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Alles begann im März 1972

Wie es jemandem ergehen kann, der an Gerechtigkeit glaubt und sich mit einem Konzern und Behörden anlegt, zeigt kaum eine Geschichte so exemplarisch wie die von Stanley Adams, der illegale Preisabsprachen im Vitaminsektor anzeigte.

Von Uwe Goerlitz (2009-12-28)

Jüngst erst verurteilte das Bundeskartellamt die deutschen Kaffeeröster Tschibo, Dallmayr und Melitta zu einer Geldbuße von knapp 160 Millionen Euro wegen verbotener Preisabsprachen. Die Buße zahlen diese Konzerne aus der Portokasse, lediglich das Image der Röster bekommt Kratzer. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Kartellrechtsverstöße zum Nachteil von Unternehmen und Verbrauchern bekannt und geahndet worden. Zu den bekanntesten Verletzern zählt zweifellos das von Bill Gates gegründete Unternehmen Microsoft.

Ein ganz großes Ding drehte auch der schweizerische Pharma- und Chemiemulti Hoffmann-La Roche (hier abgekürzt als HLR), der ab den 1960er Jahren vor allem mit den Psychopharmaka Valium und Librium groß geworden war und heute in fast allen Sparten teurer und manchmal auch sinnloser, rezeptfreier Medikation unterwegs ist. Seit den frühen 1960er Jahren führte der Multi ein Vitaminkartell an.

 Hierbei ging es darum, dass HLR kleinere und mittlere Vitaminehersteller dazu brachte, ihre Produktion einzustellen und bei HLR einzukaufen. Mit größeren Herstellern von Rohvitaminen wurden zum Nachteil von Verbrauchern die Verkaufspreise abgesprochen. Später brachte HLR mindestens 22 Mittel- und Großkunden dazu, so genannte Treueverträge zu unterzeichnen, in den sie sich verpflichteten, "mindestens 90 Prozent seiner gesamten Nachfrage an Vitaminen bei Roche zu decken."

Sieben Unternehmen der pharmazeutischen Industrie, darunter Merck (Deutschland) und Sandoz (Schweiz), fünf aus der Nahrungsmittelindustrie, beispielsweise Nestlé (Schweiz) und Unilever (Holland/Großbritannien), und zehn aus der Tierfutterindustrie, etwa Ralston Purina (USA), heute zu Nestlé gehörend, hatten mit HLR die Ausschließlichkeitsvereinbarung in den 'Treueverträgen' unterschrieben. Es waren fast alle Großen der westlichen Pharma-Welt. 

Alle Beteiligten machten hervorragende Profite. Vor allen aber HLR, denn die Firma verkaufte ihre Vitamine bis zum Zwanzigfachen über den Herstellungskosten. So betrugen die Produktionskosten von einem Kilogramm Vitamin H - Biotin, zuständig unter anderem für den Stoffwechsel - 560 US-Dollar, der Verkaufspreis aber 10.000 US-Dollar. Womöglich wäre dies noch lange so weitergegangen, hätte sich nicht Stanley Adams dagegengestellt. HLR bekam es mit einem Mann zu tun, der seinem Gewissen und seiner Überzeugung verpflichtet war.

Stanley Adams trat 1964 in die Dienste des Basler Konzerns ein. 1927 auf Malta in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, wurde er dazu erzogen "in England meine wahre Heimat zu sehen", wie er in seiner Autobiographie Hoffmann-La Roche gegen Adams schreibt. Ihm sei "ein starkes Gefühl von Ehre und Pflicht mit auf den Weg gegeben" worden. Er habe ein Faible für Sprachen gehabt und neben seiner Muttersprache - Maltesisch - Englisch, Italienisch, Spanisch, Französich und Arabisch gelernt.

Bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs ging er ins libysche Tripolis, um als Dolmetscher und Übersetzer zu arbeiten. In Libyen wurde er abermals mit Elend konfrontiert, das jedoch - anders als das durch den Krieg hervorgerufene in Europa - strukturell war. Nach Tripolis studierte er in London und Oxford Betriebswirtschaft und heuerte bei einer Liverpooler Firma an, die ihn ins nigerianische Lagos und ins ghanaische Accra schickte. Beide Städte waren zu jener Zeit schon Dreckslöcher - und sind es überwiegend noch heute.

Adams bereiste Afrika intensiv, teils geschäftlich bedingt, teils privat. Dann unterschrieb er beim britischen Versicherungskonzern Lloyd's, der ihn nach Kolumbien schickte, wo er vom britischen Außenministerium zum dortigen Vize-Konsul in der Provinz Santa Marta und später zum Konsul ernannt wurde. "Fünf Jahre lang setzte ich mich für die Interessen der englischen Gemeinschaft ein. Meine karge Freizeit widmete ich dem Versuch, eine kleine Bananenplantage aufzubauen."

Er verkaufte die Plantage, die bereits ertragreiche Ernten abwarf, mit Gewinn, nachdem das britische Konsulat geschlossen worden war und er seinen Job verloren hatte. In ihm war Leidenschaft für die Landwirtschaft aufgekommen. Gepaart mit seiner Affinität für Afrika, übersiedelte er nach Kenia und studierte ein Jahr lang am Egerton College in Njoro Landwirtschaft. "Ich wollte daraus einen Beruf machen", so der Autor.

Es ging ihm gut. Er verdiente damals bereits mehr als heute ein gut ausgebildeter Facharbeiter. Er hatte mit allem, was er anpackte, Erfolg. "Während all dieser Jahre lebte ich in großem Wohlstand. Ich wohnte in großen Villen, fuhr gute Autos, hatte Diener und pflegte den komfortablen Lebensstil jener Übersee-Europäer, die von den billigen einheimischen Arbeitskräften und den hohen Firmenspesen profitierten."

 Zu jener Zeit waren Befreiungskämpfe noch in vielen Ländern Afrikas der Alltag. Auch in Kenia. Adams war um die Dreißig, als sich die Mau-Mau-Bewegung gegen die britische Kolonialherrschaft kolossal erhob, nachdem sie bereits 1948 mit einigen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Für Adams war es ein Kardinalerlebnis, begann er doch, "mehr in die Tiefe zu denken (...)" und "zu realisieren, wie sehr diese Länder ausgeplündert worden waren (...)."

Dem "verführerischen Lebenstil" sei er noch lange verhaftet geblieben, obwohl er "in Afrika und Südamerika viel Armut gesehen" habe. Land habe er in Kenia kaufen und bei seiner Leidenschaft bleiben wollen. Die Unabhängigkeitsbewegungen, letztlich angeführt vom späteren kenianischen Revolutionshelden und Präsidenten Jomo Kenyatta, kamen ihm in die Quere.

Der verhinderte Landwirt ging nach England zurück, arbeitete für Associated Electrical Industries, dann in Belgien als Verkaufsmanager für die US-Firma Outboard Marine Corporation. "Es war ein leichtes Leben (...). Ich hatte alles, was sich ein junger Mann in meinem Alter wünschen konnte", resümmiert der Autor, der schreibt, er sei ehrgeizig gewesen und habe wieder "Ausschau nach einer Branche" gehalten, in der er sich "entwickeln und schnell vorankommen konnte und die viel Gelegenheit zum Reisen bot." Deshalb habe er sich "bewußt für die pharmazeutische Industrie" entschieden, zumal die eine "Wachstumsbranche" gewesen sei und "damals dort die höchsten Löhne - höher als in der Ölbranche" gezahlt worden seien.

Selten hörte man bisher ein solches Statement von einem, der eine veritable Fallhöhe im industriellen Establishment erreicht hatte. Dreizehn Seiten lang ist die Einleitung unter dem Rubrum 'Entwicklungsjahre', in der Adams nicht nur Zeugnis seiner frühen Jahre ablegt - ohne Absolution zu erwarten -, sondern einen Einblick in seine Prägung und möglicherweise vorbestimmte Wandlung gibt.

Mit 35 Jahren heuerte er beim damaligen US-Pharma-Multi Sterling-Winthrop an, einem Konzern, der seit dem frühen 20. Jahrhundert mit Bayer Leverkusen, der I.G. Farben und anderen verbandelt war. Sterling-Winthrop schickte ihn in die philippinische Metropole Manila. Dort blieb Adams, bis ihm der Basler Multi Hoffmann-La Roche "eine Einladung zu einem Gespräch" geschickt hatte. Heute rubriziert man solche Einladungen unter der Kategorie 'Abwerbung'.

Diese Firma sollte der Anfang vom Ende der Karriere von Stanley Adams werden, was er freilich damals noch nicht wissen konnte. Zu jener Zeit besaß er bereits all die skills & features, die heute von Studenten und Absolventen der Betriebswirtschaft und anderen Fachrichtungen zur Standarderwartung von Personalern gehören: Mehrsprachigkeit, umfangreiche Auslandserfahrung, Verkaufstalent, Führungsqualitäten. Adams war eine der frühen eierlegenden Wollmilchsäue, von denen sich jedes große Unternehmen mindestens eine im Stall wünscht.

 Als Adams mit 37 Jahren bei HLR begann, das seinerzeit von Adolf Jann geleitet wurde - Jann war gleichzeitig Chef der Zürich-Versicherungsgruppe -, hatte er zunächst eine Reihe wichtiger Abteilungen - auch in den Übersee-Dependanzen des Konzerns - zu durchlaufen, bevor er in der Verkaufsabteilung für Rohvitamine und Chemikalien in der Basler Zentrale des Konzerns eingesetzt worden war. HLR schickte ihn drei Jahre später nach Venezuela, damit er dort eine Niederlassung aufbaute.

Er nahm seine damals dreizwanzigjährige Sekretärin Mariléne Morandi mit, in die er sich zuvor in der Basler Zentrale verliebt und sie im September 1967 in Castagnola, Tessin, geheiratet hatte. Er kaufte in dem von einem deutschen Architekten gebauten Appartementhaus Residencias Parque Sebucan in Caracas ein Penthouse, machte sich an die Arbeit und genoss sein Mittelschichtsleben.

"Unser Wohlleben war möglich, weil wir das System akzeptierten, in dem wir steckten. Und damals stellte ich mir nicht allzuviele Fragen." Sein Gehalt sei "unaufhaltsam gewachsen", seit er bei HLR arbeite. Nach drei Jahren Venezuela holte ihn die Unternehmensleitung nach Basel zurück.

"Wir verkauften die Vitamine und Chemikalien nicht in Tabletten, sondern in Tonnen an andere Firmenzweige von Roche und an andere externe Firmen, die nun ihrerseits die Tabletten herstellten oder die Vitamine A, D und E tonnenweise ins Mehl oder in die Margerine mischten, das Vitamin C in die Säfte, in Bier oder in Wein (wo es stabilisierend wirkte), oder in Büchsen- oder frisches Fleisch, oder die meisten Vitamine kombiniert in Futtermittel (...). Als einzige Firma unter all ihren Konkurrenten konnte Roche ein komplettes Angebot machen."

Wie komplett, sollte Adams erfahren, nachdem er im März 1972 zum World Product Manager in seinem Bereich bei HLR auserkoren worden war. Er hatte plötzlich Einblick in die Preis- und Vertragsgestaltung und in damit verbundene Verkaufspraktiken, von denen er eigener Aussage zufolge zuvor nichts geahnt habe.

Elf Monate später, im Februar 1973, schrieb er einen Brief an den damaligen EWG-Wettbewerbskommissar Albert Borschette, nachdem er sich zuvor mit seiner Frau Mariléne besprochen hatte. Er wies Borschette auf die Preisabsprachen zwischen HLR und anderen hin, die laut Artikel 86 des EWG-Vertrags untersagt waren. Dieser Artikel verbot "die Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung" und natürlich kartellrechtswidriges Verhalten, wozu schon damals auch Preisabsprachen gehörten.

Zwar war die Schweiz auch bis dahin noch nicht Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), hatte jedoch am 22. Juli 1972 ein Freihandelsabkommen mit ihr unterzeichnet, das am 3.12.1972 ratifiziert und am 1. Januar 1973 wirksam und verbindlich wurde. Auf Grund dieses Abkommens unterliegt jede schweizer Firma, die mit EWG-Mitgliedsländern Handel betreibt, den Wettbewerbsgesetzen des Gemeinsamen Marktes. 

Borschette beauftragte seinen zuständigen Direktor, den deutschen Sozialdemokraten Willi Schlieder, sich um die Sache zu kümmern. Adams lieferte bereits veritables Material, doch Schlieder wollte mehr davon, ohne seinen Lieferanten, der bereits auf dem Absprung von HLR war, darüber zu unterrichten, in welch gefährlichem Fahrwasser der sich juristisch befand, obwohl er zu einem - zu dieser Zeit - angeblich übergeordneten juristischen, möglicherweise strafrechtlich relevanten Sachverhalt auf der richtigen Seite stand.

 Schlieder und dessen Beamte bereiteten auf Grund der von Adams übermittelten Dokumente ein Dossier gegen HLR vor. Am 22.10.1974, gut anderthalb Jahre nachdem Adams Wettbewerbskommissar Borschette informiert hatte, durchsuchten Schlieders Inspektoren - Pappalardo, Rihoux, Cappi - die französische Niederlassung von HLR in Neuilly bei Paris. Roche schaltete daraufhin den schweizer Rechtsanwalt und Parlamentsabgeordneten Claudius Alder ein. Alder gehörte zum eidgenössischen Polit-Business-Geflecht.

Wie der Autor konstatiert, sei er damals nicht nur nicht ausreichend von Schlieder über mögliche Folgen unterrichtet worden, sondern auch noch - entweder durch Unachtsamkeit, Dummheit oder Vorsatz - verraten worden. Jedenfalls gelangten einige wichtige Dokumente, die er den Wettbewerbshütern als Beweismittel überlassen hatte, in die Hände von Hoffmann-La Roche.

Der Basler Multi zeigte Adams am 18.12.1974 gemäß den Paragraphen 162 (Verrat von Geschäftsgeheimnissen) und 273 (wirtschaftlicher Nachrichtendienst) des schweizerischen Strafgesetzbuches an, weshalb die Staatsanwaltschaft tätig werden musste, und danach begann die Tortur des Autors, die unbedingt in die damalige politische Großwetterlage zwischen der Schweiz und der EWG zu verorten ist.

Während zuvor die britische Monopolkommission den schweizerischen Multi wegen überhöhter Preise für Valium und Librium ins Visier genommen hatte, gingen nun auch das Bundeskartellamt, die kanadische Kartellbehörde und auch die US-amerikanische aus dem gleichen Grund gegen ihn vor. Schweden und die Niederlande wurden ebenfalls hellhörig und leiteten Untersuchungen gegen den Konzern ein, dessen Hauptaktionär, Multimilliardär Paul Sacher, sich derweil als Mäzen schöner Künste loben und als Dirigent feiern ließ.

Die eidgenössische Staatsanwaltschaft nahm auf Grund der Anzeige - "gegen unbekannt" - von HLR den Verdacht auf Wirtschaftsspionage gegen Adams zum Anlass, ihn, der de facto Malteser war, festzusetzen, als er samt seiner Familie am Silvestermorgen 1974 von Nordwestitalien aus in seinem metallicgrünen Jaguar die Grenze nach der Schweiz bei Cassinone passieren wollte, um Verwandte zu besuchen.

Während seine Frau mit den drei kleinen Töchtern nach einigen Stunden zu Verwandten weiterreisen durfte, hielt man Adams fest, verfrachtete ihn nach Lugano und begann mit Befragungen. Beamte der Bundesanwaltschaft aus Bern reisten an, verhörten ihn und verhafteten ihn offiziell. Tags darauf brachte ihm seine Frau Mariléne frische Kleidung und Hygieneartikel. Der Neujahrstag 1975 war der letzte, an dem sie ihren Mann sah.

Ohne seine Kenntnis wurde Adams Frau von den Bundesbeamten immer wieder verhört und unter Druck gesetzt, teils so massiv, wie - so wird es später heißen - man es nur Terroristen angedeihen lasse. Bis zu 20 Jahren Zuchthaus hätten ihren Gatten zu erwarten, erzählten ihr die Bundesbeamten.

Offenbar derart eingeschüchtert, nahm sie sich daraufhin am 10. Januar 1975 im Alter von 31 Jahren das Leben, indem sie sich im Haus ihrer Eltern erhängte. Adams erfuhr davon erst 33 Stunden später durch den noch von seiner Frau beauftragten Rechtsanwalt Dario Clericetti. Adams Gesuch, am Begräbnis seiner Frau teilzunehmen, wurde abgelehnt. Stattdessen wurde er am Tag der Beerdigung seiner Frau ins Basler Zuchthaus verlegt.

 Die schweizerischen Justizbehörden behandelten Adams wie einen Mörder, obwohl nicht Mord als Kapitalverbrechen im Raum stand, sondern Wirtschaftsspionage und Verrat von Geschäftsgeheimnissen. "Nur zwei Länder kennen ähnliche Gesetze: Südkorea und Südafrika. Ich hatte die Europäische Gemeinschaft über illegale Aktivitäten von Roche informiert. Nun entdeckte ich, daß in der Schweiz alles, was das Big Business berührt, eine Staatsangelegenheit ist."

Nach knapp drei Monaten kam Adams auf Kaution frei. Noch während seines Angestelltenverhältnisses bei HLR und vor seiner Verhaftung durch die Schweizer hatte er mit den Vorbereitungen zum Aufbau einer Schweinefarm im italienischen Latina unweit von Rom begonnen, hatte Land gekauft, sich mit Kreditgebern verständigt und eine Zusage staatlicher Unterstützung in der Tasche, weil die Schweinefarm im strukturschwachen Mezzogiorno aufgebaut werden sollte, wo jeder Investor und Arbeitsplatz mehr als willkommen war.

Unterdessen machte die EG-Wettbewerbskommission weiter Front gegen HLR und verurteilte den Konzern anderthalb Jahre später - im Juni 1976 - zu einer lächerlichen Geldbuße von knapp 1,1 Millionen DM (ca. 500.000 €), wobei sie sich lediglich auf die unlauteren 'Treueverträge' bezog. Adams aber hatte auch Preisabsprachen moniert. Hoffmann-La Roche legte Rechtsmittel gegen die Verurteilung ein.

Noch während Adams bald dreimonatiger Haft, aus der er am 23. März 1975 entlassen wurde, verriet Willi Schlieder ihn als Informanten gegenüber dem HLR-Anwalt Claudius Alder, was Adams erst Jahre später durch seinen nunmehrigen Anwalt Erich Diefenbacher erfahren sollte. Diefenbacher, der von der Wettbewerbskommission die Kostenübernahme seiner Leistungen zugesichert bekommen hatte, erhielt Akteneinsicht, in denen die Preisgabe von Adams evident sei.

Nach seiner Entlassung aus dem Basler Zuchthaus musste Adams feststellen, dass sämtliche finanziellen Zusagen seitens der Italiener nicht eingehalten wurden, wodurch seine geplante Selbständigkeit als Schweinezüchter akut gefährdet war. Er geriet ins finanzielle Trudeln. Fortan verließ er sich - teils naiv - auf die EWG-Wettbewerbskommission und bat in vielen Briefen um Hilfe, die ihm allerdings versagt blieb.

Adams, drei kleine Töchter am Bein, von letzten Ersparnissen und Zuwendungen aus Verwandten- und Freundeskreis lebend, wandte sich an die sozialistische Fraktion im EG-Parlament. Diese brachte mehrere Debatten ins Rollen und das Parlament verabschiedete schließlich einstimmig die Resolution, dass die Kommission Adams finanziell helfen müsse.

 Die aber scherte sich unter ihren zu jenem Zeitpunkt amtierenden Präsidenten François-Xavier Ortoli (1973-77), Roy Jenkins (1977-81), Gaston Thorn (1981-85) weder um Adams, noch wollte sie später, als andere Präsidenten folgten, etwa Jacques Delors, veritable Entschädigung zahlen.

Stattdessen legte sie Adams später einen Vertrag vor, in dem ihm eine Summe von 20.000 Pfund (damals ca. 63.000 DM bzw. heute ca. 32.000 €) zugesichert wurde. Um in den Genuss dieses Geldes zu gelangen, das lediglich einen Bruchteil seines Schadens betraf, hatte Adams auf weitere Forderungen gegen die Brüsseler zu verzichten. Eine Wahl hatte der Malteser nicht. Ihm stand Haft seitens der italienischen Behörden in Aussicht, wenn er nicht dringendsten Verpflichtungen nachkäme. Notgedrungen unterschrieb er.

Dass die italienischen Banken einen Rückzieher gemacht hatten, lag laut Adams offenbar auch daran, dass er italienischen Journalisten gegenüber seine Einschätzung zum Chemieunfall von Seveso umfangreich mitgeteilt hatte. Da war er vom Basler Kassationsgericht bereits zu einer 12-monatigen Haftstrafe verurteilt worden, die zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt wurde. Zugleich hatten ihm die Richter aus der HLR-Stadt Basel ein fünfjähriges Einreiseverbot in die Schweiz auferlegt. 

In der Folge hatte Adams mehrfach an Selbstmord gedacht, wie er in seinem Buch schreibt. Die Verantwortung für seine Kinder habe ihn davon abgehalten; gleichwohl auch sein unermüdlicher Kampfgeist für Gerechtigkeit, die er auch für seine Person einforderte. Weshalb er nicht aufgab.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-12-28)

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