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Gedicht, Pamphlet oder Prosa? Günter Grass erntet für seine Kritik an Israels Planspielen für einen atomaren Erstschlag gegen Iran reihenweise Schmähungen, die die Fakten unberücksichtigt lassen
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Knarzen im Gebälk

Mit seinem in der Süddeutschen Zeitung publizierten Text Was gesagt werden muss, hat Günter Grass eine längst überfällige Debatte angestoßen. Seine Kritiker jedoch greifen lieber den Autor an.

Von Jochen Henke (2012-04-05)

Zunächst zur Form: Ein Gedicht ist Grass' "Was gesagt werden muss" nicht, es sei denn, man legte die Textkategorisierung des frühen 18. Jahrhunderts als Maßstab an. Dem in Abschnitte unterteilten Text fehlt es an Versen und Versmaß, an lyrischem Rhythmus und poetischer Struktur. Ein Pamphlet, eine Schmähschrift also, ist Grass ebenfalls nicht gelungen, jedenfalls nicht gegen Israel. Der einzige Schmähsatz zielt gegen Irans Machthaber Ahmadinedshad "(...), der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk (...)".

Eher ist der Text unter Prosa zu verbuchen, gemäß Müller/Valentin auch unter Dichtung des 20. Jahrhunderts. Streng genommen aber ist es ein persönlich gehaltener Kommentar von einem der wenigen - und neben Herta Müller - einzigem noch lebenden deutschen Literaturnobelpreisträger. Ein Kommetar indes, der es geschafft hat, eine Debatte auszulösen, die die politische Klasse bisher vermissen ließ.

Seit gestern knarzt es mächtig im Gebälk der saturierten politischen Kaste, die bis zur Selbstverleugnung sämtliche Aggressionen Israels im Nahen Osten seit 45 Jahren stillschweigend mitgetragen hat und sich ungeachtet der Fakten am Grass-Bashing beteiligt. Von politisch prominenter Seite fand lediglich Außenminister Westerwelle angemessene Worte. Eher herablassend ließ Kanzlerin Merkel verbreiten, die Bundesregierung äußere sich nicht zu jedem der freien Meinungsäußerung unterliegendem Werk.

Von Seiten der Gralshüter der isrealischen Auge-um-Auge-Politik wird heftiger auf Grass eingedroschen. So sieht der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, in Grass' Meinungsäußerung ein "aggressives Pamphlet der Agitation" und spricht Grass die Fähigkeit zur Analyse israelischer Nahost-Politik ab. Den bisherigen Knüller im Grass-Bashing aber lieferte der 78-jährige Autor Hellmuth Karasak heute im WDR-2-Radio.

Er sieht in dem Grass-Text ein "Dokument der Selbstzerstörung", klassifiziert es als "dumpfer Stammtisch", unterstellt dem Autor, der als junger Mann in der Waffen-SS gewesen war und dies erst nach Verleihung des Nobelpreises offenbarte, "Verzweiflung über den eigenen Sündenfall". Grass, so Karasek, kritisiere Israel, "weil er ein Antisemit" sei.

Nun kann von einem Publizisten wie Karasek nicht zwangsläufig erwartet werden, dass er die Nahost-Problematik und deren Ursachen wirklich überblickt oder darüber recherchiert. Wäre das so, dann käme Israels Siedlungs- und Bevölkerungspolitik auf die Agenda. 340 Einwohner kommen auf einen der 21.000 qkm; auf der Staatsfläche siedeln knapp 7,8 Millionen Menschen; 6.800 qkm hält Israel besetzt - Fläche, die den Palästinern fehlt.

Hierin, sozusagen in der einstigen Reißbrettkonstruktion der Vereinten Nationen und deren Teilungsplan, liegen die Ursachen für die grundsätzlichen Probleme. Das sollte zum Allgemeinwissen auch renommierter Grass-Kritiker gehören.

© Jochen Henke

© GeoWis (2012-04-05)

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