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"Gutenachtkuss von Mama"

Zwei schnelle Tore in der ersten Halbzeit reichten Italien, um Deutschland erneut in einem Halbfinale eines internationalen Fußballturniers nach Hause zu schicken. Löws Aufstellung spielte ihnen dabei in die Füße.

Von Roman Siertes (2012-06-30)

20 Millionen Laienbundestrainer staunten nicht schlecht, als sie Joachim Löws Aufstellung für die Startelf gegen die Squadra Azzurra sahen. Der Bundestrainer hatte angekündigt, die "eine oder andere Überraschung" zu bieten, was ihm dann auch gelang. Vergeblich hielt man Ausschau nach dem spielerisch bewanderten Stürmer Miro Klose, dem wieselflinken Mittelfeldler Marco Reus und dem eins-zu-eins-starken André Schürrle. Von Mario Götze, nach Ansicht seines Trainers beim BVB, Jürgen Klopp, und der Meinung vieler Fußballfachleute Deutschlands herausragenstes Mittelfeldtalent, hatte man bestenfalls träumen dürfen.

Stattdessen bot Löw Mario Gómez im Sturm auf, weil "er drei Tore geschossen hat, Toni Kroos auf Rechtsaußen im Mittelfeld, damit der Bastian Schweinsteiger unterstützt und "den Pirlo" neutralisieren helfe, und Lukas Podolski auf Linksaußen, weil der seine "Erfahrung und Kraft" einbringen sollte. Der Einsatz dieser verdienten Spieler ging reichlich daneben. 

Stürmer-Beau Gómez stakste hilflos vorm und im italienischen Strafraum umher, wobei er sich nach Ballverlusten nicht mal Mühe gab, nachzusetzen; Toni Kroos zog es ständig in die Mitte des Spielfelds, hinterließ damit Lücken auf Außen - in die kaum ein deutscher Spieler nachrückte - und war kaum in der Lage, seine Eckbälle hoch genug in den Strafraum zu befördern. Lukas 'Prinz Poldi' Podolski fand überhaupt nicht ins Spiel, fiel durch Ballverluste und Fehlpässe auf und ließ sich von seinem Gegenspieler permanent den Schneid abkaufen.

Auch die so genannten Führungsspieler entpuppten sich als weitgehend indisponiert. Bastian Schweinsteiger, der "emotionale Leader" (Löw), der noch auf der abschließenden Pressekonferenz in Danzig behauptet hatte, er sei topfit und man werde die Italiener besiegen, nachdem man ja schon so große Mannschaften wie Brasilien, die Niederlande, England und Argentinien besiegt habe, war ein Schatten seiner selbst. Topfit? Mitnichten. Und überhaupt: Was ist ein emotionaler Leader?

Kapitän Philip Lahm erwischte ebenfalls einen rabenschwarzen Tag. Er ließ seine sonst so rasanten wie wirkungsvollen Flankenläufe vermissen, riss eine Monsterlücke in der eigenen Hälfte und rannte dann jenem hohen Ball in Richtung Mario Balotelli hinterher, den dieser lehrbuchhaft hinter Manuel Neuer wuchtig im Tor versenkte. Bestenfalls Mittelmaß waren auch die bislang stets gut bis sehr gut aufgetretenen Abwehrrecken Hummels, Boateng und Badstuber.

Mats Hummels unterlief gegen Italiens zweitem Stürmer Antonio Cassano ein kapitaler Anfängerfehler, indem er ihm "den Ball wegspitzeln wollte" (Hummels), sich dabei aber verladen ließ, weil er auf eine simple Drehung von Cassano hereinfiel und dadurch den Weg Richtung Tor freigab. Am daraus resultierenden 0:1 war Holger Badstuber gleichermaßen beteiligt, denn der sonst so brillante Innenverteidiger schien sich nicht darüber im Klaren gewesen zu sein, ob er sich lieber auf den Ball oder Balotelli, der in England neuerdings The Chest heißt, konzentrieren sollte. Mats Hummels und Jérôme Boateng interpretierten ihre Abwehrarbeit dazu noch viel zu offensiv. Das sorgte für einen nahezu alleingelassenen Manuel Neuer - und für Einladungen zu tollen Kontern seitens der Azzurri.

Normalform hatten in der deutschen Mannschaft lediglich Sami Khedira, Manuel Neuer und Mesut Özil, wobei Trainer Löw zuvor optimisch gewesen war und ankündigt hatte, Özil werde "schon noch explodieren". Dazu kam es allerdings selbst nach den in der Halbzeit vorgenommenen Auswechselungen nicht. Statt Gómez lief nun Klose im Sturm auf und stellte unter Beweis, dass er immer noch der bessere Stürmer ist. Für Podolski kam Marco Reus, der sofort die italienische Abwehr durcheinander wirbelte.

 Doch statt auch Kroos (oder Schweinsteiger) auszuwechseln und für einen von ihnen entweder Mario Götze zu bringen, den Italiens Trainer Prandelli kaum auf der Rechnung gehabt haben dürfte - zu Recht, wie nun klar ist -, ließ er ihn im Spiel und brachte später noch den mäßig auftretenden Thomas Müller für Boateng. Damit setzte Löw während des Halbfinals auf acht Bayern-Spieler, von denen nur Neuer seine Leistung brachte.

Löw muss sich nun erneut vorhalten lassen, dass er zu sehr auf Bayern-Spieler fokussiert ist. Schon vor Beginn der EM genossen sie einen Mitleidseffekt, weil sie das Champions-League-Finale "dahoam" gegen den FC Chelsea verloren, gegen den BVB im DFB-Pokalfinale 5:2 auf die Kappe bekamen und den Dortmundern eine Woche vor Berlin die Meisterschale überlassen mussten. Dreimal Vize. Immerhin. Der Bundestrainer akzeptierte, dass der Bayern-Block einige Tage später zur Vorbereitung auf die EM anreiste.

Nun, nach dem kläglichen Aus im Halbfinale, darf man sich fragen, ob Löw nicht allzu parteiisch vorgegangen ist, und das schon bei der Auswahl des Kaders. Schlappe, deprimierte Bayern-Spieler, darunter offensichtlich verletzte (Schweinsteiger) und ihrer Normalform hinterherlaufende (Müller) bekamen den Vorzug gegenüber so manchem Spieler aus dem Kader des Meisters und anderen Bundesligavereinen. Die Nationalmannschaft als Regenerationseinrichtung?

Natürlich genießt der Bundestrainer einen Mega-Bonus im Fußballvolk und beim DFB. 2006 (Sommermärchen) als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann Dritter bei der WM in Deutschland; 2008 Vize-Europameister, 2010 Driiter bei der WM in Südafrika. Nun Vierter. Indes, sein Denkmal beginnt zu bröckeln. Dabei ist nicht zwingend die Niederlage gegen Italien daran beteiligt, sondern die Gewohnheit Löws, verdienten Spielern auch dann zu vertrauen, wenn sie vom Leistungsstand her in den Urlaub gehörten.

Diesen Habitus hatten alle bisherigen Bundestrainer seit Sepp Herberger an den Tag gelegt. Zuletzt Rudi Völler und Michael Skibbe, die 2002 WM-Zweiter in Südkorea/Japan wurden, 2004 bei der EM in Portugal jämmerlich nach der Vorrunde nach Hause fliegen mussten. Löw hatte diesen Malus vertrieben, indem er die deutsche Mannschaft verjüngte und ihr ein modernes, unarrogantes Spiel einbläute. Nun scheint es so, als sei er in diese Tradition zurückgefallen.

Es gehört selbstverständlich zur deutschen Turniergeschichte und ihrer Prosa, dass gegen italienische Mannschaften noch nie viel Staat zu machen war. Abgesehen von früheren Duellen, in denen der Catenaccio im italienischen Spiel obligat war, reüssierte die Prandelli-Elf bei dieser EM mit zwei Stürmern und einem überragenden Regisseur. Dazu die üblichen beinharten und kleveren Kerle.

Das deutsche Team hingegen, zu dem sich der Journalist Claus Strunz in diesem Kontext kürzlich in der Talkshow Markus Lanz skeptisch geäußert hatte, indem er den Eindruck habe, als hätte "Mama den Spielern noch einen Gutenachtkuss" gegeben, ließ jede Art von Cleverness vermissen. Und genössen die deutschen Spieler nicht bereits nahezu Kultstatus, müsste man ihnen Kaninchenverhalten vorwerfen.

Letztlich aber geht das verlorene Halbfinale auf Löws Kappe. Er wird sich zu überlegen haben, ob er künftig mal Typen mit Leitwolfcharakter - wie zuletzt Michael Ballack einer war - ins Aufgebot beruft, Kerle, die das Heft des Handelns an sich reißen und sich gegen allzu flache Hierarchien auflehnen, und ob er das von ihm präferierte Ein-Stürmer-System überdenkt und Ausschau nach einem zweiten Knipser hält. Fußball ist eine ernste Sache, an der Millionen Menschen Spaß haben wollen. Es ist kein Rhetorik-Wettbewerb.

© Roman Siertes

© GeoWis (2012-06-30)

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