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El Dios de fútbol es Español

Das Endspiel um den Pokal der Fußball-Europameisterschaft 2008 geriet für das deutsche Team außer Kontrolle. Verantwortlich ist Trainer Joachim Löw, der traditionell Mut zum Risiko vermissen ließ

Von Jochen Henke (2008-06-30)

Zehn Minuten lang konnten sich Deutschlands prominente Fußball-Experten, darunter auch Kommentatoren, bestätigt sehen. Zehn Minuten lang sah das deutsche Spiel dominant aus. Die deutsche Mannschaft schien an ihre Leistung anzuknüpfen, die sie gegen das portugiesische Team gezeigt hatte. Der Fußballgott schien auf deutscher Seite zu sein.

 Dann wendete sich das Spiel abruppt. Erst verlor Thomas Hitzlsperger den Ball, dann prüfte Verteidiger Christoph Metzelder Torhüter Jens Lehmann und hätte ein Eigentor verursachte, wenn Lehmann nicht bereits in Topform gewesen wäre und den Ball hielt. 

Das Spiel kippte binnen Minuten zugunsten der Spanier, die fortan unermüdlich auf hohem Niveau Fußball zu zelebrieren begannen, in der Abwehr sicher standen, das Mittelfeld übernahmen und kluge Pässe zu ihrer Spitze, Fernado Torres, spielten, während bei den Deutschen Miroslav Klose im gegnerischen Strafraum verhungerte oder, wenn er den Ball bekam, meist nichts Vernünftiges damit anzufangen wußte.

Folgerichtig fiel das 1:0 für die Spanier recht bald, nachdem das Mittelfeld und die gesetzte Innenverteidigung Metzelder/Mertesacker indisponiert waren und dem bis dahin wie gewohnt mit herausragender Leistung auftretenden Außenverteidiger Philip Lahm eine Fehleinschätzung zur Position Jens Lehmanns unterlief. Torres hatte den Ball bekommen, Lahms Einsatz reichte nicht mal mehr für ein Foul, Lehmann kam - schuldlos - einen Sekundenbruchteil zu spät herangeflätscht, Torres kickte lehrbuchhaft ein (33. Minute).

Wer geglaubt hatte, das Löw-Team beherzige nun, daß es im Finale einer Europameisterschaft stehe und sich auf sein "spielerisches Potential" (Löw) besinne, wurde eines besseren belehrt. Von der Abwehr gingen kaum konstruktive Impulse ins Mittelfeld oder nach vorne aus.

Per Mertesacker schien alle Zeit der Welt zu besitzen, wenn er am Ball war, trabte meist ein paar Schritte nach vor, hielt wie ein Schwan nach seiner Braut Ausschau nach einem Anspielpartner und paßte dann entweder ungenau in die Mitte oder nach vorn, oder zu seinem Innenverteidigungskollegen Metzelder.

Der wiederum paßte sich entweder dem langsamen Spiel nach vorn an, spielte noch mal quer, oder machte sich mit dem Ball auf in des Gegners Hälfte, um dann dort zu vertändeln und anschließend in Ruhe dorthin zurückzugehen, gelegentlich auch zurückzulaufen, wo er gebraucht wurde: in der Innenverteidigung.

 Daß es nach 90 plus 3 Minuten nur 1:0 für die Spanier stand, ist schmeichelhaft für das deutsche Team. Ein Drei- oder gar Vierzunull hätte dem Spielverlauf entsprochen.

Es lag weniger am Können der deutschen Verteidiger, sondern mehr an dem Quentchen Glück, daß die Spanier an diesem Abend nicht besaßen, und am herausragenden deutschen Torhüter Jens Lehmann.

Mehrfach hatte er während des Spiels seine Vorderleute zu koordinieren versucht ("Raus aus dem 16er!"). Er war sichtlich sauer, was diese ablieferten.

Nach dem Spiel war er es verständlicherweise auch noch, obwohl ihm während des kurzen Gesprächs mit der Moderatorin Monika Lierhaus im ARD-Studio gleichwohl Traurigkeit anzusehen war.

Von "deutschen Tugenden" (Günter Netzer) war während dieses Endspiels bei den meisten Akteuren des Löw-Teams wenig zu sehen. Lehmann und Lahm ausgenommen. Beide zeigten Weltklasseleistungen. Die anderen Neun schauten sich das homogene Spiel der Spanier an.

Daß noch mal Hoffnung aufkam, dieses Spiel zugunsten der Deutschen zu entscheiden, lag an Marcell Jansen, der nach seiner Einwechselung für Schub und Enthusiasmus sorgte. Doch wenn die Kollegen krumme Füße bereits bei der Ballannahme unter Beweis stellen, kann auch der fleißige Rackerer an der Außenlinie nichts dafür.

Insgesamt liegt die Verantwortung beim Trainer. Zwar hatte Joachim Löw die verkorksten EM-Teilnahmen aus den Jahren 2000 und 2004 bereits mit dem Erreichen des Viertelfinals egalisiert, mit dem Einzug ins Halbfinale mehr als wett gemacht und mit der Teilnahme am Finale unterstrichen, daß mit den Deutschen im Fußball wieder jederzeit zu rechnen sei.

Doch hat er ähnliche Fehler begangen, wie sie bereits von seinen Vorgängern Erich Ribbeck und Rudi Völler begangen worden waren, indem er etwa auf "verdiente" Spieler setzte und keinen Mut zum Risiko aufbrachte, wie es Klinsmann noch vermocht hatte.

Zu den 'Verdienten' gehören Jens Lehmann, der nach anfänglichen Schwierigkeiten zur Hochform auflief, während die deutsche Innenverteidigung unter dem lange verletzten und ohne Spielpraxis zur EM-Vorbereitung und -Endrunde angereisten Christoph Metzelder und dem hochgewachsenen, aber sprungschwachen Per Mertesacker - beide ebenfalls 'verdiente Spieler' sich als Totalausfall angesichts des erklärten Anspruch erwiesen.

Kapitän Michael Ballack "die Wade der Nation" - und Mittelfeldspieler Torsten Frings - "die Rippe der Nation" - sind ebenfalls 'Verdiente'. Der eine, Ballack, war ausgepowert und mit einer Niederlage im Champions League-Finale ins Trainingslager gekommen; der andere, Frings, hatte eine "Saison voller Knieprobleme" (Kicker) hinter sich. Und Miroslav Klose, beim FC Bayern München in der abgelaufenen Saison nicht überzeugend, kam genausowenig in Tritt wie Mario Gomez und Kevin Kuranyi, die sich die Abseitsregel noch mal zu Gemüte führen müßten. 

Die Mannschaft stellt der Trainer auf. War immer so und bleibt auch so. Doch nur, weil Joachim Löw in Interviews zuweilen selbst Inhaltsloses formvollendet in die Mikrophone formulieren kann und scheinbar mit taillierten weißen Hemden an der Linie oder in der Coachingzone seine Figur der internationalen Öffentlichkeit zu Schau stellt, ist er noch kein guter Trainer.

 Jedenfalls keiner, der Risiken eingeht. Die hatte er nach Hause geschickt. Markus Marin etwa. Einen jungen Spieler von Borussia Mönchengladbach, der dribbelstark und unberechenbar ist, den zudem keiner der anderen EM-Trainer hätte einschätzen können. Auch Löw konnte dies nicht. Oder Jermaine Jones, beim FC Schalke 04 ein veritabler, flinker Mittelfeldspieler, hat nicht nur gegen Spanien gefehlt.

Fast schon muß man es als Verzweiflungsakt betrachten, daß DFB-Präsident an Löw festhält - was einem Weiter so gleichkommt. Doch ein Weiter so bringt den deutschen Fußball nicht zwangsläufig weiter. Es wirft ihn zurück. Der einzige Trainer, der den deutschen Fußball nach dem Abtritt des ehemaligen Teamchefs Franz Beckenbauer weitergebracht hatte, war Jürgen Klinsmann.

Während Klinsmann als Enthusiast und dem Angriffsspiel verhafteter Trainer ist, hat Löw unter bei dieser EM unter Beweis gestellt, daß er Pragmatiker, im Zweifel gar Feigling, und bislang sicherlich nicht auswahlsicher ist, gibt es doch in der 1. und . Bundesliga rund 400 Spieler. Zumindest hat Joachim Löw nicht die Spur zum Risiko gezeigt. 

Anders sein Trainer-Kollege Luis Aragones, der mit geschicktem Händchen zu den 'alten' junge Spieler ins spanische Nationalteam berief und ihnen klipp und klar vermittelte, was sie können und können dürfen. Der am 28. Juli 70 werdende Aragones hatte seinen spanischen Jung-Stieren unmißverständlich zu verstehen gegeben, wer der absolute Chef sei, der Ober-Macho, der Alt-Stier (El toro viejo).

Es gab während dieser EM nur einen weiteren Trainer, der in der Liga von Aragones anzusiedeln sei: Fatih Terim, der türkische Nationalcoach. Auch Deutschland hatte schon mal Trainer dieses Kaliubers. Der eine, Sepp Herberger, oist schon lange tot; der andere, Jürgen Klinsmann ist jetzt Trainer des FC Bayern München. Hadern oder Zaudern gab es bei beiden Trainern nicht. Das Team, das unter Klinsmann zu 'Klinsmännern' geworden war, wurde unter Löw nur partiell zu 'Löwen', am Ende zu Kätzchen.

Das Team aus Spanien hat den wegweisenden, den kohärenten und modernen Fußball während dieser EM gespielt und gezeigt. Es ist nicht nur der Fußballgott, der auf ihrer Seite stand. Es ist vor allem Luis Aragones, der Mut zum Risiko bewies und die richtigen Spieler auswählte, ohne dabei Rücksicht auf die 'Verdienten' zu nehmen. Daraus könnte Löw etwas lernen. 

Das spanische Fußballteam ist nicht nur zu Recht Europameister geworden, sondern auch folgerichtig. Dies wird von den zuvorigen Experten nun, einen Tag nach dem Finale, kaum noch bestritten. Es wäre fürwahr ungerecht gewesen, hätte das deutsche Team mit seinem vorzugsweise technokratisch dargebotenem Spiel den Titel geholt. 

Das Löw-Team und Löw selbst erhielten einen Lehrstunde. Diese hätte möglicherweise vermieden werden können, wenn sich Joachim Löw der kalkulierten Risikobereitschaft entsinnt hätte, die sein Vorgänger so paradehaft vorgelebt hatte. Im Finale vom 29. Juni 2008 konvertierte der sogenannte Fußball-Gott, der eine Reihe von Jahren Deutscher gewesen schien, definitiv zum Spanier. 

© Jochen Henke

© GeoWis (2008-06-30)

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