"Wir wollen die D-Mark!"
Zum größten finanzpolitischen Experiment wurde die am 1. Juli 1990 vollzogene Währungsreform. Sie kam erst die Ost-, dann alle Deutschen teuer zu stehen. Ein Abriss.
Von Uwe Goerlitz (2009-11-13)
Der Prophet im eigenen Land gilt nichts, lautet ein geflügelter Satz. Vor allem in Deutschland gilt er nichts, ganz gleich, wie fundiert seine Sachkenntnis und wie groß der Erkenntnisgehalt seiner Prophetie sind. Wider alle ökonomische Vernunft ließ sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl darauf ein, was die DDR-Bürger recht schnell nach dem Fall der Mauer lautstark forderten: "Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr", wurde ohne eine Spur finanz- und wirtschaftspolitischer Kenntnisse skandiert.
Gegen eine überstürzte Währungsreform hatten sich Kohls damalige Wirtschaftsberater, darunter Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, ebenso ausgesprochen wie der seinerzeitige Kanzlerkandidat der SPD, Oskar Lafontaine. "Die Einführung der D-Mark ist schlecht vorbereitet und sie wird einen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge haben", sagte Lafontaine am 26. April 1990.
Es kostete seine Partei viele Wählerstimmen und ihn möglicherweise die Kanzlerschaft, aber er sollte Recht behalten. Ein Jahr später konstatierte Karl Otto Pöhl in der FAZ (21. März 1991): "Wir haben die D-Mark von einem Tag auf den anderen eingeführt, praktisch ohne jede Vorbereitung, und ich möchte hinzufügen, zum falschen Wechselkurs." Das Ergebnis sei eine "Katastrophe", sagte er ebenfalls.
Auch der ökonomische Sachverständigenrat - 'Rat der fünf Weisen' - hatte Kohl am 9. Februar 1990 davor gewarnt, die D-Mark allzu schnell in der noch existierenden DDR einzuführen und hielt es für das falsche Mittel, dem bereits einsetzenden Zustrom der Ostdeutschen nach dem Westen zu begegnen. Doch Kohl beugte sich dem Druck der Straße und hielt an der schnellen Währungsunion fest.
Möglicherweise war es ein, war es Kohls historischer Fehler. Kohl hatte bereits den 9. November verpasst. Er befand sich auf Staatsbesuch in Polen. Als er diesen abbrach und schließlich in Berlin ankam, waren andere wichtige Persönlichkeiten der deutschen Politik längst vor Ort, etwa Willy Brandt. Nun, mit der Währungsunion und seinem schnell zusammengedachten Zehn-Punkte-Plan, hatte Kohl der erste sein wollen, unabhängig davon, welche Folgen dieses 'Ich-bin-schon-da' hätte.
Der offizielle, einigermaßen realistische, auf die Produktivität der DDR-Wirtschaft bezogene Wechselkurs von Ostmark zu D-Mark betrug bis zum Mauerfall drei zu eins, hieß: für drei Ostmark erhielt man eine D-Mark. Der ökonomisch völlig widersinnige, politisch aber gewollte Umtauschkurs zur Währungsunion betrug dann zwei zu eins, hieß: für zwei Ostmark bekamen DDR-Bürger nun eine D-Mark.
Das DDR-Volk, das jahrelang Geld auf die hohe Kante legen konnte, weil es kaum Luxusgüter zu kaufen gab, man für ein Auto oder sonst etwas sparte, freute sich ob dieses unerwarteten Kaufkraftsegens. Die ostdeutsche Wirtschaft, vor allem die Industrie- und landwirtschaftlichen Betriebe, aber überhaupt nicht. Sie hatten für ihre Produkte 40 Jahre lang vorwiegend Bruderländer als Abnehmer: Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, die Sowjetunion usw.
DDR-Produkte waren aufgrund der überstürzten D-Mark-Einführung für diese Abnehmerländer schlicht zu teuer geworden, denn die inkovertiblen Währungen Polens, der UdSSR oder der Tschechoslowakei wurden nun gegen die D-Mark gerechnet, was die ostdeutschen Industrie- und Landwirtschaftsprodukte um mindestens 30 Prozent verteuerte.
Das konnten sich die ehemaligen Bruderländer nicht leisten, weshalb die ostdeutsche Wirtschaft in enorme Schieflage geriet. Auf der anderen Seite konnte sie mit der des Westens nicht konkurrieren, weil sie hinsichtlich ihrer Produktivität im Rückstand war und westdeutsche Unternehmen zu radikalen Wettbewerbern geworden waren. Während die ostdeutschen Produzenten im Osten Absatzmärkte und Kunden verloren, konnten sie im Westen kaum Fuß fassen.
Die unmittelbare Folge für alle Ostdeutschen - auch für jene Dummbatze, die die D-Mark so vehement gefordert hatten - war etwas, was die meisten DDR-Bürger bis dahin kaum kannten: Arbeitslosigkeit. Wie Dominosteine schrumpften die LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) und kippten die Kombinate, machten pleite und wurden hernach zu Schleuderpreisen oder für eine symbolische D-Mark von der ominösen Treuhandanstalt an meist westdeutsche Unternehmen verhökert, die zunächst nichts anderes im Sinn hatten, als Konkurrenten auszuschalten, preiswert an Grundstücke zu gelangen und Betriebe matieriell zu entkernen.
In Nachbetrachtung war es der größte, dazu unbestrafte und ungesühnte Raub der europäischen Nachkriegsgeschichte. Zu verdanken ist er Helmut Kohl und dessen politischen Beratern. Kohl hatte wiedergewählt werden wollen und dazu hätte er sich womöglich mit dem Teufel verbündet. Was er in gewisser Weise auch tat. Zwar hatte er den Ostdeutschen "blühende Landschaften" versprochen, ihnen aber nicht gesagt, dass diese für gut ein Drittel der Bevölkerung - den aus dem Arbeitsleben Herausgekugelten und fortan Ausgegrenzten - nur zum Angucken wären.
Kaum ein Jahr nach dem Mauerfall, nach der offiziellen deutschen Einheit, die mit dem 3. Oktober 1990 besiegelt worden war, bewahrheiteten sich die zuvor von kompetenten Mahnern vorgebrachten Konsequenzen, die diese dem Provinzkanzler überdeutlich ins Logbuch geschrieben hatten. Nun aber war Kohl wiedergewählt worden und konnte Steuer-'Bimbes' nach Gutsherrenart verteilen, um seine versprochenen blühenden Landschaften im Osten zu verwirklichen.
Dennoch: Es setzten trotz - und wegen - der schnell vollzogenen Währungsunion enorme Wanderungsbewegungen von Ost nach West ein, was für die in den nun fünf neuen Bundesländern verbliebenen Bürger und Bürgermeister zu einem sonst nur durch Kriege verursachten Problem wurde. In den Städten, aber auch in ländlichen, teils vor der Wiederveinigung bereits strukturschwachen Regionen kumulierten die Gebäude- und Wohnungsleerstände.
Zum einen wurden die Mieten in Ostdeutschland unter Berücksichtigung von Modernisierungsmaßnahmen beschleunigt dem West-Niveau angepasst, während die Löhne und Gehälter nicht in gleicher Geschwindigkeit stiegen, was zu asozialen Zuständen führte und für Leerstand sorgte. So betrugen die Mieten in den neuen Bundesländern 1991 im Mittel bereits um 70 Prozent des Westniveaus, das Durchschnittseinkommen (brutto) jedoch gerade 40 Prozent.¹
Zum anderen machten sich viele junge, oft gut ausgebildete Menschen auf nach dem Westen, in der Hoffnung, dort bessere Lebensbedingungen vorzufinden. Dort machten sie Bekanntschaft mit der wahren Marktwirtschaft, deren Kern der Konkurrenzkampf ist, und mussten anfangs Bestaunen und Befragungen ertragen, als wären sie aus dem Zoo entwichen.
Solange sie hinter der Mauer lebten, hatten der Westen und die Westler geradezu Mitleid mit ihren so genannten Brüdern und Schwestern im Osten. Man schickte oder schmuggelte Pakete, schrieb Briefe und Karten und besuchte sie von Zeit zu Zeit. Plötzlich aber waren sie in Schleswig-Holstein, im Ruhrgebiet, in Bayern, überall in Westdeutschland, und sie waren Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt.
Was Bürgermeister vor Ort recht schnell bemerkten, wurde 1993 in einer amtlichen 1-Prozent-Gebäude- und Wohnungsstichprobe (1%-GWS) statistisch erhoben. Die Daten dienten als Grundlage einer umfassenden GWS zwei Jahre später.² Mecklenburg-Vorpommern hatte proportional zur Bevölkerung den größten Aderlass zu verzeichnen. Teils flächendeckend verwaisten Dörfer, Kleinstädte und Stadtgebiete. Übrig blieben leergefegte Plattenbauten und nicht selten auch Schulen, für die nun Umnutzungskonzepte erarbeitet werden mussten.
Währenddessen ließ sich Bundeskanzler Helmut Kohl als Einheitskanzler feiern und sah beglückt wie bräsig - und medial prächtig unterstützt - zu, wie von ihm initiierte Transferleistungen von West- nach Ostdeutschland verschoben wurden. Begründet wurden diese Zahlungen, die sich jährlich im dreistelligen Milliarden-D-Mark-Bereich bewegten, vorwiegend mit dem Ansinnen des Aufbaus Ost.
Ein Großteil des Geldes indes floss in die Sozial- und Arbeitsamtkassen, die die exorbitant steigenden sozialen Abstürze und Arbeitslosigkeit zu finanzieren hatten, die zuvörderst entstanden, weil Kohl alle Warnungen und Empfehlungen zur zu schnell vollzogenen Währungsunion ignoriert hatte. Der daraus entstandene Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft ließ sich trefflich auf die DDR und deren planwirtschaftliches System schieben, und die westdeutschen Mainstream-Medien griffen diese unbewiesene These gerne auf.
Von einem auf den anderen Tag, vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990, war aus der innerhalb der osteuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft (COMECON) gut dastehenden DDR ein - nach westlichen Maßstäben - Entwicklungsland geworden, dem geholfen werden musste. Kohls Husarenstück, der ominösen, teils völlig blöden 'Wir-sind-das-Volk'- und 'Wir-wollen-die-D-Mark'-Bewegung zu folgen, sicherte ihm zwar die Macht, war aber einer der unsinnigsten Akte, die je ein deutscher Bundeskanzler vollzogen hat.
Jörg Roesler, Wirtschaftswissenschaftler schon zu DDR-Zeiten, brachte die Sache 1991 auf den Punkt: "Die These, dass der Zusammenbruch der Wirtschaft der DDR nach der Währungsunion der Nachweis dafür sei, dass sie innerhalb kurzer Zeit von selbst zusammengebrochen wäre, setzt eine monokausale Beziehung zwischen dem Zustand der DDR-Wirtschaft und dem Fakt ihres Zusammenbruchs voraus."³
Soll heißen: Innerhalb ihres Umfeldes und Abnehmerkreises war die DDR-Wirtschaft konkurrenzfähig und durchaus in der Lage gewesen, trotz ihres dem Westen wesensfremden Systems für ein sozialökonomisches Auskommen ihrer Bürger zu sorgen. Dass ihr das Geld - und unter ihrer Führung auch der Sinn - für notwendige substantielle Investitionen fehlte, kann man ihr kaum zur Last legen. Unter den neu geschaffenen Bedingungen, die aus der Währungsunion und ihren politischen Präferenzen hervorgingen, hatte sie keine Chance.
¹ Vgl.: Wilfried Görmar, Steffen Maretzke: Die erste Euphorie ist vorbei. Ausgewählte Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Ländern. In: Regionalbarometer neue Länder, Dritter zusammenfassender Bericht. Materialien zur Raumentwicklung, Heft 83, S. 10-16. Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR; heute BBR), Bonn, 1997.
² Vgl.: Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung (BfLR; heute: BBR), Informationen zur Raumentwicklung, Heft 11/12.1997: Strukturwandel des Wohnungsmarktes in den neuen Bundesländern.
³ Jörg Roesler: Marode oder unterlegen? Zum Kollaps der DDR-Wirtschaft. In: Marxistische Blätter, Heft 5-91, S. 31-41, Essen, 1991.
© Uwe Goerlitz
© GeoWis (2009-11-13)
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