Kochen - Kerner kocht - (neueste Idee: Weihnachtskochen), sind prächtige Beispiele für die versonnene Ambivalenz der ZDF-Potentaten zum Thema Werbung und Public Relation.

Ein Journalist werbe nicht, verkündete ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender vollmundig. "Wer wirbt, ist kein Journalist."

Im vergangenen Sommer noch verlängerte das ZDF mit Johannes B. Kerner bis 2009. Ausgerechnet mit einem Mann, dessen Werbeaktivitäten nichts stets zweifelsfrei waren. So warb Kerner für den Börsengang von Air Berlin, während Analysten vom Kauf der Aktie abrieten.

 Was immer der vermeintlich nette Moderator sagt, es wird quasi mit dem ZDF verbunden, denn Kerner ist eines der ZDF-Gesichter und eine Allzweckwaffe des Senders.

Offenbar aber kein Journalist, denn sonst hätte sein Vertrag gemäß der Brender-Aussage nicht verlängert werden dürfen.

Immerhin muß er sich seitdem seine Werbeauftritte genehmigen lassen. Bisher ist allerdings nichts darüber bekannt geworden, ob das ZDF schon mal Nein gesagt hat.

Daß er gemäß seines neuen Vetrags ein paar Kröten hat schlucken müssen und vorab zu seinen Werbeaktivitäten für die Fluglinie kritisiert wurde, verleitete ihn zu der larmoyanten Aussage, die sein Hausblatt BILD veröffentlichte: "Hinter der Kritik steckt eine gute Portion böser Wille." Seit zehn Jahren sei er ein treuer Mitarbeiter des Senders, weshalb er sich gewünscht hätte, "aus diesem Bereich des Senders etwas mehr Rückhalt zu bekommen."

Den hätte sich Andrea Kiewel sicherlich auch gewünscht. Doch Kiewel ist nicht Kerner. Keine Allzweckwaffe. Nicht auf Dominanz bedacht. Und sie war zumindest etwas blauäugiger als Kerner. Sie hatte ihrem Arbeitgeber verschwiegen, daß sie mit Weight Watchers einen Vertrag hatte. Da greift das Arbeitsrecht. Ob es auch bei Schleichwerbung greift, ist nicht klar. Genausowenig ist klar, ob eine fristlose Kündigung der Moderatorin gerechtfertigt ist.

Flippte man die Werbeaktivitäten der Stars des Senders, wären vielleicht weitere Vertragsauflösungen auszusprechen. Auch die Herangehensweise der Verantwortlichen des ZDF an das Phänomen Werbung wäre zu hinterfragen. Sprechblasen helfen da nicht weiter.

Doch die Schande liegt bei den schichtenspezifischen Propagandablättern innerhalb der deeutschen Presselandschaft. Der Spiegel rühmt sich ungeniert eines journalistischen Erfolgs, den er ohne die Petzerei irgendwelcher Informanten, die ihm offenbar die Verträge zwischen Kiwel und Weight Watchers zugespielt haben, gar nicht gehabt hätte. Beschämend.

© Simone ten Breck

© GeoWis (2007-12-22; 15:10:55)

 

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