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Niederlande: Angriff aufs Kiffertum


Niederlande: Angriff aufs Kiffertum
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Angriff aufs Kiffertum

Seit die niederländische Regierung wieder verstärkt Razzien in sogenannten Smart Shops durchführt und bereits eine Reihe von ihnen schließen ließ, herrscht auch Unsicherheit bei den Betreibern der vor allem bei Touristen beliebten Coffeeshops.

Von Ralf Tenhagen (2007-09-25)

Der Smokers Guide to Amsterdam ist so etwas wie die Fibel für alle Kiffer. 1997 von dem nach seinem Studium nach Europa aufgebrochenen und in Amsterdam kleben gebliebenen Kalifornier Adam* gegründet, ist das Büchlein im Postkarten- und somit Taschenformat, dessen 2007er Version 168 Seiten aufweist, inzwischen nicht mehr nur ein Adressengeber zu einschlägigen Lokalen, sondern setzt sich auch redaktionell mit der Thematik rund ums Kiffen auseinander.

 Mehr als 40.000 Exemplare des Büchleins seien bis Angang September verkauft worden, und man könne sicher sein, dass sie vorwiegend von Amsterdam-Touristen gekauft wurden, so der Herausgeber.

1972, als der erste Coffeeshop, das Mellow Yellow an der Vijzelgracht, eröffnete, staunten die Amsterdamer noch genauso wie die Touristen über das, was eigentlich nicht sein durfte: ein Lokal, in dem weiche Drogen erworben und konsumiert werden konnten.

Was anfangs noch exotisch wirkte, hatte schon wenige Jahre später einen Boom ausgelöst. Hunderte von Coffeeshops waren in den Niederlanden entstanden und lockten Zehntausende an, vor allem aus den Anrainerstaaten. Auch in West-Berlin wagten es Gastronomen, nachzuziehen, etwa das längst geschlossene Park unweit des Kurfürstendamms.

Amsterdam, größte Stadt der Niederlande und bis dahin aufgrund seiner Architektur und Grachten schon ein Anziehungspunkt auch für Touristen aus Übersee, wurde zum Mekka gerade junger Leute. In den 1980ern erlebte die Grachtenstadt geradezu ihren Gipfel an Tages- und Wochenendbesuchern, nicht zuletzt geschuldet den Kiffern, die seit 35 Jahren viel Geld in der Stadt und im Land lassen.

Während in den Anrainerstaaten Belgien und Deutschland der Konsum von Cannabis oder Marihuana zu jener Zeit noch ordentlich bestraft worden war, was sich in Deutschland erst ab Mitte der 1990er Jahre änderte, waren die Niederlande international längst mit dem Attribut 'liberal' versehen worden. Doch Deutschland, Frankreich, England und die skandinavischen Länder begannen Druck auf die niederländische Regierung auszuüben, die demzufolge Anfang der 1990er Jahre damit begann, gegen die Betreiber von Coffeeshops vorzugehen.

 Für die Anhänger gepflegten Kiffens wurde die Luft nun dünner. Die niederländische Regierung rief die sogenannten Health Intervention Teams ins Leben (HIT), ein Behördenmix, der mit allerlei Macht ausgestattet ist.

So tummeln sich bei HITs Beamten der Steuerbehörde, des Gesundheitsministeriums, des Ordnungs- und Gewerbeamtes, der Drogenbekämpfungsbehörde und des Sozialamtes.

Hatte es laut Smokers Guide 1990 allein in Amsterdam noch 480 Coffeeshops gegeben, waren es elf Jahre später noch 279. Lokale, die im Verdacht standen, neben dem gedulteten Weed (Marihuana) und Kiff (Haschisch) auch Härteres vertrieben zu haben, wurde rigoros die Konzession entzogen. Danach wurde es trotz US-amerikanischen Drängens erstmals etwas ruhiger.

Nach einer gewissen Entspannungsphase gehen die HITs seit etwa zwei Jahren wieder rigoros vor. Die Spreu vom Weizen zu trennen, mithin die Anbieter harter Drogen dingfest zu machen und jene der weichen zu dulden, lag und liegt durchaus im Interesse der Betreiber so genannter Coffeeshops, von denen einige längst Kultstatus haben.

Doch man wisse nicht, wohin das Engagement der Regierung insgesamt führen werde, so Adam. Früher sei die Polizei bei Razzien konziliant gewesen. Inzwischen geriere sie sich auch rabiat. Klar, jene, die "hartes Zeug" verkauften, müssten vom Markt.

 Aber die Erfolge der HITs, die oft auch die Polizei hinzuzieht, könnten weitere Begehrlichkeiten nach sich ziehen und die touristische Attraktion Nummer 1 - die harmlosen Coffeshops - an die Kandare nehmen, so Adam. Worauf das hinausliefe, ist mittlerweile auch der konservativen niederländischen Regierung bewusst, die am liberalen Image des Polder-Staates interessiert ist und erstmal die Handbremse angezogen hat.

Dennoch geht in Amsterdam die Angst um, nicht nur wegen der vor wenigen Jahren verübten Morde am rechtsnationalen Politiker Pim Fortuyn (2002) und dem reichlich umstrittenen und nihilstischen Filmemacher Theo van Gogh (2004), sondern - ganz gegenwärtig - wegen der gestiegenen De-Liberalisierung des öffentlichen und touristischen Lebens im Hinblick aufs Kiffertum.

Die Stadt an der Amstel, als ganze fraglos würdig, zum Weltkulturerbe auserkoren zu werden, verlöre bei weiterem Vorgehen der Behörden gegen einschlägige Lokale etwas, wofür sie geliebt wird: freies Kiffen.

Wie berühmt diese Freiheit ist und in die Welt diffundierte, führte Quentin Tarrantino in seinem Film Pulp Fiction (1994) vor, in dem der seine Protagonisten John Travolta und Samuel L. Jackson darüber staunen ließ, dass man in Amsterdam ungestraft Joints rauchen dürfe. In Deutschland galt der 1989 in West-Berlin verstorbene ehemalige Schauspieler, Kabarettist, konsequente Ketzer gegen das Establishment und überzeugte Kiffer Wolfgang Neuss als Protagonist von Haschisch und Marihuana.

 Für viele junge Leute aus Amerika ist Amsterdam noch vor Paris, London, Rom oder Berlin Anlaufstelle Nummer 1 in Europa, verbinden sie mit der Stadt und den Niederlanden doch insgesamt jene Freiheit, die während der 1960er und frühen 1970er Jahre auch in den USA noch ein Traum war, etwa in Kalifornien oder auf dem Woodstock-Festival.

Die jungen Leute aus Europa - wozu inzwischen neben anderen auch Polen und Tschechien zählen - stellen ein noch größeres Kontingent, um sich in den Niederlanden, vorzugsweise in Amsterdam, mit konsumierbaren Souveniers einzudecken oder sie an Ort und Stelle zu verkonsumieren.

Woran auch der niederländische Fiskus verdient, denn auf jedes Gramm Haschisch und Marihuana legt er 19,5 Prozent Umsatzsteuer, was angesichts der schieren Menge an Verkauf pro Jahr mittlerweile ein interessanter Staatshaushaltsfaktor ist.

Doch die niederländische Regierung steht mittlerweile wieder unter enormem politischen Druck, seit sie Echos aus der Vergangenheit wahrnimmt, die auf die Clinton-Administration zurückgehen und inzwischen von der Bush-Administration aufgegriffen wurden.

Im Juli 1998 hatte Barry R. McCaffrey, damals US-Drogenpolitik-Chef unter der Clinton-Administration, der niederländischen Regierung ein zu lasches Vorgehen ("unmitigated disaster") im Anti-Drogenkampf vorgeworfen. McCaffrey hatte umgehend harsche Kritik aus den Niederlanden geerntet, die sich derartige Vorwürfe verbat, und ruderte halbherzig zurück ("mitigated disaster").

 Doch die "Flutungstore seien geöffnet worden", so Washington Post-Redakteur Sam Coates in seinem im Juli 2005 erschienenen Artikel U.S. and Netherlands Reach Accord on Cutting Drug Use.

Die Bush-Administration verschärfte die Gangart gegen die liberale Drogenpolitik der Polder-Nation und ließ die Säbel rasseln, indem sie das kleine Land als das wichtigste im europäischen Drogenhandel und -transit bezeichnete. Polen oder Tschechien, Länder, die eine kaum mindere Rolle in diesem Business und in der - vor allem chemischen - Drogenproduktion spielen, benannte John P. Walters, Drogenbeauftragter Bushs, nicht.

Dem Bericht Coates zufolge zeigte das Holland-Bashing - wenn auch zeitlich reichlich verzögert - Wirkung. Am 14. Juli 2005 trafen sich Walters und der niederländische Gesundheitsminister Hans Hoogervorst in Washington, um eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die den Drogenkonsum in den Niederlanden reduzieren solle. Als Schlagwort diente Bushs Drogen-Dobermann Walters das Delta-9-Hydro-Cannabinol, eine Substanz in hochgezüchtetem Marihuana, die gefährliche psychoaktive Wirkungen bei Konsumenten auslösen könne.

Tatsächlich ist das in Deutschland auch unter dem Namen Super-Skunk bekannte, pelzig aussehende, vorwiegend aus Nährlösungen entspringende Weed geeignet, Erst-Konsumenten dermaßen außer Gefecht zu setzen, als hätten sie drei Flaschen französischen 1957er Chardonnay auf Ex getrunken, oder sie so hibbelig und redselig werden zu lassen, als befänden sie sich in einer deutschen Nachmittags-Talkshow.

 Als "psychoaktiv" kann dies allerdings schwerlich bezeichnet werden, da der hallozinogene Faktor - so er denn in diesem Zeug vorhanden wäre und demzufolge vielleicht der Kommandant von Apollo 11 mit Vornamen Micky und Nachnamen Mouse hieße, die Erde ein Kubus oder der Pazifik im Schnitt nur neun Meter tief sei - im Super-Skunk längst noch nicht abschließend wissenschaftlich verifiziert worden ist.

Wie mit Käse, Tulpen, herausragender und innovativer Architektur, perfekten, doch geschmacklosen Tomaten - oder Grachten (Amsterdam) - werden die Niederlande international mit ihrem Laissez-faire in Verbindung gebracht, wozu auch der ungestrafte Konsum von cannabinolen Drogen zählt.

Jahrzentelang war das Land stolz auf seine Toleranz im Hinblick auf Coffeeshops, und junge Leute reisten an, um zu 'chillen'. Restriktives Vorgehen hatten die Niederlande nur in Ausnahmesituationen vollziehen müssen, wie etwa bei der Kaperung eines Zuges zur Mitte der 1970er Jahre durch surinamische Terroristen (Molukker).

Sowohl die EU als auch die Bush-Administration setzen die konservative Regierung der Niederlande inzwischen nicht nur verbal und medial, sondern auch formal unter Druck. Das Rauchverbot - in Deutschland in öffentlichen Gebäuden und Restaurants seit diesem Jahr Gesetz, in deutschen Taxis seit 1. September - soll nun auch in den Niederlanden dazu herhalten, in Coffeeshops dem Konsum von Pollen, Marok oder Schwarzem Afghan Einhalt zu gebieten. Nicht aber dem Erwerb der Bräsigmacher.

In althergebrachter, mittelalterlicher Manier werden Bronzekanonen auf Spatzen gerichtet, währenddessen sich - zum Vergleich - etwa Radfahrer mit Drogen vollpumpen können, um so lange zu radeln, bis sie irgendwann das Zielbanner erblicken und sich danach eiligst in ihre Wohnwagen verkrümeln.

 Dass die massigen Kanonenenkugeln letztlich die Spatzen nur geringfügig dezimieren könnten, brachten schon der 1980 ermordete jamaikanische Reggae-Papst Bob Marley und sein am 11. September 1987 ermordeter Landsmann und Kollege Peter Tosh, der 1976 mit 'Legalize it' ein musikalisches Plädoyer auf die Freiheit des Ganja-Rauchens hervorgebracht hatte, zum Ausdruck.

Ganja (jamaikanische Bezeichnung für Marihuana/Gras) und Kiff in den Niederlanden komplett zu verbieten oder deren Bereitstellung und Konsum allzu streng zu verfolgen, liegt nach jetzigem Stand nicht mal im Interesse der Konservativen.

Nur zu genau weiß die niederländische Regierung, dass dies beinahe einem Verbot gleichkäme, Käse zu konsumieren, abgesehen davon, dass ihr viel Geld verloren ginge.

Doch die Regierung des 16-Millionenstaats sieht sich inzwischen von allen Großen belagert. Deutschland, das den EU- und Bush-Direktiven beinahe ebenso willenlos folgt wie viele kleinere Staaten Europas, ist Amsterdam keine Hilfe.

Malaysia, Mauritius, Mexiko, Thailand und eine lange Reihe anderer Länder, darunter auch die Türkei, wuchern mit drakonischen Strafen für Cannabis-Schmuggler und -konsumenten. War on Drugs nennt sich das Spektakel, bei dem die Großkopferten, die Zaren, die in dem Geschäft treibenden Kräfte verschont bleiben und die Staaten auf Kosten der Steuerzahler etwas bekämpfen, das sich nicht bekämpfen lässt. Genauso gut könnten sie den Konsum von Blumenkohl kriminalisieren und bekämpfen. Es brächte wohl nichts.

Die Niederlande haben mehr als drei Jahrzehnte lang auch unter dieser Gewissheit ihren Bürgern Verantwortungsbewusstsein zugebilligt und in Kauf genommen, dass sich darunter schwarze Schafe befinden, die das Laissez-faire ausnutzen. Anders als die USA oder Deutschland hatten sie stets darauf verzichtet, die Kanonen zwischen die Zinnen zu schieben.

Dabei mag auch der Tourismus eine Rolle gespielt haben - und spielen. So - und auch deshalb - erfreut sich das kleine Land jährlich Millionen von Touristen, die sich etwa in Rotterdam nicht einzig die Architektur ansehen, in Den Haag nicht nur den Gerichtshof, in Eindhoven keinesfalls lediglich die Gebäude von Philips oder in Amsterdam schon gar nicht nur die Grachten.

Das liberale Flair und die Gemütlichkeit, die Leichtigkeit des Seins und das Unaufgeregte, das Gefühl, sich in einem der letzten Refugien persönlicher Freiheit außerhalb der eigenen Wohnung zu befinden und dennoch in einem demokratischen Staat, zieht die Leute an. Ohne Murren bezahlen sie die teils horrenden Preise für Übernachtung und Entertainment und gehen, wenn es die Stimmung erlaubt, in Coffeeshops, um etwa einen Tee oder Kaffee zu trinken.

* Der Nachname des Herausgebers des Smokers Guide to Amsterdam ist GeoWis bekannt.

© Ralf Tenhagen

© Geowis (2007-09-25)

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