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Portrait: Der polnische Architekt Zbigniew Roman Dmochowski hat Nigerias traditionelle Bauweisen festgehalten. Hinter ihm lag bereits ein bewegtes Leben. Es sollte ein noch bewegteres folgen
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Feldarbeiter in einer bipolaren und weiß-schwarzen Welt

Zbigniew Roman Dmochowski war der Erste, der die traditionelle Bauweise unterschiedlicher Ethnien in Nigeria aufzeichnete. Sein Wirken ist in Nigeria - wie auch in Polen - unvergessen

Von Uwe Goerlitz (2010-03-17)

Er war ein Kosmopolit in Sachen Architektur und Erhebung. Ein Mann, der mit Kamera und Skizzierblock hinausging und festhielt, was ihm festhaltenswert erschien oder als Projekt aufgetragen wurde. Und er gehörte zu jenen Architekten und Architekturhistorikern, die schon früh die soziale Verantwortung in der Architektur als absolut notwendige Komponente begriffen und proklamierten. Ganz anders als Bauhaus.

Zbigniew Roman Dmochowski, 1906 in Warschau geboren, machte seinen Master of Arts in Architektur 1932 an der Technischen Universität in Warschau. Als Hitler am 1. September 1939 Polen angriff, habe er gegen die Deutschen gekämpft und eine kleine Panzertruppe befehligt, wie sein Sohn Stefan gegenüber GeoWis mitteilt. Zbigniew Dmochowski sei bereits nach kurzer Zeit in Gefangenschaft geraten und in ein ungarisches Konzentrationslager interniert worden.

 "Von dort gelang ihm mit einer kleinen Gruppe bald die Flucht nach England, wo er sich der 1. Polnischen Fallschirmjägerbrigade (Samodzielna Brygada Spadochronowa) unter Generalmajor Stanisław Sosabowski der polnischen Exilarmee anschloss", so Stefan Dmochowski.

Der Architekt wurde ab 1941 in Schottland zum Fallschirmjäger ausgebildet und sollte im September 1944 an der Luft-Lande-Aktion Operation Market Garden an der niederländisch-deutschen Grenze unweit von Arnheim teilnehmen.

Doch soweit kam es nicht. Zbigniew Dmochowskis geplanter Fallschirmjägereinsatz fand zwei Jahre vor der später kläglich gescheiterten Luft-Boden-Offensive gegen Deutschland ein abruptes Ende. "Zu seinem Glück hatte er sich bei der Ausbildung Muskelrisse zugezogen und kam infolgedessen ins Krankenhaus, so dass er als Fallschirmjäger nicht mehr einsetzbar war und an der Aktion nicht teilnehmen konnte. Sonst wäre er wie viele andere wahrscheinlich über Holland gegrillt worden", sagt sein Sohn Stefan.¹

Dmochowski schied aus der polnischen Exilarmee aus und blieb zunächst in England, wo er heiratete und 1944 Vater einer Tochter (Anna) wurde. Bald nach Kriegsende wurde vom London County Council (etwa: Londoner Bezirksrat) die Polish School of Architecture an der Universität von Liverpool ins Leben gerufen, zu deren Gründungsdozenten Zbigniew Dmochowski gehörte.

Auch viele andere polnische Akademiker mit Architektur- und Planungshintergrund - manche zuvor in der polnischen Exilarmee als Offiziere in Dienst - kamen an diesen Institut unter. "Viel polnisches Talent konzentrierte sich am Institut für Architektur durch die Soldaten der Exilarmee. Einige waren Studienkollegen und sogar mancher ein früherer Dozent meines Vaters", so Stefan Dmochowski.

Zbigniew Dmochowski unterrichtete an der Polish School of Architecture und ging Jahre später an die Universität von Gdansk (Danzig). 1956, inzwischen 50 und Vater zweier Kinder - Sohn Stefan wurde 1948 im Londoner Stadtteil Richmond geboren -, brachte er das bis heute unerreichte Werk The Architecture of Poland heraus, ein damals viel beachtetes Standardwerk zur bis dahin geltenden polnischen Architektur, das im Original in rotem Leinen-Hardcover erschienen (im Internet existieren Nachdruck-Cover in Grün mit nachgemachtem Schriftzug) und nur in handverlesenen Universitätsbibliotheken zu finden sei, so Dmochowski junior.

 Zwei Jahre später erhielt Zbigniew Roman Dmochowski einen Ruf an das Department of Antiquities in Lagos, das der nigerianischen Regierung unterstellt war. Er folgte ihm, nahm seine Frau und die beiden Kinder mit und tauchte für sieben Jahre in die nigerianischen Architektur-, Wohn- und Lebensverhältnisse ein, die zu jener Zeit auch nicht viel besser waren als sie es heute sind.

Noch in Nigeria, erhielt er parallel eine Professur in Architekturgeschichte an der Technischen Universität von Gdansk (Danzig), die er annahm und bis 1972 ausfüllte.

Nigeria, wie die meisten in den 1960er Jahren durch Befreiungskriege oder Verhandlungen zu nationaler Unabhängigkeit gelangten Staaten, habe ausländischen Experten und Wissenschaftlern gleich welchen Ranges und welcher Aufgabenstellung damals untersagt, "irgendwelche mit Profit verbundenen Urheberrechte oder sonstigen Ansprüche" auf Entdeckungen, Erhebungen oder Untersuchungen anzumelden, so Sohn Stefan.

Häufig mit Familie, aber auch allein, reiste Dmochowski meist mit seinem Renault Domaine quer durch Nigeria, um im Auftrag des Department of Antiquities die unterschiedlichen Wohnarchitekturen und heiligen Stätten mit der Kamera festzuhalten wie auch sie zu kartieren und perspektivisch zu zeichnen. "Für uns Kinder und für meine Mutter, und natürlich ebenso für meinen Vater, waren das immer Erlebnisreisen", sagt Dmochowski junior.

So hatte er bei den Igbo (Ibo) in Ohafia (Südost-Nigeria) den aus Lehm, Stein und Hartholz errichteten Tempel von Ndi Ezera und die Mbari Häuser in Owari und Obokwe für die Nachwelt abzulichten und deren findige stabile Bauweise zu untersuchen und die Räumlichkeiten von Chief Ogbua in Onitsha isometrisch zu kartieren. Auf der anderen Seite des Niger nahm er bei den Bini in Benin City (Südwest-Nigeria) den Palast von Chief Eson, das in der Fläche größte Gebäude am Platz, genauestens unter die Lupe.

Bei den Yoruba, die den Süden und Westen rechts des Niger bevölkern, zeichnete er - wie er es bei nahezu allen seinen Bestandsaufnahmen unternahm - den komplizierten Grundriss des Palastes des Deji von Akure, der einen Einblick in die - für damalige Dorfverhältnisse - enorme Repräsentanz allein in der Fläche gibt. Mehr als 1.000 qm beanspruchte der Deji für sich, seine Familie und sein Gefolge.

Ähnlich üppig nahm sich der Palast des Chiefs der Ogoja, die zu den Yoruba zählen, in Ikerre aus. Der Steinbau, der höher als der von Akure ist, wartet mit verzierten Balkongeländern, Treppen und sogar Fensterläden aus Holz auf.

Ob bei den Nupe (beiderseits des Niger im Westen des Landes verortet) den Palast des Emirs von Pategi, die Strohhütten der zu den Jarawa gehörenden Rukuba in Bahit (Zentral-Nigeria), die etwas einfach gebauten Unterkünfte der Jaba unweit von Kaduna, die Architekturen der verschiedenen Gwari-Ethnien, die der Fulani, Hausa, Ife oder Tiv - Zbigniew Dmochowski hat sie fast alle besucht und aufgezeichnet. Immer auch die religiösen Stätten und Gebäude.

Zwar war er im Regierungsauftrag unterwegs, aber "man konnte da nicht einfach hinfahren und fotografieren, kartieren oder zeichnen", erzählt Stefan Dmochowski. "Zuerst musste man den Chief begrüßen, ihm die Sache erklären und hoffen, dass er zustimmt. Und wenn kein Chief da war, dann den Dorfvorsteher, der erst mal den Chief aufzusuchen hatte. Das waren immer aufwändige Angelegenheiten."

Die Regierung saß in der damaligen Hauptstadt Lagos. In den Provinzen herrschten Regionalregierungen. In den Dörfern und Dörferverbünden - auch heute noch - Chiefs. "Wenn ein Chief gesagt hätte, nein, das lasse ich nicht zu, dann hätte mein Vater im Prinzip nicht viel machen können", so Stefan Dmochowski. "Aber er hatte eine gute Art, Charisma, hatte uns, seine Familie, dabei. Das kam gut an. Er war zwar Weißer, aber kein Ex-Kolonialist, kein Brite. Er war Pole. Er hat sich ja nicht nur für die Bauweisen interessiert, sondern auch für die Leute."

 Zbigniew Dmochowski startete seine Exkursionen später meistens von seinem Büro in Jos (Zentral-Nigeria), das ihm die Regierung eingerichtet hatte.

Während seines Eintauchens in die vor allem ländlichen Verhältnisse im damaligen Nigeria habe er die vielschichtigen Spannungen und Feindschaften der unterschiedlichen Ethnien ebenso kennen gelernt wie die schwarzen Neo-Kolonialisten, die in Lagos an der Macht gewesen seien und sich den internationalen Konzernen, vor allen den britischen und amerikanischen, gefügig gezeigt hätten, wie Stefan Dmochowski konstatiert.

"Nigeria saß auf einem See von Erdöl, das unter der Erde quer durch die Stammesgebiete lag. Gegen die brutalen, vom Westen korrumpierten schwarzen Marionetten aus Lagos hatten die Chiefs keine Chance."

Zbigniew Dmochowsk, 1958 nach Nigeria gekommen, blieb bis 1965 dort. Noch währenddessen, inzwischen über 60, installierte der Professor an der Gdansk University das Institut für Tropische Architekturforschung (Institute for Tropical Architectural Research).

Als er Nigeria 1965 verließ, bahnte sich der noch aufkommende Biafra-Konflikt bereits an, dem später im Biafra-Krieg hunderttausende Menschen im Igbo-Gebiet zum Opfer fallen sollten, der größte Teil durch Unterernährung und Aushungerung.

Doch Nigeria war Dmochowski ein Anliegen. Deshalb auch - so sein Sohn Stefan - sei er erneut dem Ruf der Nigerianer gefolgt und zwei Jahre nach Beendigung des Biafra-Kriegs im Alter von 66 Jahren 1972 in das Land zurückgekehrt, um erster Architekt in der Regierungsbehörde Federal Department of Antiquities zu werden. "Er war vielleicht zu tief eingetaucht in das Land. Er liebte es."

Zbigniew Roman Dmochowski blieb bis 1981 in Nigeria und arbeitete weiter an dem, was er dort 1958 begonnen hatte: die traditionelle Architektur dieses heterogenen Landes aufzuzeichnen und an der Rekonstruktion verfallener ruraler Gebäude mitzuwirken. 

Im Alter von 75 Jahren kehrte er aufgrund von Krankheit seinem geliebten Land den Rücken und ging in seine Heimat zurück, wo er am 13. März 1982 in Gdansk starb, als in Polen längst der Umsturz des Jaruzelski-Regimes im Gange war, der in Gdansk seinen Ausgangspunkt hatte.

 Sein Wirken und seine Arbeit in Sachen traditioneller Architektur Nigerias ist vergleichbar mit dem des Tierarztes und Verhaltensforschers Bernhard Grzimek (1909-1987), der sich um die zoologische Forschung und Beschreibung der afrikanischen Tierwelt verdient gemacht hat.

Dmochowskis Hinterlassenschaften sind zum Teil heute im Museum of Traditional Nigerian Architecture (MOTNA) in Jos zu besichtigen. Als es damals, gegen Ende der 1980er Jahre, zur Kollektion und Veröffentlichung von Dmochowskis Werk kommen sollte, gab es Streit.

Nigeria beanspruchte alle Rechte aufgrund der damaligen Gesetzeslage, die noch auf die frühen Jahre nach der Befreiung von der Kolonialherrschaft zurückging, für sich. Da war der Mann, der sich um das traditionelle Erbe der Architektur Nigerias so verdient gemacht hatte, schon lange verstorben.

¹ Die misslungene Operation kam 1977 als knapp dreistündiges Kriegsepos mit Staraufgebot unter dem Titel Die Brücke von Arnheim (A Bridge Too Far) in die Kinos. Zu den Mitwirkenden gehörten beispielsweise: Sean Connery, Dirk Bogarde, Michael Caine, James Caan, Elliott Gould, Gene Hackman (als General Stanisław Sosabowski), Maximilian Schell, Hardy Krüger, Hans von Borsody, Robert Redford, Lawrence Olivier, Liv Ullmann. Regie führte Richard Attenborough.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2010-03-17)

Weiterlesen:

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo >>

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