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Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 2
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Die Internationalistin

Mit 17 verließ sie als nahezu mittelloser Teenager mit ihrer Mutter ihre italienische Heimat und schiffte nach den USA ein; mit 45 starb sie an nie zweifelsfrei geklärter Ursache als Revolutionärin in Mexico City. Dazwischen hatte sie ein bewegtes Leben. Teil 2

Von Tom Geddis (2012-04-25)

Die Ermordung Mellas hatte für Tina Modotti unvorhergesehene und harsche Folgen. Zwar war sie längst vom mexikanischen Geheimdienst beobachtet worden, weil sie mit Kommunisten herumhing und in der PCM war. Dass sie aber in Verdacht geriet, mit Mellas Tod etwas zu tun zu haben, hätte sie laut ihrer Chronistin, Elena Poniatowska¹, nicht gedacht. Weil sie eine Pistole mit gleichem Kaliber der Mordwaffe besaß, versuchte man sie festzunageln.

 Modottis Wohnung wurde durchsucht. Die Künstlerin wurde in Untersuchungshaft genommen und musste sich geradezu impertinenter Befragungen unterziehen, was vor allem von der Voreingenommenheit des ermittelnden Staatsanwaltes Valente Quintana ausging, der sogar den im Sold des Gerichts stehenden Psychologen Maximilian Langsner auf sie ansetzte. Langsner versuchte Modotti mittels Hypnose "die Wahrheit" zu Mellas Ermordung zu entlocken. Erfolglos.

Ihr wurde ihr Liebesverhältnis zu Xavier Guerrero, der in Moskau bei der Komintern weilte, insofern vorgehalten, als sie mit Mella liiert war. Ihr wird der Prozess gemacht. Die mexikanische Obrigkeit schien kein Verständnis für die Bohéme und die inneren Vorgänge, zu denen auch Modottis Liebesleben gehörte, zu haben.

Immer wieder wies die Angeschuldigte darauf hin, dass man doch den Kubaner José Magriño besser unter die Lupe nehmen sollte, von dem sie annahm, der sei Mellas Mörder. Ihre Freunde, darunter Diego Rivera, setzten sich für sie ein, und Richter Pino Cámara hat schließlich ein Einsehen, enthebt Ankläger Qintana seines Amtes, setzt den Polizeichef von Mexico City an dessen Stelle, entlässt Modotti aus der Untersuchungshaft, stellt sie aber unter Hausarrest.

Sie stürzt sich wieder in Arbeit, macht Portraits, fotografiert Gemäldesammlungen - so für die Amerikanerin Frances Flynn Payne, die eine Fotoserie der Gemälde von Manuel Rodriguez Lozano bestellt -, nimmt von José Clemente Orozco, der in New York weilt, den Auftrag entgegen, dessen Murals in Mexico City abzulichten und liefert wöchentlich für die Zeitschriften Folkways und Creative Arts Fotos ab. Sie erhält Aufträge vom British Journal of Photography, von Agfa Papers aus Prag und von der amerikanischen Vanity Fair. In Deutschland wirbt Agfa mit ihren Fotos für seine Filme. Auch in der sowjetischen Zeitung Putj Mopra, dem Blatt der Internationalen Roten Hilfe, erscheinen ihre Fotos. Finanziell geht es ihr gut.

 Doch in Mexiko, vor allem in der Hauptstadt, liefern sich die Regierung und ihre Gegner, darunter vielfach Generäle der Revolution und zivile Abgeordnete, politische Machtkämpfe. Auch die Kirche, die im so genannten Cristero-Krieg drei Jahre lang von den regierenden Revolutionären radikal bekämpft wurde, hat noch Rechnungen offen. Gleichzeitig werden führende Mitglieder der mexikanischen KP verfolgt, inhaftiert und manche getötet.

Modotti schreibt an Edward Westen, dass sie sich "nicht einmal den Luxus der Trauer" um Mella leisten könne und nimmt aktiv an Versammlungen, etwa der Internationalen Roten Hilfe in Mexico City, teil. Sie tauscht sich mit ihren Freunden aus, von denen die meisten der mexikanischen und amerikanischen KP angehören, selbst jene, die als Kunstmäzene auftreten. David Alfaro Siqueiros, Muralist wie Orozco und Rivera, die Dichterin und Malerin Carmen Mondragón, die Schauspielerin María Tereza Montoya, El Machete-Redakteur Vittorio Vidali - bekannt auch als Enea Sormenti - und andere gehören dazu.

Jederzeit können Ausländer nach Artikel 33 der Verfassung zu unerwünschten Personen erklärt und ausgewiesen werden. Trotz dieses Drucks engagiert sich Modotti weiter für die PCM, deren Generalsekretär der gleichaltrige Hernán Laborde ist. Weil sie sich in Mexiko nicht sicher fühlt, will sie nach Nicaragua gehen, sich dort dem Guerrillero Augusto César Sandino anschließen, lässt sich aber von Sormentis aus New York mit dem Zug angereister Ehefrau Raina davon abbringen.

Etwas sicherer fühlt sie sich, nachdem sie das Angebot einer Ausstellung in der Nationalbibliothek erhält, unterschrieben vom damaligen Rektor der Nationaluniversität (UNAM), José Vasconcelos, der noch vor kurzem dem Kabinett des ermordeten Präsidenten angehört hatte und für die Bildungsreform in Mexiko steht. Zwar sträubt Modotti sich zunächst, weil sie sich nicht an eine Regierung verkaufen wolle, die den Mörder Mellas immer noch nicht gefasst habe, dann aber willigt sie ein, zumal ihre Freunde ihr zugeredet haben.

Die Ausstellung ist ein fulminanter Erfolg. Nicht nur ihre Fotos finden Zuspruch, sondern auch Modotti ist begehrt. Sie kann sich vor Verehrern kaum retten. Doch die Ausstellung erweist sich gleichermaßen als Stelldichein mexikanischer Kommunisten und staatlicher Agenten.

Nachdem am 5. Februar 1930 ein Mordanschlag auf den amtierenden Präsidenten Pascual Ortiz Rubio verübt wird, den dieser überlebt, wird die Verfolgung von Katholiken, Bauernmilizen und Kommunisten ausgeweitet. Als Attentäter wird der junge Daniel Flores festgenommen, der als Anhänger Vasconcelos' gilt. Ausländische Kommunisten werden ausgewiesen.

Vorausgegangen war dem Attentat eine Welle von Verhaftungen von Vasconcelos-Anhängern und der Abbruch diplomatischer Beziehungen mit der UdSSR. José Vasconcelos, längst ein Gegner der regierenden Revolutionsgeneräle, konnte sich rechtzeitig nach Kalifornien absetzen. Flores wird zu 19 Jahren verurteilt und stirbt wenig später unter ungeklärten Umständen in seiner Zelle.

 Am Tag nach dem Attentat wird Tina Modotti verhaftet und in Einzelhaft gesteckt. Ebenso werden Siqueiros und weitere ihrer Freunde festgenommen. Nachdem sie zwei Wochen später entlassen wird, bietet ihr der US-Botschafter Dwight Morrow die amerikanische Staatsbürgerschaft an, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie auf "jegliche Art politischer Betätigung" verzichte, wie Poniatowska schreibt. Modotti lehnt ab.

Auch Italien bietet ihr einen Pass an, doch wartet dort Mussolinis Faschistenregime auf sie, das nur zu gern Anhänger des Kommunismus unter seine Fittiche nimmt. Am 21. Februar 1930 muss sie in Begleitung von Sicherheitskräften den Zug nach Veracruz nehmen, wo sie dann in Tampico den niederländischen Frachter Edam besteigt. Dort trifft sie auf den inzwischen von den USA, Mexiko und Italien zur Fahndung ausgeschriebenen Vittorio Vidali - alias Enea Sormenti -, der mit gefälschten Papieren inkognito reist.

Vidalis Ziel ist Moskau, Modotti will nach Berlin. Sie hat aus ihrer Jugend rudimentäre Deutschkenntnisse, die sie "im Friaul" erworben hat (Poniatowska). Sie schreibt wieder an Weston und berichtet ihm von den jüngsten Ereignissen. Die Edam steuert New Orleans, Louisiana, an. Dort wird Modotti kurz in Haft genommen, kann aber dann - wie Vidali - auf der Edam weiterreisen. Nächster Hafen: Havanna, Kuba.

© Tom Geddis

© GeoWis (2012-04-25)

¹ Elena Poniatowska: Tina Modotti. Ein Lebensroman. Aus dem Spanischen von Christiane Barckhausen-Canale. Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1996.

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Teil 3 >>

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