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"Ertränkt wie einen Hund"

Am 19. Oktober 1984 wurde der polnische Priester Jerzy Popiełuszko ermordet. Die Auftraggeber des Mordes sind bis heute unbehelligt geblieben.

Von Uwe Goerlitz (2009-10-31)

Als sich im August 1980 die Solidaritätsbewegung (Solidarność) von Danzig aus zu formieren begann, die zunächst aus Werft-Arbeitern bestand, war Jerzy Popiełuszko (sprich: Popieuschko) knapp 33 Jahre alt. Acht Jahre zuvor war er zum Priester geweiht worden und nun seinen Bischöfen und seinem Kardinal unterstellt, und wurde in einer Zeit gefordert, in der Zivilcourage gegenüber einem mörderischen Regime den Tod bedeuten konnte.

Popiełuszko war nicht nur der katholischen Kirche und damit Papst Johannes Paull II - der damals noch jung im Amt und zudem Pole war - verpflichtet, sondern auch seiner daraus abgeleiteten Fürsorgepflicht für Unterdrückte. Als in Warschau die Stahlarbeiter aus Solidarität zur Danziger Solidarność streikten, schlug er sich auf deren Seite und die der Solidarność, die ihren medialen Helden Lech Walęsa (sprich: Wauensa) hatte, der später als polnischer Staatspräsident reüssieren sollte. Walęsa haftet diesbezüglich bis heute Korrumpiertheit am Revers.

 Der junge Priester Popiełuszko war nicht korrumpierbar. Seine Messen waren Veranstaltungen der Hoffnung, in denen die Menschen standhaft das Victory-Zeichen machten, seine Predigten politischer Sprengstoff. Nie nannte er die kommunistischen Machthaber beim Namen, sprach stattdessen vom Bösen, das nur durch das Gute überwunden werden könne.

Er war er ein leidenschaftlicher Unterstützer der Solidarność, wo immer er Gelegenheit dazu hatte, und somit im Kern ein Befreiungstheologe. Das gefiel weder seinem vorgesetzten Józef Kardinal Glemp, der im Dezember 80 Jahre alt wird, noch dem damaligen kommunistischen Diktator General Wojciech Witold Jaruzelski, der im Dezember 1981 das Kriegsrecht über die Polen verhängen und Solidarność verbieten sollte.

Popiełuszko hielt weiterhin seine "Messen für die Heimat" ab, in denen neben Kirchenliedern auch patriotische gesungen und Gedichte vorgetragen wurden. Das Regime, das in Friedenszeiten das Kriegsrecht verhängte, kanzelte er ab, verurteilte die Inhaftierung von Solidarność-Mitgliedern und anderen Regimegegnern und trat für die Pressefreiheit ein. Der damalige Regime-Sprecher Jerzy Urban bezeichnete seine Messen als "Versammlungen des Hasses".

Die gleichgeschaltete Presse schmähte den Priester, während die Staatssicherheit ihn beschattete, drangsalierte, später in seine Wohnung einbrach, in der sie zuvor dort deponierte Waffen fand und ihn aufgrunddessen für eine Nacht inhaftierte. Lediglich durch Fürsprache seiner Vorgesetzen entging er längerer Haft. Von seinem Pfad ließ er sich nicht abbringen, obwohl er "große Angst hatte", so der Kameramann und Vertrauter des Priesters, Stefan Dmochowski, dessen Sohn von ihm getauft worden war.

Kardinal Glemp, der sich bis zum Aufkommen von Solidarność in bequemer Position befand und danach armselig unpolitisch agierte, und mehrere polnische Bischöfe sahen sich genötigt, den jungen Priester Popiełuszko in Klausur zu nehmen und ihn in Bezug auf die damaligen politischen Verhältnisse zu mäßigen. Was ihnen nicht gelang. Popiełuszko unterstützte Solidarność-Mitglieder moralisch, öffentlich und aktiv. Wodurch er in den Fokus des polnischen Staatssicherheitsapparats geriet.

Spötter könnten heute versucht sein zu sagen, so war das nunmal. Doch Popiełuszko hatte sich auf die auch zu damaliger Zeit unkritische Floskel nicht eingelassen und wurde so zu einem der mutigsten Priester, die zu jener Zeit in Polen gewirkt hatten. "Für unendlich viele sprach er Hoffnung aus", so Dmochowski gegenüber GeoWis.

 Kardinal Glemp, ein eher auf Ausgleich und Demut gegenüber der polnischen Nomenklatura bedachter Geistlicher, somit ein Regime-Konformer - und ein Kardinal, der katholischer als der Papst schien -, der bis heute den Ruch nicht losgeworden ist, er hätte mit dem damaligen polnischen Regime kollaboriert, kann sich nicht rühmen, die Solidarność unterstützt zu haben.

Immer wieder wird Popiełuszko zum Verhör bei der Staatssicherheit geladen, allein in der ersten Hälfte des Jahres 1984 dreizehnmal. Seine Vorgesetzten versuchten ihn nach dem Vatikan abzuschieben, was mißlang, weil er sich weigerte. Dies konnte er tun, weil er in Papst Johannes Paul II einen Verbündeten hatte, der ihm über einen polnischen Bischof einen Rosenkranz zum Zeichen seiner Verbundenheit schenkte.

Die Staatssicherheit scherte das nicht. Sie verübte am 13. Oktober 1984 einen Anschlag auf Popiełuszko, dem der Priester nur durch die Geistesgegenwart seines Fahrers entkam, als der einem künstlichen Hindernis auf der Straße auswich. Popiełuszko wußte nun, daß man ihm nach dem Leben trachtete. Dennoch blieb er sich, seinem Gewissen und seinem Weg treu.

Deshalb auch nahm er eine Einladung an - "obwohl er 39° Fieber hatte", wie die damals in Warschau für Newsweek tätige Journalistin Iwona Dmochowska, die Popiełuszko persönlich kannte, gegenüber GeoWis sagt -, in der 260 Kilometer von Warschau entfernten Stadt Bydgoszcz, Hauptstadt der Woiwodschaft Kujawien-Pommern, am 19. Oktober 2009 eine Messe zu halten.

Auf der Rückfahrt nach Warschau wird sein Wagen auf der Landstraße in einem Waldstück unweit der Stadt Włocławek von drei Agenten des Innenministeriums gestoppt. Er wird mit einem Knüppel niedergeschlagen, gefesselt und geknebelt und in den Kofferraum des Wagens der Schergen verfrachtet. Seinem Fahrer gelingt die Flucht aus dem Wagen. Er alarmiert nicht die Polizei, sondern die Kirchenoberen. Diese wiederum verkünden die bis dahin als Entführung verstandene Aktion, so daß die Polen schnell informiert sind.

 Im ganzen Land versammeln sie sich sodann in den Kirchen und beten dafür, daß er noch lebe. Popiełuszkos Fahrer hatte sich das Autokennzeichen der Entführer merken können, weshalb diese schnell gefaßt wurden, was Innenminister Mirosław Milewski (sprich: Mirosuaw; 1928-2008) in Erklärungsnöte brachte. Er bedauerte nicht die Entführung Popiełuszkos, sondern "daß die Täter drei junge Funktionäre des Innenministeriums" seien, wie Stefan Dmochowski sagt.

Popiełuszko kann sich im Kofferraum von Knebel und Fessel befreien, und als der Wagen hält, kurz entkommen, bis ihn die Agenten wieder eingefangen haben. Erneut knüppeln sie ihn nieder, fesseln ihn, füllen einen Kartoffelsack mit Steinen und befestigten diesen an Popiełuszkos Körper. Dann werfen sie ihn in einen Stausee der Weichsel. "Sie haben ihn ertränkt wie einen Hund", so Dmochowski. Elf Tage später, am 30. Oktober 1984, tauchte der Ermordete aus der Weichsel wieder auf und wurde gefunden.

Die Ermordung des jungen Priesters geriet für das Regime zu einem politischen Desaster. Weit mehr als eine halbe Million Menschen nahmen an seiner Beisetzung teil. In den Straßen knieten die Menschen weinend in Kette nieder und landesweit wohnten sie in den Kirchen Messen bei, um Popiełuszko die letzte Ehre zu erweisen. Kardinal Glemp, eine Riege Bischöfe und über tausend Priester zelebrieren das Requiem für den Ermordeten. Auch Papst Johannes Paul II (Karol Józef Wojtyła, sprich: Wojtyua; 1920-2005) ist tief bestürzt und nimmt Anteil am Tod des aufrechten Priesters.

Bergleute tragen den Sarg zum Grab. Lech Walęsa hält eine Rede am "Sarg unseres Bruders" und verspricht, daß man der staatlichen Gewalt nicht weichen werde. "Solidarność lebt, weil du dein Leben dafür gegeben hast", sagt er. Die nicht dem Regime angehörenden oder es nicht gutheißenden Polen sind außer sich. Das Regime selbst weiß, daß mit der Ermordung Popiełuszkos der Supergau eingetreten ist.

Knapp sechs Jahre später kippt der ehemalige Ostblock. Doch von den Auftraggebern des Mordes ist bislang niemand zur Rechenschaft gezogen worden, obwohl Walęsa später als Staatspräsident ausreichend Macht hatte, für die Habhaftmachung der intellekuellen Autoren des Mordes zu sorgen. Indes, er versäumte es.

Stattdessen wurden nur die ausführenden Akteure abgeurteilt. Grzegorz Sławomir (sprich: Suawomir) Piotrowski, damals 33, Offizier des polnischen Geheimdienstes Służba Bezpieczeństwa und Anführer des Überfalls, der Entführung und Ermordung des Priesters, gesteht und bekommt 25 Jahre Gefängnis. Die beiden anderen Beteiligten wurden zu je 14 Jahren verurteilt. Inzwischen sind sie längst wieder auf freiem Fuß.

Piotrowski war nicht irgendwer innerhalb des polnischen Geheimdienstes. Er ist gelernter Mathematiker und war im Rang eines 'Captain' innerhalb des Dienstes beschäftigt. 1982/83 war er Chef der im Innenministerium angesiedelten Abteilung, die Aktivitäten gegen die katholische Kirche in Polen ausheckte. Intellektuell und hierarchisch stand ihm Adam Petruszka vor. Piotrowskis Helfer bei der Ermordung Popiełuszkos waren Waldemar Chmielewski und Leszek Pekala.

Ein Jahr zuvor, soviel ist bekannt, war er an der Entführung und Folter des Historikers und Solidarność-Unterstützers Janusz Krupski beteiligt. Während des Popiełuszko-Prozesses gerierten sich der damalige Staatsanwalt und der Richter in feinster Manier des reichsdeutschen Nazi-Richters Roland Freisler, indem sie Popiełuszko als "Haß-Säer" und einen Mann bezeichneten, der sich "durch seinen politischen Extremismus sein eigenes Grab geschaufelt" habe. An einer Verurteilung seiner Mörder aber kam das politisch extremistische Gericht nicht umhin.

1988 setzte die polnische Regisseurin Agnieszka Holland mit ihrem Film Der Priestermord (poln.: Zabić księdza; engl.: To Kill a Priest;) Popiełuszko ein erstes filmisches Gedenken. 20 Jahre später nahm sich der polnische Regisseur Rafał Wieczyński des Themas an. Sein Film Die Freiheit ist in uns (poln.: Popiełuszko. Wolność jest w nas) gibt einen intensiven Einblick in das Leben und Wirken des Ermordeten.

 1997 leitete der Vatikan das Verfahren zur Seligsprechung von Popiełuszko ein. Eine wesentliche Voraussetzung für die Seligsprechung ist das aufrechte Sterben. Winseln, um sein Leben betteln oder ähnliche Unterwerfung gegenüber Schergen und Mördern verhinderte eine solche. Seit zwölf Jahren nun prüft der Vatikan, ob Popiełuszko selig gesprochen werden kann. 

Eine lange Zeit. Während der auch der erklärtermaßen deutschfeindliche und dem damaligen polnischen Regime nicht entgegengetretene Kardinal Glemp ("Es gibt keine deutsche Minderheit in Polen") in Rente ging. Sein designierter Nachfolger Stanisław Wojciech Wielgus (sprich: Stanisuaw), seit 1999 Bischof von Płock (sprich: Puock), ließ sich 2007 noch zum Erzbischof von Warschau kanonisieren, um kurz danach wegen seiner Kontakte zum polnischen Geheimdienst zurückzutreten. Offenbar ging es dem Kirchenmann nur noch um seine Pension.

Kazimierz Nycz, der ein Jahr nach Popiełuszko - im Mai 1973 - die Priesterweihe erhielt, wurde von Papst Benedikt XVI (Josef Kardinal Ratzinger) als Nachfolger von Wielgus und Erzbischof von Warschau ernannt. Er übergab Mitte Oktober 2008 im Vatikan der Heiligsprechungskongregation die Dokumentation des diözesanen Seligsprechungsverfahrens. Die polnischen Bischöfe hatten sich zuvor in einem Brief an Benedikt XVI für eine Seligsprechung Popiełuszkos als "Märtyrer für den Glauben" ausgesprochen.

Popiełuszko, der mit 37 Jahren starb, ist in Polen heute so unvergessen und populär wie Papst Johannes Paul II. Sein Grab in Warschau ist längst zur Pilgerstätte geworden und wird auch 25 Jahre nach seiner Ermordung noch gepflegt. Für viele Polen, vor allem Katholiken ist es nach der Wallfahrtsstätte zum heiligen Berg der Schwarzen Madonna in der südpolnischen Stadt Częstochowa der wichtigste Ort zum Trauern.

Was bleibt, ist die Aufklärung darüber, wer den Mord damals veranlaßte, und die Sühne der intellektuellen Mörder Popiełuszkos. "Das wird kommen", sagt Stefan Dmochowski. Es sei nur eine Frage der Zeit. Ob die Auftraggeber dann noch leben, weiß niemand.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-10-31)

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