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Kulturhistorische Oase auf dem Berg

Die Côte d'Azur kann man nicht nur an der Küste genießen. Auch in den Bergen, etwa in Vence, kommt man auf seine Kosten. Vence ist unter Kennern Kult.

Von Jochen Henke (2010-08-13)

Rund dreißig Kilometer nordwestlich von Nizza liegt Vence. Dorthin gelangt man lediglich mit dem Fahrrad, dem Krad, dem Auto, dem Autobus (Bus ab Nizza, Place Grimaldi, Linie 94 bzw. 400) und dem Helikopter. Eine Bahnlinie dorthin existiert ebenso wenig wie ein Flugplatz.

 Das mittelalterliche, auf gut 300 bis weit über 600 Metern über Normalnull liegende Städtchen, dem das aus gleicher Epoche stammende Saint-Paul-de-Vence vorgelagert ist, gilt schon lange jenen als einer der inzwischen vielen Geheimtipps, die unweit des Trubels von Cannes, Antibes und Nizza die wahre Entspannung suchen.

Die Maler Marc Chagall, Maurice Boitel und Henri Matisse wohnten hier ebenso wie die Schriftsteller D. H. Lawrence, René Schickele, Albert Paraz oder der Schauspieler Curd Jürgens und die Balletttänzerin Ida Rubinstein. Bis auf Boitel und Jürgens verschieden sie alle in der malerischen Ortschaft mit Kultcharakter.

Zu den auf gesellschaftlicher Ebene nachhaltig bekannt gewordenen Persönlichkeiten des Ortes gehört das Ehepaar Freinet. Célestin Freinet (1896-1966) und dessen Gattin Élise (1898-1983) waren die Gründer der l'École Moderne in Vence, die heute l'École Freinet heißt.

Grundgedanke der Freinets war eine Reformpädagogik, die von der kommunistisch-sozialistischen Grundhaltung der Eheleute ausging und eine Abkehr vom zu jener Zeit in Frankreich vorherrschenden autoritären Schul-Lern- und Pädagogikprinzip war, das auf sture Adaptation setzte. Die Freinets setzen auf erweiterte Bildung und auf Eigenverantwortung der Schüler, die über den Tellerrand hinauszuschauen lernen sollten. Damals verteufelt, ist Vence heute stolz auf die Freinets.

Nach Vence gelangt niemand, der auf der Durchreise ist. Durchreisende passieren vielleicht das nicht immer angenehm duftende Grasse auf ihrem Weg von Draguignan nach Nizza. Nach Vence reisen jene, die gezielt in diesen Ort wollen. Und das sind Menschen aus aller Herren Länder, die von dieser Oase der augenscheinlichen Zufriedenheit gehört haben. Von Nizza gelangt man über Saint-Laurent-du-Var und Cagnes-sur-Mer dorthin.

 Wer länger als eine Woche in Cannes, Antibes oder Nizza urlaubt und das blaue Meer, die steinigen Strände (Nizza, Antibes) oder das Schaulaufen an Cannes' Croisette auch nicht mehr sehen kann, fragt spätestens dann in einem der vielen Touristenbüros (Office du Tourisme) nach, was es denn sonst noch so gebe. Vence wird stets empfohlen, was erklärt, dass vermehrt auch Chinesen, die an der Côte d'Azur allerorten anzutreffen sind und so manches Geschäft betreiben, den Weg hinauf nach Saint-Paul und Vence finden. Hauptsächlich als Tagestouristen.

Denn Vence als Urlaubsresidenz ist etwas für den gehobenen, nicht aber notwendigerweise überquellenden Geldbeutel. Mondän ist anderswo, ebenso Verschwendung. Vence sei etwas Besonderes, sagt eine Dauphine* vom Château Saint Martin, die ihren Namen zwar verrät, ihn aber nicht genannt wissen mag.

Sie sei erst seit zwei Jahren im Saint Martin und dürfe eigentlich überhaupt niemandem außerhalb ihrer Familie erzählen, wo sie arbeite und wer die Gäste seien. Manchmal komme internationale Prominenz. Meist aber kämen wohlhabende Ehepaare mit ihren Kindern, die Ruhe, Entspannung und Sicherheit suchten. "Im Juli und August viele aus Großbritannien und den USA", sagt sie.

Die anderen Gäste kämen aus Frankreich, Skandinavien, BeNeLux, Deutschland oder Russland. "Sie wollen nicht, dass ihre heranwachsenden Töchter und Söhne sich in den Diskotheken in Nizza oder Cannes herumtreiben. Sie wollen, dass sie sich erholen und einen kleinen Teil von Frankreich kennen lernen, der nicht die üblichen Klischees bedient", sagt Dauphine. "Sie wollen auch nicht ständig am Strand auf ihre Kinder aufpassen müssen. Bei uns gibt es einen Swimmingpool mit Becken für die Kleinen. Niemand muss sich sorgen."

Wie denn ausgerechnet die Amerikaner aufs Saint Martin kämen, wo sie doch selbst ausreichend Resorts haben, in denen Ruhe, Entspannung und Sicherheit gewährleistet seien, noch dazu in landschaftlich herausragenden Gegenden? Sie zuckt ihre Schultern, lächelt verlegen und zwingt sich ein "Keine Ahnung" heraus. Wirklich nicht?

"Vielleicht mögen sie Europa", sagt sie und fügt flüsternd an: "Vielleicht mögen sie ja Frankreich ganz besonders. Und sie empfehlen unser Haus wahrscheinlich weiter." Ab 500 Euro pro Nacht kann man im Château Saint Martin während der Hochsaison einchecken. Es ist eine Fünf-Sterne-Herberge mit mittelalterlichem Flair und höchst moderner Ausstattung. Es fehle an nichts.

Auch im Ort selbst nicht. Tand und Nippes, wie unten an der Küste, sind erfreulicherweise kaum zu haben. Kunsthandwerk und lokale Produkte wie Kräuter, Pasteten, Geschirr, Stoffe, Malereien und Wachsprodukte herrschen vor. Es duftet angenehm in der Altstadt.

Ist allein schon der Anblick der Altstadt und ein Spaziergang durch sie die Reise nach Vence wert, bietet der Ort seinen Bewohnern und Besuchern auch Kulturelles.

 So findet alljährlich im Juli/August das etwa einen Monat dauernde 'Festival der Nächte des Südens' statt (Festival Nuits du Sud de Vence; 2010: 7. Juli bis 8. August), das dafür bekannt ist, stets ein hochklassiges, Programm mit nationalen und internationalen Künstlern aufzubieten.

Während etwa die Pop-Mieze Madonna unten am Strand die Paparazzi orchestrierte und andere Promis sich die Ehre gaben - beispielsweise Tom Jones in Monaco -, traten in diesem Jahr in Vence Leute und Bands auf, die nicht dafür bekannt sind, zur reinen Selbstdarstellung anzureisen.

So die Amerikanerin Suzanne Vega (Hit: My Name is Luca), der in seiner Heimat Senegal als Superstar geltende Youssou N'Dour (Weltmusik, Roots, African Rhythms), das in Tokio beheimatete Jazz-Orchester Shibusa Shirazu, die Reggae-Truppe Toots and The Maytals.

Aus Lyon kamen Le Peuple de l'Herbe (Dancefloor, elektronischer Jazzfunk, Psychedelic), aus Paris Bibi Tanga & The Selenites (House, Soul, Funk), ebenfalls aus den USA George Clinton (Soul, Funk). Die Liste der Künstler bei den Nächten des Südens in Vence ist lang. 

Auch die Bildende Kunst kommt in Vence keinesfalls zu kurz. Hierfür sorgen schon eine Vielzahl von Galerien. Aber auch Ausstellungen. So läuft noch bis Ende Oktober im Chateau de Villeneuve, das der Victor-Hugo-Stiftung gehört, die Kunstausstellung 'Von Matisse bis Barceló' (De Matisse à Barceló), die ihre Heimat in der Collection de Lambert, Avignon, hat.

Man kann sich in Vence ein wenig abgeschnitten von der turbulenten Welt fühlen ohne etwas zu versäumen, zumal sich der Informationsbedarf über sie nicht nur übers Internet stillen lässt, sondern auch über ausgewählte Print-Medien. Wichtige ausländische Zeitungen wie der britische Guardian, die International Herald Tribune oder die Süddeutsche Zeitung gibt es am Kiosk.

Es geht gemütlich zu in Vence in diesen Julitagen. Die Gassen der Altstadt sind nicht durchströmt von Touristen. Für Vence ist das einerseits gut, denn auf Masse hat niemand Lust. Doch diie Wirtschaftskrise zeigt sich auch hier oben. "Die Geschäfte gehen nicht mehr so gut wie früher", sagt eine Immobilienmaklerin, "obwohl wir mit den Preisen und unseren Provisionen bei unseren Angeboten bereits nach unten gegangen sind." Der Ort ist geradezu überfüllt von Immobilienagenturen.

 Andererseits ist es schlecht, denn die Gastronomie leidet ebenfalls. "Es ist jetzt das dritte Jahr, dass es uns - insgesamt betrachtet - nicht so gut geht", sagt ein Gastwirt, "doch so schlecht wie in diesem Jahr ging es uns nie."

Von den Einheimischen, den Hinzugezogenen und den regelmäßig als Urlauber Kommenden allein könne man nicht leben. "Sie kochen selbst oder speisen in ihren Hotels. Wir haben zu wenig Tagestouristen." Wahrscheinlich müsse man sich sich wieder auf beschauliche Zeiten einstellen. Einfach allerdings sei das nicht. Einheimische, Hinzugezogene und Urlaubende mit ordentlicher Kaufkraft geben schlicht nicht mehr so viel aus wie in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise.

Natürlich ziehen die kulturellen Veranstaltungen noch immer und sind gut besucht, indes es muss vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit, der Bestandspflege der Altstadt und anderen kommunalen Aufgaben mal wieder richtig Geld in die Stadtkasse fließen.

Dem malerischen und kultivierten Ort, einst von den ligurischen Kelten besiedelt, von den Römern dann erobert, dem Römischen Reich untergeordnet und später vom französischen Kaiser François I. architektonisch beeinflusst, täte das gut.

© Jochen Henke

© GeoWis (2010-08-13)

Teil 1: Nizza - Zwischen Arm und Reich >>  

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