Viel Raum für Zeitloses
In Teil 2 unserer Reportage beschäftigen wir uns mit dem Hakone Open Air Museum
Von Xiang Chen und Amy Li (2010-02-09)
Man sollte sich für das Erlebnis einen ganzen Tag Zeit nehmen. Selbst wer nichts von Kunst versteht oder verstehen will, kommt hier auf seine Kosten. Auf zirka 70.000 qm haben japanische Landschaftsplaner im Verbund mit einheimsichen Kennern der internationalen Kunst- und Bildhauerszene eine museale Kunstwerke-Landschaft geschaffen, die in dieser Form ihresgleichen auf der Welt sucht. 1969 wurde sie eröffnet.
Hier, im Hakone Open Air Museum, trifft überhaupt nicht zu, was jahrzehntelang im Westen als landläufiges Vorurteil galt und teils noch immer gilt: dass Japan sich ihm verschließe und seine Wirtschaft vor ihm schütze; dass es dem Land an Weltoffenheit fehle und es nur auf sich selbst blicke.
Nein, nein. Es wimmelt geradezu von Internationalität in diesem Freiluftmuseum, in dem es auch fünf Ausstellungshallen mit ständigen Sammlungen gibt, darunter den Picasso-Pavillon.
Werke vieler inzwischen verstorbener, international schon zu ihren Lebzeiten als zeitlose Avantgarde angesehener Künstler findet man hier in der Abgeschiedenheit.
Zu den ersten Berühmten, die hier etwas hin- bzw. ausstellten, zählen Niki de Saint Phalle (1930-2002), Alexander Calder (1898-1976), Henry Moore (1898-1986), Hans Aeschbacher (1906-80), Joan Miró (1893-1983) oder Pablo Picasso (1881-1973).
Ihre Arbeiten sind nicht etwa irgendwelche liederlich dahergebastelte Kunstwerke oder misslungene Versuche, für die sich die Museen und Kunsthäuser vielleicht nicht interessiert hätten und die man deshalb irgendwo in die japanische Knüste hin verkaufen konnte, weil ja mal galt, Japaner kauften alles. Es sind herausragende Werke, um die das Hakone Freiluftmuseum weltweit beneidet wird.
Vom Briten Henry Moore, dessen Skulpturen überall auf der Welt stehen, so in Hong Kong, Oslo und im westfälischen Münster, gibt es ebenso eine Sammlung wie vom Spanier Pablo Picasso. Moores Sammlung in Hakone ist die größte außerhalb Großbritanniens. Der Amerikaner Alexander Calder, von dem in Deutschland Werke in Stuttgart, Hannover, Berlin und Mönchengladbach stehen, ist auch gut vertreten.
Die Französin Niki de Saint Phalle, Ende der 1960er Jahre bekannt und berühmt geworden durch ihre 'Nanas' - überdimensionierte Frauenskulpturen, die stets mit großer Oberweite ausgestattet sind -, hat im Hakone Freiluftmuseum ihre imposante Miss Black Power hingestellt, ein um schätzungsweise acht Meter hohes Weibsbild, vor dem man - folgt man der Philosophie von Kunst der Französin vielleicht auch nicht - mit Ehrfurcht stehen kann.
Die japanischen Kunstintellektuellen, die an der Planung und Beschaffung für diesen Teil Hakones beteiligt gewesen waren, haben auch Skulpturen und Kunstwerke von schon zur Eröffnung des Parks verstorbenen Künstlern herbeischaffen können. So von Émile-Antoine Bourdelle (1861-1929) oder Auguste Rodin (1840-1917).
Mehr aber noch interessierten sie wohl die zu Hakone-Ausstellungszeiten jeweils lebenden. 1990 folgte der Amerikaner Zenos Frudakis, ein auf leicht übergroße Skulpturen zu bekannten Persönlichkeiten spezialisierter Bildhauer, einer Einladung nach Hakone.
1993 fand hier die erste Fujisankei Biennale statt, zu der neben nationalen Künstlern auch viele internationale eingeladen worden waren. Zum Beispiel der in Moskau geborene und in New York lebende Künstler und Ikonograph Grisha Bruskin.
Bruskin, der an der Kunstakademie in Moskau studierte, ist in Deutschland durch seine im Clubraum des Deutschen Bundestages installierten 115 Einzelbilder bekannt geworden.
Hakone hatte längst einen Namen in der Kunst- und Bildhauerwelt, als die erste Fujisankei Biennale stattfand. Auf der zweiten (1995) wurde etwa eine viel beachtete Retrospektive der französisch-venezolanischen Künstlerin Marisol Escobar (*1930) gezeigt.
Auch der 1935 in Ägypten geborene Brite William Tucker folgte der Einladung zu dieser zweiten Biennale und stellte eine seiner imposanten Bronzestatuen in den Park. Im gleichen Jahr kaufte die Museumsleitung Installationen des japanischen, in Kalifornien lebenden Malers Hiro Yamagata an.
Zu den ersten großen Erwerbungen gehören 188 Keramiken von Picasso, die dieser ab Ende der 1940er gefertigt hatte. Das Hakone erwarb sie von des Meisters ältester Tochter Maya und bestückte damit den ihm gewidmeten Pavillon. Im Weiteren erwarb man Zeichnungen, Drucke, Skulpturen, Gold- und Silberobjekte. Heute besteht die Picasso-Sammlung aus zirka 300 Exponaten.
Die Liste der Künstler, die ihre Werke im Hakone-Freiluftmuseum gezeigt haben oder dauerhaft zeigen, ist lang. Abstrakte Bronzen von Joel Perlman und Loet Vanderveens - Letzterer ein Meister in der Kreation perfekt glatt und glänzender Statuetten und Nachbildungen afrikanischer Wildtiere - anderthalb Meter große Bronze 'Caftan' stehen hier.
Auch die boxenden Hasen - 'The Boxing Ones' - des britischen Bildhauers Barry Flanagan (1941-2009), der bereits 1972 auf der 5. Documenta in Kassel ausstellte, können hier in der Abteilung Woods of Net bewundert werden.
Vom französischen Künstlerehepaar Claude (*1924) und François-Xavier Lalanne (1927-2008) - sie bekannt geworden durch kunstvolle Gebrauchsgegenstände wie Tische und Leuchter, er durch seine Tierskulpturen - ist im Hakone-Museum ein wunderbares Werk namens 'La Pleureuse' (Der Hutschmuck) verewigt.
Es ist ein quer in einem Flachwasserbassin liegender, mit - Mispelsträucher verkörperndem - Grünbewuchs drapierter Kopf eines Unbekannten, der an Römer oder Griechen des Altertums erinnert und manche Besucher - zum Beispiel uns - animiert, kunstvollen Schabernack mit ihm zu treiben. Mit den Bronzen des Franzosen Jean Robert Ipoustéguy (1920-2006) funktioniet das auch ganz gut.
Rund 200 bildhauerische Werke und Skulpturen beherbergt der Museumspark dauerhaft, darunter auch manche von nicht so bekannten oder gar namenlosen Künstlern. Mit einem Eintrittsgeld von 1.600 Yen (Stand: Januar 2010; ca. 14 €) für Erwachsene kann das Museum trotz hoher Frequentierung die teuren Ankäufe und Ausstellungen nicht allein finanzieren.
Doch die Hakone-Region inklusive Freiluftmuseum ist eine höchst abwechslungsreiche und hoch angesehene touristische Attraktion für In- wie Ausländer und erhält daher finanzielle Unterstützung aus regionalen (präfektoralen) und nationalen Fonds.
Im Bereich Woods of Net finden sich neben Flanagans boxenden Hasen eine Reihe weiterer Skulpturen. Was mitunter noch interessanter erscheint, ist der Boden, auf dem die Dinger stehen: ein filzartig verwobener, vernetzter Grasteppich, auf dem sich so sanft tapern lässt wie auf einem weichen Tartanboden.
Die kinderfreundlichen Japaner haben auch an die Kleinen gedacht. Neben einem Erlebnisspielplatz gibt es den Soft Sculpture-Bereich, in dem die Zwerge sich austoben und nebenbei an Kunst herangeführt werden können. Die Betreiber haben auch an Gehbehinderte gedacht. Für einen kleinen Obolus kann man Rollstühle mieten.
Seinen Hunger kann man in einem der drei zum Museum gehörenden Restaurants stillen. Neben einem traditionell japanischen steht etwa das Bella Foresta mit seinem 'All-You-Can-Eat-Buffet' zur Verfügung. Wer es Chinesisch (viel Hong Kong-Küche) mag, ist im Hakone Yamucharow gut aufgehoben.
Mit französischem Namen, aber im Stile eines britischen Pubs wartet das Café Belle Forrêt auf. Im Gallery Café hingegen besticht das, was auch draußen schon zu betrachten ist: Kunst. Auch beim Essen. Aus allen Lokalen hat man durch die Panoramafenster einen wunderbaren Blick auf die bergige Kraterlandschaft und die in sie gepflanzten Kunstwerke.
Nach einem Tag schmerzen auch bei bequemstem Schuhwerk die Füße oder machen sich anderweitig bemerkbar. Wanderern, vor allem Gebirgswanderern ist dies bekannt. Sie kühlen sie dann gern in einem kalten Bach. Auf dem Museumsgelände Hakone steht hierzu eine natürliche Thermalquelle bereit. Bei gut 40°C lässt man seine Füße darin entspannen und beschließt danach entweder den Tag, wenn man zuvor gespeist hat, oder geht speisen.
© Xiang Chen; Amy Li
© GeoWis (2010-02-09)
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