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Orang Utan: Der Waldmensch stirbt
[356]

Umgeben von Killern

Der Orang Utan, wohl intelligentester und nahester Verwandter des Menschen, wird radikal bedroht.

Von Maik Mensing (2008-07-03)

Er gehört nach dem Gorilla zu den kräftigsten Affen. Er ist gegenüber seinem afrikanischen Gattungsgenossen bedeutsam kleiner, aber auch signifikant behender. Die Arme länger als die Beine, schwingt sich der indonesische Pflanzen- und Früchtefresser mit Leichtigkeit durch die Wipfel von Bäumen, blickt stets nach unten, um Feinde auszumachen und kümmert sich liebevoll um seine Familie oder Sippe.

 Die Rede ist vom Orang Utan, dem 'Waldmenschen', einem der wenigen Vertreter der Menschenaffen (Hominidae), der uns genetisch näher ist als der Schimpanse. Der nur in Indonesien vorkommende Kollege hat es inzwischen schwer. 

Auf der indonesischen Großinsel Sumatra (ca. 423.000 qkm) ist der Pongo abelii endemisch; auf der noch größeren Insel Borneo (ca. 743.000 qkm), die zu ungleichen Teilen zu Malaysia (Provinzen Sabah und Sarawak) und Indonesien (Provinz Kalimantan) gehört und das Königreich Brunei sein Staatsgebiet hat, der Pongo pygmaeus.

Sie kommen also nirgendwo anders vor. Wenn sie in ihren Heimaten ausstürben, könnte man sie künftig nur noch in Tiergehegen oder Aufzuchtstationen zu Gesicht bekommen. In freier Natur wären sie "dann erst mal weg".

Die Chancen stehen schlecht um die Orangs, um ihr Durchhaltevermögen, um ihr Überleben. Der Mensch macht ihnen zu schaffen. Der Mensch und dessen Gier. Dessen Gier nach Holz. Dessen Gier nach Profit. Dessen Unbedachtheit, Kurzsichtigkeit, Rigorosität.

Er holzt oder flämmt den indonesischen Regenwald ab, raubt dem Orang seinen Lebensraum, fängt den Orang ein, um ihn an durchgeknallte reiche Asiaten aus Japan, China, Singapur, Südkorea, Malaysia oder der chinesischen Provinz Taiwan zu verhökern.

Da putzt der Orang dann, oder macht putzig Männchen; da läßt er sich verkleiden oder vergewaltigen; da dient er als Jahrmarktsattraktion, wird als zum angeblichen Aphrodisiakum zerhäckselt oder zum Kampfaffen ausgebildet. Drei Prozent fehlen dem Tier am Genom zum Menschen. Genau jene drei Prozent, die ihn in die Lage versetzen würden, sich gegenüber seinen Peinigern wehren zu können.

 Schätzungsweise noch etwa 27.000 Orangs lebten 2005 in freier Wildbahn, wie Kristina Cawthon Lang vom National Primate Research Center der Univerity of Wisconsin, Madison, in einem Primate Factsheet konstatierte. Andere Quellen sprechen von 50.000. Auf jeden Fall dürften es inzwischen erheblich weniger geworden sein.

Die Orangs genießen längst offiziell den Status bedrohter Tierarten, wie auch ein weiterer Vertreter der Hominidae, der Bonobo.

Dabei lauert die Bedrohung nicht nur im illegalen Einfangen der Tiere, um sie weiterzuverkaufen; die weitaus größere ist der massive Holzeinschlag in den Tiefland-Regenwäldern Sumatras und Borneos.

In diesen feucht-warmen Wäldern ist der Orang zu Hause. Weiter oben, in den Bergregen- und Nebelwäldern, herrschen andere Klimate, gibt es ein anderes Nahrungsangebot, geben andere Spezies den Ton an, mitunter Freßfeinde des Orangs. Weiter oben wäre der Orang wohl auch selbst Futter, etwa für Raubkatzen wie den Nebelparder (Neofelis diardi).

Einer, der die bedrohliche Situation der Orangs früh erkannte, ist der niederländische Forstwissenschaftler Willie Smits. Vor knapp 20 Jahren, 1989, habe er auf einem Markt in Balikpapan, Kalimantan, ein verwaistes Orang-Baby entdeckt, heißt es auf der deutschen Webseite der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS).

Smits, der auf Borneo lebt, nahm sich des Tieres an und päppelte es auf. Es war der erste Schritt zu einer darauf folgenden Aufzuchtstation, die entstanden war, nachdem ihm mehr und mehr Orangs gebracht wurden und er mit "indonesischen Schulkindern" Geld gesammelt habe, um die Station zu finanzieren.

 In einem Beitrag von Heike le Ker in der Online-Ausgabe der Zeitung Die Welt (16.12.2006) wird Smits folgendermaßen zitiert:

"Zuerst schießen die Wilderer der Mutter eine Kugel zwischen die Augen, damit sie vom Baum stürzt und nicht wegläuft. Dann zerlöchern sie ihren Körper. Falls das Kleine überlebt, fällt es den Wilderern zum Opfer. Die schmuggeln es von Indonesien nach Japan, Hongkong, Taiwan in die USA und nach Deutschland. Am Ende der Handelskette kostet ein Tier bis zu 30 000 Euro. (...) Fünf Weibchen habe ich aus Bordellen befreit." An Betten gekettet, mit lackierten Fingernägeln und nackt rasiert habe er diese vorgefunden.

Sodomie ist nicht Neues im breiten Spektrum menschlicher Abarten. Interessant hierbei ist, daß sie ausgerechnet in einem vorwiegend von Muslimen bevölkerten Staat vorzukommen scheint, wobei nicht klar ist, ob die Freier der Orang-Weibchen tatsächlich irgendeiner Religion angehörten.

Die mit dem gesammelten Geld entstandene - zunächst kleine - Aufzuchtstation weitete sich räumlich, methodisch und personell aus. Smits Arbeit erreichte nach und nach nationale (indonesische) und internationale Aufmerksamkeit. Das Orang-Baby aus Balikpapan sei 1994 ausgewildert worden.

Aufpäppeln und dann - nach einigen Jahren - Auswildern ist das Prinzip der Aufzuchtstation, in der sich heute etwa 1000 Orangs der Gattung Pongo pygmaeus befänden. Mehr als 1200 Orangs habe Smits im Laufe der Jahre "beschlagnahmt". Grundlage hierfür ist ein Gesetz, das es in Indonesien seit den 1930er Jahren gibt. Um 500 Orangs habe man inzwischen ausgewildert. 

Smits Organisation - BOS International - beschäftigt eigenen Angaben zufolge heute über 600 indonesische Mitarbeiter aus der Region. BOS sei dadurch zu einem interessanten Arbeitgeber avanciert, der der Bevölkerung eine wirtschaftliche Alternative gegenüber dem "Raubbau an der Natur" biete. 

 BOS hat mittlerweile Unterstützungsorganisationen in Australien, Dänemark, Deutschland, England, Japan, den Niederlanden, Kanada, Schweden, der Schweiz und den USA.

Zu den emotional angeregten Schützern gehört sicherlich die Dänin Lone Dröscher Nielsen, die das Orang-Zentrum im indonesischen Nyaru Menteng (Kalimantan) führt.

Auch der deutsche Schauspieler Hannes Jaenicke unterstützt BOS, und damit den Fortbestand der Orangs. Jaenicke, seit seinem Thriller-Debüt im Film 'Abwärts (1986) ein nicht nur in Deutschland geachteter Mime, äußerte sich jüngst in der Talkrunde 'Johannes B. Kerner' zu seinem Engagement für die Orangs, wobei man ihm anmerken konnte, daß er bei Kerner eher Business as usual vollzog. Auch Willie Smits war dabei und gab umfangreich Auskunft über seine Arbeit und die Situation der Orangs.

Deutlich ernster, auch müder und erregter, und dadurch intensiver, nicht einem Millionenpublikum verpflichtet, legte Jaenicke seine Sicht der Dinge zum Thema im Gespräch mit Alfred Schier (28.06.2008) auf dem TV-Sender Phoenix dar. Es war eine Sternstunde der TV-Gespräche des bisherigen Jahres. 

 Jaenicke nahm die Holzeinschläger im indonesichen Regenwald ins Visier, recht lapidar, doch mit unverkennbar gut unterdrückter Wut im Bauch. Wir als Konsumenten seien das wichtige Regulativ. Wir als Konsumenten kaufen "Gartenmöbel aus Tropenholz", so Jaenicke.

Der Mime hatte das Grundproblem mit wenigen Worten universell auf den Punkt gebracht. Sein Anliegen seien die Orangs, für die er sich einsetze und "sein Geld" gebe, neben einiger anderer Organisationen, für die er spende. Es träten viele Bittsteller und Organisationen an ihn heran. Den meisten könne er nicht spenden, doch einigen ausgewählten schon.

Hannes Jaenicke, so ließ sich dem Gespräch mit Schier entnehmen, braucht seine Kraft einerseits dafür, um seinen Job mindestens zufriedenstellend ausüben zu können, und andererseits dafür, sich gezielt für Projekte abseits seines Jobs zu engagieren. Das ist aller Ehren wert.

Der Orang braucht prominente Fürsprecher, damit er nicht ausstirbt. Auch andere, viele andere Spezies brauchen Fürsprecher und - finanzielle Unterstützung. Sei es der Wombat, sei es der Bonobo, sei es der Gorilla, sei es der "kleinste Primat der Welt" (BOS), der Tarsier. Oder sei es jede andere vom Aussterben bedrohte Spezies - ob Insekt oder Raubtier.

 So betrachtet braucht es nicht nur viele Jaenickes, sondern viele wütende Jaenickes, um uns ins Bewußtsein zu bringen, wie mörderisch wir uns verhalten, ohne auch nur daran zu denken, jemanden umzubringen, wenn wir etwa Teak- oder Palisanderholzmöbel auf unsere Balkone und Terrassen oder in unsere Wohn- und Schlafzimmer stellen.

Denn noch immer nicht ist die Bedeutung vom Aussterben der verschiendenen Arten in die Köpfe von einfachen Menschen wie Unternehmensvorständen diffundiert. Und selbst wenn bei einigen tatsächlich angekommen wäre, wie wichtig die Balance zwischen Profitdenken, Lebensraumerhaltung und -vernichtung, Familienplanung und Einkommenserzielung ist, widerspricht insbesondere das Handeln von Unternehmen jeglicher vorgeblicher Erkenntnis.

Schon bald müssen sich jene Länder, die ihre Lebensgrundlage, etwa den Regenwald, vernichten, nicht nur aufs Revers schreiben lassen, daß sie immens Arten aus Flora und Fauna vernichten hätten, sondern auch die Chance auf nachhaltige Entwicklung. 

Und auch der Westen muß sich fragen, wie wichtig ihm etwa der Biosprit sei, der inzwischen zur Verteuerung von Korngewächsen geführt hat und Hungersnöte begünstigt. Jüngst mußte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kapieren, daß er mit seinem Biosprit-Gesetzentwurf mächtig auf dem Holzweg marschiert war. Das Gesetz kam nicht zustande.

Dem Orang macht auch die Nachfrage nach Palmöl schwer zu schaffen, wird für diese in der Kosmetik-, Seifen- und Biospritindustrie doch enormer Raubbau am Regenwald betrieben. Malaysia und Indonesien produzieren mittelerweile über 80 Prozent des weltweiten Palmölbedarfs. Sie pflanzen die Ölpalme (Elaeis guineensis) dann da, wo sie so schnell wächst wie Unkraut: in den feucht-warmen Tropen.

Der Orang steht nicht auf Ölpalme, wagt sich dennoch an sie als Futterquelle heran, wenn ihm sein Lebensraum nebst Nahrungsangebot weggeholzt oder -geflämmt wird. Was den Indonesier natürlich nervt, vor allem den Palmöl-Plantagenbesitzer - der nicht stets Indonesier sein muß.

 Das Palmöl bringt richtig Geld. 2007 lag der Preis für eine Tonne Palmöl laut Angaben von Dr. Tom Deutschle, Betreiber der Webseite Faszination Regenwald, bei 700 US-Dollarn.

Der Flächenfraß im Tiefland-Regenwald ist demzufolge enorm. Von 1985 bis 2008 stieg er um sagenhafte 1400 Prozent, laut Angaben von Deutschle von 600.000 Hektar (6000 qkm) auf 8,4 Millionen Hektar (84.000 qkm; entspricht etwa der Fläche von Österreich).

Zu den großen und größten Palmöl-Plantagenbereibern gehört etwa die 1981 gegründete, börsennotierte Asta Agro Lestari, die ihren Sitz in der indonesischen Hauptstadt Jakarta hat und in Indonesien auf Sumatra, Sulawesi, Java und Borneos Kalimantan in erheblichem Stil Ölpalmenplantagen unterhält und gleichwohl zu den Großgrundbesitzern des Landes zählt. An der eher wenig in der deutschen Öffentlichkeit im Fokus stehenden Börse München ist der Regenwald- und Orang-Killer registriert.

Um 7 Prozent wird das Unternehmen laut einer Prognose seine Produktion gegenüber dem Vorjahr steigern. Von 920.600 metrischen Tonnen auf 990.000, so das Webportal Nature Alert, das sich auf den Wirtschaftsdienst Bloomberg beruft. Die Drecksarbeit hierzu leisten viele tausend Tagelöhner, die sich als Erntehelfer verdingen. Die Drecksarbeit leisten aber auch KMU-Betriebe, etwa die Melangking Palmöl-Mühle.

Den Orang hat keiner der Agro-industriellen und indonesischen Analphabeten und Tagelöhner wertschätzungsmäßig auf der Rechnung. Ebensowenig kümmern sich die Schergen des Regenwaldes um die anderen Spezies, deren Lebensraum sie nachhaltig zerstören. In freier Wildbahn wird der Waldmensch folgerichtig sterben, wenn nicht institutionell durchgegriffen wird. Dann wird er, der einen ausgewachsenen kräftigen Menschen mit einem Handgriff erledigen könnte, in Bälde nur noch in Zoos zu besichtigen sein. 

© Maik Mensing

© GeoWis (2008-07-03)

Weiterlesen:

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