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Antonioni und Bergman: Zwei Meister tot

Zwei Meister tot

Binnen weniger Stunden sind am 30. Juli 2007 die Regisseure Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni verstorben. Ihre Filme divergierten thematisch wie inhaltlich. Oder doch nicht?

Von Jonas Littfers (2007-08-08)

Ihre Filme hätten unterschiedlicher kaum sein können, betrachtet man sie hinsichtlich deren Dramaturgie intensiv. Die Startbedingungen der Meister ähneln sich zuweilen. Ingmar Bergman, Jahrgang 1918, Sohn eines Pastors, zog früh aus der Universitätsstadt Uppsala fort, um in Stockholm Literaturgeschichte zu studieren und wurde im Theater und später beim Film heimisch.

Michelangelo Antonioni, Jahrgang 1912, Sohn eines Gutsbesitzers, ging zum Studium der Volkswirtschaft von Ferrara nach Bologna und nach seinem Abschluß mit 27 nach Rom, um "sein Leben dem Film zu widmen". In der Filmenklave Cinecittà begann er dieses Leben zu verwirklichen.

 Ingmar Bergman war fünfmal verheiratet und Vater von elf Kindern. Seine erfolgreichsten und mitunter besten Filme drehte er mit der Norwegerin Liv Ullmann, mit der er fünf Jahre zusammenlebte. 1966 reüssierte Ullmann in Bergmans Film Persona, zwei Jahre später glänzte sie in Schande, doch erst der 1973 erschienene Film Szenen einer Ehe machte den Regisseur und dessen Muse in Deutschland und international bekannt.

Auf Szenen einer Ehe wird gerne Bezug genommen, wenn es gilt, Bergmans Œuvre ein alles überstrahlendes Licht zu verleihen. Dabei lehnt sich der Film mit des Regisseurs dramaturgischem Handwerkszeug guter Theatermacher ans dichte Kammerspiel an, spannungsgeladen, jedoch entsteht der Thrill lediglich durch die - durchaus grandiose - Psycho-Metamorphose des Ehemanns Johan (gespielt von Erland Josephson).

Szenen einer Ehe ist klar strukturiert, nicht verworren, wie etwa Persona, dessen postmodernes Pendant Mulholland Drive (2001) von David Lynch ist, in dem die Schauspielerin Naomi Watts eine ihrer nennenswertesten Rollen hatte. Allerdings verlangt das eher einem Einakter gleichende Drama mit 169 Minuten Länge dem Betrachter Durchhaltevermögen ab.

 Spannend, gruselig und düster wird Bergman mit dem Film Das Schlangenei (1977), in dem Ullmann die weibliche, der Amerikaner David Carradine die männliche Hauptrolle verkörpert. Das Werk spiegelt die bizarre Welt von Zirkusartisten im Berlin der 1920er Jahre, in der sich deutlich andere Abgründe auftun als in Szenen einer Ehe. Das Schlangenei ist sowohl Drama als auch Kriminalfilm, und zeigt, wie skrupellos egomanische Wissenschaftler sein können.

Erst Jahre später, im Alter von 70, wenn viele Prominente ihre Autobiographie längst schon geschrieben haben, gelang Bergman mit Fanny und Alexander (1982) einer seiner autobiographischsten, auch international erfolgreichen Filme.

Der in der Universitätsstadt Uppsala geborene Regisseur und Drehbuchautor bekannte in einem mit dem Fernsehjournalisten Jörn Donner 1998 auf Schwedisch geführten Interview, daß es anstrengend sei, in Stockholm zu leben, weshalb er sich dort auch nicht zuhause fühle und die kleine Insel Fårö als Refugium gewählt habe.

Von Donner darauf angesprochen, daß er seit Beendigung seiner Regisseurskarriere (1988) an einem "Epilog" schreibe, antwortete Bergman, dies "erstaune" ihn, daß so viel Zeit vergangen sei. Insgesamt machte der schwedische Meisterregisseur, der 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes zum besten Regisseur aller Zeiten (!) geehrt worden war, in Donners Interview einen nachdenklich-philosophischen Eindruck, der dadurch unterstrichen wurde, daß er glaube, wir seien "Teil eines unendlich großen Musters." Donners Frage, ob er religiös sei, verneinte er.

 Für Bergman war das Ausland kaum ein Thema. Er war heimatverbunden, drehte überwiegend in Schweden. Seine Filme entstanden im Kopf.

Auch Antonioni, der aus der römischen Filmstadt Cinecittà kaum herauskam, war ein Kopfarbeiter. Beide, so darf man annehmen, liefen zur Größe in ihren selbstgewählten Enklaven auf, wie einst die Regie-Stars der deutschen Ufa-Studios.

Blow up, jener Film Antonionis (1967), in dem ein Fotograf unbeschwert ein Model knipst und später auf den Negativen entdeckt, einen Mörder bei der Arbeit mitfotografiert zu haben, ist der unter den jüngeren Cineasten maßgebliche.

David Hemmings (siehe Titelfoto), 2003 verstorben, war als Schauspieler nur in diesem Film brilliant. Für Vanessa Redgrave, sein Modell, begann eine internationale Karriere, die bis heute anhält.

Obwohl es sich in seinen Filmen nicht allzu deutlich niederschlägt, war Antonioni der politischere Regisseur. Mit Zabriskie Point (1970) griff der damals 58-jährige Regisseur nicht nur ein Thema der Zeit auf - die Rebellion der 1968er -, sondern bekannte sich auch zu den Inhalten. Als einer der ersten Filmregisseure ließ er die Musik zum Film von einer psychedelisch ausgerichteten Rockband - Pink Floyd - dominieren.

 Während Bergman sich filmisch eher im komplexen Mikrokosmos menschlicher Abgründe und Tragödien verhaftet sah, bevorzugte Antonioni häufig einen regionalen Blickpunkt. So gehörte er zu den ersten Nicht-Dokumentarfilmern, die sich mit dem politischen Freiheitskampf beschäftigten und drehte 1975 den Zweistunden-Film Beruf: Reporter, dessen Rahmen der Freiheitskampf im Tschad bildet und in dem Jack Nicholson die Hauptrolle spielt.

1980 drehte er mit Das Geheimnis von Oberwald ein Kriminaldrama, das das Zusammenwirken politischer und menschlicher Dimension darstellt, aber erst danach, acht Jahre nach Zabriski Point, nahm er sich mit Identifikation einer Frau (1983) des menschlichen Mikrokosmos an, wie es Bergman tat.

Antonioni, damals 71, begann sich danach zurückzuziehen. Trotz eines erlittenen Schlaganfalls (1985), machte er noch drei Spiel- und zwei Kurzfilme, die beiden letzten im Jahr 2004 im Alter von 95.

© Jonas Littfers

© GeoWis (2007-08-08; 19:03:34)

© Fotos: MCA ('Pink Floyd, Zabriskie Point'); actmultimedia.com (Michelangelo Antonioni)

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