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'Zeitungszeugen' auch in Dortmund beschlagnahmt
[408]

Lesen in Fraktur

Für kurze Zeit war die deutsche Presse um ein Druckerzeugnis in Zeitungsformat reicher. Zeitungszeugen nennt sich das Wochenblatt, das ausschließlich der Zeit des deutschen Nationalsozialismus in der Zeit von 1933-1945 gewidmet und in Bayern seit letzter Woche vorläufig verboten ist. Heute haben andere Städte, darunter Dortmund, nachgezogen.

Von Martin Jasper (2009-01-27)

Das Panel, das der britische Marketing-Experte und Zeitschriftenherausgeber Peter McGee für sein nun auch in Deutschland erscheinendes Projekt Zeitungszeugen zusammengestellt hat, liest sich wie das Who is Who der deutschen und österreichischen Geschichtsforschung zur Nazi-Diktatur: Wolfgang Benz (67), Leiter des Zentrums für Antisemitismuschforschung an der TU Berlin; Peter Longerich (54), Holocaust-Forscher am Royal Holloway College, London; Hans Mommsen (78), Emeritus des Lehrstuhls für Neuere Geschichte der Ruhr-Universität Bochum; Gehard Botz (67), Historiker am Institut für Zeitgeschichtean der Universität Wien. 

 Sie und weitere Fachleute haben die wissenschaftliche Beratung des Blattes übernommen. Deren dünne Ergebnisse zeigen sich auf sechs der acht Seiten, zwischen die in der ersten Ausgabe drei nachgedruckte Zeitungen - Deutsche Allgemeine Zeitung, Der Kämpfer, Der Angriff - vom 30. bzw. 31. Januar 1933 gepackt waren, die zusammengenommen 32 Seiten umfassen. 

Der zweiten Ausgabe, die am vergangenen Donnerstag erschien, lagen der Völkische Beobachter, (1. März 1933) die Vossische Zeitung (28. Februar 1933) und Vorwärts (28. Frebruar 1933) bei, insgesamt 28 Seiten Propaganda unterschiedlicher Coleur zuzüglich des achtseitigen Mantels. Beiden Ausgaben waren je ein Plakat auf Kunstdruckpapier im Format DIN-A-2 beigefügt, der ersten eines mit Wahlaufruf der Sozialdemokraten, der zweiten eines, das die Kommunisten beschuldigt, den Reichstag in Brand gesetzt zu haben.

Nachdem das Land Bayern bereits angekündigt hatte, es werde rechtliche Schritte gegen Herausgeber McGee wegen Urheberrechtsverletzungen unternehmen - das bayerische Finanzministerium macht hierzu Ansprüche geltend - und Strafantrag stellen, erfolgte am vergangenen Freitag (23.01.2009) in Bayern die Beschlagnahme sämtlicher sich noch am Markt befindender Exemplare.

 Heute durchstreiften Mitarbeiter der örtlichen Ordnungsämter nordrhein-westfälische Städte, darunter auch des Dortmunder Ordnungsamtes, und zogen sämtliche noch zum Verkauf angebotenen Zeitungszeugen ein. Grossisten von Presseerzeugnissen sind angewiesen, keine dieser Exemplare mehr auszuliefern.

Während etwa in Belgien und Österreich die Geschäftsidee glatt aufging - in Österreich kam die erste Ausgabe unter dem Namen NachRichten Anfang Januar 2008 in den Handel, 51 weitere folgten -, könnte sie in Deutschland kostspielig werden, zumal inzwischen gegen den Briten wegen des Verdachts auf Vbreitung verbotener Symbole ermittelt wird.

Die dritte Ausgabe am kommenden Donnerstag soll "ohne verfängliches Material" auskommen, wie die Chefredakteurin von Zeitungszeugen, Sandra Paweronschitz in einem Interview mit dem in Berlin erscheinenden Tagesspiel von heute äußerte. Ob das ausreichen wird, nicht wieder von Beschlagnahme betroffen zu sein, muß sich zeigen.

Und ob sich das umstrittene Projekt in Fraktur dann noch rechnete? Für einige rechnet es sich schon jetzt: auf Internetplattformen werden die beiden ersten Ausgaben rege gehandelt und erzielen gegenwärtig das Drei- bis Fünffache des offiziellen Verkaufspreises.

© Martin Jasper

© GeoWis (2009-01-27)

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