"Ich werd' bekloppt!"
Nichts hat die Welt so sehr überrascht wie die Maueröffnung am 9. November 1989. Nun jährt sie sich zum 20. Mal. GeoWis reflektiert die Zeit und das Ereignis. Teil 1.
Von Uwe Goerlitz (2009-11-07)
Wer in Westdeutschland nicht gerade Spät- oder Nachtschicht, sondern am Abend des 9. Novembers 1989 - 11/9 - Fernseher oder Radio angeschaltet hatte, dem blieb die Spucke weg. Zu unglaublich schien das, was man sah und hörte. Die Mauer war auf.
Zuvor hatte DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski eher nebenbei auf eine Frage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrmann (*1929)¹ vor der Weltöffentlichkeit verkündet, "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (...) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch die Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen (...)."
Später am Abend konnte man in allerlei Sondersendungen westdeutscher - und internationaler - TV- und Radiosender mitverfolgen, wie die ersten DDR-Bürger sich durch die Grenzübergänge von Ostberlin nach West-Berlin drängelten.
Hilflose Volkspolizisten (Vopos) mussten ungläubige, aber neugierige und mutige Ostberliner durchlassen, die von nicht minder erstaunten West-Berliner Grenzern freudig empfangen wurden.
Währenddessen waren weltweit in den TV- und Radiosendern, Nachrichtenagenturen und Zeitungen die Sekretärinnen damit beschäftigt, Flüge für ihre Berichterstatter nach Berlin-Tegel zu buchen. Sämtliche in Westdeutschland niedergelassenen Journalisten ausländischer Zeitungen, Sender und Agenturen wurden in Marsch gesetzt. Es war die bis dahin größte Mobilmachung der internationalen Berichterstatter nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Kranwagen mit Korb und Hebebühnen waren ab dem 10. November in Berlin durchvermietet. Die nationalen und internationalen Berichterstatter kämpften um die besten Plätze am Brandenburger Tor auf West-Berliner Seite, aber auch an allen anderen Grenzübergängen. Es kam zu mächtigem Gedrängel und zu Streitigkeiten unter den Journos. Wie zuletzt am 13. August 1961, wurde in Berlin wieder deutsche Geschichte geschrieben. Dass es Weltgeschichte würde, ahnten damals vielleicht nur die wenigsten.
Auch an den Grenzübergängen vom westdeutschen Bundesgebiet zu den Transitstrecken nach West-Berlin zeigte sich am 10. November das ultimative Chaos, etwa in Form von kilometerlangen Staus, verursacht von jenen, die der Geschichtsschreibung hautnah beiwohnen wollten, aber auch von Journalisten und Übertragungswagen beinahe sämtlicher westlich der Oder liegenden Staaten.
Inzwischen hatten sich aber auch die Ostdeutschen in ihren stinkenden Zweitakter-Trabant-Rennpappen und Wartburgs auf den Weg gemacht, fluteten die Grenzübergänge und strömten ins Bundesgebiet, getreu des Neugier-Mottos: "Fohre moa ma gugge."
So mancher westdeutsche journalistische Vorort-Chef-vom-Dienst rekrutierte kurzerhand im Stau stehende Mitbürger mit halbwegs professionell aussehender Kamera, um Fotos machen zu lassen (so auch den Autor dieses Beitrags, der adhoc am Grenzübergang Helmstedt vom NDR engagiert wurde). "Können Sie mal Fotos machen? Wir zahlen gut. Schicken Sie die Dias und die Rechnung an den NDR."
Vor die Kameras, Fotoapparate und Mikrophone gelangten Menschen in seltsamer Zoni-Kleidung. Aus verwaschenen, drittklassigen Jeans und Jeansjacken, altmodischen Parkas, unmöglich aussehendem Schuhwerk heraus überstürzten sich ihre emotional getränkten Kurzkommentare. "Ich glaub's nich!" oder "Ich werd' bekloppt!", gehörten noch zum Gefasstesten.
Trotz aller Euphorie zur nunmehrigen Öffnung der Staatsgrenze der DDR, und trotz aller Verbrüderungen, Freudentränen und Nervenzusammenbrüche galt noch immer das Viermächtabkommen zum Status von Berlin. "Das Berliner Gebiet (...) wird gemeinsam von den bewaffneten Streitkräften der USA, Großbritanniens, der UdSSR und der Französischen Republik (...) besetzt", wie es in dem Heftchen Berlin kurzgefaßt (12. Auflage) aus dem Jahr 1977 steht.
Daran sollte sich zunächst nichts ändern. Ein Friedensvertrag zwischen dem unter seinem Diktator Adolf Hitler Weltkriegs-II-Verlierer Deutschland und den Siegermächten bestand nicht. Lediglich ein Waffenstillstandsabkommen. Die Teilung Deutschlands und der Viermächtestatus Berlins waren evident, indes, beides begann von nun an massiv zu bröckeln.
¹ Inzwischen ist bekannt, dass Riccardo Ehrmann seine Frage nach dem (Aus-)Reisegesetz nur gestellt hatte, weil er zuvor von einem SED-Funktionär dazu gebrieft worden war.
© Uwe Goerlitz
© GeoWis (2009-11-07)
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