Brote und Briketts
Kaum hat das Feuilleton Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill auffallend lobend besprochen, stehen Plagiatsvorwürfe im Raum. Inzwischen liegen recht verblüffende Stellungnahmen von Autorin und Verlag vor
Von Hubertus Molln (2010-02-08)
Bereits im vergangenen Jahr war Helene Hegemann, damals 16 Jahre alt, für ihren Kurzfilm Torpedo, den sie mit 15 Jahren drehte, und ihr Regiedebüt über den grünen Klee gelobt worden. Für die recht autobiographische Milieustudie erhielt sie den Max-Ophüls-Preis. In Nicolette Krebitz' Film Deutschland 09 spielt sie die Hauptrolle.
Dennis Demmerle beschrieb die junge Autorin in der Frankfurter Rundschau (17.03.2009) so: "Hegemann formuliert mutig, aber nicht übermütig. Sie argumentiert provokativ und thesenreich, aber nie platt. Große Worte, etwa dass der »Film das Theater abgelöst hat, wie die Fotografie die Bildende Kunst abgelöst hat«, sprudeln druckreif aus ihr heraus."
Vorvergangene Woche erschien ihr Roman Axolotl Roadkill im Ullstein-Verlag (Berlin) als gedrucktes Werk, als E-book und als Hörbuch. Spiegel Online feiert sie als "neue, radikale Stimme der Literatur", Nadine Lange schwelgt in der Online-Ausgabe der TAZ, dass sich "an Axolotl Roadkill dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Debüts messen lassen müssen", Cosima Lutz (Die Welt) hält das Buch für "verblüffend klug, angenehm grotesk und herrlich sprachgewandt" und Mara Delius (FAZ) glaubt, Axolotl Roadkill kann man als großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre lesen".
Das deutsche Pendant zum norwegischen Literaturrebell Matias Faldbakken also? Weit gefehlt. Wie sich nun herausstellt, hat die Autorin für ihr Buch abgeschrieben, dessen nahuatl-aztekisch-englischer Titel in etwa bedeutet, dass Lurch(larven) auf der Straße überfahren werden. An die Öffentlichkeit hat dies Deef Pirmasens in seinem Blog Die Gefühlskonserve (gefühlskonserve.de) gebracht.
Es soll sich um eine Seite und mehrere Passagen und Redewendungen aus dem im SuKulTur-Verlag (Berlin) von dem pseudonymen Autor Airen 2009 erschienenen Roman Strobo handeln. Dies bestätigte inzwischen auch Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz. Am vergangenen Wochenende gaben Hegemann und Bublitz zum Plagiatsvorwurf Stellungnahmen ab, die in der Online-Ausgabe des Branchenmagazins Buchmark publiziert wurden.
Während manche Medien, vor allem jene, die Hegemann ob ihres Werkes gelobt haben, wohlwollend von einer Entschuldigung der Autorin schreiben oder seltsame Vergleiche ob dieses Urheberrechtsverstoßes unter die Leute bringen - so Daniel Haas in Spiegel Online, der in hanebüchenem Zusammenhang der Autorin Abschreiben mit ähnlichen Verfehlungen etwa von Thomas Mann, John Dos Passos, Alfred Döblin, Thomas Pynchon oder William S. Burroughs zu relativieren versucht -, liefert die Jung-Autorin mit ihrem Statement eine Kostprobe ihrer offenbar unlektorierten Sprachgewalt.
Von Entschuldigung oder gar Sprachgewalt Hegemanns kann nach der Lektüre gar keine Rede sein. Vielmehr bekennt sich Hegemann zum Abschreiben und legt dabei eine erstaunliche Naivität an den Tag, die diametral zu dem steht, wofür sie bisher gelobt wurde: ihren Film und ihren Roman.
Zu den Plagiatsvorwürfen fällt ihr nichts Besseres ein als: "(...) also wie das juristisch ist, weiß ich leider nicht so genau. Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf, was vielleicht daran liegt, dass ich aus einem Bereich komme, in dem man auch an das Schreiben von einem Roman eher regiemäßig drangeht, sich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.
Starke Worte. Und schwer zu glauben. Die Siebzenjährige, die im Internet-Zeitalter sozialisiert wurde und spätestens seit ihrer Regie-Arbeit zu Torpedo wissen müsste, dass es ein Urheberrechtsgesetz gibt, in dem auch lang und breit von Urheberrechtsverletzungen die Rede ist, scheint sich auf ihre Minderjähringkeit zu stützen. Wie fatal, aber auch frech.
Abgesehen davon, dass sie die Arbeitsweisen und Techniken eines Romanciers fälschlicherweise mit denen eines Regisseurs gleichzusetzen versucht - was allein schon von gewisser Unkenntnis gepaart mit Chuzpe zeugt -, gibt sich die junge Dame altklug, nassforsch und recht uneinsichtig. "(...) mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen."
Verantwortlich dafür macht sie in ihrer Stellungnahme in Manier einer Westentaschenphilosophie ihre Geburt, für die sie nichts kann: "Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) - ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst."
Soll man das entschuldigen, indem man die schwierigen Familienverhältnisse für der Autorin forsche Uneinsichtigkeit heranzieht? Bestenfalls bedingt. Im Kern aber nicht. Offenbar haben vor allem die Lehrer der jungen Dame nicht vermitteln können, was Recht und was Unrecht ist. Und auch ihre Literaturagentin und ihre Verlegerin Bublitz nicht. Die Vermarkter haben ihre Public Relation und ihr Business gesehen und Hegemann als etwas verkaufen wollen, was diese vielleicht gar nicht ist: ein neuer Popstar im Literaturbetrieb mit griffigem Verkaufsslogan unter dem Stichwort 'Nullerjahre'.
Zu Recht argumentiert Hegemann in ihrer Stellungnahme: "Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."
Niemand scheint Hegemann beigebracht zu haben, dass es einen Unterschied zwischen 'Copy & Paste' und Recherche gibt; dass im Internet oder gedruckten Medien gefundene Informationen als solche kenntlich gemacht werden müssen; dass es Zitierweisen gibt; dass Recherche-Ergebisse in eigener Sprache wiedergegeben werden sollten, um eine kreative Leistung sein Eigen nennen zu können. Doch die junge Frau hätte auch mal selbst ein wenig Erkundigungen einziehen können, wie es sich denn damit verhält, wenn man einfach abschreibt. Das, zumindest, verbieten Lehrer bereits ab dem ersten Schuljahr.
Im kommerziellen Leben steht es unter Strafe. Da hilft es wenig, wenn Hegemann in ihrer Stellungnahme im Buchmarkt ihre Seele öffnet: "Ich selbst habe den Roman als »Lüge« bezeichnet, das ist er auch, aber nur über die Lüge kommen wir der Wahrheit nahe. Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen. Es gibt da ziemlich viel, was mit meinen Gedanken korrespondiert und sich in mein Gehirn einschreibt, dadurch aber gleichzeitig auch etwas komplett anderes wird. Ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf."
Ach so! Doch da irrt die Autorin, die ernst genommen werden will, gewaltig. Untermieter in seinem eigenen Kopf ist man nur, wenn man nicht mehr selber denkt, bewusstlos durch die Welt - und sei es nur durch die verschrobene, auf den Nabel fixierte Berliner Szene - mäandert. Wenn man nichts mehr merkt, ist man Brot - oder Brikett.
In jedem Fall hätte es ihrer Agentin und der Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz auffallen müssen, dass eine Sechzehnjährige keinen Einlass in einen Klub erhält, in den laut Deef Pirmasens "nicht mal Leute, die auch nur aussehen wie unter 21-jährig" eingelassen" werden. Vor allem Bublitz', zu deren Tagesgeschäft das Urheberrecht gehört wie das Ei zum Frühstück für die meisten in diesem Land, argumentiert in ihrer Stellungnahme nun bedenklich kläglich, indem sie sich auf eine Minimalpflicht beruft.
In der im Buchmarkt veröffentlichten Stellungnahme sagt sie: "Natürlich haben wir Helene Hegemann vor Drucklegung ihres Buches gefragt, ob sie Quellen oder Zitate verwendet hat. Sie verwies lediglich auf ein Zitat von David Foster Wallace, für das wir eine Abdruckgenehmigung eingeholt haben. Offenkundig hat sie die Tragweite dieser Frage unterschätzt und ist auf Quellen und Zitate aus dem Netz - wie etwa den Blog von Airen - nicht eingegangen."
Offenkundig hat Bublitz ihre Hausaufgaben nicht gemacht und Dagobert-Duck-Augen bekommen, als sie das Manuskript der Jung-Autorin vorliegen hatte. Anders ist kaum nachvollziehbar, weshalb Verlegerin Bublitz, die auch schon mal beim Verlag Wunderlich arbeitete, nicht tiefer nachgefragt hatte. Ihr lauwarmes Statement gibt im Kern das wieder, was Hegemann für sich in Anspruch nimmt. "Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der "sharing"-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten."
Schnell noch rudert Bublitz nach, um sich an der jungen Autorin womöglich schadlos zu halten. "Die Position des Ullstein Verlages ist eindeutig: Quellen müssen genannt und ihre Verwendung muß vom Urheber genehmigt werden. Wir haben uns bereits an den SuKuLTuR Verlag gewandt, um diese Genehmigung nachträglich zu erlangen. Sollte es weitere betroffene Rechteinhaber geben, werden wir auch sie kontaktieren und die Genehmigung zum Abdruck einholen."
Klarer ist da schon das, was Hegemann in ihrer Stellungnahme im Buchmark von sich gibt. "Airen, von dem ich insgesamt eine Seite, ohne sie groß verändern zu müssen, regelrecht abgeschrieben habe, ist ein großartiger Schriftsteller, dessen Blog im Internet einen Teil der alternativen Lebensweise, über die ich berichten wollte, auf den Punkt gebracht hat, und mit dem ich über das Buch auch ein Stück weit versuche, in Kommunikation zu treten."
Es sieht ganz so aus, als hätte der deutsche Literaturbetrieb nebst den allsamt bekannten Feuilletons mal wieder ein Brikett oder Brot gefunden, die es straflos im Kachelofen Berliner Wohnstuben verheizen könne. Das Urheberrecht aber spricht eine andere Sprache. Da kann man noch so Brot oder Brikett sein.
© Hubertus Molln
© GeoWis (2010-02-08)