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"Frankreich kann mich mal!"

Die Japanerin Yu Onoe hat sich hoffnungsvoll auf den Weg nach Europa gemacht. In Frankreich erlebte die sympathische Geschäftsfrau einen irritierenden Dämpfer. Sie hat viel zu erzählen. Teil 1

Von Uwe Goerlitz (2010-08-07)

Es herrschen gegen elf Uhr am Vormittag schon 33° C in Nizza. Das Taxi ist gerade vorgefahren, da arbeitet sich eine junge Japanerin mit einer schweren Reisetasche die sechzehn Stufen der Hoteltreppe hinunter. Wir helfen ihr, nehmen ihr auf halber Höhe die Tasche ab und stellen sie an den Rezeptionstresen. Flugs hastet sie die Treppe wieder hinauf und kommt mit einem großen roten Kunststoff-Rollcase zurück. Wieder helfen wir ihr und tragen das schwere Monstrum zur Reisetasche.

 Kaum sind wir unten, kommt die junge Dame mit einer Laptop-Tasche, einer vollgepackten Umhängetasche, einer Tragetüte aus irgendeiner Boutique und einer schwarzen Kurzlederjacke über dem Arm abgekämpft die Stufen hinab und bedankt sich.

Sie hätte auch den Aufzug nehmen können, teilen wir ihr mit und weisen darauf hin. Erstaunt blickt sie uns an und sagt auf Englisch: "Ich wusste nicht, dass es in diesem Hotel einen gibt." Sie müsse jetzt zum Bahnhof.

Wir laden ihr Gepäck - insgesamt sicherlich 60 Kilo - ein, warten, bis sie ihre Rechnung bezahlt hat, laden dann sie - höchstens 45 Kilo - ein und lassen uns zum Bahnhof fahren. Die junge Dame, eben noch kurz vor dem Kollaps, wirkt plötzlich sehr erleichtert, bedankt sich mehrfach und stellt sich vor. Sie heiße Yu Onoe, sei aus Hamamatsu und wolle nach Milano, und zwar so schnell wie nur irgendwie möglich.

Nachdem klar ist, dass wir das gleiche Ziel haben, beschließen wir, bis dorthin zusammenzubleiben. Die Wartezeit bis zur Abfahrt nach Ventimiglia, dem italienschen Badeort und Grenzbahnhof zu Frankreich, überbrücken wir mit einem Café Creme. Yu mixt sich ein Energiepülverchen ins Glas Wasser und packt Zwieback und Kekse aus. "Mein bester deutscher Freund ist ein Cello", sagt sie und lächelt. Es sei zwar aus italienischem Holz, aber hergestellt habe es ein deutscher Instrumentenbauer.

Sie spiele Cello aus Leidenschaft, aber noch nicht gut genug. Wenn sie einmal gut sei, wolle sie aber nicht in einem Orchester spielen. "Da müsste ich doch nur immer dieselben Saitenabschnitte streichen und zupfen", sagt sie und zieht eine Grimasse. Solo sei ihr lieber. Das mache Spaß, da könne sie sich entspannen und experimentieren. Geld aber könne man damit in Japan nicht verdienen. "Das Cello solo will da niemand hören." Am liebsten spiele sie Sonaten von Brevel und Bach.

Yu hat Ökonomie an der Keio Universität in ihrer Heimatstadt studiert und vor vier Jahren ihren Abschluss gemacht. Seit zwei Wochen ist sie auf Reisen. Hawaii war ihr erstes Ziel. Zehn Tage hat sie dort verbracht, auch, weil sie als Geschäftskoordinatorin für die Hawaii-Japan Friendship Association tätig sei. Ehrenamtlich.

 Nach dem Studium habe sie ein wenig als Model und etwa vier Jahre als Angestellte gearbeitet: "Als Verkaufsassistentin bei Tokiwa Investment Inc. und als Verkaufsrepräsentantin bei der PoPBunka Language School, aber ich habe gemerkt, dass ich lieber auf eigene Rechnung arbeiten möchte und bin jetzt selbstständig." Das liege vielleicht auch daran, dass sie aus einer Unternehmerfamilie stamme.

Seit 300 Jahren sei ihre Familie im Ledergeschäft tätig, habe mit einer kleinen Manufaktur begonnen und sei auch Hoflieferant gewesen. Ein Viertel von Hamamatsus Stadtgebiet habe vor dem Zweiten Weltkrieg zum Familien- und Unternehmensbesitz gehört. Dann sei alles zerbombt worden von den Amerikanern. Die Archive verbrannten, das Grundbuchamt, alles. Danach begann die Neuverteilung des Grundbesitzes.

Hamamatsu, das heute den Beinamen Stadt der Musik trägt, weil dort die Yamaha Corporation (seit 1897), die Kawai Musical Instruments Manufacturing Company (1927), die Roland Corporation (1972), ein Musik-Konservatorium und ein Museum mit umfangreicher Instrumentensammlung beheimatet sind, ist auch Gründungsort der Honda Motor Company (1948) und der Suzuki Motor Corporation (1909).

Letztere begann ihr Geschäft mit Webstühlen, sattelte dann aber für die Armee von Kaiser Hirohito auf Kriegsproduktion um. So war die rund 240 Kilometer südöstlich von Tokyo auf dem Weg nach Shin-Osaka liegende Stadt ein wichtiges Angriffsziel für die allierten Kriegsgegner unter Führung der USA geworden, zumal sich dort auch ein bedeutender Luftwaffenstützpunkt befand, der nach wie vor existiert.

 Ihre Großmutter habe das Geschäft nach dem Krieg mühsam wieder aufgebaut und ihr Vater, der eigentlich studieren wollte, habe ihr dabei geholfen und es dann übernommen, sagt Yu. Sie aber werde die Firma wohl nicht übernehmen. Ihr Vater habe ihr davon abgeraten und der jüngere Bruder arbeite sowieso in Tokyo.

Trotzdem trage sie ihren Teil zum Geschäft bei, indem sie neue Designs und Produkte entwickle und wenn es ihre Zeit erlaube auch im Geschäft mit aushelfe und ihren Vater davon zu überzeugen versuche, doch endlich seine Ware auch online anzubieten. "Qualität wird doch überall auf der Welt geschätzt, oder?"

Doch er sträube sich, obwohl das Geschäft mit exquisiten Lederwaren - Handtaschen, Accessoires, Schuhe, Kleidung - nicht mehr so gut laufe, seit Japan von einer Wirtschaftskrise in die nächste taumle. Es fehle in Hamamatsu an einer breiten Mittelschicht und ausreichend Touristen. "Hamamatsu hat seine Webseite sogar auf Portugiesisch", seufzt Yu.

Das sei wohl notwendig, weil so viele Brasilianer in der Stadt und in der Präfektur Shizuoka lebten. Das seien aber fast alles Billiglöhner, die von unseren großen Firmen herangeschafft würden. Von Suzuki, Roland und Yamaha - Unternehmen, die ein Großteil ihrer Belegschaften mit Brasilianern versehen. "Die kaufen aber nicht viel und bleiben am liebsten unter sich", sagt Yu.

In Monaco endet der Zug. Um nach Ventimiglia zu kommen, müssen wir umsteigen. Der Zug quält sich dann langsam wie vor 35 Jahren über Menton, der französischen Grenzstadt zu Italien, über die Gleise. Immerhin ist er, anders als in den 1970ern, klimatisiert, kommt aber zu spät an. Der Anschlusszug nach Milano ist weg. Damit auch unsere Reservierung. Der Nachmittagszug sei ausgebucht, sagt man uns. Erst am nächsten Tag, und auch nur für den IC um 14:58 Uhr, gebe es noch Plätze.

 Yu macht das nichts aus. Sie sei gewissermaßen auf Weltreise und habe Zeit. Hauptsache weg aus Frankreich. Wir reservieren und checken dann unweit des Bahnhofs im Hotel Guiseppe ein.

Sie ist froh darüber, dass sie ihr kolossales Gepäck nicht allein schleppen muss und freut sich, dass die Dame an der Rezeption so nett zu ihr ist und ihr rudimentäres Italienisch verständnisvoll zu ergründen versucht.

"In Frankreich haben sie mich wie ein Stück Scheiße behandelt", sagt Yu, nachdem sie ihre Kreditkarte von der Rezeptionistin zurückerhalten hat und sich auf das in Altrosa gehaltene Sofa im Empfang setzt. Sie wirkt plötzlich nicht mehr so fröhlich. "Ich habe ein 14-tägiges Sprachkurspaket für 9.000 Euro gebucht. Normalerweise kostet es 10.000, aber ich bekam zehn Prozent. Unterkunft bei einem 80-jährigen Rentnerpaar in Nizza, acht Stunden täglich in der Sprachschule. Übermorgen beginnt der Kurs. Aber ich gehe da nicht hin. Die können mich mal!"

Es sieht so aus, als wollte sie zu weinen beginnen, doch sie beherrscht sich und legt unvermittelt ein Lächeln auf. "Aus rationaler Sicht müsste ich den Kurs machen, schließlich habe ich alles schon bezahlt. Aber ich scheiß drauf. Im Hotel La Petite Sirène, angeblich drei Sterne, haben sie mich total arrogant behandelt. Der Mann an der Rezeption war völlig unprofessionell und diskriminierend. Ich bin doch kein Kind. Und dieses winzige Zimmer … Drei Sterne? Quatsch!"

Nicht mal die Altstadt von Nizza habe sie sich angeschaut. Sie werde von nun an nur noch in Hotels mit vier Sternen oder mehr einchecken. Lediglich dann, wenn es keins am Ort gebe, werde sie sich mit drei Sternen arrangieren.

Nach Hawaii sei sie in New Jersey, USA, gewesen, habe sich bei Bekannten entspannt und die Ruhe genossen. Dummerweise habe sie im Duty-Free-Shop noch einige flüssige Kosmetika gekauft, sie dann aber abgeben müssen, als sie für Brüssel einchecken wollte. "Ich habe zu der Frau an der Kontrolle gesagt, die seien zu schade, um weggeworfen zu werden und sie ihr geschenkt. Sie hat sich gefreut und darüber habe ich mich gefreut."

Brüssel habe ihr gefallen, und die Brüsseler seien nett und zuvorkommend. Sie habe ihre wenigen Französischkenntnisse ein bisschen auffrischen können. "Das tat gut. Ich dachte im Hinblick auf meine Gastfamilie, alte Franzosen sprechen bestimmt anders und die muss ich ja verstehen können." Also habe sie geübt, wo es nur ging. "Auf Frankreich hatte ich mich riesig gefreut", sagt sie und macht eine Schnute. Doch schon am ersten Tag in Nizza sei ihr Frankreich vermiest worden.

"Ich saß in einem Café, draußen, und bestellte ein Frühstück. Alle anderen Gäste hatten einen Bon im Schälchen liegen, bei mir kassierte der Kellner sofort. Auf der Karte stand 'mit warmem Croissant'. Das war aber kalt und als ich den Kellner fragte, ob er es mir aufwärmen kann, sagte er, er hätte dafür keine Zeit. Dann zeigte ich ihm auf der Karte, dass da 'warmes Croissant' steht. Er fluchte, nahm mein Croissant und warf es in den Müllkorb. Ich wartete darauf, dass er mir ein neues bringt. 20 Minuten. Doch er ging andauernd an mir vorbei, bis ich ging. So etwas habe ich noch nie erlebt."

 Auch in einigen Boutiquen sei es ihr nicht gut ergangen. Für mehrere hundert Euro habe sie Schuhe und Kleidung gekauft, aber "die Leute waren so unfreundlich, dass ich es gar nicht fassen konnte. Die Franzosen sind gegenüber Asiaten Rassisten, absolut. Die halten uns für doof, weil wir ihre Sprache nicht sprechen, aber die sind selbst so ungebildet und unhöflich, dass einem das Kotzen kommt. Die können nicht mal verständlich Englisch sprechen."

Das wollte sie sich nicht noch zwei Wochen antun, obwohl sie sich hatte vorstellen können, hier vielleicht künftig zu leben. Sie zahle ja nicht so viel Geld für einen Sprachkurs, um anschließend in Japan Französisch zu sprechen. Yu nimmt einen langen Zug aus ihrer Wasserflasche, verdreht die Augen, macht ein Bäuerchen und sagt: "Ich trinke sechs Liter am Tag."

Yu raucht nicht und trinkt keinen Alkohol. Neben Tee sei Wasser ihr Lieblingsgetränk. Gelegentlich dürfe es auch mal ein Fruchtsaft sein. Sie könne sich einfach besser konzentrieren, wenn sie viel Wasser trinke. Das stellt sie später unter Beweis, als sie sich an das Entwirren und Zusammenbauen ihrer fünf Kilo Elektronik macht. 

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2010-08-07)

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