"Kein Ahnung, wie die lebten"
Die Maueröffnung war nicht nur ein einschneidendes Erlebnis für die Ostdeutschen, sondern auch für die Westdeutschen und die West-Berliner. Bis zum zum 9. November 1989 waren die Dinge klar.
Von Uwe Goerlitz und Jochen Henke (2009-11-09)
Sie gilt immer noch als eine der politisch berühmt-berüchtigtsten Brücken und wird gerne als Agentenaustauschbrücke bezeichnet, obwohl nur dreimal Agenten hier die Seiten wechselten. Erstmalig am 11. Februar 1962, als Oberst Rudolf Iwanowitsch Abel, Topspion der UdSSR in den USA, gegen Francis Gerry Powers, U-2-Pilot und abgeschossen während eines Spionageflugs über dem sowjetischen Swerdlowsk (heute: Jekaterinburg), die weiße Linie in ihr jeweiliges System überschreiten durften.
Der zweite Austausch fand mehr als 23 Jahre später, am 11. Juni 1985, statt. Damals wurden vier für den Osten spionierende Agenten gegen 23 in der DDR Inhaftierte übergeben.
Am 11. Februar 1986 fand der letzte Austausch an der weißen Trennlinie zwischen Ost und West statt. Dissident Anatolij Schtscharanski, DDR-Bürger Wolf-Georg Frohn, der Tscheche Jaroslav Javorsky und der Westdeutsche Dietrich Nistroy wurden dem Westen übergeben. Im Gegenzug erhielt der Osten das tschechische Ehepaar Hanna und Karel Köcher, den Sowjetbürger Jewgenij Semljakow, den polnischen Geheimdienstler Jerzy Kaczmarek und den DDR-Bürger Detlef Scharfenroth.
Die Brücke, die jahrzehntelang für Zivilisten gesperrt war, ist offiziell seit dem 10. November 1989 wieder für sie passierbar. So weist es eine an ihr angebrachte Gedenktafel aus. Während sich jedoch an den innerstädtischen Grenzübergängen Verbrüderungsszenen abspielten, zehntausende Ostberliner mit West-Berlinern feierten, Chaos vor den eiligst eingerichteten Spät- und Nachtschichten zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes (100 D-Mark) herrschte, die West-Berliner Kaufhäuder rund um Kurfürstendamm und Tauentzienstraße gestürmt wurden, die Bahnhöfe in Ostberlin und allen wichtigen DDR-Städten aus allen Nähten zu platzen drohten, weshalb die Deutsche Reichsbahn eine Ludmilla¹ nach der anderen vor die Personzüge koppelte, die alle mit Ziel 'Westen' auf die Fahrt gingen, war es am Abend des 10.11.1989 auf der Glienicker Brücke mucksmäuschenstill.
Nieselregen und Nebel verhüllten die Sicht auf den auf DDR-Gebiet liegenden Teil der Brücke. Wie eh und je waren auf West-Berliner Seite die Schranke und das dahinterliegende Tor geschlossen. Als sei nichts Weltbewegendes in der Stadt geschehen, schoben die US-Militärposten Dienst. Es schien, als sollte hier noch so etwas wie militärische Ordnung herrschen.
Viele, die vor der Maueröffnung in West-Berlin lebten, waren mit dieser Ordnung vertraut. Man lebte in der Frontstadt unter Viermächtestatus, doch obwohl die Mauer auch im Westteil der Stadt großenteils abgelehnt wurde, zieh man die zum Schutz der Bevölkerung anwesenden Militärs der Briten, Amerikaner und Franzosen selten Besatzer.
Wer als Zivilist bei ihnen arbeitete, verdiente - vor 30 Jahren - einigermaßen angemessen, wenngleich leicht unter Tarif. Ein einfacher Gabelstaplerfahrer etwa erhielt als Einstiegslohn DM 8,80 (€ 4,50), eine gelernte Sekretärin brachte es auf DM 1700-2200 (€ 870-1125). Lohn und Gehalt erhielten sie vom Landesamt für Besatzungslasten. 30 Jahre später hat sich dieses Lohn- und Gehaltsniveau - euphemistisch betrachtet - nur marginal den gesamtdeutschen Lebenshaltungskosten angepasst.
Vielfach ging das Auftreten der Beschützer manchen Berlinern - und Zugereisten, die davon betroffen waren - mächtig auf die Nerven. Vor allem die US-Amerikaner benahmen sich oft überheblich und nahmen nicht immer Rücksicht auf Befindlichkeiten der Bevölkerung. Dazu gehörte auch Lärm durch Kampf- und Schießmanöver.
Jahre vor dem Mauerbau, in den 1950ern, begannen sie auf dem ehemaligen, über 100 Hektar großen Reichsbahngelände in Lichterfelde-Süd am Ende der Osdorfer Straße in unmittelbarer Nähe des Staatsgebiets der DDR ein Dorf zu errichten, in dem sie den Häuserkampf Tag und Nacht übten. Sogar eine Hochbahnstation bauten sie. 1994 wurde das als Parks Range bekannte Areal geräumt. Heute erinnert kaum noch etwas an das Dorf, das Doughboy City hieß.
Auch die Franzosen und Briten - Letztere in Ruhleben (Fighting City) - hatten ihre Truppenübungsplätze. Und, wie die Amerikaner, ihre Feste und Paraden. Alljährlich am 4. Juli warteten die US-Truppen, die ihr Hauptquartier in der Clayallee im feinen Bezirk Zehlendorf hatten, mit Wildwestzirkus auf, mit Rodeo, Monsterburgern, Donuts, Coke, T-Bone-Steaks, und Boy-Scout-Abenteuern beispielsweise im Grunewald.
Die Franzosen, die ihr Hauptquartier im Bezirk Reinickendorf (Quartier Napoleon) hatten, ließen es stets am 14. Juli, dem Datum des Sturms auf die Bastille im Jahre 1789, unweit des Flughafens Tegel krachen. Parade in Khaki-Uniform, Sturmgewehr vor der Brust, weißbehandschuhte Hände an die Oberschenkel angelegt. Danach Baguette, Käse und Rotwein bis zum Abwinken.
Oberstes Prinzip aller Feiern war - bei den Briten war es der Geburtstag der Queen, zu dem Poloturniere ausgetragen wurden -, die West-Berliner Bevölkerung miteinzubeziehen. Nach den Paraden, die es von den Sowjets im Osten genauso gab, die der Westen allerdings ideologisch prinzipientreu als Aufmärsche bezeichnete, kam der Volksfestfaktor. Doch es war nicht so, als hätten sich knapp zwei Millionen West-Berliner auf die Feste gedrängt.
Gegenüber den Amerikanern herrschten noch die wenigsten Ressentiments. Sie hatten 1948, als die Sowjets den Westteil der Stadt mitten im Waffenstillstand und drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs auszuhungern und - im Winter - auszukühlen versuchten, die in die Geschichte eingegangene Luftbrücke organisiert. Insofern genossen sie einen Nimbus, der heute in Talkshows und Sonntagsreden noch immer aufflackert.
In Richtung Neid gehende Bemerkungen drehten sich hinsichtlich der drei West-Berliner Mächte nicht selten um Filetstücke der Immobilien, die sie für sich beanspruchten. Es waren exponierte Lagen, von denen aus sie die West-Berliner schützten. Halb Zehlendorf rund um die Ortsteile Dahlem, Schlachtensee, Nikolassee waren von den Amerikanerin in Beschlag genommen.
Im Bezirk Spandau, von wo aus die Briten ihren Schutzauftrag wahrnahmen, waren es die bevorzugten Lagen in den Ortsteilen Gatow, Kladow, Pichelsdorf oder Wilhelmstadt. Und in Reinickendorf wohnten die Franzosen bevorzugt in den grünen Ortsteilen Hermsdorf oder Waidmannslust.
Letztlich überwogen für die West-Berliner, von denen die meisten die Quadriga auf dem Brandenburger Tor nur von hinten gesehen hatten, ab den 1970er Jahren die Vorteile, nachdem der damalige Bundeskanzler, langjährige Regierende Bürgermeister West-Berlins und noch länger wirkende SPD-Chef Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau den berühmtesten Kniefall der Welt gemacht hatte und somit viel zur Entspannung beitrug, wenn man sie mit den Nachteilen vergleicht, die die Ostberliner zu ertragen hatten.
An diese Zeit konnten die damals schon Älteren sich noch erinnern, als es ihnen etwa nach dem Mauerbau 28 Monate lang verwehrt worden war, nach Ostberlin einzureisen. Erst zu Weihnachten - zwischen dem 20. Dezember 1963 und dem 5. Januar 1964 - durften sie ihre Verwandten besuchen. 1,2 Millionen Passierscheine waren zu diesem Zweck ausgestellt worden.
Die West-Berliner Bevölkerung aber bestand nicht nur aus Dankbaren und an Paraden oder Feierlichkeiten Interessierten. Sie bestand zu einem Gutteil längst aus Zugereisten, die das Frontstadt-Feeling hautnah erleben wollten und sich kurzerhand - sofern die Voraussetzungen stimmten - an den Hochschulen der Stadt einschrieben, sich als Facharbeiter oder Akademiker anwerben ließen oder einfach nur zureisten, um Häuser zu besetzen.
Keine Stadt in Westdeutschland war so heterogen besetzt und durchmischt wie West-Berlin. Die Nachwuchs-Intelligenzija der Stadt war damit beschäftigt, den Kapitalismus anzuprangern und wenn möglich zu überwinden, während sie sich um jene, die hinter dem 'antifaschistischen Schutzwall' (DDR-Jargon) darbten, kaum scherte. Es gab Gruppen, die sich mit Thomas Morus' Utopia und seinem deutschen Standarddeuter Willi Erzgräber (Utopie und Anti-Utopie) beschäftigten, statt die Realität in der Frontstadt wahrhaben zu wollen.
Marxisten und Neo-Marxisten hingegen setzten sich - stark in den 1960ern, bröckelnd in den 1970ern, nur noch in Zirkeln existierend in den 1980ern - damit auseinander, wie herrlich es doch wäre, den drüben real existierenden Sozialismus auch hier in der Frontstadt und im kapitalistischen Westen verwirklicht zu sehen. Immerhin gehörte zur Standardausrüstung ja die marxistisch-leninistische Philosophie und Lehre, die den Weg wies.
Zu dieser gehörte zum Beispiel: "Das staatsmonopolistische Herrschaftssystem der BRD tritt uns heute als die vereinigte Macht der Monopole und des Staates entgegen, die darauf ausgerichtet ist, das gesamte gesellschaftliche Leben den Profit- und Machtinteressen der Monopolbourgeoisie unterzuorden."² Heute weiß man zwar auch fast flächendeckend im Westen, dass diese Philosophie gar nicht abwegig war, indes, man hätte sie beizeiten vielleicht mal in vernünftiges Verbaldeutsch packen müssen.
Neben plattem Volk, nihilistischen No-Future-Kids in Punk- und post-Punk-Drapierung, Hausbesetzern und intellektuellen Überfliegern gab es noch andere. Etwa die Egalos, die ihrem Hedonismus freien Lauf ließen. Manche von ihnen diskutierten tagsüber in Uni, Bett oder am Arbeitsplatz angestrengt über das System hinter der Mauer und gingen abends abfeiern bis zum nächsten Mittag.
Beliebt war auch Ostberlin. Zum Abfeiern. Bis in die frühen 1980er betrug der Mindestumtausch DM 13,50, dann DM 25. Umtausch in Ostmark offiziell 3:1, inoffiziell im Schnitt 6:1. Soll heißen: Für eine D-Mark konnte man in einer normalen Ostberliner Kneipe sechs Flaschen Bier trinken, in einer Diskothek eine Flasche importierten Rotwein, und in einem inoffiziellen Etablissement für 15 D-Mark richtig Spaß haben.
Jene Wessis, die regelmäßig in den Osten fuhren, wussten bald nicht mehr, wohin mit dem ganzen Ostgeld und legten Depots an. So viel, wie sich da im Laufe der Zeit ansammelte, konnten sie gar nicht verkonsumieren. Erwischen lassen durften sie sich natürlich nicht.
Viele dieser Egalos und unpolitischen Hedonisten waren Zugereiste, die nicht nur Frontstadt-Feeling und laue Studienzeit suchten, sondern vor allem Party. West-Berlin kannte damals als eine der wenigen westdeutschen Städte keine Sperrstunde. Während in Ostberlin längst alle in der Heia lagen, ging es in West-Berlin erst richtig los. Hätte jemand eine Definition für Hedonismus neu erstellen wollen, wäre es ausreichend gewesen, West-Berlin zu sagen.
Es gab Menschen - auch junge - , die sich abseits allen Hedonismus', aller Verwandtschafts- und Bekanntschaftsverhätnisse, abseits allen Nihilismus' oder preiswerten Abfeierns und Genüssen in Etablissements Gedanken über die Frontstadt-Situation machten. Leute, die nicht in exponierter politischer oder wirtschaftlicher Position anzusiedeln waren, sondern Leute, die zwischen allen Schubladen standen. Sentimentalisten würde man sie heute nennen.
Etwa Paula Jensen*, die als 18jährige 1979 aus Wuppertal nach West-Berlin kam und heute in den USA lebt: "Ich war fasziniert von dieser Stadt. Es war beeindruckend, so geballt. All diese Lichter. Aber wenn ich am Landwehrkanal entlangging, am Spreeufer am Reichstag stand oder im Schöneberger Volkspark im Sommer auf der Wiese saß - meistens saß ich, liegen konnte ich nicht, mein Kopf war zu voll -, hatte ich immer so ein merkwürdiges Gefühl von Sehnsucht und Demut. Sehnsucht nach Hause, weil ich mich hier eingeschlossen fühlte und nur wegen meines Freundes hierher gezogen war, und Demut, weil ich um so viel besser dran war als die Mädchen in meinem Alter, die im Osten lebten. Aber: ich hatte keine Ahnung, wie die lebten."
¹ Ludmilla nannte man im Jargon der DDR-Reichsbahner eine unkaputtbare sowjetische Diesellok.
² Zitat aus 'Der Imperialismus der BRD', S. 238. Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/Main, 1971.
* Name von der Redaktion geändert.
© Uwe Goerlitz; Jochen Henke
© GeoWis (2009-11-09)
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