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E10 - Die Mär vom Klimaschutz durch Biosprit
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Kolossal daneben

Seit der Verweigerung deutscher Autofahrer, den Biosprit E10 zu tanken, rückt eines der unsinnigsten Klimaschutzprojekte endlich in den Vordergrund.

Von Uwe Goerlitz (2011-03-08)

Man muss den Autofahrern, die sich weigern, E10 zu tanken, dankbar sein. Zwar fußt deren Weigerung weniger auf umwelt- und klimapolitischen Überlegungen, sondern wesentlich auf der Verunsicherung, der Sprit könnte zu Schädigungen am Antriebsaggregat ihrer Vehikel führen, immerhin aber wird dadurch das desaströse Ausmaß sichtbar, das sich hinter der Biosprit-Direktive bisher verbarg.

Für den aus Weizen, Zuckerrüben und Raps gewonnenen Biosprit werden weltweit und in großem Stil Agrarflächen in Monokultur eingesetzt. "Tanken wir die Welt hungrig?", fragte im Mai 2008 Henrik Pfeiffer auf der Website utopia.de und rechnete vor, dass etwa aus 100 Kilogramm Weizen knapp 100 Kilogramm Brot hergestellt werden können, indes "nur 25 Liter Biosprit". 

Der gigantische Flächenverbrauch für den Anbau von Nutz- und Nahrungsmittelpflanzen für Biosprit vor dem Hintergrund, mit diesem die globale Kohlenstoffdioxidbilanz zu Gunsten der Menschheit zu beeinflussen, mutet bei der Masse der Hungernden und Unterernährten an wie Hohn und Spott. 925 Millionen Menschen litten laut der UN-Welternährungsorganisation (FAO) im Jahr 2010 an Unterernährung und Hunger; 1,4 Milliarden Menschen lebten im gleichen Jahr laut des UN-Armutsreports (UN-Report on World Poverty 2010) in absoluter Armut.

Zwar zeitigen die Anstrengungen der UN-Organisationen und tausender Nicht-Regierungsorganisationen in der Bekämpfung von Armut, absoluter Armut, Hunger und Unterernährung seit rund 35 Jahren positive Wirkungen, jedoch werden sie der Malaise in Verbindung mit dem globalen Bevölkerungswachstum nicht Herr.

Im Vorwort zum Weltentwicklungsbericht 1978 konstatierte der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara, dass es 800 Millionen Menschen gebe, die in "absoluter Armut" lebten. Damals lebten auf dem Globus um vier Milliarden Menschen. Ein Fünftel hatte demnach nicht ausreichend zu Fressen, hatte keine soziale Perspektive und starb auf Grund desolater hygienischer Verhältnisse und Unterernährung früh. 

Ende 2010 lebten gut 6,52 Milliarden Menschen auf dem Globus, 13,5 Prozent davon in absoluter Armut, die die gleichen oder ähnliche Folgen für sie haben, die bereits 1978 und früher galten. Prozentual ist das ein Erfolg für die UN- und deren Helferorganisationen. In absoluten Zahlen leider (noch) nicht. Besserung ist kaum in Sicht. Geht es nach den umstrittenen Präferenzen zum Klimaschutz in Bezug auf die Mobilität der Satten mittels Verbrennungsmotoren, steht es weiterhin schlecht um die Hungernden und Unterernährten dieser Welt.

Denn durch die Einführung von Biosprit, etwa Bioethanol, die damit verbundene Vergewaltigung und missbräuchliche Bearbeitung von Nutzflächen und die Rodung von natürlichen Kohlenstoffdioxidspeichern in Form von Misch- und Regenwaldflächen zum apostrophierten Klimaschutz, werden die Anstrengungen der einschlägigen UN-Organisationen und der vielen Nicht-Regierungsorganisationen zur Bekämpfung von Armut, Hunger und Unterernährung auf geradezu irrationale, vor allem aber frevliche Weise konterkariert.

Ad absurdum werden sie durch die politischen Direktiven beispielsweise der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten der EU geführt, allen voran und stets prächtig diszipliniert, von Deutschland. Der zuständige Minister, Norbert Röttgen (CDU), erlebt im Hinblick auf E10 gerade den politischen Super-Gau in Sachen Kompetenz. Die deutsche Mineralölindustrie steht dem in nichts nach. Sie hat auf Teufel komm raus auf Grund der Gesetzeslage ihre Tanks mit E10 gefüllt, es aber versäumt, hinreichend für Aufklärung (unter den Autofahrern) zu sorgen.

Dabei ging es weder Röttgen noch der deutschen Mineralölindustrie um die absolut Armen, Hungernden oder Unterernährten dieser Welt. Lediglich die Umsetzung einer eher schwammig formulierten, vier Jahre alten EU-Kommissionsdirektive war die Leitlinie, der etwa der ehemalige Umweltminister und heutige SPD-Chef - Sigmar Gabriel - früh widersprach, seither aber nichts aus seiner damaligen Opposition gemacht hat.

Es ging lediglich um die Autofahrer, die sich gefälligst ihre Tanks mit verflüssigtem Brot, weichgekochten Zuckerrüben und ausgepresstem Raps füllen sollen, um umstrittenen Klimaschutz zu leisten. Getreu des Mottos: Ich tanke E10 für mein Klimagewissen. Was für ein Schwachsinn!

Der Schwachsinn aber kommt aus Berlin. Er ist amtlich. Er ist menschenverachtend. Er ist rigoros. Und er zeigt, dass in der Regierung an entscheidenden Stellen Personal sitzt, dass bestenfalls rudimentär Ahnung von seinem Fachbereich haben will und hinsichtlich des Biosprits kolossal daneben liegt.

Henrik Pfeiffer resümmiert in seinem Artikel, dass "Autos, die mit Verbrennungsmotoren betrieben werden, nach heutigen Maßstäben absolut 'retro'" seien, "egal, ob dabei Öl, Holz, Stroh oder Ethanol verbrannt" werde. Hinzuzufügen ist, dass der Anbau von Nutz- und Nahrungsmittelpflanzen für die Mobilität von KFZ-Fahrern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2011-03-08)

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