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Portrait: Der Mann aus Martinique - Frantz Fanon, Protagonist aller Kolonisierten, Unterdrückten und Marginalisierten
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Der Mann aus Martinique

Er gehörte zu den radikalsten Gegnern der Kolonialmächte und ihrer Verbündeten: Frantz Fanon. Sein Œuvre hat Bedeutung und Nachhaltigkeitscharakter.

Von Tom Geddis (2012-10-04)

Jean-Paul Sartre, der legendäre französische Marxist des 20. Jahrhunderts, huldigte ihm; die 68er Bewegung von Paris über Frankfurt/Main, Berlin, Mexico City bis Tokyo übernahm Kernaussagen seiner Werke, vor allem seines berühmtesten: Les damnés de la terre (dt.: Die Verdammten dieser Erde). Am Tag des Erscheinens dieses Buches starb der Autor, Frantz Fanon, an Leukämie. Es war der 6. Dezember 1961 amerikanischer Ostküstenzeit. In Europa wird der 7. Dezember notiert.

frantz_fanonNeun Jahre zuvor, im Alter von 27, war sein erstes wegweisendes Werk Peau noire, masques blancs (dt.: Schwarze Haut, weiße Masken; 1980, Syndikat Verlag, Frankfurt/Main) erschienen, in dem er sich wesentlich dem Rassismus, der Klassenunterschiede innerhalb der schwarzen Bevölkerung Afrikas und dem Phänomen der Entfremdung widmete. Damals war er als Psychiater in der Klapse von Saint-Alban-sur-Limagnole in der Diaspora der Region Languedoc-Roussillons tätig.

In deutschen Schulbüchern kommt Fanon, der im Zweiten Weltkrieg unter General Jean de Lattre de Tassigny gegen die Deutschen gekämpft hatte, in den Vogesen verletzt wurde und sich danach mit Hegel, Marx und Revolutionstheorien beschäftigte, so gut wie nicht vor. Der Brockhaus weist lediglich einen knappen lexikalischen Eintrag auf, und auch sonst wird er - in deutschen Lehrbüchern zur afrikanischen Geschichte, insbesondere zur Befreiungsgeschichte - möglichst wenig erwähnt, gelten seine Aussagen selbst über fünfzig Jahre nach seinem Tod dem Mainstream immer noch als zu radikal.

Er entlarvte das Wesen des Kolonialismus' als eine systematisch funktionierende Maschinerie zur Unterdrückung und Ausbeutung der kolonisierten Bevölkerungen im Allgemeinen und der afrikanischen und arabischen im Speziellen. Für Fanon war die logische Konsequenz daraus, dass sich die Unterdrückten und Ausgebeuteten nur mit physischer Gewalt gegen die strukturelle und offen ausgetragene Gewalt der Kolonialmächte zur Wehr setzten können, ja sogar müssen, wenn sie ihr Joch überwinden wollten.

"Die nackte Dekolonisation läßt (sic!) durch alle Poren glühende Kugeln und blutige Messer ahnen. Denn wenn die letzten die ersten (sic!) sein sollen, so kann das nur als Folge eines entscheidenden und tödlichen Zusammenstoßes der beiden Protagonisten geschehen", stellte Fanon fest. In den folgenden Jahren vollzog sich genau dieser Zusammenstoß zwischen Kolonialmacht und unterdrückter autochthoner Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent - bis zu den jüngsten Ereignissen, die unter dem Rubrum 'Arabischer Frühling' in die Geschichtsklitterung Einzug erhalten haben.

Fanons Analysen und Sezierungen des Kolonialismus' und dessen Unterdrückungssystematik sorgten unter den Kolonialmächten in Afrika, vor allem bei den Franzosen, für Aufsehen und Bluthochdruck, zumal er sich auf die Seite der Befreiungskämpfer Algeriens schlug, die die Franzmänner aus dem Land werfen wollten - und deren algerische Marionetten gleich mit.

Auch den Briten machte das Buch Angst, zumal es in arabische Sprachen und ins Persische übersetzt wurde. Im arabischen Raum waren die Briten prominente Kolonialmacht. Zwar herrschte unter der einfachen marginalisierten Bevölkerung damals - wie heute - der Analphabetismus vor, aber Fanons Kernthesen erreichten die Leseunkundigen per mündlicher Überlieferung. Unter den mit den Kolonialmächten paktierenden Herrschern der arabischen und afrikanischen Welt sorgte das Buch für große Nervosität, weshalb es vielerorts verboten wurde.

Schon damals beobachtete Fanon ein Phänomen, das er wie folgt beschreibt: "Der nationale Befreiungskampf war von einer kulturellen Erscheinung begleitet, die als Wiedererweckung des Islam bekannt ist. Die Leidenschaft, mit der die heutigen arabischen Autoren ihr Volk an die großen Zeiten der arabischen Geschichte erinnern, ist eine Antwort auf die Lügen des Okkupanten.“ Wer sich heute über al-Quaida wundert, kennt das Buch nicht.

Wie sehr Fanons Werk in der afrikanischen, aber auch arabischen Welt gewürdigt wurde - und wird -, lässt sich an den umfangreichen Besprechungen erkennen, zu deren prominentesten das 1985 von Hussein Abidilahi Bulhan veröffentlichte Buch Frantz Fanon And The Psychology Of Opression zählt. Bulhan ist heute Präsident der University of Hargeisa in Somalias zweitgrößter, namensgebender Stadt.

Fanon, 1925 auf Martinique geboren, wie die Nachbarinsel Guadeloupe noch immer ein französisches Übersee-Départment, hatte es als Schwarzer im von Rassismus durchsetzen Frankreich geschafft, in Lyon zu studieren - Medizin, Psychologie, Philosophie - und kam dann in Frankreich als Arzt in Lohn und Brot, bevor er sich der algerischen Befreiungsfront anschloss. In seinen Büchern, allen voran in Die Verdammten dieser Erde, erklärt und propagiert er, worauf es ankommt, wenn man sich gegen Unterdrückung zur Wehr setzen will: aufs Bewusstsein. Insofern auf die mächtigste Waffe, die Menschen zur Verfügung steht.

die verdammten dieser erde_frantz_fanon_suhrkampOhne Bewusstsein für die eigene Situation könne keine Veränderung aus eigenem Antrieb stattfinden. Gegenwehr sei, wenn überhaupt, nur möglich, wenn sich die Unterdrückten auflehnten. Diese Kernaussage Fanons ist tief in den Köpfen der Zukurzgekommenen und Marginalisierten in der afrikanischen und arabischen Welt verankert.

Afrika ist bekannt für seine Diktatoren und Schlächter, die seit dem geglaubten Ende der Kolonialzeit - zuletzt obsiegte vor 32 Jahren Robert Mugabe gegen die britische Vorherrschaft in Süd-Rhodesien (heute: Zimbabwe) - mit mindestens genauso harter Hand wie die ehemaligen Kolonialherren ihre Bevölkerungen unterdrücken und gesundheitlich, moralisch und ökonomisch ausbeuten.

Das gilt auch für seine wenigen Helden, die sich gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Rassismus gestellt und für Freiheit, Chancengleichheit, Dekolonisierung und Demokratie gekämpft haben und noch kämpfen. Nelson Mandela etwa. Er stellte sich gegen das Apardheitregime Südafrikas, wurde als Anführer des paramilitärischen Arms des African National Congress (ANC) 1962 verhaftet und kam erst 1990 wieder frei. 1993 erhielt er gemeinsam mit dem letzten Vertreter dieses mörderischen Regimes, Frederik de Klerk, den Friedensnobelpreis.

Ein weiterer war der Schriftsteller und Bürgerrechtler Stephen Biko, der 1977 in Südafrika zu Tode gefoltert wurde. Der britische Musiker Peter Gabriel hat ihm drei Jahre später auf seinem dritten Album den Song Biko gewidmet. Auch Dambudzo Marechera aus Rusape, Zimbabwe, gehörte als regimekritischer Autor zu den Verfechtern von Demokratie und Freiheit. Vor 25 Jahren starb er an einer Lungenentzündung im Zusammenhang mit einer HIV-Infektion. Zuvor war er vom Mugabe-Regime massiv verfolgt worden und hatte in England Zuflucht suchen müssen. Flora Veit-Wild, Professorin an der Humboldt-Uni Berlin, hat zu Marechera umfangreich berichtet.

Es gibt Unzählige, die sich gegen ihre weißen oder schwarzen Unterdrücker gestellt haben und immer noch stellen. Fanon hat ihnen dazu die Blaupausen hinterlassen, teils prosaisch. "Los, meine Kampfgefährten, es ist besser, wenn wir uns sofort entscheiden, den Kurs zu ändern. Die große Nacht, in der wir versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns lassen. (…)."

Sein Kampf richtete sich vor allem gegen Europas Kolonialmächte (Frankreich, Großbritannien, Holland, Portugal, Belgien, …). Politisch war er auf der Höhe seiner Zeit, aber er war auch weitsichtig, als er schrieb: "Mit Zynismus und Gewalt hat Europa die Führung der Welt übernommen. Seht, wie der Schatten seiner Monumente sich ausbreitet und vergrößert. Jede Bewegung Europas hat die Grenzen des Raumes und des Denkens gesprengt. Europa hat jede Demut, jede Bescheidenheit zurückgewiesen, aber auch jede Fürsorge, jede Zärtlichkeit.“

© Tom Geddis

© GeoWis (2012-10-04)

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