Völlig verkehrter Weg
Seit Medienmogul Rupert Murdoch vor einigen Wochen vorpreschte, für seine Online-Medien künftig Geld zu verlangen, machen sich mehr und mehr Verlage und Chefredaktionen Gedanken darüber, ob sie für ihre Texte künftig Geld verlangen sollen
Von Silke Reinhardt und Hubertus Molln (2009-11-28)
Als das Internet für User noch richtig teuer war, weil es kaum Breitband-, ISDN-, DSL- oder T-DSL-Leitungen gab, die meisten also über Modemeinwahl ins Netz gingen, beschwerte sich kaum jemand darüber. Wer ins Netz wollte, mußte zahlen. America Online (AOL) und fast alle Telekommunikationsunternehmen verdienten sich eine goldene Nase. Bei AOL kostete eine Stunde Internetnutzung zehn Pfennig pro Minute, mithin sechs D-Mark (€ 3,07) pro Stunde. Nerds schlitterten zu Hunderttausenden in die Zahlungsunfäigkeit.
Damals, so bis 1999, zahlten Millionen Internetnutzer für wenig brauchbaren Inhalt hauptsächlich an die Telekomms und für pornöse Angebote zusätzlich an die Bereitsteller. Seit die Telekomm-Märkte liberalisiert wurden und flächendeckend schnelle Internetverbindungen und Flatrates bereitgestellt werden, sparen die User viel Geld. Seltsamerweise haben die Anbieter von Inhalten - in der Regel Verlage - es gleichzeitig versäumt, sich zumindest einen Teil dieser Ersparnis der User zunutze zu machen, indem sie ihre Angebote kostenfrei ins Netz stellten.
Stattdessen setzte - und setzt - man auf Werbung, die außer- und innerhalb des Satzspiegels etwa von Online-Zeitungen und -Magazinen plaziert wird oder als Pop-up erscheint, sobald man einen Artikel zum Lesen anklickt. Sie wirkt aufdringlich, unterbricht den Lesefluß und ist oft außer Kontrolle der Verlage. Vor allem paßt sie inhaltlich nur selten zum redaktionellen Teil.
So handhaben es fast alle Online-Ableger etwa deutscher Tageszeitungen und (Nachrichten-)Magazine. Kein Artikel der FAZ.net kann aufgerufen werden, ohne daß sich ein Pop-up auftut. FTD.de, Spiegel Online, stern.de, bild.de oder taz.de halten es mitunter ähnlich oder lassen Werbung im Text erscheinen. Und um noch mehr Werbung plazieren zu können, zerlegen sie immer öfter Reportagen und Berichte in mehrere Teile.
Dabei stellt sich die Frage, ob wirklich noch jemand auf ein Banner von Ebay oder der Telekom oder irgendeiner privaten Krankenversicherung klickt? Es gibt offenbar noch ausreichend Dumme, die das tun. Und es gibt die Angst in den Verlagen und Chefredaktionen, darauf zu verzichten, um auf ein Bezahlabonnement oder Pay per Reading-Modell umzusteigen. Geschäftsmodell auf Dumme aufbauen? Reicht das?
Die Angst ist besonders dort ausgeprägt, wo Inhalte beliebig sind, sich ähneln oder gleichen. Wer - wie in Deutschland - Radio hört und in der Regel dafür monatlich sechs Euro bezahlt, wird über aktuelle regionale, nationale und internationale Geschehnisse meist gut informiert. Nicht immer so schnell wie bei Twitter oder anderen Diensten im Internet - die bislang kostenlos sind -, aber immer noch schnell genug.
Es hat bisher viele Versuche gegeben, für professionell generierte Nachrichten im Internet Geld zu verlangen. Dabei zahlten selbst so renommierte Blätter wie das Wall Street Journal, einer der Pioniere hierzu, Lehrgeld. Ebenso das in Düsseldorf erscheinende Handelsblatt, wie das Fachblatt Journalist in seiner Novemberausgabe berichtet.
So lautet die Kardinalfrage, wofür ein User bereit wäre, zu bezahlen? Für etwas, wodurch er ohnehin aus dem Radio, dem Fernseher oder am nächsten Tag aus der Zeitung oder eines Magazins erfährt, wird er eher nicht bereit sein, zusätzlich zu zahlen. Für Informationen und Reportagen, die abseits von Nachrichtengeneratoren liegen, und für Meinungen und spezielle Angebote, die es in gedruckter Form gar nicht gibt (wie zum Beispiel GeoWis) indes eher. Vor allem aber sind Internetnutzer bereit, für Qualität die Schatulle zu öffnen.
Und natürlich steht ihm nur ein bestimmtes monatliches Budget zur Verfügung. Vielleicht bis zu zwanzig Euro bei Auszubildenden und Studenten; bestenfalls die Hälfte bei Arbeitslosen, Hartz-IV-Beziehern und Sozialhilfeempfängern. In Lohn und Brot stehende User gäben je nach Einkommen vielleicht bis zu hundert Euro pro Monat für das online geschriebene Wort aus - wenn es sich um hierbei um Qualität handelte und etwas bereitgestellt würde, was anderswo nicht umsonst zu haben wäre.
Außer News-Nerds gäbe wohl kaum jemand Geld für Nachrichten aus, die er an jeder Ecke bekommen kann. Exklusive Informationen, Interviews, Reportagen - das ganz normale journalistische Geschäft, das im Print nie in Rede stand, ist auch im Netz gefragt; Geschichten, die einzigartig sind, Fachberichte zu allen möglichen beruflichen und Hobby-Themen, Meinungen und Kommentare - kurz, alles, was nicht von den Presseagenturen oder Nachrichtenverteilern kommt, könnte es wert sein, in Bezahlmodelle einzufließen.
In fünf Jahren werde es normal sein, wenn User für Verlags- und Medieninhalte bezahlen, zitiert das Fachblatt Journalist den Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Claus Strunz. Das kann sein, wird aber sicherlich nur stattfinden, wenn die Qualität und Individualität der Beiträge stimmt. Und wenn es daneben auch weitere Angebote des jeweiligen Online-Mediums gibt, die in der Druckausgabe nicht mitgeliefert werden.
Von vornherein sind die meisten Verlage und Online-Medien einen völlig verkehrten Weg gegangen, der sich jetzt, nachdem die erste durchgehend mit dem Internet aufgewachsene Generation die Umsonstmentalität verinnerlicht hat, rächt. Die Online-Ausgaben von Tageszeitungen können mit den vielen Angeboten von News-Diensten nicht mithalten, und das wissen sie.
Dennoch lassen sie sich auf das aussichtslose Hase-und-Igel-Spiel ein und hoffen darauf, daß Geld über Klicks hereinkommt. Eigentlich muß man sich fragen, weshalb nicht auch die Print-Ausgaben kostenfrei sind. Das wäre logisch und konsequent, zumal Werbekunden in diesen gezielt Anzeigen schalten und das Geld direkt fließt und als Planungsgrundlage dient.
Was auch wäre so falsch daran, wenn Wochen- und Monatsmagazine und -zeitschriften ihren aus der Offline-Welt gewohnten Publikationsrhythmus auch im Internet einhielten? Warum die Hast, immer der Erste mit irgendeiner Meldung sein zu müssen, zumal dann, wenn zu wenig Geld hereinkommt? Warum die Archive kostenlos freigeben, wie das etwa der Spiegel unternimmt, und sich damit selbst zu berauben? Ein wenig irrsinnig ist das schon, und man muß konstatieren, daß das Gros der Verlage das Netz in ihrem Sinne noch nicht versteht.
Wer alles freigibt, bekommt naturgemäß Probleme, ein tragfähiges Online-Geschäftsmodell zu entwickeln. Es sei denn, man will und kann es sich leisten, alles freizugeben. Auch GeoWis stellt seine Inhalte - ohne Hast - noch kostenlos bereit. Doch muß das nicht für alle Zeit gelten.
Wann auch immer Bezahlmodelle für Texte im Internet konsequent eingeführt werden, muß sich jeder Anbieter überlegen, ob er Qualität und Inhalt in Einklang bringen kann. Eins dürfte gewiß sein: Der User entscheidet und trennt dabei die Spreu vom Weizen schneller als sich mancher das bisher vorstellt. Unabhängig davon werden Texte im Netz, zumal inhaltsreiche, mit Sicherheit bald auch Geld kosten.
© Silke Reinhardt; Hubertus Molln
© GeoWis (2009-11-28)